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Die vier Arbeitswelten der Redaktion

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Aller Anfang war schwer. Die erste Rundschau wurde in einem zerbombtem Gebäude im Zentrum Frankfurts produziert. Die Zeit danach blieb turbulent: Rückblick auf sechs Jahrzehnte. Von Karl Grobe

Frankfurt am Main, Schillerstraße - das ist eine gute Adresse. Jetzt wieder. Im Sommer 1945 bezeichnete sie einen verwüsteten Ort inmitten von Trümmern. Das Haus des ehemaligen Generalanzeigers stand noch, keineswegs unversehrt, aber es war nutzbar. Dort hat die Geschichte der Frankfurter Rundschau begonnen.

Die sieben Lizenzträger, die anderen Redaktionsmitglieder, Verlag und Anzeigenabteilung hatten sich dort einzurichten und das zu produzieren, was die Presseoffiziere der US-Armee ihnen aufgetragen hatten: eine demokratische "Gruppenzeitung", getragen von den antifaschistischen Parteien und Kräften, und eben deswegen durfte das keine Parteizeitung sein.

Produziert aber - nämlich gesetzt, umbrochen und gedruckt - wurde auf der anderen Straßenseite. Unter den Trümmern des Gebäudes der einstigen Frankfurter Zeitung, im Keller, war gerade noch so viel Technik vorhanden - von Setzmaschinen, Lettern, Winkelhaken und Maternpressen bis zur Rotation -, dass die FR-Gründer eine Zeitung machen konnten. Bis zum 8. August 1953.

An diesem Tag zog das inzwischen groß gewordene Unternehmen Druck- und Verlagshaus um in den Berentzen-Bau, Große Eschenheimer Straße 16-18, zwischen dem Portal des Thurn und Taxischen Palais bis zur Ecke Stiftstraße und noch eine große Strecke rechts herum. Verlag, Vertrieb, Anzeigenabteilung, Redaktion und damals auch Setzerei und Druckerei unter einem Dach. Ein ansehnliches Stück Industrie-Architektur der bundesrepublikanischen Gründerjahre war das Rundschauhaus, in einem Quartier, das seit langer Zeit Frankfurts Presseviertel gewesen war und wozu die Schillerstraße ja auch gehört hatte.

Der Gang über die - zugegeben: nicht unbedingt als Attraktion zu bezeichnenden - Flure und das mit Solnhofener Sandstein gepflasterte Treppenhaus, vom Redaktionsflügel, von den Schreibtischen mit Schreibmaschine, Schere, Leimtopf, Typometer, Telefonen und Papierbergen zur Mettage ins Reich der Umbruchtische, Prägepressen und Regletten war ein Gang von Kollegen zu Kollegen. Gemeinschaft ist da gewachsen. Das Säuseln der Rohrpost, das Tickern der Fernschreiber, das Klicken der Linotypes, kurz nach 18 Uhr dann das Brummen der Rotation jenseits der Innenhofs - es machte den täglichen Produktionsprozess zur sinnlich wahrnehmbaren Gesamtheit aus Gerüchen und Geräuschen.

Doch der Auslieferung des Produkts setzten die engen Innenstadt-Straßen schnell Grenzen. Seit 1973 zogen Druckerei und Versand um nach Neu-Isenburg ins Druckzentrum an der Rathenaustraße. Im Hausjargon heißt die Produktion Werk II.

Setzer und Metteure blieben an der "Eschenheimer Gass"; das "Werk III", die Kneipe mitten in der Ladenzeile des Erdgeschosses, blieb Ort der Kollegialität. Der technische Wandel, der das Gewerbe prägte, die Berufe der Setzer und Metteure, Präger und Chemigraphen "vernichtete", wie die Kollegen es selbst sagten, und Computer statt der Schreibmaschinen, Scheren und Leimtöpfe in die Redaktionsräume pflanzte, ist dort oft nostalgisch, zuweilen auch optimistisch begossen worden.

Das ist Vergangenheit. Die historisch zweite Adresse der FR gibt es nicht mehr. Das von Wilhelm Berentzen entworfene Rundschauhaus, die Stätte des permanenten Umbaus (uns schien es oft, als sei es zur Lehrbaustelle des hessischen Baugewerbes bestimmt gewesen), ist der Stadtplanung gewichen. Redaktion und Verlag sind im Juli 2005 über den Main gezogen, nach Dribbdebach, den Nichtfrankfurtern eher als Sachsenhausen bekannt.

Mit einer fröhlichen Fahrt an Bord der "Nautilus" auf dem ruhigen Wasser des Main reiste der kleiner gewordene Teil der FR-Crew, der die stürmische See der Krise überstanden hatte, ans Südufer. Das Colosseo, Walther-von-Cronberg-Platz 2-18, wurde für eine Übergangszeit das neue Domizil. Es hatte seine Vorzüge: modernere Arbeitsräume und das nahe Mainufer. Doch es fehlte die Nähe zu der lebendigen Stadt, zu ihren Bürgern.

Dies ändert sich jetzt. Die vierte Adresse (eigentlich: die fünfte; Werk II, der längst größere Teil des Unternehmens, muss doch mitgezählt werden) ist wieder eine in Sachsenhausen, Textorstraße 35. Den Standort-Vorteil am Südbahnhof, unmittelbar an den S- und U-Bahn-Linien, in einem lebendigen Stadtteil werden wir zu schätzen wissen.