Eintracht Frankfurt und die FR - nicht immer eine Liebesbeziehung
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Reporter, Spieler und Trainer sind zwar ständig in Kontakt - dennoch knirscht es immer mal wieder. Ein Blick hinter die Kulissen.
Früher, als die Zeiten noch andere waren, steckten die FR-Eintracht-Reporter zu Wochenbeginn meistens die Köpfe zusammen und berieten, welche Themen sie denn angehen wollen für die kommenden Tage bis zum nächsten fälligen Bundesligaspiel.
Für den Montag wählten sie oft genug den Weg des geringsten Widerstands oder besser gesagt des geringsten Aufwands. „Wir rufen mal den Friedhelm an.“
Der Friedhelm, Nachname Funkel, war damals, von 2004 bis 2009, der Trainer der Eintracht, ein unprätentiöser, cooler Typ und einer, der immer ans Handy ging oder zuverlässig zurückrief.
Da klapperte man also fernmündlich auf die Schnelle noch mal ein paar Personalien ab, vielleicht hatte es ja über Nacht weitere Verletzte gegeben, zuweilen blickte man auch gemeinsam zurück auf die letzte Partie oder voraus auf die bevorstehende. Funkel, der Bundesliga-Dino, hat das gerne gemacht; nach zehn Minuten war der Spuk vorüber und genügend Stoff für 130, 140 Zeilen gesammelt.
Das liest sich in der Rückschau sehr unspektakulär, und – ehrlich gesagt – das war es auch. Es ist aber insofern eine Erwähnung wert, weil ein solch profaner Vorgang heute nahezu unmöglich wäre. Es ist in diesem jetzigen Zeitalter mehr oder weniger undenkbar, einfach mal einen Bundesligatrainer am Mittag anzurufen und ein bisschen zu plaudern.
Das liegt zum einen daran, dass der Arbeitsaufwand für die Fußballlehrer ungleich größer geworden ist. Gar keine Frage. Aber in erster Linie daran, dass so etwas nicht erwünscht, ja verpönt ist. Die Arbeitsbedingungen sind andere geworden, ganz andere. Und da reden wir nicht von Zeiten, in denen man als Reporter vor dem Anpfiff noch im Spielertunnel stand und anschließend die ersten Interviews auf dem Feld geführt hat. Nein, nein.
Persönliche Gespräche sind selten geworden, tiefe Kontakte erst recht. Immerhin: Der aktuelle Trainer Dino Toppmöller ist freundlich, aufgeschlossen und nahbar, ab und an gibt es sogar mal aufschlussreiche Hintergrundgespräche.
Aber sonst ist es, wie es ist: Zitate werden autorisiert, Interviews sowieso. Handynummern werden kaum mehr ausgetauscht. Früher war es Usus, die spielenden Neuankömmlinge als Erstes nach ihrer Telefonnummer zu fragen. Die ist auch immer bereitwillig herausgerückt worden.
Wobei, interessant: Der erste Spieler, der damit brach, war ein völlig unbekannter junger Mann namens Dominik Schmidt, der auf eine entsprechende Frage antwortete: „Anfragen bitte über meinen Berater, Herrn Fleischmann.“ Führte dazu, dass eine echte Reportlegende wie ein Rohrspatz auf Herrn Schmidt schimpfend den Sportplatz verließ. Das war 2011. Dominik Schmidt hat genau ein Profispiel für die Eintracht gemacht.
In die Mixed Zone, dem Treffpunkt zwischen Profifußballern und Medien, werden heute nur noch Spieler geführt, die die Presseabteilung ausgesucht hat. Früher rief man die Herren Fußballer einfach, und wenn jemand Lust hatte zu sprechen, kam er ans Flatterband – wenn nicht, dann nicht. Es war auch kein Aufpasser dabei, der jedes Wort mit dem Handy aufzeichnete.
Das Ganze ist im Übrigen kein Eintracht-Frankfurt-Phänomen; es ist Usus in der Glitzerwelt Profifußball – und in anderen Ländern sogar noch sehr viel rigider. Öffentliche Trainings, hier nur noch selten, gibt es in England gar nicht.
Heute produzieren die Vereine ihre Formate selbst, TV, Radio, Podcast, Bücher, Magazine, Websites. Natürlich auch alle Social-Media-Kanäle. Die Eintracht macht das gut, wurde erst kürzlich zum Deutschen Digital-Meister 2025 gekürt.
Doch intern wissen die Verantwortlichen um die Bedeutung der unabhängigen Medien, eine distanzierte, kritisch-fundierte Berichterstattung halten sie für absolut begrüßenswert und unerlässlich in diesen Zeiten. Und natürlich sind die Führungsköpfe schlau genug, das Thema Reichweite nicht zu unterschätzen. Das verfolgen sie sehr wohl mit Argusaugen. Auch der Ippen-Verlag, dem die FR angehört, ist da kein Leichtgewicht.
Natürlich war früher nicht alles besser, aber vielleicht ein Stück weit einfacher, entspannter. Nach dem Training bei der Eintracht etwa schlenderte man mit einem Spieler bis zur Umkleide, verwurstete fünf, sechs Zitate zu einem Artikel. Niemand wollte noch mal drüberlesen; das Gespräch mit dem Trainer fand täglich nach der Übungseinheit statt.
Ein Pressesprecher als Bodyguard war nie dabei, auch keine Security, nur einmal wagte es der frühere Medienchef Carsten Knoop, sich an die Seite von Friedhelm Funkel zu begeben. Da durfte sich der arme Carsten gleich einen gewaschenen Rüffel abholen. „Meinen Sie, Sie müssen auf mich aufpassen? Was wollen Sie hier? Gehen Sie in Ihr Büro“, herrschte ihn der Trainer an. Friedhelm Funkel übrigens lässt bis heute keine Interviews autorisieren; er hat mit mancher Medienabteilung deshalb schon richtig Zoff gehabt.
Und auch das Verhältnis zu den Spielern hat sich verändert; die Fußballer werden so schnell von Verein zu Verein durchgeschleust, dass kaum noch eine persönliche Beziehung entstehen kann. Vorbei die Zeiten, da ein Kevin Trapp schon mal geharnischte SMS sendete und die Berichterstattung als „Frechheit“ abkanzelte: „Nehmt euch nicht zu viel heraus, kommt nicht überall gut an.“
Streit mit Bruchhagen
Oder Maik Franz, der sich gleich nach seinem ersten Training persönlich beschwerte: „Du hast geschrieben, ich bin fußballerisch limitiert. Fand ich jetzt nicht so toll.“ Recht schnell hat man aber all die Konflikte aus der Welt schaffen können.
Auch den Zwist mit Benjamin Huggel, den die FR als „Traber des Jahres“ bezeichnete, weshalb der Schweizer völlig die Contenance verlor. Oder den mit Andree Wiedener, der einmal ob einer Bewertung im gefürchteten Klassenbuch so außer sich geriet, dass er zurückgehalten werden musste. Auch Alex Meier, die Ikone, konnte sich so manche Spitze nicht verkneifen. Nach einem sauberen Dreierpack frotzelte er in der Mixed Zone: „Und, heute im Klassenbuch wieder nur so lala?“ Nein, natürlich nicht.
Auch Armin Veh, der ein gutes Verhältnis zu uns pflegte, ging einmal mit einer wahren Tirade auf den FR-Mann los, weil die Redaktion der Meinung war, die Eintracht in ihrer schönen Tipptabelle nach Platz sechs im Vorjahr (als Aufsteiger) noch ein wenig nach oben zu stufen, Rang fünf. „Ja, seid ihr deppert?!“, fluchte Herr Veh, gar nicht im Spaß. Er hat wohl was geahnt, am Ende langte es zu Platz 14 im Klassement. Und diese Saison? Die FR lehnte sich erneut weit aus dem Fenster, Rang zwei soll es werden. Die Verantwortlichen haben wieder mit den Augen gerollt.
Legendär sind auch die vielen Streitigkeiten mit Heribert Bruchhagen, der irgendwann gar nicht mehr mit der FR sprechen wollte und sich schon mit einem unguten Gefühl den Pressespiegel von Carsten Knoop aushändigen ließ. „Mal sehen, was Durstewitz und Kilchenstein heute wieder geschrieben haben“, raunte er seinem Pressemann regelmäßig zu. Mit Heribert Bruchhagen haben wir längst Frieden geschlossen – und umgekehrt auch.
Nur dieser Michael Skibbe, nein, mit dem blieb das Tischtuch zerschnitten. Bis heute. Der notorische Zuspätkommer hatte sich damals dazu entschieden, nach dem ersten kritischen Artikel unseren Chef besuchen und sich beschweren zu müssen. Kam nicht ganz so gut an. Aber was soll’s? Wir sind noch immer da und helfen mit, die alte Tante FR am Laufen zu halten. Michael Skibbe ist mittlerweile Trainer bei Sanfrecce Hiroshima. Gutes Gelingen!
80 Jahre Frankfurter Rundschau
Am 1. August 1945 erschein die erste Ausgabe unserer Zeitung. Unser Onlinedossier FR80 blickt zurück auf die Geschichte, beschreibt die aktuelle Lage der Zeitung – und stellt das Programm unserer politischen Geburtstagsfeier am 20. September vor, zu der Sie herzlich eingeladen sind.
Die vier Folgen unserer Historie:
Teil 1: Holpriger Start im August 1945 - die erste Frankfurter Rundschau entstand in den Trümmern des Frankfurter Zeitungsviertels. Zunächst zweimal die Woche. Und in einer streitenden Redaktion.
Teil 2: Pflichtlektüre für die 68er - Nähe und Distanz prägen das Verhältnis der FR-Redaktion zur außerparlamentarischen Opposition.
Teil 3: Eine Zeitung in Not - die FR wird mehrfach spektakulär gerettet.
Teil 4: Die Ippen-Jahre seit 2018 - Eigenständigkeit wird großgeschrieben, auch in Zeiten zahlreicher Kooperationen.
Weitere Inhalte im Dossier (Auszug):
Die FR und ihr Grundgesetz: Die Leitlinien aus der Ära von Karl Gerold lesen sich wie geschrieben für die Gegenwart. Die Frankfurter Rundschau ist nicht neutral – sondern antifaschistisch, linksliberal und zuweilen zornig. Ein Essay von Karin Dalka und Michael Bayer.
Im August 1945 war mehr los, als in die Zeitung passte. Ein Blick in die Erstausgabe der Frankfurter Rundschau von Richard Meng.
Zudem: 80 aufregende Jahre - die wichtigsten Stationen der Frankfurter Rundschau in unserer prägnanten Chronik.

