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OB Mike Josef: „Die FR war und ist für mich ein Anker“

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FOTO TAGESSATZFrankfurt: Claus-Jürgen Göpfert stellt sein Buch „80 Jahre Frankfurter Rundschau“ vor, Haus am Dom,  Mike JosefFoto aufgenommen am 31.05.2025Foto: Rolf Oeser
„Die FR hat sich immer für freie Bildung eingesetzt“, sagt Mike Josef, heute Frankfurter Oberbürgermeister. © Rolf Oeser

Frankfurts Oberbürgermeister spricht über sein Verhältnis zur Zeitung und hat gute Wünsche – für das Blatt und Eintracht Frankfurt.

Die FR hat Mike Josef geprägt. Schon vor 20 Jahren berichtete die Zeitung regelmäßig über ihn. Damals kämpfte er ebenso lautstark wie engagiert gegen Studiengebühren. Heute steht der Sozialdemokrat an der Spitze der Stadt.

Herr Josef, wissen Sie noch, wann Ihr Name das erste Mal in der FR stand?

Das müsste 2006 gewesen sein, als ich in den Asta-Vorstand gewählt wurde.

Nein.

Ehrlich nicht?

Es war am 17. August 2005. Straßenwahlkampf vor der Bundestagswahl. Sie haben Rosen verteilt. Der Kollege schrieb damals: Mike Josef, der Nachwuchspolitiker, wählte seine Worte bedächtig wie ein Politprofi…

Das hat sich geändert (lacht).

Was hat sich geändert: Nachwuchspolitiker oder die bedächtige Art?

Vor allem Ersteres. Aber jetzt erinnere ich mich. Das war im Ostend. Mit Renate Wolter-Brandecker. Ich bin ja 2005 in die SPD eingetreten. 2006 fingen die Auseinandersetzungen über die allgemeinen Studiengebühren an.

Damals saßen Sie für die Juso-Hochschulgruppe im Asta-Vorstand und spielten im Widerstand gegen die Campus-Maut, wie die FR damals häufig schrieb, eine entscheidende Rolle…

Ja, da tauchte mein Name dann häufiger in der FR auf. Der wichtigste Moment war ein Interview in den Räumen der FR. Das war ein Streitgespräch mit Wissenschaftsminister Udo Corts und Universitätspräsident Rudolf Steinberg. Ich saß da im gelben Protest-Shirt, und Richard Meng aus der FR-Chefredaktion hat die Fragen gestellt. Das war ein starkes Interview. Ich habe es mir sogar eingerahmt.

0512061102u000du000dFrankfurt: FR-Gespräch Studiengebühren. V.l.n.r.: Udo Corts, Mike Josef, Rudolf Steinbergu000dFoto vom 05.12.2006u000dFOTO HONORARPFLICHTIG!u000du000dFoto: Rolf Oeser
Mike Josef 2006 beim Streitgespräch über Studiengebühren. © Rolf Oeser/Rolf Oeser

Echt? Eingerahmt?

Ja. Das hat auch bundesweit Beachtung gefunden. Freunde aus Ulm, wo ich aufgewachsen bin, haben mich angerufen und gesagt: Mike, du bist in der Zeitung. Ich habe außerdem ein Buch, in dem Fotos und wichtige Artikel über mich drin sind.

Wer hat sich seit dem Kampf gegen Studiengebühren mehr verändert. Sie oder die FR?

Die Welt hat sich verändert, und wir alle haben uns mit ihr verändert. Gar nicht unbedingt nur politisch. Damals war ich Anfang 20, war gerade nach Frankfurt gezogen, habe studiert. Heute habe ich zwei Kinder. Man entwickelt sich eben weiter. Das gilt auch für die FR. Auch Ihr nehmt die Herausforderungen der Zeit an.

Was hat die FR für Studierende damals bedeutet, wie haben Sie uns politisch wahrgenommen?

Die FR war und ist eine linksliberale Zeitung. Später kam für mich noch die taz hinzu, aber die FR war schon ein ganz starker Anker in meiner Studienzeit – und darüber hinaus ist sie es bis heute. Die FR hat sich immer für freie Bildung eingesetzt. Bildung darf nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängen, das ist mir auch aufgrund meiner eigenen Biografie sehr wichtig.

Damals hatte die FR noch große Seiten. Wie haben Sie die Formatumstellung wahrgenommen?

Bei dem besagten Interview mit Corts und Steinberg hat uns Richard Meng den Dummy gezeigt. Die Seiten waren klein und kompakt, das fand ich gut. Aber ich begrüße es, dass die FR seit Anfang dieses Jahres wieder etwas gewachsen ist.

Warum?

Die FR ist immer noch handlich, aber auch ein Stück größer. Vor allem aber gibt es wieder die unterschiedlichen Bücher. Ich kann die einzelnen Teile viel besser herausnehmen.

Wann haben Sie zum ersten Mal die FR gelesen?

Das müsste 2003 gewesen sein, als ich nach Frankfurt zog. Schon damals ging es in Hessen um Studiengebühren, seinerzeit um die Langzeitgebühren. Der Regionalteil hat damals ausführlich berichtet. Aber 2006 war das noch einmal eine ganz andere Dimension. Wenn es da eine Demo gab oder eine Kundgebung, dann sind wir am nächsten Tag ganz früh zum Kiosk oder zur Tankstelle gegangen, um zu schauen, wie die FR berichtet. Besonders wichtig war für mich damals aber auch der Anzeigenteil.

Inwiefern?

Ich habe meine erste eigene Wohnung über die Frankfurter Rundschau gefunden. Freitags habe ich mir die Anzeigen angeschaut, das waren richtig viele. Ich wohnte mit einem Freund in einer WG im Gallus, aber suchte eine eigene Bude. So habe ich eine Wohnung im Ostend gefunden, in der ich bis fast zum Ende meines Studiums wohnte.

Wie hat die FR Ihren politischen Werdegang geprägt?

Die FR hat mich sehr früh begleitet, nicht nur in meiner Rolle an der Uni. Ich weiß noch, wie ich den Entschluss gefasst habe, als Vorsitzender der Frankfurter SPD zu kandidieren. Ich war 29 Jahre alt, und der Gernot Grumbach, der vor mir Vorsitzender war, war fast doppelt so alt. Das war schon ein großer Schritt für mich. Ich habe Ihren Kollegen Claus-Jürgen Göpfert damals angerufen und gesagt: Ich würde Ihnen gerne etwas mitteilen. So entstanden dann die ersten kommunalpolitischen Texte.

Aber nicht nur in der FR…

Nein, die anderen haben dann auch berichtet. Wir können froh sein, dass wir in Frankfurt die große Vielfalt in der Presselandschaft haben. Es gibt mehrere Blätter unterschiedlicher Ausrichtung, die über Kommunalpolitik berichten. Das gibt es nicht in vielen Städten.

In welcher Reihenfolge lesen Sie denn Zeitung?

In allen Zeitungen natürlich erst einmal den Lokal- und Regionalteil. Das ist beruflich bedingt. Die bundesweit bedeutenden Nachrichten lese ich häufig online. Wichtig finde ich in der FR den Leitartikel, oft geht es da um Nachhaltigkeit, um Klimaschutz und um soziale Fragen. Da ist mir die Einschätzung der FR sehr wichtig. Und natürlich lese ich den Sportteil. Die umfangreiche Eintracht-Berichterstattung ist für mich als Fan selbstverständlich ein entscheidender Punkt.

Zur Person

Mike Josef wurde im März 2023 zum Frankfurter Oberbürgermeister gewählt. Zuvor war der Politiker SPD-Vorsitzender und Planungsdezernent. In den Römer zog er 2011 als Stadtverordneter ein.

Geboren wurde Josef im Januar 1983 in Syrien. Als er vier Jahre war, zog er mit seiner Familie nach Deutschland. Josef wuchs in Ulm auf und spielte dort sehr erfolgreich Fußball. 2003 kam er zum Studieren nach Frankfurt und gehörte für die Jusos dem Asta an.

Dann etwas detaillierter gefragt: Welchen Artikel lesen Sie donnerstags als erstes – und warum sind es die Römerbriefe?

Die lese ich natürlich immer. Ich schätze Leute mit Humor – und gerade in meinem Job ist es gut, wenn man über sich selbst lachen kann. Mit etwas Ironie geht manches leichter.

Wann haben Sie sich zuletzt so richtig über die FR geärgert?

Ach, als Politiker ärgert man sich ab und an über die Berichterstattung. Das gehört dazu. Ob als Parteichef, Fraktionsvorsitzender, Planungsdezernent oder Oberbürgermeister – es gab immer auch Artikel, die mir nicht gefallen haben. Aber so ist es eben, wenn man in einer Demokratie Debatten führt. Da spielen die Medien eine entscheidende Rolle. Und nicht mit jedem Text ist man einverstanden.

Welche Schlagzeile würden Sie bis zum Ende Ihrer Amtszeit gerne über sich lesen?

Über mich? Da ist eine einzelne Schlagzeile nicht entscheidend. Ich möchte, dass meine Politik richtig und realistisch wiedergegeben wird. Und das ist bei den Frankfurter Medien der Fall. Das ist für mich auch ein Ansporn, meinen Beruf mit einem hohen Maß an Leidenschaft auszuüben. Die Schlagzeile, die ich wirklich lesen möchte, hat nichts mit meiner Arbeit zu tun.

Wir sind gespannt…

Eintracht Frankfurt ist deutscher Fußball-Meister.

Okay… Wo wir gerade bei guten Wünschen sind. Was wünschen Sie der Frankfurter Rundschau für die kommenden 80 Jahre?

Wollen wir nicht lieber über einen überschaubaren Zeitraum reden. Ich wünsche, dass wir in 20 Jahren wieder hier sitzen und über 100 Jahre Frankfurter Rundschau reden. Dann ist nämlich vieles gut gelaufen. Für die FR und für uns alle als demokratische Gesellschaft.

80 Jahre Frankfurter Rundschau

Am 1. August 1945 erschein die erste Ausgabe unserer Zeitung. Unser Onlinedossier FR80 blickt zurück auf die Geschichte, beschreibt die aktuelle Lage der Zeitung – und stellt das Programm unserer politischen Geburtstagsfeier am 20. September vor, zu der Sie herzlich eingeladen sind.

Die vier Folgen unserer Historie:

Teil 1: Holpriger Start im August 1945 - die erste Frankfurter Rundschau entstand in den Trümmern des Frankfurter Zeitungsviertels. Zunächst zweimal die Woche. Und in einer streitenden Redaktion.

Teil 2: Pflichtlektüre für die 68er - Nähe und Distanz prägen das Verhältnis der FR-Redaktion zur außerparlamentarischen Opposition.

Teil 3: Eine Zeitung in Not - die FR wird mehrfach spektakulär gerettet.

Teil 4: Die Ippen-Jahre seit 2018 - Eigenständigkeit wird großgeschrieben, auch in Zeiten zahlreicher Kooperationen.

Weitere Inhalte im Dossier (Auszug):

Die FR und ihr Grundgesetz: Die Leitlinien aus der Ära von Karl Gerold lesen sich wie geschrieben für die Gegenwart. Die Frankfurter Rundschau ist nicht neutral – sondern antifaschistisch, linksliberal und zuweilen zornig. Ein Essay von Karin Dalka und Michael Bayer.

Im August 1945 war mehr los, als in die Zeitung passte. Ein Blick in die Erstausgabe der Frankfurter Rundschau von Richard Meng.

Zudem: 80 aufregende Jahre - die wichtigsten Stationen der Frankfurter Rundschau in unserer prägnanten Chronik.