Die FR - ganz nah in den Stadtteilen
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Ortsbeiräte, Preisschauen der Kleintierzuchtvereine, Frühlingsfeste, Sommerfeste, Herbstfeste, Weihnachtsfeiern, Fastnachtssitzungen. Auch das ist die FR. Die Stadtteile – eine Liebesgeschichte.
Wir trafen uns mittwochs um halb drei. Oder um drei. Oder etwa um halb vier? Jedenfalls mittwochnachmittags. Wir stiegen in den dritten Stock (oder war es der vierte? Wie lang ist das her?) des Rundschau-Hauses oder fuhren mit dem Paternoster. Dort wartete ein Sitzungszimmer auf uns.
Wir waren zwanzig Leute, manchmal fünfundzwanzig, und teilten Hunderte Termine für die kommenden sieben Tage auf. Ortsbeiratssitzungen, Preisschauen der Kleintierzuchtvereine, Frühlingsfeste, Sommerfeste, Herbstfeste, Weihnachtsfeiern, Fastnachtssitzungen. Wir füllten jede Woche vier Zeitungsbücher der Donnerstagausgabe, je 24 Seiten, große alte Rundschauseiten, je ein Zeitungsbuch pro Himmelsrichtung, Norden, Süden, Osten, Westen. Wir kannten die Stadtteilgrenzen zentimetergenau. „Haha, das Bürgerhaus Bornheim steht im Ostend!“ – „Aber nur bis zum dritten Tisch des Clubraums 2!“ – „Und der Ginnheimer Spargel in Bockenheim.“
Dann kam das Internet. Aber bleiben wir noch einen Moment auf dem Papier. Weil’s so schön war. Sie war eine schöne Zeit, die wilde Zeit der „Stadtteil-Rundschau“. Die Veteranen unter uns fingen dort an, als die donnerstägliche Monumentalbeilage noch „Lokalanzeiger“ hieß. Als blutige Anfänger kamen wir ins Büro von Adolf Karber, Chef über die 43 Frankfurter Quartiere, was die Berichterstattung anging, und fragten nach einem Praktikum.

Monate später durften wir erste Kurzmeldungen schreiben, dann wurden wir zu einem Klamottenbasar in einer Kirchengemeinde der Nordweststadt geschickt, wo wir der Veranstalterin gegenübersaßen bei einer Tasse Kaffee, die wir vor zitternden Händen lieber kalt werden ließen, und versuchten, schlaue Fragen zu stellen.
Und das Wunder geschah, wir bekamen alles von der Pike auf beigebracht, wir wuchsen an diesen Aufgaben, unsere Themen wurden wichtiger, unsere Schrift wurde unleserlicher (oder heißt das „unlächerlicher“, was ich mir da eilig notiert habe?), unsere Schreibmaschinen wurden Computer, unser „Lokalanzeiger“ wurde zur „Stadtteil-Rundschau“, abgekürzt „StaR“. Wir saßen zur Feier des neuen Namens in einem Saal der Arbeiterwohlfahrt im Nordend, Adolf Karber hatte jeder und jedem von uns ein Schild auf den Platz gestellt: „StaR-Reporter“.
Die Nahberichterstattung: eines der Erfolgsgeheimnisse der Zeitung. Was war gestern um die Ecke los? Wie lief das Fest zum 75-jährigen Bestehen der Fußballer drüben im Vereinsheim? Wie macht sich die Sozialbezirksvorsteherin?
Die Themenliste war unerschöpflich. So wie wir. Eigentlich sollten wir studieren und nebenher für die Zeitung schreiben. Uneigentlich saßen wir in Stadtteilparlamenten, verkauften unsere wichtigsten Themen an den „großen“ täglichen Lokalteil, und am Wochenende gingen die Wahnsinnigsten von uns zu zehn, zwölf Festen, ob Regen oder Sturm, sammelten Informationen ein, kuriose Geschichten, herzergreifende Beispiele von Aufopferung aus Bürgersinn (der damals noch Bürgersinn hieß und noch nicht Bürgerinnen- und Bürgersinn, manches ist auch besser geworden seither).
Dann saßen wir sonntags in der Redaktion und schrieben einen Text nach dem anderen aus dem Block in die Zeitung. Zwischendurch noch mal raus, ein weiteres Straßenfest einsammeln. Und zurück in die Schreibstube. Den lieben Kumpel am Platz nebenan, den man bei der „StaR“-Arbeit kennengelernt hatte, der ebensoviele Texte in die Tastatur klapperte und mit dem man am Ende des Tages regelmäßig in die spanische Tapasbar an der Friedberger Landstraße ging, das Zeilengeld verpulvern, das wir uns redlich verdient hatten.
In der „StaR“ konnten wir über alles schreiben, was uns einfiel. Der Platz schien unbegrenzt. Die Menschen in den Quartieren waren uns nah und wir ihnen. Dann kam das Internet, das hat noch mehr Platz. Dieses Internet hat es geschafft, viel von unserer Arbeit an sich zu nehmen, ohne dass die Lesenden unsere Arbeit honorieren. Sprich: Ohne Geld kannst du keine donnerstägliche Monumentalbeilage machen.
Wir versuchen, trotzdem den Blick in den Stadtteilen zu haben, seit langem täglich und nicht gesammelt wöchentlich. Weil sie uns wichtig sind, die Stadtteile. Weil die Menschen uns wichtig sind. Weil die Zeitung etwas bleiben soll, das den Leuten nahe ist. Versprochen.
80 Jahre Frankfurter Rundschau
Am 1. August 1945 erschein die erste Ausgabe unserer Zeitung. Unser Onlinedossier FR80 blickt zurück auf die Geschichte, beschreibt die aktuelle Lage der Zeitung – und stellt das Programm unserer politischen Geburtstagsfeier am 20. September vor, zu der Sie herzlich eingeladen sind.
Die vier Folgen unserer Historie:
Teil 1: Holpriger Start im August 1945 - die erste Frankfurter Rundschau entstand in den Trümmern des Frankfurter Zeitungsviertels. Zunächst zweimal die Woche. Und in einer streitenden Redaktion.
Teil 2: Pflichtlektüre für die 68er - Nähe und Distanz prägen das Verhältnis der FR-Redaktion zur außerparlamentarischen Opposition.
Teil 3: Eine Zeitung in Not - die FR wird mehrfach spektakulär gerettet.
Teil 4: Die Ippen-Jahre seit 2018 - Eigenständigkeit wird großgeschrieben, auch in Zeiten zahlreicher Kooperationen.
Weitere Inhalte im Dossier (Auszug):
Die FR und ihr Grundgesetz: Die Leitlinien aus der Ära von Karl Gerold lesen sich wie geschrieben für die Gegenwart. Die Frankfurter Rundschau ist nicht neutral – sondern antifaschistisch, linksliberal und zuweilen zornig. Ein Essay von Karin Dalka und Michael Bayer.
Im August 1945 war mehr los, als in die Zeitung passte. Ein Blick in die Erstausgabe der Frankfurter Rundschau von Richard Meng.
Zudem: 80 aufregende Jahre - die wichtigsten Stationen der Frankfurter Rundschau in unserer prägnanten Chronik.