80 Jahre FR zum Nachlesen
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Die Uni-Bibliothek hält alle Ausgaben seit 1945 bereit - und ein Themenarchiv zudem.
Michelle Kamholz öffnet die Tür, und schon steht man in der Universitätsbibliothek im Frankfurter Stadtteil Bockenheim vor der Erstausgabe der FR. Sie stammt von Mittwoch, 1. August 1945. Sie ist ausgelegt auf einem Tisch.
„Eine neue Zeitung in Frankfurt am Main. Eine Zeitung, die man bei der Post oder beim Träger bestellt, bezahlt und zugestellt erhält“, teilt das Herausgebergremium mit, berichtet von der „zähen Vorarbeit“, bis die US-Militärregierung die Lizenz Nr. 2 der Nachrichtenkontrolle vergab; die erste Lizenz hatten zuvor die „Aachener Nachrichten“ in der britischen Besatzungszone erhalten.
Als Aufgabe gab die Militärregierung der FR mit auf den Weg, „die Neuerziehung und den Wiederaufbau des deutschen Volkes zu beschleunigen“, wodurch die Leserinnen und Leser in die Lage versetzt würden, „die Verantwortung als Bürger des neuen Frankfurts und des neuen Deutschlands zu übernehmen“ – nach zwölf Jahren Propaganda durch die Nazi-Diktatur.
Erstaunlich, was man erfährt, wenn man in den Ausgaben der FR blättert. Michelle Kamholz, die Sachgebietsleiterin Forschungslesesaal und Digitale Kuratierungsservices an der Uni-Bibliothek Johann Christian Senckenberg der Goethe-Universität Frankfurt, hat sie zugänglich gemacht.
Als der Zweite Weltkrieg zu Ende ging, waren rund 90 000 Wohnungen in Frankfurt zerstört. 90 000 Wohnungen von vormals etwa 177 000 Wohnungen. „Kurz vor dem Einrücken der Amerikaner zählte die Stadt etwa 250 000 Einwohnerinnen und Einwohner. Davon war fast die Hälfte obdachlos.“

Während die Alliierten ihr Hauptquartier aus Reims und Paris nach Frankfurt ins Gebäude der IG-Farben (Interessengemeinschaft Farbenindustrie) verlegte, ordnete die Militärregierung in der US-Besatzungszone an, vor dem Winter 1946 Notreparaturen an Wohnungen auszuführen, in jedem Bezirk in Frankfurt eine Kirche nutzbar zu machen, die Fabriken am Verfall zu hindern und lebenswichtige Industrie- und Handelsunternehmen zu ertüchtigen. „Als Baumaterialien werden alte und neue Ziegelsteine, Holz, Glas und Dachpappe zugelassen werden.“
Die Universitätsbibliothek an der Bockenheimer Warte hat die alten Ausgaben der FR seit 1945 archiviert. Teilweise als Originalausgaben, wie die Erstausgabe vom 1. August 1945. Teilweise als ausgeschnittene Zeitungsartikel, die thematisch sortiert sind. Die Leitz-Ordner mit den gesammelten Artikeln zu Themen wie Straßenverkehr, Bürgermeister oder Studenten hatte die Ippen-Mediengruppe der Universitäts-Bibliothek als Geschenk überlassen. Zuvor lagerten sie in einem Archiv-Raum im Societätsgebäude an der Frankenallee im Gallusviertel.

Doch als das Societätsgebäude, in dem die „Frankfurter Neue Presse“ und die FR ihren Sitz hatten, während der Pandemie geräumt wurde, um einem neuen Quartier mit Mietwohnungen, Büros, Einzelhandel, Gastronomie, Kindertagesstätten, einer Grundschule sowie Tiefgarage Platz zu machen, zog das FR-Archiv nicht mit um.
In der Redaktion in der Hedderichstraße in Sachsenhausen war kein Platz. Stefan Kuhn, der frühere Redaktionsleiter im Regionalen, fädelte den Deal mit der Bibliothek ein. Michelle Kamholz wacht seitdem über die Ordner.
Sie sind nicht öffentlich zugänglich, noch nicht. Bis Ende 2025 wollen Kamholz und ihr Team die Ausgaben der Frankfurter Rundschau digitalisiert haben. Dann kann man sich durch pdf-Dateien scrollen. Die alten Zeitungsartikel gehen dann den Weg aller Zeitungen – ins Altpapier. Das alte Papier löst sich nach Jahrzehnten mittlerweile auf.
Schon lange hat die Universitätsbibliothek alte Zeitungen auf beständigeres Material kopiert. Die Mikrofilme und die postkartengroßen Mikrofiche sind im Lesesaal einsehbar. Sie zu benutzen, ist eine Reise in die Vergangenheit. Man legt den Mikrofilm ins Lesegerät ein und blättert sich etwa durch die Ausgaben - etwa von Juni 1950 bis Juli 1951 auf Rolle Nummer 6. Mikrofilm spart Platz im Schrank, im Gegensatz zu alten Zeitungsordnern. Auch Mikrofiche spart Platz. Auf einer Folie lassen sich etwa die Ausgaben von 1. bis 4. November 1997 speichern.

Einfacher zu benutzen ist das Archiv der „FAZ“, für das die Bibliothek eine Lizenz hat. Der Pressedienst Genios, ein Unternehmen von „FAZ“ und „Handelsblatt“, macht Artikel ebenfalls zugänglich. Mit Suchfunktion für 3,09 pro Artikel. Den Zugang gibt es auch als Abo. Die FR gibt es auch am Kiosk oder per Zustellung, als App oder E-Paper, als Einzelausgabe oder im Abo. Und die Ausgaben kann man aufheben.
80 Jahre Frankfurter Rundschau
Am 1. August 1945 erschein die erste Ausgabe unserer Zeitung. Unser Onlinedossier FR80 blickt zurück auf die Geschichte, beschreibt die aktuelle Lage der Zeitung – und stellt das Programm unserer politischen Geburtstagsfeier am 20. September vor, zu der Sie herzlich eingeladen sind.
Die vier Folgen unserer Historie:
Teil 1: Holpriger Start im August 1945 - die erste Frankfurter Rundschau entstand in den Trümmern des Frankfurter Zeitungsviertels. Zunächst zweimal die Woche. Und in einer streitenden Redaktion.
Teil 2: Pflichtlektüre für die 68er - Nähe und Distanz prägen das Verhältnis der FR-Redaktion zur außerparlamentarischen Opposition.
Teil 3: Eine Zeitung in Not - die FR wird mehrfach spektakulär gerettet.
Teil 4: Die Ippen-Jahre seit 2018 - Eigenständigkeit wird großgeschrieben, auch in Zeiten zahlreicher Kooperationen.
Weitere Inhalte im Dossier (Auszug):
Die FR und ihr Grundgesetz: Die Leitlinien aus der Ära von Karl Gerold lesen sich wie geschrieben für die Gegenwart. Die Frankfurter Rundschau ist nicht neutral – sondern antifaschistisch, linksliberal und zuweilen zornig. Ein Essay von Karin Dalka und Michael Bayer.
Im August 1945 war mehr los, als in die Zeitung passte. Ein Blick in die Erstausgabe der Frankfurter Rundschau von Richard Meng.
Zudem: 80 aufregende Jahre - die wichtigsten Stationen der Frankfurter Rundschau in unserer prägnanten Chronik.