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Thomas Plaßmann: Von der Idee zur Karikatur

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Thomas Plaßmann.
FR-Karikaturist Thomas Plaßmann. © Peter-juelich.com

Irgendwann muss die tägliche Zeichnung halt fertig werden. Vier Schritte gewährleisten, dass es stets gelingt.

Oft ist es ein Zufall, ein glücklicher Umstand, der die Weichen stellt und auf Wege führt, die das Leben über viele Jahre mitbestimmen. Eine gute Bekannte drückte mir einst, sehr knapp vor Ende des Einreichungsdatums, einen Zeitungsausschnitt in die Hand, mit dem Hinweis auf einen Nachwuchs-Karikaturenwettbewerb der Frankfurter Rundschau zum Thema „Europa 2000“.

So eilte ich, meine Gedanken zu dieser Aufgabenstellung zu bündeln und sandte deren gezeichnetes Ergebnis in die Große Eschenheimer Straße. Das war im Jahr 1995, lang, lang ist´s her. Ich durfte mich sehr und das habe ich auch, über den 3. Platz freuen und traf dann bei der Übergabe auf ziemlich nette Redakteurinnen und Redakteure sowie den großen Felix Mussil, noch ahnungslos, dass ich einige Zeit später seine Nachfolge antreten durfte, nachdem er viele Jahre für die Frankfurter Rundschau gezeichnet hatte.

Dies dankbar, gern und geprägt von einem konstanten Verantwortungsgefühl Ihnen, den Leserinnen und Lesern der Rundschau, mir selbst, dem Sujet, den Themen, der Frankfurter Rundschau gegenüber-, jeden Erscheinungstag, seit jetzt, ja, über 25 der 80 Jahre ihres Bestehens. (Meine Güte… muss kurz innehalten, wo ich das schreibe)

Doch wie läuft das ab, so konkret, die tägliche Arbeit an der Karikatur? Von jenem Bild freiberuflicher künstlerischer Tätigkeit: Lang schlafen, noch einmal umdrehen, ganz in Ruhe frühstücken, dann irgendwann, wenn einem danach ist, die knarzenden Stufen zum Arbeitszimmer hinaufsteigen, die Flasche Chateau Lafitte des Vorabends auf dem Zeichentisch zur Seite schieben und sich in den Sessel fallen lassen, den Kuss der Muse erwartend, muss man sich doch recht schnell verabschieden.

Denn es gibt da diesen unerbittlichen Punkt im Tagesablauf, der sich nicht ignorieren lässt. Der Redaktionsschluss. Irgendwann muss die tägliche Zeichnung halt fertig werden. Und da die Frankfurter Rundschau eine überregionale Zeitung dieses Landes ist, liegt der im Bereich des frühen Nachmittags, was bedeutet, zeitig zu beginnen. Und zwar im Grunde jeden Tag von vorn. Immer wieder neu. Vier Schritte bis zur fertigen Zeichnung gehen.

Zur Person

Thomas Plaßmann ist Karikaturist und zeichnet seit mehr als 20 Jahren für die FR. Als „Kind des Ruhrgebiets“ lebt er in Essen. Von dort schickt er seine Werke in die Redaktion.

Als ersten: Welches Thema, welches Ereignis, welche Entwicklung will ich bearbeiten? An manchen Tagen gibt die Aktualität es vor, an anderen aber muss man suchen, gewichten, abwägen, um dann seine Entscheidung für das „Thema des Tages“ zu fällen.

Der zweite Schritt besteht dann in der Beantwortung der Frage: „Was willst Du denn jetzt mit dem Thema machen?“ Karikatur ist ja mehr als die Illustrierung dessen, was geschieht. Sie ist Meinung, Aussage, Kommentar. Das heißt, was will ich kritisieren, was aufzeigen, infrage stellen, worauf hinweisen?

Wenn ich mir dann darüber klar geworden bin, geht es, im dritten Schritt, darum, welches Bild, welche Szene, welche bildliche und/oder textliche Lösung finde ich, in der zum einen das zu behandelnde Thema deutlich und zugleich erkennbar wird, wie ich glaube, mich zu ihm stellen zu sollen.

Dann muss es, als letztes, noch zu Papier gebracht werden. Und zwar nicht im übertragenen Sinne, sondern bei mir noch nach Altväter Sitte mit Feder, Tusche und Pinsel. Das ginge natürlich alles auch digital, aber ich möchte mir diese, etwas sinnlichere Arbeitsweise noch erhalten.

Radiergummikrümel zwischen den Fingern, das Kratzen der Feder und Aquarellspritzer auf der Hand. Denn dieser vierte Schritt ist ja das einzig künstlerische am Entstehungsprozess einer Karikatur. Und irgendwie ist man ja, neben dem Beobachter der Zeitläufte, auch doch ein bisschen Zeichner. Sind doch runde achtzig Prozent des Entstehungsprozesses sinnen, denken und grübeln.

Die Titel-Karikatur zur Ausgabe vom 1. August 2025.
Die Titel-Karikatur zur Ausgabe vom 1. August 2025. © Thomas Plaßmann

Dann wird eingescannt und ab in die Redaktion. So entstehen täglich zwischen zwei und vier Karikaturen, deren Auswahl für die nächste Ausgabe dann den klugen Köpfen der Redaktion anheimfällt. Es ist für mich dann immer recht spannend zu sehen, auf welches Blatt das Los fiel.

Der Natur der Sache nach, handelt sich also bei dem, was ich versuchte, kurz zu beschreiben, um eine eher einsiedlerische Tätigkeit. Und doch kommt es natürlich immer wieder auch zu persönlichen Begegnungen mit Leserinnen und Lesern – was sehr schön ist – und dabei taucht sehr häufig die Frage auf, ob einen denn bei der über Jahre gehenden täglichen Arbeit nicht manchmal die Sorge befällt, dass man da so vor seinem leeren Blatt Papier sitzt und einem partout nichts einfallen will?

Gute Frage. Eine Vision, die sich eigentlich täglich als über dem Zeichentisch schwebende kleinere, mal größere dunkle Wolken manifestiert.

Bisher ließen sie sich immer vertreiben.

Mag dies mir, wenn Sie mögen, noch ein Weilchen gelingen.

80 Jahre Frankfurter Rundschau

Am 1. August 1945 erschein die erste Ausgabe unserer Zeitung. Unser Onlinedossier FR80 blickt zurück auf die Geschichte, beschreibt die aktuelle Lage der Zeitung – und stellt das Programm unserer politischen Geburtstagsfeier am 20. September vor, zu der Sie herzlich eingeladen sind.

Die vier Folgen unserer Historie:

Teil 1: Holpriger Start im August 1945 - die erste Frankfurter Rundschau entstand in den Trümmern des Frankfurter Zeitungsviertels. Zunächst zweimal die Woche. Und in einer streitenden Redaktion.

Teil 2: Pflichtlektüre für die 68er - Nähe und Distanz prägen das Verhältnis der FR-Redaktion zur außerparlamentarischen Opposition.

Teil 3: Eine Zeitung in Not - die FR wird mehrfach spektakulär gerettet.

Teil 4: Die Ippen-Jahre seit 2018 - Eigenständigkeit wird großgeschrieben, auch in Zeiten zahlreicher Kooperationen.

Weitere Inhalte im Dossier (Auszug):

Die FR und ihr Grundgesetz: Die Leitlinien aus der Ära von Karl Gerold lesen sich wie geschrieben für die Gegenwart. Die Frankfurter Rundschau ist nicht neutral – sondern antifaschistisch, linksliberal und zuweilen zornig. Ein Essay von Karin Dalka und Michael Bayer.

Im August 1945 war mehr los, als in die Zeitung passte. Ein Blick in die Erstausgabe der Frankfurter Rundschau von Richard Meng.

Zudem: 80 aufregende Jahre - die wichtigsten Stationen der Frankfurter Rundschau in unserer prägnanten Chronik.