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FR-Forum: Empören Sie sich in Ruhe

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Ein Füllfederhalter, ein Blatt Papier mit Schrift.
Selbst schreiben, selbst denken. © imago stock&people

Warum man sich darum bemühen sollte, die eigenen Gedanken im Forum der FR zu veröffentlichen.

Haben Sie sich schon mal gefragt, was es heutzutage wert ist mitzureden, wenn zugleich alle durcheinanderreden und niemand mehr zuhört? Man kann diese Frage sogar noch etwas zuspitzen: Wen interessiert es, was man zu sagen hat, wenn alle schon längst alles wissen? Oder zu wissen glauben? Warum soll man sich dann noch darum bemühen, die eigenen Gedanken im Forum der FR zu veröffentlichen?

Ich habe darauf eine einfache, klare Antwort: weil es nötig ist. Empören Sie sich! Lassen Sie andere Menschen daran teilhaben. Aber bedenken Sie bitte einige Punkte, bevor Sie loslegen. Diese Kriterien sind für die meisten von Ihnen eine Selbstverständlichkeit, aber es ist in unserer Zeit, in der einiges zu entgleisen droht, möglicherweise nötig, auf diese Selbstverständlichkeiten hinzuweisen.

Das Forum der FR ist seit Jahrzehnten der Platz für Ihre Zuschriften, Ihre Gedanken und Ihre Meinungen. Ich kümmere mich nun seit fast 20 Jahren um das Forum, also fast ein Viertel der Zeit seit dem 1. August 1945, als die erste Ausgabe der FR erschienen ist. Ihre Teilhabe war immer gefragt – und sie ist es auch weiterhin. Sogar mehr denn je! Mit der Annahme, niemand höre mehr zu, stimmt nämlich etwas nicht. So einfach ist es nicht. Dazu gleich mehr.

Wenn Sie sich hinsetzen, um einen Brief an die FR zu schreiben, haben Sie möglicherweise Wut im Bauch. Oder Sie sind frustriert, niedergeschlagen. Die Dinge scheinen sich derzeit überall hin zum Extremen zu entwickeln. Es gibt vieles, worüber man sich empören kann und muss. Auf wütende Sprache folgt wütende Politik. Es ist wieder recht und billig, auf Minderheiten und Hilflose einzudreschen, mit Worten und mit physischer Gewalt. Diktaturen und Autokratien gedeihen und nehmen sich gewaltsam, was sie haben wollen. Demokratien scheinen einen schweren Stand zu haben. Und anstatt das drängendste Problem der Menschheit anzugehen, den Klimawandel, werden wir durch die Allüren eines orangefarbenen Mannes vereinnahmt, der sich im Weißen Haus einen goldenen Ballsaal einrichten will und die Welt mit einer desaströsen Volte nach der anderen heimsucht. Da staut sich viel Ärger an. Also einfach mal Dampf ablassen?

Das ist nicht der richtige Weg, das hat noch nie geholfen. Dafür ist das FR-Forum nicht der richtige Platz. Dampf ablassen, das kann man jederzeit überall im Internet. Dafür gibt es haufenweise Plattformen, sozusagen Dampfmaschinen. Dort ist das Phänomen der Wutrede schon lange zu Hause. Die Menschen nehmen kein Blatt vor den Mund. Aber auch in Mails an die FR kommen immer wieder Themen und Formulierungen auf, die früher nicht denkbar waren.

Ein Mann erhob beispielsweise angesichts der Messerattacke von Mannheim wütend die Forderung, die FR möge für die Wiedereinführung der Todesstrafe eintreten. Ein anderer forderte, geflüchtete Menschen, die Schutz in Deutschland suchen, vor dem Grenzübertritt zu erschießen. Das sind Positionen, die im FR-Forum natürlich keinen Platz haben. Menschenrechte gehören zur DNA der FR. Auch Straftäter und Geflüchtete sind Menschen. Ihre Würde ist unantastbar.

Im FR-Forum laufen die Dinge anders als im Netz. Wut oder Niedergeschlagenheit sind starke Motivationen, die am Anfang stehen können, wenn Sie eine Zuschrift formulieren, aber was fürs Forum zählt, sind Argumente, Positionen und Überzeugungen. Und zwar möglichst – trotz aller Wut – in Ruhe vorgetragen, sachlich und zugewandt. Das ist das Gegenteil von Wutrede. Wäre es nicht schön, wenn es wieder mehr davon gäbe? Wenn Wutreden an Einfluss verlören? Wie heißt es so schön: In der Ruhe liegt die Kraft.

Empörung ist überall. Man kann sich kaum davor schützen, wenn man im Netz unterwegs ist. Warum eigentlich? Wegen der vielfach kritisierten Algorithmen, die Nachrichten gezielt für Sie platzieren und Empörung, Wut, überhaupt Emotionen belohnen? Es stimmt: Wer es sachlich und freundlich mag, hat schlechte Karten. Und das, obwohl offensichtlich ist, dass diese Art, aneinander vorbeizureden, zum Spaltpilz für unsere Gesellschaft wird. Aber es ist ja so viel wichtiger, schnell mal Dampf abzulassen.

Wenn alle dasselbe tun, erfährt man durch Zuhören nichts Neues mehr, nichts Interessantes. Zumal wenn die Wutabfuhr dabei im Vordergrund steht. Die Wütenden sind am Ziel, sobald die Meinung gesagt ist, und klicken weg. Diese unangenehme Übergriffigkeit – denn um nichts anderes handelt es sich – kann weitreichende Folgen haben bis hin zur irrigen Annahme, dass heutzutage nur noch Empörung und Wutrede eine Chance haben gehört zu werden. Ich bin anderer Überzeugung: Nachdenkliche Stimmen sind stärker.

Sie müssen nichts beweisen, Sie müssen nur versuchen, überzeugend zu argumentieren. Tragen Sie Ihre Positionen weiterhin in Ruhe vor, so wie die meisten von Ihnen es schon immer getan haben. Werfen Sie Fragen auf, hinterfragen Sie die Dinge, und wenn Sie Tatsachen behaupten, wäre es wichtig, diese zu belegen, denn wir leben in Zeiten von Fake News und dürfen nicht einfach irgendwas behaupten.

Es geht nicht darum, recht zu behalten, sondern es geht um Austausch. Das ist das Gegenteil von Empörung, und das ist es letztlich auch, wovon eine Demokratie lebt. Dieses immer seltener umgesetzte Modell von Austausch hat Zukunft – als Gegengewicht zu den allgegenwärtigen Wutreden.

Denn niemand hat etwas davon, Dampf abzulassen, wenn er oder sie nicht gehört, wenn ihr oder ihm nicht zugehört wird. Wutreden stressen alle, ohne dass jemand etwas davon hat. Von einem Forum der Frankfurter Rundschau hingegen, das meinungsstark ist wie bisher und mit Überzeugungen und Gegenrede daherkommt, können alle profitieren.

80 Jahre Frankfurter Rundschau

Am 1. August 1945 erschein die erste Ausgabe unserer Zeitung. Unser Onlinedossier FR80 blickt zurück auf die Geschichte, beschreibt die aktuelle Lage der Zeitung – und stellt das Programm unserer politischen Geburtstagsfeier am 20. September vor, zu der Sie herzlich eingeladen sind.

Die vier Folgen unserer Historie:

Teil 1: Holpriger Start im August 1945 - die erste Frankfurter Rundschau entstand in den Trümmern des Frankfurter Zeitungsviertels. Zunächst zweimal die Woche. Und in einer streitenden Redaktion.

Teil 2: Pflichtlektüre für die 68er - Nähe und Distanz prägen das Verhältnis der FR-Redaktion zur außerparlamentarischen Opposition.

Teil 3: Eine Zeitung in Not - die FR wird mehrfach spektakulär gerettet.

Teil 4: Die Ippen-Jahre seit 2018 - Eigenständigkeit wird großgeschrieben, auch in Zeiten zahlreicher Kooperationen.

Weitere Inhalte im Dossier (Auszug):

Die FR und ihr Grundgesetz: Die Leitlinien aus der Ära von Karl Gerold lesen sich wie geschrieben für die Gegenwart. Die Frankfurter Rundschau ist nicht neutral – sondern antifaschistisch, linksliberal und zuweilen zornig. Ein Essay von Karin Dalka und Michael Bayer.

Im August 1945 war mehr los, als in die Zeitung passte. Ein Blick in die Erstausgabe der Frankfurter Rundschau von Richard Meng.

Zudem: 80 aufregende Jahre - die wichtigsten Stationen der Frankfurter Rundschau in unserer prägnanten Chronik.