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80 Jahre Journalismus, 80 Jahre FR

Der Wandel des Journalismus – und was er für die Frankfurter Rundschau bedeutet. Gesprächsfähigkeit in der Gesellschaft erhalten und fördern: Auch darum geht es dabei.

Es war, bei historischer Betrachtung, ein glückliches Zeitalter – für guten Journalismus. Die FR wurde vor 80 Jahren in eine Welt hineingeboren, in der glaubwürdige gedruckte Zeitungen der Dreh- und Angelpunkt demokratischer Entwicklung wurden. Fast bis zur Jahrtausendwende blieb das unangefochten so, zumindest im seriösen Segment. Das andere, plattere, stets populistisch-kampagnenhafte gab es daneben natürlich auch, im Boulevard und dem einen oder anderen, meist rechts ausgerichteten Verlag. Insgesamt auflagenstärker, aber wahrlich nicht immer wirkungsstärker.

Zu seriösem Journalismus gehört hohe medienethische Verantwortung ohne den alles überlagernden ständigen Gedanken an den gerade aktuellen Geschmack des Publikums. Um eigene Sorgfalt geht es, Realitätstreue und Wahrhaftigkeit, wirtschaftliches Eigeninteresse schien jahrzehntelang eher kein zentraler Faktor. Letzteres gab es bei den Verlagen natürlich schon, aber es färbte meist nicht direkt auf Themenauswahl und Inhalte der journalistischen Arbeit ab. Die Neugierde auf eine freie Presse war ernsthaft da.

Auf Papier wird die Tageszeitung immer seltener gelesen.
Auf Papier wird die Tageszeitung immer seltener gelesen. © MAZ/Christel Köster

2025 werden andere Diskussionen geführt, schwierigere. Von heute aus gedacht geht es darum, welche Rolle guter Journalismus künftig noch spielen wird in einer durch künstliche Intelligenz und Algorithmen massiv, aber schwer merklich beeinflussten Kommunikationswelt. Welche Bedeutung Texte haben werden, wer in der Trias Text-Bild-Film künftig eigentlich von wem abstammt. Wie sich mindestens Nischen eines auskömmlichen Qualitätsjournalismus sichern lassen, bei Zeitungen und seriösen Rundfunksendern gleichermaßen.

Von damals bis heute war es ein langer Weg und der Verlag der FR hat dabei wahrlich nicht immer alles richtig gemacht. In den frühen Jahren hätte die wirtschaftliche Basis durch den Zukauf kleinerer Lokalzeitungen stabiler werden können, ohne die Überregionalität zu beschädigen. Beim Durchbruch des Internets hätte die eigene Verletzlichkeit angesichts der traditionell vielen Kleinanzeigen (Wohnungs- und Automarkt) früher erkannt werden können. Und doch gab es in all diesen Umbruchzeiten nie die Gefahr, dass man um den FR-Journalismus in seinem eigenen Anspruch hätte fürchten müssen, wurde die Zahl der schreibenden Köpfe auch schrittweise geringer.

Das hat mit der sehr besonderen redaktionellen Unabhängigkeit bei der Frankfurter Rundschau zu tun. Dass die Redaktion arbeitet, wie sie es selbst für richtig hält, war immer feste Tradition. Dass es in dieser Redaktion unterschiedliche Meinungen gab, gehörte dazu. Ältere anfangs noch mit einem Hang zum sozialen Liberalismus, dann starke Sympathie für kritische soziale Bewegungen, später eine eher linksgrüne Generation. Es ging um Inhalte, um aufklärende und zugleich engagierte, aktivierende Berichterstattung.

Der Journalismus der Frankfurter Rundschau hat sich so gesehen nie als neutral empfunden. Guter Journalismus kann nicht neutral sein, in der Auswahl der Themen und der Wahl der Worte zeigen sich immer Haltungen, ausgesprochen oder unausgesprochen. Jedes Beobachten hat seine Blickrichtung, geht von einem Standpunkt aus. Ihn dann gegenüber dem Publikum selbst wieder kritisch zu reflektieren und offenzulegen, ist nie eine Stärke des Journalismus gewesen, seine eigene Transparenz hat aber auch immer Grenzen im Quellenschutz.

Inhalt ist wichtiger als Verpackung

Aber bei alledem stand nie die bloße Verpackung im Zentrum wie anderswo, sondern der Inhalt. Und bis zu den Einsparungen im Zuge der Auflagen- und Anzeigenrückgänge nach der Digitalisierung war es ganz normal, dass neben der Redaktionsarbeit Zeit zum Schreiben blieb. Mit professionellem Abstand zum Thema nach Möglichkeit, aber zugleich kritischer Empathie. Mit Nähe und Distanz zugleich – in einer Redaktion, deren Talentvielfalt intern vieles ausgeglichen hat.

Die Krise des Zeitungswesens war dann keine spezielle Krise des linksliberalen Journalismus. Es war und ist eine weltweite Umwälzung der Art, zu informieren und zu verstehen – oder eben auch nicht. Das ist nun die Herausforderung für jeden seriösen Ansatz. Denn die Wahrnehmungsgewohnheiten ändern sich. Bild und vor allem Bewegtbilder werden zentraler, zumal bei den Jüngeren. Differenzierte längere Texte, abwägende Argumente generell haben es schwerer. Sie behalten ihr Publikum, aber das wird älter. Die Politikwelt wird noch eventorientierter und noch aufgeregter. Die Tagesereignisse überlagern die langen Linien.

Wie gegenhalten – oder sich ein Stück weit anpassen? In den Jahren nach 2000 ist das die stets neu gestellte Frage. Es geht da immer auch um die Zukunft der allgemeinen demokratischen Öffentlichkeit insgesamt. Allgemein, weil für alle zugänglich und von allen wahrgenommen. Die Gefahr des Nischenjournalismus, die mit einer gewissen Unvermeidbarkeit immer da war, auch seitens kritischer Geister, wird größer.

Die Frankfurter Rundschau entscheidet sich, den Schwerpunkt bei meinungsstarken Texten zu legen und nicht mehr jede kleine Tagesmeldung selbst nachzuverfolgen. Zeitungen insgesamt sind nun weniger Medien für die Erstinformation – die läuft in Minutenschnelle über die diversen Netzangebote und die Rundfunknachrichten. Zeitungen erscheinen erst am nächsten Tag. Sie müssen umso qualifizierter einordnen und sortieren. Sie sind dabei nicht mehr jene Gatekeeper, die sie vorher gewesen waren: Informationssortierer für alles, was das Publikum erreicht.

Der Qualitätsjournalismus verliert sein Informationsmonopol, zumindest sein gefühltes. Er wirkt damit auch für diejenigen, über die er berichtet, weniger dominant. Die Wahrheit bleibt indes: Auch historisch war das eher eine Überschätzung gewesen, die allermeisten Menschen hatten nie eine Qualitätszeitung abonniert. Doch was Meinungsführerschaft gesellschaftlich wirklich ist, wer sie wie ausüben kann bzw. dahinter steckt – all das wird in der digitalen Welt nun immer unübersichtlicher. Und darin am Ende, siehe große US-Plattformen und KI, wieder sehr viel manipulationsanfälliger.

Was früher die Abwägung zwischen seriöser Analyse und reißerischer Schlagzeile war, entwickelt sich nach und nach zum Widerspruch zwischen inhaltlicher Substanz und digitaler Reichweite, sprich: Klickerfolg im Internet. Seit in Echtzeit sichtbar ist, welcher Text wie oft abgerufen wird, droht der Medienbranche das Diktat der großen Zahl. Es konnte schon lange ein Geschäftsmodell sein, möglichst häufig anderswo erwähnt zu werden. Jetzt liegt die Versuchung darin, Echtzeit-Aufmerksamkeitskonjunktoren im Digitalen zu bedienen.

Was nicht automatisch schlecht ist, aber schon gar nicht automatisch im aufklärerischen Sinn. Gibt es in so einer neuen Welt überhaupt noch einen Journalismus, der eigenständig Vertrauen in die eigene Arbeit schafft und bewahrt? Die Frage drängt sich auf in der multimedialen Manege. Sie bleibt aber auch unfair radikal gegenüber denen, die gegen den Trend anschreiben. Der Wandel des Journalismus geht weiter und im eigenen Rollenbild ist er zunehmend gefordert, auch sich selbst transparenter zu machen. Zumal dann, wenn im Netz immer schwieriger zu unterscheiden ist, welche Angebote journalistisch sind und welche nur maschinengemacht.

Gesprächsfähigkeit in der Gesellschaft erhalten und fördern: Auch darum geht es dabei. Die Zeit der natürlich-automatischen Neugierde ist vorbei. Andere Meinungen aushalten, eigene anschlussfähig halten, überhaupt: Diskurskultur vorleben. Letztlich bemisst sich zunehmend auch am Beitrag zu solchen Zielen, was die Zeitung wert ist, die täglich ins Haus kommt.

Dass die Journalistinnen und Journalisten, die daran arbeiten, nicht selten das Gefühl von Getriebensein haben, ist keine neue Erfahrung. Das Geschäft mit der (vermeintlichen) Sensation ist mit jeder technischen Revolution härter geworden. Das In-Ruhe-Recherchieren wurde schwieriger. Umso größer wurde damit aber auch der Wert von erarbeitetem Vertrauen, wenn es um Einordnung und Sortieren im täglichen Wirrwarr geht.

Dass auch Zeitungen sich wirtschaftlich tragen müssen, hatte in den frühen Jahren des Printjournalismus nicht wirklich den redaktionellen Alltag belastet. Dass der Nutzen für das Publikum nur von diesem Publikum selbst beurteilt werden kann und sich daraus Rückschlüsse auf das Angebot ergeben sollten, ist andererseits aus heutiger Sicht eher eine Binsenweisheit geworden.

Was das konkret bedeutet? Die mediale Beobachtungsdichte ist generell dünner geworden, die tägliche Themenbreite hat insgesamt abgenommen. Die Einzelereignisse prägen das Bild, nur Personen stehen im Zentrum. Dies zu wissen und trotzdem der Verflachung etwas entgegenzusetzen ist demokratiewichtig.

Auf das Wie und das Warum kommt es an

Seit den allerersten Tagen ist es die tägliche Abwägung, zu entscheiden, welche Themen wie aufgegriffen werden sollten – und welche warum nicht. Letzteres, weil nichts daran neu ist, weil Inszenierungen nicht belohnt werden sollten, weil anderes wichtiger ist – für das Publikum. Nicht jede Entscheidung ist da immer richtig, aber jede muss seriös abgewogen sein. Und wenn die anderen Medien einsteigen, ist es noch schwerer, ein Thema am Rand liegenzulassen. Der Herdeneffekt ist gewaltig, zumal das eigene Publikum sich ja selbst einen Reim machen muss und ansonsten von anderswo her bedient würde.

Auf das Wie und das Warum kommt es an. Wenn das eigene Autorenreservoir nicht ausreicht, muss zumindest in der eigenen Kommentierung von Texten einordnend Haltung klar bleiben. Denn die Zeitung in all ihren Ausspielwegen, auf Papier oder im Netz, dieses tägliche Mosaik, wird in Wahrheit immer unersetzbarer. Für alle, die noch den Anspruch haben, zu verstehen.

80 Jahre Frankfurter Rundschau

Am 1. August 1945 erschein die erste Ausgabe unserer Zeitung. Unser Onlinedossier FR80 blickt zurück auf die Geschichte, beschreibt die aktuelle Lage der Zeitung – und stellt das Programm unserer politischen Geburtstagsfeier am 20. September vor, zu der Sie herzlich eingeladen sind.

Die vier Folgen unserer Historie:

Teil 1: Holpriger Start im August 1945 - die erste Frankfurter Rundschau entstand in den Trümmern des Frankfurter Zeitungsviertels. Zunächst zweimal die Woche. Und in einer streitenden Redaktion.

Teil 2: Pflichtlektüre für die 68er - Nähe und Distanz prägen das Verhältnis der FR-Redaktion zur außerparlamentarischen Opposition.

Teil 3: Eine Zeitung in Not - die FR wird mehrfach spektakulär gerettet.

Teil 4: Die Ippen-Jahre seit 2018 - Eigenständigkeit wird großgeschrieben, auch in Zeiten zahlreicher Kooperationen.

Weitere Inhalte im Dossier (Auszug):

Die FR und ihr Grundgesetz: Die Leitlinien aus der Ära von Karl Gerold lesen sich wie geschrieben für die Gegenwart. Die Frankfurter Rundschau ist nicht neutral – sondern antifaschistisch, linksliberal und zuweilen zornig. Ein Essay von Karin Dalka und Michael Bayer.

Im August 1945 war mehr los, als in die Zeitung passte. Ein Blick in die Erstausgabe der Frankfurter Rundschau von Richard Meng.

Zudem: 80 aufregende Jahre - die wichtigsten Stationen der Frankfurter Rundschau in unserer prägnanten Chronik.