Joachim Wille: „Das Klimathema lässt mich nicht los“
Uns auf Google folgen
Unser Autor über gut vier Jahrzehnte Umwelt- und Klimajournalismus bei der Frankfurter Rundschau.
Der Wind weht über die kahlen Höhen des Erzgebirges. Vor mir Mondlandschaften, wo die Baumstümpfe mit Baggern herausgerissen wurden. Auf manchen Flächen ragen noch graue Skelette in den Himmel, Baumstämme mit Ästen ohne Blätter Nadeln, ohne Leben. Kein Vogel singt, kein Rascheln im Unterholz – es gibt kein Unterholz mehr. Apokalypse August 1982.
Ich war als FR-Volontär hierhergefahren, auf die tschechische Seite des Gebirges, mit einer Politikergruppe aus dem hessischen Landtag, um das Waldsterben zu dokumentieren. Die Schwefeldioxid-Frachten aus den Braunkohle-Kraftwerken im Eger-Graben hatten einen Naturraum vernichtet – eine Entwicklung, die zu Beginn der 1980er Jahre auch in Deutschland wegen fehlender Schwefelfilter in den Kohlemeilern und Autos noch ohne Kat drohte. Dort, zwischen den Überresten eines einst grünen Waldes, verfestigte sich die Entscheidung für meine berufliche Laufbahn: Ich wollte Umweltjournalist sein.
Die Entscheidung hatte einen Vorlauf. Ich machte 1975 Abitur, dann Zivildienst, dann das Studium. Wer in dieser Zeit erwachsen wurde und politisch interessiert war, für den führte kein Weg daran vorbei, sich mit Umweltthemen zu beschäftigen. Es war die Zeit, in der die Anti-Atomkraft-Bewegung in Deutschland an Fahrt gewann. 1979 erschütterte der Fast-Super-GAU im US-amerikanischen Harrisburg die Welt. Die Luft in den Städten war dreckig, Flüsse waren Abwasserkanäle. Dazu kam mein Ärger über die autozentrierte Verkehrspolitik in meiner Heimatregion. Mein Studium finanzierte ich mit Artikeln für Lokalzeitungen. Umweltthemen spielten dabei eine Rolle, wenn auch nicht prominent.
1982 begann ich mein Volontariat bei der FR. „Umwelt“ war kein eigenes Ressort. Wer darüber berichten wollte, musste selbst die Initiative ergreifen. Zum Glück scheute die FR gesellschaftskritische und „alternative“ Themen wie die AKW-Debatte nicht. Das war ja auch der Grund gewesen, mich hier zu bewerben.

Die meisten Kolleg:innen begrüßten es, dass „der junge Wille“ sich intensiv um „neue“ Themen und die Partei der Grünen kümmerte. Es gab aber auch skeptische Stimmen, die fanden, man solle es mit Atom- oder Waldsterben-Geschichten nicht übertreiben. Entscheidend war: Es gab keine inhaltlichen Vorgaben oder Eingriffe, weder vom Chefredakteur noch vom Verlag. Dieses Vertrauen in die Unabhängigkeit der Redaktion prägte mich – und bestärkte mich darin, auch unbequeme Geschichten und Kommentare zu schreiben.
Als Nachrichtenredakteur und später als Politikredakteur begleitete ich in den 1980er Jahren die großen Umweltdebatten: saurer Regen, Rheinverseuchung, Chemieunfälle, AKW-Konflikt. 1986 dann Tschernobyl. Wochenlang bestimmten die Folgen des Super-GAU in der Ukraine die Berichte – Angst vor radioaktiv verseuchter Milch, Diskussionen über Grenzwerte, politische Debatten um die Zukunft der Kernkraft.
Einige Jahre später reiste ich selbst in die Sperrzone um das havarierte AKW. Ich stand im Kommandostand des zerstörten Reaktors, sah verlassene Städte und Dörfer, spürte diese gespenstische Stille. Wer einmal an so einem Ort war, sieht die Versprechungen der Atomindustrie mit anderen Augen.
Der Autor
Joachim Wille (69) ist Autor der Frankfurter Rundschau und Co-Chefredakteur des Online-Portals klimareporter.de. Er war von 1982 bis 2012 bei der FR angestellt, als Volontär, Nachrichten- und Politikredakteur, Ressortleiter sowie zuletzt als Politik-Reporter. Seither arbeitet er als freier Autor, vor allem weiterhin für die FR.
Wille ist für seine Arbeit mit mehr als einem Dutzend Preisen ausgezeichnet worden, besonders für seine langjährige Tätigkeit im Umweltjournalismus, aber auch für Reise- und Politik-Berichterstattung. 2015 erhielt er von Bundespräsidenten Joachim Gauck das Bundesverdienstkreuz als einer der Wegbereiter des Umweltjournalismus verliehen.
Die 1990er-Jahre brachten einen neuen Horizont, auch mir als FR-Redakteur: Umweltpolitik wurde global. 1992 nahm ich am UN-Erdgipfel in Rio de Janeiro teil, der ersten dieser Super-Konferenzen. Die Euphorie war greifbar, auch ich wurde davon erfüllt: Der Kalte Krieg war vorbei, und plötzlich verhandelten rund 120 Staats- und Regierungschefs von George Bush über Helmut Kohl und Suharto bis Fidel Castro über den Schutz von Klima und Biodiversität.
Dabei öffnete sich die Perspektive, wie die Entwicklungsländer beim Wohlstand aufholen könnten, ohne die Fehler der Industriestaaten zu wiederholen. Es war ein Moment, der hoffen ließ, dass die Welt gemeinsam handeln könnte. Daran teilzunehmen, war grandios. Bei den Klimagipfeln in Kyoto 1997 und 2015 in Paris erlebte ich erneut solche Momente der Aufbruchsstimmung – allerdings inzwischen begleitet von der Erkenntnis, dass internationale Abkommen allein keine schnelle Wende bringen.
Durch den Kontakt mit führenden Klimaforscher:innen wurde mir klar, welch gefährliches Experiment die Menschheit mit dem Verbrennen der in Jahrmillionen in der Erde abgelagerten fossilen Energien durchführt. Dass der Planet ohne Gegensteuern in Teilen unbewohnbar zu werden droht. Seither lässt mich das Thema nicht los, gleich, ob die journalistischen Konjunkturen es nach oben spülen oder absaufen lassen. Klimaneutralität zu erleben, wäre mein Wunsch. In Deutschland ist das für 2045 angepeilt.
Umweltthemen sind in den Medien wie Ebbe und Flut: mal omnipräsent, mal verdrängt durch andere Krisen. Die 1980er Jahre waren eine Hochphase, ebenso die Nuller-Jahre, als der Weltklimarat und der US-Politiker Al Gore den Friedensnobelpreis erhielten. Dann wieder nach 2018, als Fridays for Future Tausende auf die Straßen brachte. Studien zeigen, dass damals die Reichweite umweltjournalistischer Beiträge stieg. Dann kam der Absturz: Corona-Pandemie, Ukraine-Krieg, Inflation. Plötzlich dominierten wieder andere Themen die Schlagzeilen, und Klima- und Naturschutz verschwanden aus dem Zentrum der Aufmerksamkeit.
Es wird wieder ein „Auf“ geben. Die Klimakrise wird nicht warten, bis wir Zeit für sie haben. Sie drängt sich in den Alltag – durch Hitzewellen, Dürrejahre, Waldbrände, Flutkatastrophen. Die Trockenjahre 2018 bis 2020 und 2022 sowie die Ahrtalflut 2021 waren nur Vorboten davon, wie stark die Klimakrise das Leben verändern wird. Da braucht es einen Umweltjournalismus, der darauf reagiert und Handlungsmöglichkeiten aufzeigt.
Ja, wir müssen auch Lösungen präsentieren: Technologien, Projekte, Ideen, die Mut machen. Aber wir dürfen nicht den Fehler machen, den Ernst der Lage zu beschönigen. Seit den 1990er Jahren wissen wir, was zu tun ist – und haben dennoch wertvolle Zeit verloren.
Hier kommt der FR in der Presselandschaft eine besondere Bedeutung zu. Sie hat dem Thema Umwelt und Klima seit Jahrzehnten mehr Raum eingeräumt als die anderen Blätter im Schnitt. Das war der Grund für mich, der FR treu zu bleiben, selbst als ich in einer der zahlreichen Krisen der Zeitung den Posten als festangestellter Redakteur verlor und freier Autor wurde. Auch heute widmet sie dem Thema Klima so viel Bedeutung zu wie keine andere Tageszeitung in Deutschland. Dass die Redaktion trotz des aktuellen „Abs“ in der Themenkonjunktur weiterhin zu dem Projekt steht, zeichnet die FR aus – und ist für mich Ansporn, als Autor hier weiter beizutragen.
80 Jahre Frankfurter Rundschau
Am 1. August 1945 erschein die erste Ausgabe unserer Zeitung. Unser Onlinedossier FR80 blickt zurück auf die Geschichte, beschreibt die aktuelle Lage der Zeitung – und stellt das Programm unserer politischen Geburtstagsfeier am 20. September vor, zu der Sie herzlich eingeladen sind.
Die vier Folgen unserer Historie:
Teil 1: Holpriger Start im August 1945 - die erste Frankfurter Rundschau entstand in den Trümmern des Frankfurter Zeitungsviertels. Zunächst zweimal die Woche. Und in einer streitenden Redaktion.
Teil 2: Pflichtlektüre für die 68er - Nähe und Distanz prägen das Verhältnis der FR-Redaktion zur außerparlamentarischen Opposition.
Teil 3: Eine Zeitung in Not - die FR wird mehrfach spektakulär gerettet.
Teil 4: Die Ippen-Jahre seit 2018 - Eigenständigkeit wird großgeschrieben, auch in Zeiten zahlreicher Kooperationen.
Weitere Inhalte im Dossier (Auszug):
Die FR und ihr Grundgesetz: Die Leitlinien aus der Ära von Karl Gerold lesen sich wie geschrieben für die Gegenwart. Die Frankfurter Rundschau ist nicht neutral – sondern antifaschistisch, linksliberal und zuweilen zornig. Ein Essay von Karin Dalka und Michael Bayer.
Im August 1945 war mehr los, als in die Zeitung passte. Ein Blick in die Erstausgabe der Frankfurter Rundschau von Richard Meng.
Zudem: 80 aufregende Jahre - die wichtigsten Stationen der Frankfurter Rundschau in unserer prägnanten Chronik.