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Armin Laschet signiert das Buch „Die Aufsteigerrepublik – Zuwanderung als Chance“ im Jahre 2009.
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Armin Laschet signiert das Buch „Die Aufsteigerrepublik – Zuwanderung als Chance“ im Jahre 2009.

Kolumne

Ich ohne mich

  • Richard Meng
    VonRichard Meng
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So vieles stammt längst nicht mehr von denen, in deren Namen es veröffentlicht wird. Plagiate sind nicht nur Einzelversagen. Die Kolumne.

Am Anfang war das Plagiatsthema. Man konnte durchaus entsetzt sein wegen der schlecht abgeschriebenen Bücher, die im ansonsten so lahmen Wahlkampf enttarnt wurden. Früher in der Schule hätte es geheißen: Heft abgeben, sechs. Dann wären es jetzt schon zwei Kanzlerbewerbungen weniger. Doch besagte Werke werden weiter verkauft, in gewisser Weise mag man sogar von Werbeeffekten sprechen. Autorin B. und Autor L. stehen immer noch zur Wahl. Aber es tut sich ein Abgrund auf in der Sparte „Promi schreibt selbst“.

Seit Jahrzehnten gehört es zum Wahlkampf bis hinunter auf Länderebene. Ich über mich – Kindheit, Werdegang, Ansichten: Die sogenannten Profis sagen, so etwas braucht es, damit auch im Buchhandel etwas liegt über die Spitzenfiguren. Und Wahlkämpfe sind ja längst generell agenturgesteuert. Anmutung, Bildsprache, Slogans: eingekauft. Auf diese Weise kommen auch misslungene Videos zustande, die dann aus dem Verkehr gezogen werden müssen, weil jemand bei der Abnahme kein Gespür gehabt hatte (SPD).

Pressestellen schreiben Interviews um

So gesehen also eher Ich ohne mich – was aber in Wirtschaft, Sport und sonstiger Promi-PR allerorten passiert. Etwas, das als authentisch daher kommen soll, wird übergeben an zugekaufte Spezialist:innen. Im Falle Buch gibt es ein paar längere Gespräche, dann wird geschrieben. Man kann es auch eine systematische Entwertung des Mediums Buch nennen, mitgetragen von einschlägigen Verlagen und Handel. Die Denke dazu: Es glaubt ja auch niemand, dass jede Presseerklärung von denen verfasst wurde, deren Name drüber steht. Von Tweets und sonstigen Netzaktivitäten ganz zu schweigen. Pressestellen schreiben bei der Autorisierung Interviews um. Schriftliche Grußworte stammen bis hinunter zum Bürgermeister mindestens im Entwurf aus der Feder von Zuarbeitenden. Warum nicht beim Buch?

Plagiate sind ungekennzeichnete Übernahmen von bereits veröffentlichten Texten anderer. Sind Ghostwriter besonders billig oder faul oder beides, greifen sie auf alles zurück, was man im Netz findet. In Wahrheit ist in diesem System aber oft das ganze Buch eine ungekennzeichnete Übernahme, irgendwann vielleicht ein Großteil der ganzen Politik. Und es ist sehr wohl noch ein Unterschied, ob nur ein Alltagstweet fremdverfasst wurde – oder etwas derart ausdrücklich als Eigenleistung ausgegeben wie beim Buch. Aber das andere ist ein Auswuchs des einen.

Früher nannte man so etwas Biografie

Wo so vieles nicht mehr von denen stammt, in deren Namen es veröffentlicht wird, sinkt das Problembewusstsein. Deshalb ist es falsch, nur von Einzelversagen zu sprechen. Generell verliert die argumentative Eigenleistung an Bedeutung. Weil krakenartige Kommunikationsapparate komplex und verschachtelt wurden. Weil die einen Teile der Öffentlichkeit nicht mehr mitbekommen, was sich in den anderen so tut. Weil kein Mensch das mehr alleine überblicken oder gar bedienen kann.

Wenn ein Name drauf steht, kann man erwarten, dass die betreffende Person es geschrieben hat – ist das wirklich schon altes Denken? Viel ärgerlicher als jeder Wahlkampfschaden bleibt, dass durch das extreme Auslagern der Kommunikation die politische Entfremdung, das generelle Misstrauen verstärkt wird.

Wohlgemerkt: Gute Politik braucht die Fähigkeit, Gedanken anderer aufzunehmen, zu verknüpfen, sie sich hin und wieder auch zu eigen zu machen. Guter Journalismus übrigens auch. Doch wenn’s ums Kommunizieren geht, ist mehr Sinn für Wahrhaftigkeit zwingend nötig. Beim Buch übrigens gibt’s die ehrliche Alternative, dass die Namen derjenigen draufstehen, die geschrieben haben. Früher nannte man so etwas Biografie. Geht ganz ohne ich.

Richard Meng ist Autor.

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