Missbrauch an der Odenwaldschule: Andreas Huckele bezieht Stellung.
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Missbrauch an der Odenwaldschule: Andreas Huckele bezieht Stellung.

#54 Andreas Huckele

Bleib dran, um für deine Sache einzustehen

  • Pitt v. Bebenburg
    vonPitt v. Bebenburg
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Andreas Huckele deckt 1998 die massenhafte sexualisierte Gewalt an der Odenwaldschule auf. Dafür müssen er und seine Mitstreiter einen langen Weg gehen, weil die Schule und die Öffentlichkeit die Ohren verschließen. Bis die Frankfurter Rundschau nachlegt.

Am 10. Juni 1998 schrieben Andreas Huckele und sein Mitstreiter Thorsten Wiest einen Brief an den Leiter der südhessischen Odenwaldschule, Wolfgang Harder, der Geschichte machen sollte. Es war viel mehr als eine Anklage gegen Harders Vorgänger Gerold Becker, den die ehemaligen Schüler als Intensiv-Sexualtäter entlarvten. Der mutige Brief wurde zum ersten Schritt, um die sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche an der Internatsschule und in sehr vielen weiteren Institutionen im ganzen Land ans Tageslicht zu befördern.

Doch das wussten die beiden Ex-Schüler damals genau so wenig, wie sie ahnten, wie viel frustrierende und kräftezehrende Arbeit vor ihnen lag, ehe dieser Punkt erreicht war. Es sollte noch viele Jahre dauern, bis die breite Öffentlichkeit das Unerhörte wirklich wahrnahm, das sie aussprachen.

1998: Andreas Huckele deckt den sexuellen Missbrauch an der Odenwaldschule auf

„Wir sind zwei Altschüler der Odenwaldschule und waren von 1980 bzw. 1981 Schüler an der Odenwaldschule und schlossen 1988 mit dem Abitur unsere Schullaufbahn ab“, schilderten die beiden. „In dieser Zeit wurden wir – und wir sind leider nicht die Einzigen – Opfer sexueller Übergriffe seitens Gerold Beckers, ehemaliges Familienoberhaupt und Schulleiter der Odenwaldschule.“ Becker habe „Schüler der Odenwaldschule zum Teil über Jahre hinweg sexuell missbraucht“.

Es war der Anfang einer Entwicklung, die deutschlandweit Aufmerksamkeit für sexuellen Missbrauch geweckt hat, bis hin zur Einrichtung des Amts eines Unabhängigen Bundesbeauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs. Doch die Kraft und der Mut, die Huckele und seine Mitstreiter bis dahin aufbringen mussten, ist kaum zu ermessen. Denn die Odenwaldschule blockte ab und wollte das Thema buchstäblich unter der Decke halten.

Die Öffentlichkeit zuckte nur kurz auf, als die Frankfurter Rundschau 1999 detailliert über die jahrzehntelangen Übergriffe berichtete. Andreas Huckele meldete sich damals unter dem Pseudonym Jürgen Dehmers zu Wort, sein Freund und Mitstreiter, der bis heute nicht seinen Namen veröffentlichen möchte, unter dem Pseudonym Thorsten Wiest. Erst 2010, als die FR das Thema erneut aufgriff, kam es auf die Tagesordnung der Republik. Wahrscheinlich auch deshalb, weil im gleichen Frühjahr der Missbrauch zahlreicher Schüler auf dem katholischen Berliner Canisius-Kolleg öffentlich geworden waren.

Aufarbeitung des Missbrauchs an der Odenwaldschule ist bis heute nicht abgeschlossen

Die Aufarbeitung des Missbrauchs an der Odenwaldschule ist bis heute nicht abgeschlossen, und die unentwegten Versuche der Beschöniger, die angeblich die Idee der Reformpädagogik verteidigen wollen und dabei nicht vor Angriffen auf die Integrität der Opfer zurückschrecken, nehmen ebenfalls kein Ende. Im vergangenen Jahr stellten die Wissenschaftler Jens Brachmann (Rostock) und Florian Straus (München) Zwischenergebnisse einer Untersuchung über die Gewalt an der Odenwaldschule vor. Nach ihren Erhebungen wurden dort von den 60er bis Ende der 80er Jahre mehr als 500, vielleicht sogar 1000 Schülerinnen und Schüler Opfer der sexualisierten Gewalt.

Brachmann nannte allein fünf Haupt- und Intensivtäter, darunter den ehemaligen Schulleiter Becker, dem mehr als 100 Kinder und Jugendliche zum Opfer gefallen seien. Die Akten ließen „Rückschlüsse auf weit mehr als zwei Dutzend Täter allein unter den pädagogischen und technischen Mitarbeitern der Odenwaldschule“ zu, heißt es in Brachmanns Studie. Wenigstens fünf Frauen seien darunter gewesen. Weiter müsse davon ausgegangen werden, dass das Ausmaß der Gewalt zwischen Jugendlichen „während der 1970er Jahre ebenfalls kaum vorstellbare Dimensionen angenommen“ habe. Die meisten Täterinnen und Täter waren in den 1960er bis 1980er Jahren an der Schule beschäftigt. Ex-Odenwaldschüler Adrian Koerfer, der durch seine unermüdliche Arbeit für den Verein „Glasbrechen“ erheblich zur Aufklärung des Skandals beitrug, nannte Becker „einen der schlimmsten Serienvergewaltiger in der Geschichte der Bundesrepublik“.

Odenwaldschule: Dem Missbrauch Tür und Tor geöffnet

Andreas Huckele kam 1981 als Zwölfjähriger in die Internatsschule im angelegenen südhessischen Ort Ober-Hambach, der zu Heppenheim gehört. Von den sieben Jahren bis zu seinem Abitur verbrachte er drei Jahre in der sogenannten Familie von Schulleiter Becker. Dort lebten die Jugendlichen mit ihren „Familienoberhäuptern“ unter einem Dach – was dem Missbrauch Tür und Tor öffnete. Huckele hat 2011 in seinem Buch „Wie laut soll ich denn noch schreien?“ berichtet, wie Becker ihn fast täglich sexuell missbrauchte – und wie weitere Lehrer und Mitschüler ebenfalls regelmäßig sexualisierte Gewalt ausübten, ohne dass die Verantwortlichen einschritten.

All das war laut den Berichten der ehemaligen Schülerinnen und Schüler ein offenes Geheimnis. Spätestens 1998 aber, als Huckele und sein Mitstreiter Wiest an Schulleiter Harder schrieben, hätte die Schule die Taten aufklären, die Opfer entschädigen und pädagogische Konsequenzen ziehen müssen. Doch die Verantwortlichen sorgten sich mehr um den Ruf und den Erhalt der Schule. Auch Gerold Becker erfreute sich weiterhin breiter Anerkennung, noch immer amtierte er als Vorsitzender der Vereinigung Deutscher Landerziehungsheime und wurde gemeinsam mit seinem Lebensgefährten Hartmut von Hentig als herausragender Repräsentant der Reformpädagogik geachtet.

Also gingen die ehemaligen Schüler den Weg über die Öffentlichkeit und wandten sich an die Frankfurter Rundschau. Am 17. November 1999 berichtete FR-Redakteur Jörg Schindler auf der Titelseite der Zeitung und in einem großen Bericht auf Seite 3 („Der Lack ist ab“) über die Missbrauchsvorwürfe. Doch der laute Ruf verhallte ungehört. Das Desinteresse war der zweite Skandal im Odenwaldschul-Skandal – und Wissenschaftler sollten später ausgiebig hinterfragen, wie es kommen konnte, dass außer der FR und ein paar versprengten anderen Medien niemand zuhören wollte.

100 Jahre Odenwaldschule: Andreas Huckele nimmt 2010 einen neuen Anlauf

Im Jahr 2010 nahmen Huckele und seine Mitstreiter einen neuen Anlauf. Die Feier zum 100-jährigen Bestehen der Odenwaldschule stand bevor, und der Missbrauchsskandal sollte mal wieder keine Rolle spielen. Am Ende waren es die Altschüler Johannes von Dohnanyi und Adrian Koerfer, die eine „Wahrheitskommission“ einrichteten und das Thema einbrachten. Vorher aber hatte Huckele erneut in einem Artikel von Jörg Schindler in der FR den sexuellen Missbrauch thematisiert. Der Beitrag erschien am 6. März 2010, mehr als zehn Jahre nach dem ersten Bericht, und diesmal schreckte die Republik auf.

Die Juristinnen Claudia Burgsmüller und Brigitte Tilmann wurden mit einer unabhängigen Untersuchung der Missbrauchsfälle betraut, auch wenn sie strafrechtlich bereits verjährt waren. Im Dezember 2010 stellten sie ihren ersten Bericht vor und sprachen von mindestens 132 Schülerinnen und Schülern, die zwischen 1965 und 1998 Opfer von Übergriffen durch Lehrer geworden seien. Die beiden Frauen wussten, dass sie das ganze Ausmaß des Missbrauchs damit noch nicht erfasst hatten.

Im Jahr 2011 schilderte Huckele, damals noch unter dem Pseudonym Dehmers, den Abgeordneten des Hessischen Landtags, was im Kampf gegen sexuellen Kindesmissbrauch nötig sei – längere Verjährungsfristen zum Beispiel. Aus leidvoller Erfahrung berichtete er: „Ich habe Herrn Becker angezeigt, aber ich bin viel zu alt, um einen Prozess zu führen.“ Dabei war Huckele gerade erst 42 Jahre alt. Inzwischen hat die Debatte zu mehreren Gesetzesänderungen geführt. So ruht die Verjährung, bis das Opfer das 30. Lebensjahr erreicht – und erst ab dann kommt die Verjährungsfrist von bis zu 20 Jahren zur Geltung.

Missbrauch an der Odenwaldschule: Bei bewegendem Auftritt nimmt Andreas Huckele Stellung

Huckele hatte seinerzeit stundenlang warten müssen, bis er in der Sitzung des Landtagsausschusses zu Wort kam. Dann aber nahm er in einem bewegenden Auftritt Stellung. Bevor er das Wort ergriff, stand er auf, drehte sich langsam und zeigte sich den Abgeordneten damit von allen Seiten. Schaut her, sollte das heißen, hier geht es nicht um ein abstraktes Problem, sondern um einen realen Menschen, der als Junge traumatisiert wurde und nun den Mut hat, an die Öffentlichkeit zu gehen.

Im Verein „Glasbrechen“ um Adrian Koerfer taten sich seit 2010 viele Opfer und ihre Unterstützer zusammen, auch um Anerkennung und Geld für die Betroffenen zu erzielen. Immer wieder stießen sie damit auf Widerstände aus der Schule. Dann, 2014, flog erneut ein Lehrer auf, der Kinderpornografie heruntergeladen hatte. Im Jahr 2015 schließlich musste die Odenwaldschule schließen, nachdem immer weniger Schülerinnen und Schüler dort angemeldet worden waren und die Insolvenz nicht mehr zu verhindern war.

Andreas Huckele hatte zu diesem Zeitpunkt längst einen eigenen Berufsweg eingeschlagen – als Lehrer für Politik und Sport, an einer anderen Schule. Zugleich hatte er sich in systemischer Supervision schulen lassen und arbeitet seit seinem Ausscheiden aus dem Schuldienst 2016 in einer eigenen Beratungspraxis. Ein Thema, in dem er pädagogische Institutionen berät, lautet: „Grenzen setzen“. Genau daran hatte es in der Odenwaldschule gefehlt.

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Odenwaldschule: Andreas Huckele hat Abstand zu dem, was passiert ist

2012 wurde Huckele für sein Buch „Wie laut soll ich denn noch schreien?“ mit dem Geschwister-Scholl-Preis der Stadt München ausgezeichnet. „Er deckt die Mechanismen auf von Vertuschung, Verschweigen, Abhängigkeit, Bedrohung, die einen fortgesetzten Missbrauch erst möglich machen“, hieß es in der Würdigung. Das Buch sei ein notwendiger Appell an Zivilcourage, erklärte die Jury weiter: „Auch darin liegt eine große Leistung dieses Buches: dass es hinweist auf das Versagen von Zivilgesellschaft und Rechtsstaat, von Bürgern, Pädagogen, bis hin zu Presse und Justiz.“

Heute habe er „einen guten Abstand zu dem, was passiert ist“, stellt der mittlerweile 51-Jährige über seine Auseinandersetzung mit dem sexuellen Missbrauch an der Odenwaldschule fest. „Ich habe das für mich gemacht“, betont er. Und zieht die Lehre daraus: „Bleib dran, wenn es darum geht, für deine Sache einzustehen.“

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