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Geschichte der FR: Holpriger Start im August 1945

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Hier fing alles an: die Schillerstraße 1945.
Hier fing alles an: die Schillerstraße 1945. © Mickey Bohnacker

Die erste Frankfurter Rundschau entsteht in den Trümmern des Frankfurter Zeitungsviertels. Zunächst zweimal die Woche. Und in einer streitenden Redaktion.

Es war der Abend des 31. Juli 1945, kurz vor Andruck der ersten FR. Robert McClure, Chef des Alliierten Amts für psychologische Kriegsführung, überreichte sieben Männern die Lizenz. Es waren die Sozialdemokraten Paul Rodemann, Hans Etzkorn, Wilhelm Knothe, die Kommunisten Otto Grossmann, Emil Carlebach, Arno Rudert und der bürgerliche Linkskatholik Wilhelm-Karl Gerst. Die „Frankfurter Rundschau“, die seit dem 1. August 1945 erscheint, war die erste neue deutsche Zeitung in der amerikanischen Zone.

Die Produktionsgeschichte begann mit der Suche nach Bleibuchstaben in den Trümmern des Zeitungsviertels am Eschenheimer Tor. Die Nazis hatten bei ihrem Abmarsch die Druckmaschinen zerschlagen. Das frühere Verlagshaus der „Frankfurter Zeitung“ mit der Societäts-Druckerei, an dem von 1953 an das markante Rundschauhaus stand, war nur noch ein Ruinenkomplex. Die Gewölbe der Keller hatten den Bomben standgehalten.

Wer für die FR arbeiten wollte, musste bereit sein, am Samstagnachmittag Trümmer zu beseitigen, Mörtel von Steinen zu klopfen, Mauern hochzuziehen, Türen, Fenster einzusetzen und mehr. Zwölf Wochen nach Kriegsende startete die FR mit 206 Beschäftigten, die von den Amerikanern rekrutiert worden waren. 27 im Bautrupp. 24 kaufmännische Angestellte. 24 in der Redaktion. 24 im Archiv. 22 im Versand. 17 Drucker. 17 Maschinensetzer. 10 Chemographen. 6 Stereotypeure. 4 Elektriker. 6 Schlosser.

Die FR erschien mit 500 000 Exemplaren. Zunächst nur zwei Mal wöchentlich, mittwochs mit vier, samstags mit sechs Seiten. Sie war immer sofort ausverkauft.

Die sieben Lizenzträger arbeiteten eher neben- und gegeneinander statt miteinander

Die Redaktion hatte kein Telegrafensystem, keine Telefone, keine Autos und Fahrräder. Reporter Peter Miska arbeitete, die Schreibmaschine auf den Knien, auf der Klobrille sitzend. Die Luft im Keller der Technik war stickig und übel. Vom Geruch des Öls der 15 bis 20 Setzmaschinen und vom Pfeifenqualm. Die Metteure rauchten meist Pfeife, weil sie beide Hände zum Arbeiten brauchten. Der Tabak wurde auf der Fensterbank gezogen und auf der Wäscheleine getrocknet.

Die Beschäftigten bekamen einen Sozialvertrag, der einer Sensation gleich kam: gleicher Lohn für Männer und Frauen, sechs Wochen Lohnfortzahlung bei Krankheit, Gleichstellung von Arbeitern und Angestellten, eine Betriebsversorgungskasse. Zwei Drittel des Beitrags zahlte der Arbeitgeber, ein Drittel übernahmen die Beschäftigten.

Die sieben Lizenzträger arbeiteten eher neben- und gegeneinander statt miteinander. Anfangs warben Leitartikel für die Volksfront von Sozialdemokraten und Kommunisten, wetterten gegen die Westbindung Deutschlands und die Marktwirtschaft. Die Redaktion zerstritt sich, als die SPD im Oktober 1945 jegliche Zusammenarbeit mit Kommunisten ausschloss.  

Lizenznehmer der Frankfurter Rundschau (v.l.): Emil Carlebach, Karl Gerold, Arno Rudert, Wilhelm Gerst. Aufnahme wahrscheinlich 1946.
Lizenznehmer der Frankfurter Rundschau (v.l.): Emil Carlebach, Karl Gerold, Arno Rudert, Wilhelm Gerst. Aufnahme wahrscheinlich 1946. © FR

Die zwei Sozialdemokraten im Herausgebergremium schieden zum 1. März 1946 aus. Etzkorn wurde wegen Überheblichkeit und Inkompetenz entlassen. US-Presseoffizier Cedric H. Belfrage beklagte, er produziere „viel nutzloses Zeug“. Knothe, der sich in der FR nicht sehr engagierte, ging, als er SPD-Vorsitzender in Hessen wurde.

Carlebach, Gerst und Rudert sahen sich harter Kritik ausgesetzt. „Bevor nicht berichtigende Schritte unternommen würden, wird die Frankfurter Rundschau die Frankfurter Prawda genannt werden“, schrieb die „New York Herald Tribune“. Auch der Frankfurter Bürgerrat, Vorläufer der Stadtverordnetenversammlung, beklagte die kommunistische Ausrichtung der FR.

Die US-Armee baut um - Kommunist Emil Carlebach und Linkskatholik Wilhelm-Karl Gerst müssen gehen

Im Oktober 1946 schmiss die US-Armee Gerst raus. Ihm wurde nun doch eine eher ambivalente Haltung in der Nazizeit angelastet. Er hatte die FR kaufmännisch schlecht geführt und sich wegen seines despotischen Umgangs Feinde bis hin zum Betriebsrat gemacht. Gerst siedelte in die DDR um und kehrte für das SED-Organ „Berliner Zeitung“ nach Bonn zurück. Im August 1947 kam auch für Carlebach das Aus.

Der Direktor der Militärregierung in Hessen, James Newman, erklärte, Carlebach bringe nicht nur den Zielen der Militärregierung kein Vertrauen entgegen, sondern sei „offensichtlich unfähig, die Grundprinzipien der Demokratie zu verstehen.“ Carlebach wurde Stadtverordneter und in den Landtag gewählt. Nach dem KPD-Verbot im August 1956 floh er vor drohender Verhaftung in die DDR. Dort war er in der Leitung des nach Westen gerichteten „Freiheitssender 904“ tätig. 1969 kehrte er als Chefredakteur der Wochenzeitung der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes nach Frankfurt zurück.

Ausriss aus der FR vom 19. Juni 1948.
Ausriss aus der FR vom 19. Juni 1948. © FR

„Ruhig, präsentabel, intelligent, arbeitsam.“ So sah die US-Armee Rudert, der vor 1933 Chefredakteur des KPD-Organs „Frankfurter Arbeiterzeitung“ gewesen war. Im November 1947 schloss die KPD ihn aus, weil er persönliche Feigheit gezeigt habe, als die Anzeichen einer antikommunistischen Kampagne einsetzten. Rudert konterte: „Meine Feigheit besteht darin, dass ich die Zeitung nicht als Kommunist, sondern als Journalist geführt habe.“

Roderich Reifenrath, der 1966 zur FR kam und von 1992 bis 2000 Chefredakteur war, bilanzierte: „So unterschiedlich die ersten sieben Lizenzträger auch gewesen sind und wie wenig sie zusammengepasst haben: Ihr passiver und aktiver Widerstand gegen das Hitler-Regime war verbürgt und zugleich die nötige Klammer, um das Projekt Rundschau starten zu können.“

Karl Gerold wird neuer starker Mann in der Frankfurter Rundschau

Einen neuen starken Mann, dem sie vertrauten, holten die Amerikaner von außerhalb: Karl Gerold, einen 39-jährigen Deutschen, der in die Schweiz geflohen war und von dort aus weiter gegen das Naziregime gearbeitet hatte. Jenen Mann, von dem Roderich Reifenrath schrieb, Gerold, der als Letzter dazu gekommen sei, habe auf die Entwicklung der Zeitung „messbareren Einfluss als alle sieben anderen“ ausgeübt.

Am 15. April 1946 erteilten die Amerikaner Gerold die Lizenz. Am selben Tag erschien zum ersten Mal die „Frankfurter Neue Presse“ (FNP). Das halbierte auf einen Schlag die Auflage der FR, weil das begrenzte Papierkontingent nun auf zwei Zeitungen verteilt wurde. Die FR musste deshalb sogar rund 20 000 Abonnements kündigen.

Karl GeroldFotograf:
Karl Gerold mit Stift und Pfeife am Schreibtisch. © Kurt Weiner

Als im Dezember 1946 eine weitere Papierkürzung anstand, die FR-Auflage war von 150 000 auf 135 000 gesunken, wurde der Leserschaft angeboten: entweder weitere 20 0000 Abos streichen oder den Umfang von zwölf auf zehn Seiten verringern, was dann geschah. Dennoch: Seit April 1947 konnte die FR auch eine Deutschland-Ausgabe herausbringen, von 1948 an täglich.

Am 22. Juli 1949 übergab die US-Armee die FR in den privaten Besitz von Gerold und Rudert. Rudert starb 1954, seine Witwe blieb mit einem Drittel stille Teilhaberin.

Karl Anders als Gegenpart an der Spitze des Verlags

Gerold musste sich von 1953 an seinen Einfluss im Verlag mit einem Mann teilen, über den in der FR-Geschichtsschreibung bisher nichts zu lesen war: Karl Anders.  Die damalige FR-Generation hat diese Zeit mit Schweigen belegt.

Warum? Darüber kann nur spekuliert werden. Quellen für die Schilderung hier sind deshalb die Tochter Ann Anders, ehemals Kulturpolitikerin der Frankfurter Grünen, und der Journalist Alf Mayer, der viele Gespräche mit Karl Anders führte und jüngst im Digitalmagazin www.culturmag.de darüber berichtet hat.

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Demnach half die SPD 1953 im Verbund mit der gewerkschaftlichen Bank für Gemeinwirtschaft (BfG) dem Druck- und Verlagshaus Frankfurt am Main, das die FR herausgab, mit einem hohen Kredit aus der Klemme. Weil sie Gerold nicht zugetraut habe, das Unternehmen kaufmännisch zu führen, habe die BfG sich ausbedungen, dass Gerold einen Mann ihres Vertrauens als Geschäftsführer und Leiter des FR-Verlags einstellte. Dafür habe die SPD den angesehenen Publizisten und Verleger Karl Anders benannt.  

Nach dem Krieg hatte Anders für die BBC vom Nürnberger Kriegsverbrecherprozess berichtet. 1946 gründete er den Nest-Verlag, der mit Büchern von Exil-Schriftstellern und US-Krimis erfolgreich war. Anders brachte Raymond Chandler, Dashiell Hemmett und Eric Ambler nach Deutschland. Den Verlag brachte er mit in die FR ein, die 1955 die Hälfte erwarb. Die FR-Wochenendbeilage „Zeit und Bild“ wurde zur Plattform vieler Verlagsautoren.

Blick in das Sekretariat der Politik-Redaktion; der junge Gerold mit Hut.
Blick in das Sekretariat der Politik-Redaktion; der junge Gerold mit Hut. © FR

Alf Mayer bilanziert in culturmag: Anders habe Ordnung in „das organisatorische und finanzielle Chaos“ nach dem Tod des Mitherausgebers Rudert gebracht, die Modernisierung der Druckerei organisiert und lukrative Druckaufträge besorgt. Damit habe er die Grundlage für die überaus erfolgreiche Drucksparte des Verlags geschaffen, die der FR über Jahrzehnte hinweg redaktionelle Freiheit ermöglicht habe. Zwei Beispiele: Er habe das Geld für die „Heidelberger“- Druckmaschinen besorgt, die der FR das profitable Vierfarbgeschäft ermöglicht habe. Mit Josef Neckermann habe er den Vertrag über den Druck des Versandhauskatalogs ausgehandelt, so Ann Anders.

Zwischen Gerold und Anders knirschte es nach ihrem Bekunden gewaltig. Nicht nur wegen wirtschaftlicher Entscheidungen, die dem „Schöngeist“ Gerold nicht gepasst hätten. Ein weiterer Grund für das Zerwürfnis sei gewesen, dass sich Gerold gegenüber Frauen unangemessen verhalten habe. Ihr Vater habe den alkoholkranken Gerold zu Entziehungskuren in die Schweiz fahren müssen.

Zum Autor

Wolf Gunter Brügmann arbeitete von 1968 bis Februar 2010 für die FR. Von 1984 bis 1994 leitete er die Nachrichtenredaktion. Auch im Ruhestand lässt ihn die FR nicht los. Keiner kennt die Geschichte der Zeitung so gut wie er.

Gerold hatte zeitlebens mit der Alkoholkrankheit zu kämpfen und wollte nicht, dass das öffentlich wird. Im Frühsommer 1968 kam es zu einer bizarren Begegnung Gerolds mit dem Studentenführer Rudi Dutschke in der Nähe eines Schweizer Sanatoriums, wo Dutschke sich von den Folgen des Attentats auf ihn erholte. Seine Frau Gretchen Dutschke berichtete später: „Da sahen wir einen Mann, der sich an einen Baum lehnte. Als wir an ihm vorbeigingen, trat er plötzlich auf die Straße und sagte: ‚Ich weiß, wer Sie sind.‘ Der Mann stellte sich vor: ‚Ich bin Karl Gerold. Machen Sie sich keine Sorgen. Ich bin nicht hier, um Sie aufzuspüren. Ich bin Patient im Sanatorium. Ich bin auch nicht daran interessiert, dass meine Anwesenheit hier bekannt wird.‘“

Unverblümt ließ sich der Schriftsteller Gerhard Zwerenz dazu in einem Nachruf auf Gerold aus: „Er konnte jeden unter den Tisch saufen und in den zwischengeschalteten Perioden der Trockenheit als Inkarnation des menschlichen Jammers und der Melancholie auftreten. Er war gleichzeitig gut und böse, betrunken und nüchtern, auf Informationen versessen und jede Information verachtend wie Gott die Sünde.“

Blick in die Redaktion der fünfziger Jahre.
Blick in die Redaktion der fünfziger Jahre. © FR

Zurück zu Ann Anders: Gerold habe ihren Vater von 1958 an „ausgebootet“. Dieser habe sich in einem Klageverfahren eine „hohe Abfindung“ erstritten. Dazu gehörten den Angaben zufolge die Übernahme auch der zweiten Hälfte des Nest-Verlags, ein Haus und eine lebenslange Rente von der FR.

Karl Anders leitete 1960/61 den Wahlkampf für den Kanzlerkandidaten Willy Brandt und war Mitglied der SPD-Grundwertekommission. 1977 wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse ausgezeichnet. Er starb 1997 mit 90 Jahren.

Karl Gerold schreibt gegen Franz Josef Strauß an

Zeitgenossen schildern Gerold als widersprüchliche, innerlich zerrissene, oft einsame und gerade deshalb so charismatische Persönlichkeit. Publizistisch zeichnete sich die FR unter seiner Führung dadurch aus, dass sie der Erinnerungsunwilligkeit vieler Deutscher konsequent entgegenwirkte. „Wenn einer aus tiefer Seele Antinazi war, dann Karl Gerold“, sagte der spätere Chefredakteur Reifenrath über ihn.

Gerolds Kommentare waren scharf. „Besonders hervorheben muss man die wortgewaltigen Attacken gegen den damaligen Bundesverteidigungsminister Franz Josef Strauß (CSU) beim Thema Starfighter. Strauß und das Militär und Wünsche nach Atomwaffen: das provozierte Kommentarserien“, erinnerte sich Reifenrath. Gerolds Zorn gipfelte in einem Leitartikel unter dem Titel „Steh auf mein Volk“ mit dem Aufruf: „Wehrt euch gegen diese Art von Mörderstaat“.

Im September 1967 hatte Gerold das Große Verdienstkreuz bekommen. Als kurz danach Bundespräsident Heinrich Lübke den spanischen Informationsminister Frage Iribarne mit einem Orden für Verdienste um die deutsch-spanischen Beziehungen auszeichnen wollte und das just, als in Spanien Ausnahmezustand herrschte, gab er die Auszeichnung mit einer starken Philippika zurück.

80 Jahre Frankfurter Rundschau

Am 1. August 1945 erschein die erste Ausgabe unserer Zeitung. Unser Onlinedossier FR80 blickt zurück auf die Geschichte, beschreibt die aktuelle Lage der Zeitung – und stellt das Programm unserer politischen Geburtstagsfeier am 20. September vor, zu der Sie herzlich eingeladen sind.

Dieser Text ist der erste Teil unserer Historie. Weitere Folgen:

Teil 2: Pflichtlektüre für die 68er - Nähe und Distanz prägen das Verhältnis der FR-Redaktion zur außerparlamentarischen Opposition.

Teil 3: Eine Zeitung in Not - die FR wird mehrfach spektakulär gerettet.

Teil 4: Die Ippen-Jahre seit 2018 - Eigenständigkeit wird großgeschrieben, auch in Zeiten zahlreicher Kooperationen.

Weitere Inhalte im Dossier (Auszug):

Die FR und ihr Grundgesetz: Die Leitlinien aus der Ära von Karl Gerold lesen sich wie geschrieben für die Gegenwart. Die Frankfurter Rundschau ist nicht neutral – sondern antifaschistisch, linksliberal und zuweilen zornig. Ein Essay von Karin Dalka und Michael Bayer.

Im August 1945 war mehr los, als in die Zeitung passte. Ein Blick in die Erstausgabe der Frankfurter Rundschau von Richard Meng.

Zudem: 80 aufregende Jahre - die wichtigsten Stationen der Frankfurter Rundschau in unserer prägnanten Chronik.