Boris Rhein zu 80 Jahre Frankfurter Rundschau: „Zeitungen sind nötig, keine Gegner“
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Was Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) über Medien, Politik und Demokratie denkt. Ein Gespräch zum 80. Geburtstag der Frankfurter Rundschau.
Wiesbaden – Normalerweise geht es um die Politik der CDU-geführten hessischen Landesregierung, wenn Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) das Landtagsteam der Frankfurter Rundschau zum Interview empfängt. Diesmal geht um den 80. Geburtstag der Frankfurter Rundschau und die Bedeutung von kritischem Journalismus. Da ist das Gespräch nicht ganz überraschend gleich ein ganzes Stück weniger kontrovers.
Herr Rhein, was ist Ihre früheste Erinnerung an die Frankfurter Rundschau?
Da fallen mir gleich zwei Geschichten ein. Mein Vater war Stadtrat in Frankfurt, und damals konnte man die Zeitung vom nächsten Tag noch nicht abends im E-Paper lesen. Aber es gab die erste gedruckte Frankfurter Rundschau spätabends am alten Rundschau-Haus. Und es gab irgendeinen Aufreger in der Stadtpolitik, und meine Eltern wollten wissen, was dazu in der Rundschau steht. Also sind sie am späten Abend noch da hingefahren, um eine zu bekommen. Die erste Erinnerung, die mich selbst betrifft, ist ein Interview in meiner Zeit als stellvertretender Kreisvorsitzender der Jungen Union Frankfurt mit Claus-Jürgen Göpfert. Da muss ich 18 gewesen sein.
Sie haben als JU-Mitglied regelmäßig die Rundschau gelesen. War die Zeitung damals für Sie ein politischer Gegner?
Nein, ein Gegner nicht. Ich lese die Rundschau seit meinem jungen Erwachsenenalter täglich, wie auch die Frankfurter Neue Presse, die Bild und die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Die Frankfurter Rundschau ist nie die Zeitung gewesen, in der ich mich politisch wiedergefunden habe, zumindest nicht in der Tagespolitik. In der übergeordneten Politik habe ich einen großen Respekt vor der Frankfurter Rundschau, weil sie immer ein publizistisches Versprechen war auf ein neues, demokratisches, antifaschistisches Deutschland. Aber selbstverständlich habe ich die Frankfurter Rundschau auch immer gelesen, um zu wissen, was das linksliberale Lager bewegt. Und auch, um meine eigenen politischen Standpunkte kritisch zu überdenken. So gesehen war sie für mich auch immer ein Korrektiv.
Als Sie jung waren, gab es Streit zwischen CDU und SPD im ehemals „roten Hessen“. War da die FR kein Feindbild?
Nein, ein Feindbild war sie für mich nie. Sie war für mich damals wie heute eine prononcierte, linksliberale Zeitung, früher eher sozialdemokratisch geprägt, später dann eher grün geprägt. Und sie war immer eine Zeitung mit einem ausgeprägten lokalpolitischen und landespolitischen Teil, worüber ich mich bis heute freue. Das sage ich nicht, um Ihnen Honig um den Bart zu schmieren, aber ich warte immer samstags darauf, den „Löwensenf“ lesen zu können. Zeitungen und Medien sind generell keine Feinde für mich. Wir haben unterschiedliche Rollen, manchmal ärgere ich mich auch über einen Journalisten. Aber letztlich haben wir als Politik und Medien doch die gemeinsame Aufgabe, die Demokratie zu stärken, zu informieren, zur Meinungsbildung und zum Mitmachen anzuregen.
Was gefällt Ihnen als Leser an der FR, was stört Sie?
Mir gefällt Ihr kompaktes Format sehr. Ich mag es, dass ich die einzelnen Teile auseinandernehmen und darin blättern kann. Für mich als Landespolitiker ist natürlich besonders wichtig, dass Sie jeden Tag zwei Hessen-Seiten füllen. Zwei Landesseiten in einer bundesweit relevanten Zeitung, das ist eine Aussage. Wenn man ehrlich ist, werden in der Landespolitik doch die meisten Themen entschieden, die den Menschen auf den Nägeln brennen. Schulpolitik, innere Sicherheit, Verkehr. Und zum Negativen: Am meisten stört mich, dass Sie mit Sonderzeichen gendern. Ich bin bekanntermaßen kein Freund davon, für die Landesverwaltung haben wir deshalb auch klar festgelegt, dass die Regeln der deutschen Rechtschreibung gelten. Es macht das Lesen Ihrer Artikel einfach schwierig.
Die Frankfurter Rundschau tut der Öffentlichkeit gut
Sie haben die demokratische, antifaschistische Ausrichtung der FR erwähnt. Aktuell ist viel von einer Krise der Demokratie die Rede. Passt die FR gut in die heutige Zeit oder ist ihre linksliberale Haltung für Sie etwas von gestern?
Ich glaube, wir brauchen gerade heutzutage einen kritischen, meinungsstarken Journalismus und eine lebendige Debattenkultur. Und dazu trägt die Frankfurter Rundschau stark bei. Und sie tut der Öffentlichkeit gut, selbst wenn man alle in ihr gedruckten Meinungen nicht teilt und sich in einem völlig anderen politischen Umfeld bewegt.
Lesen Sie gelegentlich kritische Kommentare zu Ihrer eigenen Politik, die Sie dann überzeugen?
Natürlich lese ich auch die Kommentare zur Politik der von mir geführten Landesregierung. Manchmal finde ich sehr interessant, was in manche Entscheidungen hineingeheimnist wird, aber natürlich ist auch spannend, wie Journalisten einordnen, was wir tun.
Die klassischen Medien sind in Zeiten von Social Media nicht mehr die Einzigen, die Öffentlichkeit herstellen. Wie wichtig sind sie für Sie noch?
Für mich sind die klassischen Medien nach wie vor bestimmend. Wenn man auf der Straße unterwegs ist, sieht man weniger Zeitungen in den Briefkästen, weil viele Menschen Nachrichten anders konsumieren. Was mir aber Sorge macht, ist, dass immer mehr Menschen nur noch schnelle Schlagzeilen auf dem Display durchwischen. Ein längerer Zeitungsartikel dagegen ordnet mehr ein, geht vertieft auf einen Sachverhalt ein, stellt unterschiedliche Positionen dar. Zeitungsjournalismus, egal ob digital oder gedruckt, hat deshalb immer noch eine große Bedeutung. Und bei einer Zeitung wie der FR kann ich mich immer darauf verlassen, dass dahinter Journalisten stehen, die ein Berufsethos haben.
Im Gegensatz zu vielen anderen Medienhäusern entsendet die FR noch eigene Korrespondentinnen und Korrespondenten in den hessischen Landtag. Besorgt es Sie, dass weniger über Landespolitik berichtet wird?
Die Entwicklung, dass es immer weniger Lokal- und Regionaljournalismus gibt, halte ich für gefährlich. Eine Lokal- oder Regionalzeitung ist ja nicht nur ein Medium, sondern ein Teil des sozialen Lebens, der Menschen dazu bringt, sich zu interessieren. Nur wenn ich weiß, was vor meiner Haustür los ist, kann ich mit anderen darüber diskutieren und mich gegen lokale Missstände zum Beispiel in einer Partei oder Bürgerinitiative engagieren. Das hat eine enorme Bedeutung für die demokratische und föderale Verfasstheit unseres Landes. Wenn nur noch über die Bundesregierung und den Bundestag berichtet wird, blendet man einen Großteil der politischen Debatten aus, nämlich die in den Ländern und Kommunen.
Nicht nur die Frankfurter Rundschau wird dieses Jahr 80, sondern auch das Land Hessen, das seine heutige Form im September 1945 durch eine Entscheidung der US-Militärregierung erhalten hat. Was verbindet Hessen und die Frankfurter Rundschau?
Wenn ich im Ausland bin und irgendwo die Frankfurter Rundschau sehe, eine bedeutende Zeitung aus meinem Land und aus meiner Stadt, dann freue ich mich, weil das ja zeigt, welche Bedeutung unser Bundesland hat. Die FR steht für mich auch für die enge Beziehung zu meiner Heimat.
Was wünschen Sie der Rundschau für die Zukunft?
Ich wünsche ihr weiter gut ausgebildete, engagierte Journalisten, die mit echtem Berufsethos Qualitätsjournalismus machen wollen. Und dass wieder mehr Menschen den Reiz und den Sinn einer Zeitung kennenlernen und bereit sind, für eine solche Bereicherung zu bezahlen, damit es so etwas Großartiges weiter jeden Tag geben kann. Alles andere wäre für ein vielfältiges, liberales, demokratisches Land eine große Katastrophe. (Interview: Hanning Voigts)
80 Jahre Frankfurter Rundschau
Am 1. August 1945 erschein die erste Ausgabe unserer Zeitung. Unser Onlinedossier FR80 blickt zurück auf die Geschichte, beschreibt die aktuelle Lage der Zeitung – und stellt das Programm unserer politischen Geburtstagsfeier am 20. September vor, zu der Sie herzlich eingeladen sind.
Die vier Folgen unserer Historie:
Teil 1: Holpriger Start im August 1945 - die erste Frankfurter Rundschau entstand in den Trümmern des Frankfurter Zeitungsviertels. Zunächst zweimal die Woche. Und in einer streitenden Redaktion.
Teil 2: Pflichtlektüre für die 68er - Nähe und Distanz prägen das Verhältnis der FR-Redaktion zur außerparlamentarischen Opposition.
Teil 3: Eine Zeitung in Not - die FR wird mehrfach spektakulär gerettet.
Teil 4: Die Ippen-Jahre seit 2018 - Eigenständigkeit wird großgeschrieben, auch in Zeiten zahlreicher Kooperationen.
Weitere Inhalte im Dossier (Auszug):
Die FR und ihr Grundgesetz: Die Leitlinien aus der Ära von Karl Gerold lesen sich wie geschrieben für die Gegenwart. Die Frankfurter Rundschau ist nicht neutral – sondern antifaschistisch, linksliberal und zuweilen zornig. Ein Essay von Karin Dalka und Michael Bayer.
Im August 1945 war mehr los, als in die Zeitung passte. Ein Blick in die Erstausgabe der Frankfurter Rundschau von Richard Meng.
Zudem: 80 aufregende Jahre - die wichtigsten Stationen der Frankfurter Rundschau in unserer prägnanten Chronik.