Das ABD des Feuilletons
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Da die Welt eine Bühne ist, muss am Ende immer das Feuilleton ran. Es fühlt sich pudelwohl damit, auch wenn es oft kompliziert wird.
Ist das Feuilleton womöglich doch der sonderbarste Ort einer Zeitung? Hier der Versuch einer systematischen Annäherung.
A
Anfang. Am Anfang, 1945, Einwürfe, Orientierungen, Erinnerungen an die, die nicht mehr da waren und über die möglichst wenig gesprochen wurde. Zum Beispiel: Unter dem Titel „Die Bonzen haben sich totgelacht“ geht es um den Schauspieler und einst berühmten Komiker Otto Wallburg. Und wie dieser 1934, nach dem Rauswurf in Berlin noch einmal bei Arthur Hellmer am Neuen Theater Frankfurt engagiert, erleichtert von seinem Erfolg erzählt. „Voller Hoffnungen“, heißt es im kleinen Text, wie sie jeder hätte, über den die Leute herzlich lachen. Nach langer, schließlich vergeblicher Flucht wurde Wallburg in Auschwitz ermordet.
B
Bücher gehören gleich dazu, überall, auf eigenen Seiten oder zwischendurch. Wenn am Anfang noch ein gewisser Mangel herrscht, heißt die Überschrift „Bücher, die wir noch lesen werden“. Der Text dazu weist auf Theodore Dreisers „Bollwerk“, Sinclair Lewis’ „Cass Timberlane“ und Heinrich Manns „Die Vollendung des Königs Henri IV“. Ein Versprechen auf eine unzensierte Lesewelt.
D
Diskussionen. Die Feuilletonkonferenz geht traditionell eine Weile. Hier schlägt sich nieder, dass das Feuilleton zu allem etwas zu sagen hat. Je nachdem, wie groß die Konferenz ist, und die Spanne war über die Jahrzehnte beträchtlich, dauert das, weil viele wichtige Dinge erst dann wirklich gesagt sind, wenn man sie auch selbst gesagt hat. Diskretion ist hierbei aber am Platze. Zu einem besonders beliebten Diskussionsgegenstand s. „Sport“.
F
Feuilleton. Es gibt zunächst und noch länger keine Seite, die Feuilleton heißt, aber es gibt bald Feuilleton. 1946 bereits ein Frankfurter „Jedermann“. Die Programmheftformulierung, Hugo von Hofmannsthal habe zum Kreis um den Dichter Stefan Zweig gehört, bringt den Kritiker sofort in eine ästhetische Rage. 1947 erinnert das Feuilleton, das noch nicht so heißt, aber an Zweigs fünften Todestag. FR-Feuilleton, lernen wir, war von Anfang an immer nicht auf irgendeiner Linie.
Flatiron Letter. Das FR-Feuilleton hat seit jeher eine Neigung zu merkwürdigen Kolumnentiteln. Die New Yorkerin Marcia Pally schrieb von 2001 bis 2007 markant über ihre Heimat und die politische Bigotterie, über die man damals noch weit besser lachen konnte. Bereits zwischen die vierte und fünfte Folge fielen die Anschläge vom 11. September.
K
Kino. In der Welt des Laptop-Streamens ist das Kino zum Sehnsuchtswort geworden. Interessanterweise hat der FR-Kritiker immer darauf bestanden, kein Film-, sondern ein Kinokritiker zu sein. Das Feuilleton wägt Wörter und Worte gerne ab.
Krimi. Das Feuilleton – beileibe nicht nur in der FR – hatte lange und zu Recht den Ruf, dass ihm Besprechungen von Kriminalromanen nicht auf die Seite kommen. Sie wissen schon: Keine Hochliteratur! Aber der Krimiboom war nicht mehr zu übersehen, als bereits im vergangenen Jahrhundert große und stolze Buchhandlungen begannen, Regal um Regal mit Spannungsliteratur zu füllen. Gleichzeitig war nicht mehr zu überlesen, dass der Krimi, dass nicht wenige der Verfasserinnen und Verfasser einen Mordsehrgeiz entwickelten, viel mehr als nur Unterhaltung zu schreiben. Immer noch gibt es auch viel Spreu in diesem Genre, gewiss, aber der Weizen steht längst hoch, die Ernte im Feuilleton.
Kulturspiegel. Zum Jahreswechsel 1989/1990 ging es dann hopplahopp, denn wenn Lokal- und Regionalchef Horst Wolf etwas wollte, setzte er es durch – und also ward die eigene Seite namens „Kulturspiegel“ geboren. Eine ganze (damals ja große!) Seite statt etwas, das als „Rhein-Main-Kulturspiegel“ in den Keller des Feuilletons gestellt wurde. Einen eigenen, verlässlichen Platz erhalten sollte mit dem „Kulturspiegel“ die Kulturberichterstattung in Stadt und Region, sollten die kleineren Theater und Frankfurter Freie Gruppen, sollte der seit Ende 1988 neue und emsige Mousonturm, all die Konzertorte, die Galerien, der seinerzeit prächtig erblühende Tanz (s. „Tanz“). Der Start ausgerechnet im stillen Januar war eine Herausforderung. Aber die Kurzkritiken-Spalte „Unlängst“ zeigte bald, wie fleißig und berichtenswert viele Kunst- und Kulturbären steppten.
M
Musik. Ein delikates Feld. Der schönste wütende Leserbrief zu einer Konzertkritik schloss mit der Aufforderung: „Schicken Sie beim nächsten Mal doch bitte einen Fan, damit es ein objektiver Bericht wird.“
N
Namen waren früher vorzugsweise Kürzel. Sie haben auch im Feuilleton vor 20, 30 und vermutlich 80 Jahren eine ungleich größere Rolle gespielt als heute. Sie waren Teil der Journalistenidentität. Groß- und Kleinschreibung, Punkte, Striche, alles war wichtig, und wie sehr erst in einem auf das Subtile spezialisierten Ressort. Unvergessen eine harmlose, aber irgendwie auch zähe Fehde zwischen Feuilleton und Sport um ein bestimmtes Kürzel. Die Chefredaktion griff ein. Das „Times mager“ (s. „Times mager“) wurde viele Jahre gekürzelt. Als die Chefredaktion Klarnamen verlangte, war das ein Hammer.
P
Papier. „Und hier ist sicher das Feuilleton“: Es war so und es ist heute noch so, dass Menschen, die durch die Redaktionsräume geführt werden, nach einem kurzen Blick schon den Satz sprechen. Denn worauf fällt ihr Blick? Auf Papier – Saisonprogramme der Theater, Herbst- und Frühjahrskataloge der Verlage, Pressematerialien zu Ausstellungen. Und natürlich auf Bücherstapel. Sogar auf dem Boden, wenn die Schrankflächen nicht mehr reichen. Ein Herr von der Feuerwehr sprach einst das uns bis dahin unbekannte Wort gelassen aus: „Brandlast“. Wir nickten verlegen und artig. Aber vor wenigen Wochen war es wieder so weit: „Und hier ist sicher das Feuilleton“, sagte ein Redaktionsgast im Vorbeigehen. Woran nur könnte er das erkannt haben?
Premiere. Premieren sind noch immer das Wichtigste im Leben eines Theaterkritikers sowie einer Theaterkritikerin, sie bestimmen den Wochenend- und Jahreslauf, die Verwandtschaft kann einen darum nicht mehr leiden. Eine Liveveranstaltung, man hat pünktlich zu erscheinen, egal wo und wann und wie. Auf einer Premierenfeier hingegen haben die Kritikerin sowie der Kritiker nichts zu suchen.
R
Reisetätigkeit. Zum Kritiker- und Kritikerinnenberuf gehörte – als es noch die Zeit und das Geld dafür gab und auch die Bahn noch funktionierte – das ausführliche (heute deutlich weniger ausführliche) Reisen. Auf das man mitzubringen hatte: Schaulust. Riesig kann die Schaulust sein, groß danach die Lust, theater-, opern- oder tanzinteressierten Leserinnen und Lesern davon zu berichten. Aber nicht zuletzt lernt man bei jeder Seh- und Hörerfahrung dazu. Sei es, dass man über eine aufstrebende Choreographin in X staunt. Sei es, dass das Theater in Y einen famosen Regisseur engagiert hat. Und dass man manchmal nach Z fährt und etwas missmutig zurück, auch das gehört dazu.
Rezension. Die Rezension schreiben der Kritiker und die Kritikerin nicht, weil sie alles wissen, sondern weil sie sich vorbereitet haben und zum Beispiel sehr viel ins Theater gehen. Sie sind am Ende eine Person, die aus dem Publikum tritt und sich große Mühe gibt, sich und anderen zu erklären, was das jetzt war. Das ist nicht viel, aber das ist auch nicht wenig. Das ist kein Daumen, keine Sternen-Anzahl, kein Tweet bzw. Ex-Tweet. Das Theater ist viel älter als die Theaterkritik, völlig klar. Die kluge Kritikerin und der kluge Kritiker sind bescheiden, trauen sich aber auch was.
S
Sport. Jetzt werden Sie sagen, wie kommt der jetzt hierhin, dazu aber zweierlei: Erstens fühlt sich das Feuilleton, wenn es Lust dazu hat, für alles auf der Welt zuständig. Alles ist Feuilleton. Das lässt sich auf kein anderes Zeitungsressort ohne weiteres übertragen. In erster Linie Fußball, in zweiter eigenartigerweise Pferderennen gehören in jede große Feuilletondiskussion (s. „Diskussion“).
T
Tanz. Der Tanz läuft meist so mit. An Drei-Sparten-Häusern ist er fast immer die kleinste Sparte, mit ein bis zwei Premieren in der Saison. Auf Feuilleton-Seiten kommt er also am seltensten vor; einst kümmerte sich der Opernkritiker irgendwie drum. In Frankfurt reichte ein Weltkünstler, um ihn zur spannendsten Sparte zu machen, jedenfalls für einige ruhmreiche Jahre.
Times mager. Die Kolumne „Times mager“ erschien erstmals im Januar 1994, wie der Kollege und ehemalige Ressortleiter Christian Thomas in seinem Kellerarchiv recherchierte, was nebenbei viel über das Feuilletongedächtnis sagt. ChTh gab freundlicherweise zu Protokoll, wie das damals war. Hier die entscheidende Szene im O-Ton: „Das Ressort hat sich die Entscheidung so kompliziert wie möglich gemacht. Mehrere Runden. Rauchende Köpfe, auch Vorschläge aus der Hüfte, aber uncool. Oder extrem durchdachte, mal pathetisch, mal gravitätisch, auch bedeutungsheischend wie ,Minimal moralia‘ – bis dann Helmut Schmitz eines morgens in die Runde warf, warum nennen wir es nicht, die Zeitläufte im Blick ebenso wie die Schrifttype, beides genial verquickend: ,Times mager‘? Darauf eine der Autoritäten, entweder P.I. oder WoS: Das ist es doch! Oder wollen wir, Nachfrage in die Runde, noch einmal überlegen? Die Runde wollte nicht mehr!“
Und der Name der Kolumne „Times mager“ blieb immer umstritten, aber nicht im Feuilleton, das ihn über die Generationen hinweg verteidigte in einem geradezu einmaligen Fall von Einigkeit (hat das Feuilleton doch manche Stärken, aber Einigkeit gehört nicht dazu) – gegen alle Forderungen, Glossen gefälligst „Glosse“ zu nennen, und auch gegen jeden Schrifttypenwechsel. Schon lange ist die Dachzeile „Times mager“ keine magere Times-Schrift mehr, sondern derzeit zum Beispiel eine Frutiger Bold Condensed. Beim „Times mager“ hörte der Spaß immer auf und fing er an.
U
Unter Tieren. Tierethik war ein exotisches Terrain, als Hilal Sezgin ihre monatliche Kolumne „Unter Tieren“ begann. Aber sie war von der guten Sache überzeugt und zugleich unerschrocken, so dass sie zum Beispiel zu fragen wagte, ob es tatsächlich lächerlich ist, ganz kleine Tiere zu retten, Fröschchen etwa. Irgendwann, sie lebte bereits in der Lüneburger Heide, fühlte sie sich „ausgeschrieben“, das konnte man nur bedauern.
Z
Zigarren. Auch im Feuilleton wurde früher natürlich geraucht. Nur die Zigarren des Musikkritikers HKJ riefen größere Friktionen hervor. Haben aber auch alle überstanden.
80 Jahre Frankfurter Rundschau
Am 1. August 1945 erschein die erste Ausgabe unserer Zeitung. Unser Onlinedossier FR80 blickt zurück auf die Geschichte, beschreibt die aktuelle Lage der Zeitung – und stellt das Programm unserer politischen Geburtstagsfeier am 20. September vor, zu der Sie herzlich eingeladen sind.
Die vier Folgen unserer Historie:
Teil 1: Holpriger Start im August 1945 - die erste Frankfurter Rundschau entstand in den Trümmern des Frankfurter Zeitungsviertels. Zunächst zweimal die Woche. Und in einer streitenden Redaktion.
Teil 2: Pflichtlektüre für die 68er - Nähe und Distanz prägen das Verhältnis der FR-Redaktion zur außerparlamentarischen Opposition.
Teil 3: Eine Zeitung in Not - die FR wird mehrfach spektakulär gerettet.
Teil 4: Die Ippen-Jahre seit 2018 - Eigenständigkeit wird großgeschrieben, auch in Zeiten zahlreicher Kooperationen.
Weitere Inhalte im Dossier (Auszug):
Die FR und ihr Grundgesetz: Die Leitlinien aus der Ära von Karl Gerold lesen sich wie geschrieben für die Gegenwart. Die Frankfurter Rundschau ist nicht neutral – sondern antifaschistisch, linksliberal und zuweilen zornig. Ein Essay von Karin Dalka und Michael Bayer.
Im August 1945 war mehr los, als in die Zeitung passte. Ein Blick in die Erstausgabe der Frankfurter Rundschau von Richard Meng.
Zudem: 80 aufregende Jahre - die wichtigsten Stationen der Frankfurter Rundschau in unserer prägnanten Chronik.