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Welche Skandale die FR aufdeckte

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Kampf um Gerechtigkeit: Faksimiles von Akten des legendären Frankfurter Auschwitzprozesses in einer Ausstellung.
Kampf um Gerechtigkeit: Faksimiles von Akten des legendären Frankfurter Auschwitzprozesses in einer Ausstellung. © Peter Juelich

Missbrauch an der Odenwaldschule, rechtsextreme Polizeichats, Versagen der Behörden beim Terror in Hanau - das sind nur einige der Fälle, zu denen die Frankfurter Rundschau intensiv recherchierte.

Die Frankfurter Rundschau ist eine Stimme, die bundesweit gehört wird, die aber nie ihre Wurzeln in der Mainmetropole und im Bundesland Hessen verleugnet hat. Die FR war immer beides – Welt- und Lokalzeitung. Und eine der wenigen Zeitungen, die bis heute über Korrespondenten und Korrespondentinnen im hessischen Landtag verfügt.

Während viele Zeitungen die Landespolitik stiefmütterlich behandeln, zählte sie für die FR stets zu den zentralen Säulen – im einst „roten Hessen“ ebenso wie später in Jahrzehnten der CDU-geführten Regierungen. Vieles hat die Zeitung in ihrem Bundesland aufgedeckt. Ob es um die Täter von Auschwitz ging, die Schwarzgeld-Affäre der Hessen-CDU oder um den systematischen sexualisierten Missbrauch an der Odenwaldschule – stets war die FR bei der Aufklärung mittendrin.

Der Auschwitz-Prozess

Der Frankfurter Auschwitz-Prozess beginnt 1963.
Der Frankfurter Auschwitz-Prozess beginnt 1963. © Imago

Am 20. Dezember 1963 beginnt im Frankfurter Römer der Auschwitz-Prozess, der die Auseinandersetzung mit dem Grauen des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik Deutschland juristisch vorantreibt – und der ohne die Unterstützung der Frankfurter Rundschau jedenfalls nicht in dieser Form stattgefunden hätte.

Der Journalist Thomas Gnielka, Jahrgang 1928, der selbst als Kindersoldat ins Konzentrationslager Auschwitz geschickt worden war und dort das Kriegsende erlebte, ist seinerzeit in der Landeshauptstadt Wiesbaden für die FR tätig. Dort verfolgt er journalistisch die Spuren der NS-Verbrecher. Ein Auschwitz-㈠Überlebender hat ihm Dokumente aus dem Konzentrationslager übergeben, die er in den Wirren der Flucht mitgenommen hat. Gnielka reicht sie an den hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer weiter.

Es sind Namenslisten des Lagerkommandanten Rudolf Höß über „Erschießungen auf der Flucht“ – ein zentraler Baustein, der Bauer die Eröffnung des ersten Auschwitz-Prozesses in Frankfurt ermöglicht. Der ehemalige FR-Mitarbeiter Thomas Gnielka stirbt 1965. Er hinterlässt das Romanfragment „Als Kindersoldat in Auschwitz“, das erst Jahrzehnte später veröffentlicht wird.

Die Startbahn West

Immer dabei: FR-Redakteur Walter Keber fotografiert 1981 das Hüttendorf gegen die Startbahn West.
Immer dabei: FR-Redakteur Walter Keber fotografiert 1981 das Hüttendorf gegen die Startbahn West. © Walter Keber

Am 12. April 1984 wird der Betrieb auf der Startbahn West des Frankfurter Flughafens aufgenommen – nach einer jahrelangen hitzigen Auseinandersetzung zwischen Ausbaubefürwortern und Ausbaugegnern, bei der die Frankfurter Rundschau sich nicht selten für die letzteren ins Zeug legt. Die Umweltpolitik steckt noch in den Kinderschuhen, als Lokalreporter Walter Keber Anfang der 80er Jahre im Flörsheimer Wald damit beginnt, das Leben im Hüttendorf gegen die Startbahn West zu dokumentieren, das 1981 geräumt wird. Chronist ist er nach der Rente geblieben, mit einem stets wachsenden Fotoarchiv.

Die Rhein-Main-Region und der Flughafenausbau: ein ambivalentes Verhältnis, durchaus auch innerhalb der Redaktion umstritten. Seit Jahrzehnten bietet das Thema Stoff für kritische Berichterstattung. Ein Airbus der Lufthansa mit Ziel Paris ist das erste Flugzeug, das von der Startbahn 18 West abhebt. Doch es gibt keine freudige Eröffnungsfeier an jenem Tag, nach allem, was zwischen Bürgerinnen und Bürgern, Politik, Exekutive und der Flughafen AG geschehen ist.

Drei Jahre später, 1987, eskaliert der Protest gegen die Startbahn. Ein Demonstrant feuert auf Polizeibeamte, zwei von ihnen erliegen ihren Verletzungen. Zu dieser Zeit hat sich längst die Partei Die Grünen gegründet, im Jahr 1979. In Hessen zieht sie mit Joschka Fischer 1985 erstmals in eine Landesregierung ein. Von der FR wird ihre Entwicklung eng begleitet – in den rot-grünen Regierungen und später, unter Volker Bouffier, in den schwarz-grünen Regierungen. 

Der Mord in einer Hanauer Sekte

Seit Jahrzehnten hat eine Gruppe von Menschen offenbar ihr Leben nahezu komplett nach den Vorgaben einer Frau ausgerichtet: Sylvia D.
Über Jahrzehnten richtete eine Gruppe von Menschen offenbar ihr Leben nahezu komplett nach den Vorgaben einer Frau aus: Sylvia D. © Privat

Am 17. August 1988 erstickt der vierjährige Junge Jan H. in einem über seinem Kopf verschnürten Sack. Sylvia D., die Chefin einer Hanauer Sekte, in der Jan mit seinen Eltern aufwuchs, soll ihn ermordet haben, weil sie ihn für eine Reinkarnation Adolf Hitlers und vom Bösen besessen hielt. Das ist das Ergebnis der juristischen Aufarbeitung, deren jüngstes Kapitel im November 2023 mit der Verurteilung von D. endete, im zweiten Prozess gegen sie, am Frankfurter Landgericht. Das Urteil, lebenslang wegen Mordes durch Unterlassen, ist seit Januar 2025 rechtskräftig.

Ohne die Recherchen der Frankfurter Rundschau wäre die Tat vermutlich nie geahndet worden. FR-Autor Gregor Haschnik ging den Hinweisen von Sekten-Aussteigern und -Aussteigerinnen nach. Im Jahr 2014, mehr als 25 Jahre nach der Tat, erschien seine erste lange Enthüllungsgeschichte unter dem Titel „In Gottes Namen“, gefolgt von zahlreichen weiteren Artikeln. Fünf Jahre später schilderte er die tragische Geschichte ausführlich in dem Artikel „Wie starb Jan H.?“ Dafür erhielt er 2020 den Otto-Brenner-Preis für kritischen Journalismus.

Die Schwarzgeldaffäre der Hessen-CDU

Roland Koch, der ehemalige hessische Ministerpräsident, kommt zur Verleihung der Wilhelm-Leuschner-Medaille.
Roland Koch, ehemaliger hessischer Ministerpräsident. © Boris Roessler (dpa)

Am 7. Februar 1999 entscheidet die CDU mit Roland Koch an der Spitze die hessische Landtagswahl für sich – nach einer rassistisch aufgeladenen Wahlkampagne, der sich die FR mit einer klaren Haltung entgegengestellt hatte. Am 10. Januar 2000 hat Ministerpräsident Roland Koch einen scheinbar harmlosen Termin in der Staatskanzlei: Kinder singen Lieder als Sternsinger.

An diesem Tag gerät Koch in die Bredouille – denn er leugnet vor laufenden Kameras, dass die Landes-CDU Einnahmen jenseits der Buchführung bezogen hat. Kurz darauf muss Koch eingestehen, dass er gelogen hat. Das Datum geht daher als Tag der „Sternsingerlüge“ und Anfang der Schwarzgeldaffäre der Hessen-CDU in die Geschichte ein.

Manfred Kanther, Kochs Vorgänger im Landesvorsitz, gibt am 14. Januar 2000 zu, dass er zwei Jahrzehnte zuvor Millionen schwarz in die Schweiz geschafft hat. Es floss, getarnt als Vermächtnisse, zurück in die Kasse der hessischen CDU. Koch ernennt sich selbst zum „brutalstmöglichen“ Aufklärer des Skandals, wird diesem Anspruch aber nicht gerecht.

Die FR recherchiert immer mehr Details. Anders als Helmut Kohl, der in der Bundes-CDU angesichts einer Schwarzgeld-Affäre zunehmend ins Abseits gerät, bleibt Roland Koch noch mehr als zehn Jahre lang im Amt, hält den Koalitionspartner FDP bei der Stange, opfert aber seinen Staatskanzlei-Chef Franz Josef Jung. Die Hessinnen und Hessen scheinen ihm den Skandal nicht übel zu nehmen: Kochs CDU holt bei der Landtagswahl 2003 die absolute Mehrheit.

Frankfurter Steuerfahndung

In den Jahren 2007 bis 2009 werden vier Beschäftigte der Frankfurter Steuerfahndung mit falschen psychiatrischen Gutachten aus dem Dienst geworfen. Fahnder Rudolf Schmenger und mehrere seiner Kollegen und Kolleginnen hatten gegen die Amtsverfügung 2001/18 aufgemuckt. Darin hieß es, man könne nur noch von einem Anfangsverdacht einer Steuerstraftat ausgehen, wenn „ein Transfervolumen von 500 000 Mark oder ein Einzeltransfer von 300 000 Mark vorliegt“. Wer die Steuerhinterziehung in kleinere Tranchen stückelte, hatte nichts mehr zu befürchten.

Die protestierenden Fahnder und Fahnderinnen werden zermürbt, ihre Einheit zerschlagen. Schließlich entfernt das Land Hessen Rudolf Schmenger und drei weitere Beschäftigte der Steuerfahndung aufgrund falscher psychiatrischer Gutachten aus dem Dienst. Noch im Jahr 2009 wird der Gutachter für die falschen Gutachten zu einer Geldbuße verurteilt. Die Frankfurter Rundschau greift den Vorgang auf, ein Untersuchungsausschuss folgt. Die Verantwortlichen bestreiten stets, dass es einen Zusammenhang zwischen den psychiatrischen Gutachten und dem Protest gegeben habe. Doch die Berichte der Betroffenen lassen kaum einen anderen Schluss zu: Widerspruch sollte nicht geduldet werden.

Erst 2017 und 2018, unter dem damaligen Finanzminister Thomas Schäfer (CDU), wird der Streit zwischen Hessen und seinen Ex-Fahnder:innen beigelegt. Doch keiner der Betroffenen kehrt wieder in den Landesdienst zurück. Für seine Recherchen wurde der FR-Journalist Matthias Thieme mit einem „Wächterpreis“ der Stiftung „Freiheit der Presse“ ausgezeichnet.

Missbrauch an der Odenwaldschule

Heppenheim 13.04.2010!!! Achtung alle Bilder aus dieser Serie auf denen Menschen zu sehen sind müssen vor Abdruck mit Alex Kraus wegen den einzelnen Vereinbarungen abgesprochen werden !!!Die Odenwaldschule in Ober Hanbach bei Heppenheim.  Alex Kraus // Windmuehlstr. 07  // 60329 Frankfurt // tel. 0049160 94457749 // alex@kapix.de LOK
Die Odenwaldschule: Tatort sexualisierter Gewalt, aufgedeckt in der FR. © Alex Kraus/Alex Kraus

Am 6. März 2010 erscheint in der Frankfurter Rundschau der Artikel „Im Wald“ über die Odenwaldschule in Heppenheim. Darin deckt der FR-Journalist Jörg Schindler die systematische sexualisierte Gewalt an der Internatsschule auf, die bundesweit zum Symbol für den Missbrauch wird. Dabei hat der gleiche Autor den Skandal bereits am 17. November 1999 enthüllt – doch den damaligen Artikel unter dem Titel „Der Lack ist ab“ konnte die Schule noch aussitzen.

Andreas Huckele, der einst Schüler an der Odenwaldschule gewesen war und inzwischen längst erwachsen ist, hatte mit anderen Ex-Schüler:innen den Mut gefasst, an die Öffentlichkeit zu gehen, nämlich zur Frankfurter Rundschau, wenn auch zunächst geschützt durch ein Pseudonym. Die Odenwaldschule galt als Vorzeigeprojekt der Reformpädagogik – auch in der Frankfurter Rundschau.

Doch angestoßen von ehemaligen Schülern und Schülerinnen deckt die Zeitung auch die ganz andere, die schreckliche Seite des Projekts auf. Bis heute rätseln Medienwissenschaftler wie Bernhard Pörksen, wie es kommen konnte, dass der erste, bereits umfassende Skandalbericht keine Folgen zeitigte. Pörksen bezeichnet das Phänomen als „Rätsel der wissenden Ignoranz“. Täter wie der ehemalige Schulleiter Gerold Becker, der ein Serienvergewaltiger war, wurden weiter in der Öffentlichkeit hofiert.

Doch Autor Schindler legt nach – und 2010 wird das Thema breit aufgegriffen. Wohl auch, weil kurz zuvor der sexuelle Missbrauch an katholischen Einrichtungen wie dem Berliner Canisius-Kolleg bekannt geworden ist. Das Land lässt den Skandal wissenschaftlich aufarbeiten. Heute weiß man, dass es mehr als 1000 Opfer gab.

Der ehemalige Schüler Adrian Koerfer hat sich um die Aufarbeitung und Erinnerung besonders verdient gemacht. Koerfer ist auch der Schöpfer eines Mahnmals, das auf dem Gelände der ehemaligen, 2015 mangels Anmeldungen geschlossenen Schule an die Schandtaten erinnert. Ohne die Berichterstattung der FR wären die Aufarbeitung und das Gedenken wohl nie so weit gekommen. 

Protest gegen Verkehrsprojekte

21. Oktober 2011, 14.31 Uhr - mit dem Airbus A319 der Flugbereitschaft landet das erste Flugzeug auf der nagelneuen Nordwestbahn südlich von Frankfurt. An Bord Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Sie ist der Ehrengast bei der Feier mit Honoratiorinnen und Honoratioren aus Politik und Wirtschaft und all jenen, die nicht müde werden, den Flughafen als „Herzmuskel der Region“ zu bezeichnen. Diejenigen, die hier in Ruhe leben wollen, müssen draußen bleiben. „Von weitem sind plötzlich Tröten, Pfiffe und Sprechchöre zu hören“, berichtet die Frankfurter Rundschau. Und zitiert zwei Transparente: „Pfui“, steht auf dem einen, „Flughafenausbau nach Recht und Gesetz? Da biegt sich der letzte Baum“ auf dem anderen.

Dem Widerstand eine Stimme geben: Das gehört zur FR wie der grüne Balken. Der Eröffnung der Landebahn folgten die Montagsdemos der Bürgerinitiativen, die mit der Corona-Pandemie abrupt endeten. Der Generationswechsel ist nicht gelungen, die Jugend macht ihr eigenes Ding. Kneift mit der Zange Löcher in den Zaun und klebt sich auf der Rollbahn fest. Was ist legal, was legitim? Eine Frage, die sich den Menschen immer wieder stellt im Kampf, wenn ein Stück Natur der Verkehrsinfrastruktur geopfert werden soll.

Der Fechenheimer Wald im Frankfurter Osten mit dem Heldbockkäfer für den Ausbau der Autobahn 66, die imposanten Baumriesen im Dannenröder Forst in Mittelhessen – es ist eine emotionale Achterbahnfahrt bei der Räumung der Baumhäuser. Es sind auch gefährliche Momente, denen sich die verzweifelten Aktivist:innen aussetzen. Die Frankfurter Rundschau redet mit ihnen, schreibt auf, was sie antreibt. Sie spricht auch Monate nach Ende der Besetzung noch mit Augenzeug:innen, als die Bagger dort längst alles plattgemacht haben.

Von Klimawandel spricht Anfang der 80er Jahre kaum jemand. Jetzt ist er Realität. Die Frankfurter Rundschau hat seit Jahrzehnten davor gewarnt. Sie setzt Zeichen nicht nur mit ihrer täglichen Klimaseite, sondern auch mit regelmäßiger Berichterstattung in der Region und in Hessen. Mit dem Sommer kommt die nächste Hitzewelle, die die Pflegeheime in Alarmbereitschaft versetzt. Der Main droht zu kippen, warnen die Naturschutzverbände. Die Städte suchen Konzepte – entsiegeln ihre mit viel Geld zugepflasterten Plätze, um teure Bäume neu zu pflanzen. Bäume, die zuvor andernorts fallen mussten. Und auch der kritische Blick auf den Flughafen und seine immer neuen Expansionspläne wird bleiben. 

Rechtsextreme Polizeichats

Solidarität für die Anwältin Basay-Yildiz, die vom „NSU 2.0“ bedroht wird.
Solidarität für die Anwältin Basay-Yildiz, die vom „NSU 2.0“ bedroht wird. © Peter Hartenfelser/Imago

Am 2. August 2018 erhält die Frankfurter Rechtsanwältin Seda Basay-Yildiz ein Fax mit Morddrohungen gegen sich und ihre kleine Tochter. Unterschrieben ist der Text mit „NSU 2.0“ – in Anlehnung an die rechtsradikale Terrorgruppe NSU. Weitere Drohschreiben gegen sie und andere Personen folgen, Opfer sind vor allem Frauen aus Politik und Medien. Bei den Ermittlungen kommt heraus, dass auf dem 1. Frankfurter Polizeirevier kurz vor diesem Fax minutenlang nach persönlichen Daten der Anwältin gesucht worden ist, ohne dass es dafür einen dienstlichen Anlass gegeben hätte.

Zudem stoßen die Ermittlerinnen und Ermittler auf eine Chatgruppe, in der Polizeibedienstete aus diesem Revier rechtsextreme Darstellungen austauschen. Welches Ausmaß der Skandal hat, wird aber erst durch Recherchen der Frankfurter Rundschau im Sommer 2020 sichtbar. Da berichtet die Zeitung exklusiv, dass die hessische Linken-Fraktionschefin und spätere Bundesparteivorsitzende Janine Wissler Morddrohungen mit dem Absender „NSU 2.0“ und persönlichen Daten erhalten hat – und dass ihre Daten ebenfalls von einem Polizeirechner abgerufen worden waren, diesmal in Wiesbaden.

Auch der Fall der Kabarettistin Idil Baydar, die ebenfalls von „NSU 2.0“ bedroht wurde und deren Daten über einen Computer in einem weiteren Wiesbadener Revier abgefragt worden waren, kommt durch die Recherchen der FR heraus. Es ist der Auftakt zu einer bundesweiten Debatte über rechtsextremistische und rassistische Strukturen in der Polizei – nicht zuletzt, weil in der Folge zahlreiche rechte Chatgruppen in mehreren Bundesländern auffliegen.

Die Veröffentlichungen erhöhen den Druck in den schleppenden Ermittlungen, in Hessen wird ein Sonderermittler eingesetzt – bis ein Tatverdächtiger gefasst wird. Im November 2022 wird der arbeitslose Berliner vom Landgericht Frankfurt zu einer Haftstrafe von fünf Jahren und zehn Monaten verurteilt. Der Mann soll sich bei Anrufen bei der Polizei als Polizist ausgegeben und so die Daten erhalten haben. Bei Betroffenen wie Basay-Yildiz bleiben begründete Zweifel zurück, ob der Verurteilte wirklich allein gehandelt hat oder doch Polizeibedienstete beteiligt waren. Für seine Recherchen zu den Verwicklungen der hessischen Polizei im „NSU 2.0“-Komplex wird FR-Reporter Pitt von Bebenburg im Jahr 2021 mit dem Otto-Brenner-Preis für kritischen Journalismus 2021 geehrt.

Terror in Hanau

Frankfurt, 26.05.2023FR-Stadtgespräch: Drei Jahre nach Hanau - Kampf dem rassistischen Terror“, Evangelische Akademie, Frankfurt, im Bild:  Pitt von Bebenburg (Moderation, Chefreporter Frankfurter Rundschau), Ajla Kurtovic, Newroz Duman (Initiative 19. Februar), Vanessa Gronemann (Grüne), Marius Weiß (SPD), (v.l.), Foto: Michael Schick, Bertramstr. 19, 65185 Wiesbaden, Tagespauschale
Im FR-Stadtgespräch geht es immer wieder um Aufklärung nach dem Terror von Hanau. © Michael Schick/Michael Schick

Am 19. Februar 2020 erschießt ein Deutscher in Hanau neun Menschen aus rassistischen Gründen. Das Versagen der Polizei und anderer Behörden wird erst mit Hilfe der Hinterbliebenen, ihrer Unterstützerinnen und Unterstützer und auch dank der medialen Begleitung durch die Frankfurter Rundschau aufgedeckt. Dazu lässt die FR immer wieder die Betroffenen zu Wort kommen, in der Zeitung und bei öffentlichen Veranstaltungen.

Zu den schwerwiegenden Versäumnissen gehören das Versagen des Notrufs, des verschlossenen Notausgangs am Tatort „Arena Bar“ und der Umgang der Polizei mit den Hinterbliebenen. Es zeigt sich auch: Das Haus, in das sich der Täter nach dem Terror zurückgezogen hat, wird nicht durchgehend auf allen Seiten überwacht; der Terror hätte weitergehen können. Am Himmel kreist derweil ein Polizeihubschrauber, dessen Besatzung verzweifelt, weil sie von der Einsatzleitung abgeschnitten ist und keine Ahnung hat, was genau sie tun sollte. Das kommt erst im Juni 2022, zweieinhalb Jahre nach der Tat, ans Tageslicht.

Die Frankfurter Rundschau berichtet exklusiv und auf ihrer Titelseite über die Recherchen des interdisziplinären Netzwerks „Forensic Architecture“, das Videomaterial aus dem Polizeihubschrauber ausgewertet hat. Der damalige hessische Innenminister Peter Beuth (CDU), der den katastrophalen Polizeieinsatz in der Tatnacht bis zum Ende seiner Amtszeit beschönigt, befördert sogar den verantwortlichen Polizeipräsidenten Roland Ullmann. Erst als Ullmann und Beuth nicht mehr im Amt sind, bitten ihre Nachfolger im Jahr 2024 um Entschuldigung. Das FR-Autorenteam Gregor Haschnik und Yagmur Ekim Cay wird im Jahr 2024 für seine Recherchen zum Terror von Hanau mit dem Hessischen Journalistenpreis geehrt.  

80 Jahre Frankfurter Rundschau

Am 1. August 1945 erschein die erste Ausgabe unserer Zeitung. Unser Onlinedossier FR80 blickt zurück auf die Geschichte, beschreibt die aktuelle Lage der Zeitung – und stellt das Programm unserer politischen Geburtstagsfeier am 20. September vor, zu der Sie herzlich eingeladen sind.

Die vier Folgen unserer Historie:

Teil 1: Holpriger Start im August 1945 - die erste Frankfurter Rundschau entstand in den Trümmern des Frankfurter Zeitungsviertels. Zunächst zweimal die Woche. Und in einer streitenden Redaktion.

Teil 2: Pflichtlektüre für die 68er - Nähe und Distanz prägen das Verhältnis der FR-Redaktion zur außerparlamentarischen Opposition.

Teil 3: Eine Zeitung in Not - die FR wird mehrfach spektakulär gerettet.

Teil 4: Die Ippen-Jahre seit 2018 - Eigenständigkeit wird großgeschrieben, auch in Zeiten zahlreicher Kooperationen.

Weitere Inhalte im Dossier (Auszug):

Die FR und ihr Grundgesetz: Die Leitlinien aus der Ära von Karl Gerold lesen sich wie geschrieben für die Gegenwart. Die Frankfurter Rundschau ist nicht neutral – sondern antifaschistisch, linksliberal und zuweilen zornig. Ein Essay von Karin Dalka und Michael Bayer.

Im August 1945 war mehr los, als in die Zeitung passte. Ein Blick in die Erstausgabe der Frankfurter Rundschau von Richard Meng.

Zudem: 80 aufregende Jahre - die wichtigsten Stationen der Frankfurter Rundschau in unserer prägnanten Chronik.