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Winfried Kaiser lebt auf der Pflegestation des DRK-Seniorenzentrums Dietzenbach.

Winfried Kaiser

Als hätte einer auf den Aus-Schalter gedrückt

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Winfried Kaiser kämpft sich nach seinem Schlaganfall ins Leben zurück, mit unbändigem Willen – wie früher auf dem Fußballplatz.

Knapp sieben Wochen lag Winfried Kaiser im Koma. Die Tage zwischen dem 23. November 2018 und dem 6. Januar 2019 gibt es nicht in seinem Gedächtnis. Geduscht hatte er am Vormittag des Tages, der die lange Schwärze mit sich brachte, war umgefallen im Bad. „Ich war tot“, so nennt er es heute. Die jüngere Tochter kam zufällig an jenem Tag vorbei, hat ihn gefunden. Das hat ihm wohl das Leben gerettet. Schwerer Schlaganfall, „als wäre der Schalter auf Aus gedrückt“. So beschreibt Winfried Kaiser den Moment, den er schon nicht mehr bewusst erlebt hat. 

„Das Aufwachen war schlimm“, sagt er. Eine Welt im Nebel, ein erster Halt, als er zwei Stunden später die Tochter und den Bruder erkennt. Sich selbst hat er erst ein paar Tage danach in der Rehaklinik Bad Soden-Salmünster beim Blick in den Spiegel erkannt. Ein Gespenst, um 17 Kilogramm abgemagert, um Jahre gealtert. Winfried Kaiser kann sich kaum bewegen, nicht sprechen. „Ich konnte nix, nur den Kopf ein wenig schütteln.“ Und in der Rehaklinik „konnten sie nichts mit mir anfangen“. Kaiser wird in eine Klinik nach Fulda verlegt, dann organisiert die ältere Tochter den Umzug in die Pflegestation des DRK-Seniorenzentrums Dietzenbach. „Am Anfang habe ich nur geweint“, bekennt der Fußballer, der in seiner aktiven Zeit keinem Zweikampf aus dem Weg ging. Dann hat er den Schalter umgelegt, mit unglaublicher Willenskraft. 

„Du vergammelst hier nicht.“ Ein Satz, der für Winfried Kaiser zum überlebenswichtigen Mantra wird. „Wenn ich gespielt habe, wollte ich immer gewinnen – auf Teufel komm raus“, sagt der begeisterte Kicker, der im „klassischen WM-System“ mit der 4-2-4-Formation meist einer von den beiden Spielern in der Mitte war. Seine Tugenden als Spieler? „Arbeit, Disziplin, Fleiß.“ Werte, die dem 66-Jährigen helfen, sein neues Leben nach dem Sturz in die Dunkelheit in Angriff zu nehmen. Bis zur höchsten Amateurliga hat es der Kicker Winfried Kaiser gebracht, bei den Kickers in Offenbach hat er zu Zeiten des legendären Jimmy Hartwig gespielt. Jetzt rappelt er sich im richtigen Leben mühsam von der C-Liga aus wieder hoch.

Der Vergleich mit dem Fußball gefällt Winfried Kaiser. Da schmunzelt er und man spürt sofort, wie groß die Liebe zum Sport in seinem Leben ist, der ihm so viel gegeben hat. Ganz unten hat er anfangen müssen Ende Februar nach Uni-Klinik, Reha und dann in der Pflegestation. Er zeigt die von Hand eng, aber stets im korrekten Abstand beschriebenen Seiten. Das ABC in großen und kleinen Buchstaben, Zeile für Zeile, mit 66 Jahren ist Winfried Kaiser zum zweiten Mal Erstklässler. Arbeit, Disziplin, Fleiß, täglich. Viele Stunden mit der Logopädin, einmal die Woche Akupunktur, „64 Nadeln waren mein Rekord“. Alle auf einmal, in Kopf und Körper. Noch ist das Sprechen nicht immer flüssig, dann fasst er sich mit den Händen an den Kopf, ruft sich – „ganz ruhig“ – zur Konzentration. „Bei 85 Prozent bin ich wieder“, sagt der Kaufmann, der lange für einen Kaufhaus-Konzern unterwegs war, später bei einer Versicherung gearbeitet hat. 

Und immer Fußball. Nach den Kickers kam Blau-Weiß Offenbach, dann die Turnerschaft Steinheim, zuletzt war der TSV Klein-Auheim Kaisers sportliche Heimat. „Zum Profi hat’s nicht gereicht“, sagt er, aber das war kein Makel. Die Sicherheit im Berufsleben war ihm wichtiger. Es gab immer genug Fußball in seinem Leben. Als Spieler in Klein-Auheim, meist in der A- und B-Liga, beim TSV war er auch Vize-Abteilungsleiter. Als Trainer war er in Dudenhofen unterwegs, als Klassenleiter bis vor dem Crash für die A-Ligen West und Ost im Kreis Offenbach verantwortlich. War „jeden Sonntag aufm Platz“, hat zweimal im Jahr zum Spaß noch selbst die Fußballstiefel geschnürt. „Ich war fit, habe mich wohlgefühlt.“ 

Nach der großen Dunkelheit hat neben Tochter Nathalie und Bruder Michael vor allem Fußballfreund Fritz Wagner wieder Licht ins Leben von Winfried Kaiser gebracht. Im Kreisfußballausschuss Offenbach haben sie zusammengearbeitet, Wagner war Klassenleiter der B- und C-Liga, Heute ist Fritz Wagner da, wenn der Freund ihn braucht. Mindestens zweimal die Woche kommt er vorbei, übernimmt viele Fahrten zur Akupunktur in Frankfurt. Wenn Winfried Kaiser die Menschen aufzählt, denen er sein neues Leben verdankt, nennt er Fritz Wagner in einem Atemzug mit Tochter und Bruder. Über Wagner und dessen Namensvetter Jörg, seit 2016 Offenbachs Kreisfußballwart, kam auch der Kontakt zur Schlappekicker-Aktion der Frankfurter Rundschau zustande. Bei ihr bedankt sich Winfried Kaiser für die Unterstützung durch Finanzierung vieler Akupunktur-Behandlungen. 

Auf den Sportplatz geht Winfried Kaiser nur selten. Auf den nächsten Aufstieg bereitet er sich in seinem Zimmer vor. In sechs Wochen ist es vielleicht so weit, dann soll die Akupunktur enden. Die C-Liga im Rollstuhl hat er gemeistert, die B-Liga mit dem Rollator auch weitgehend. Den nutzt er noch, wenn er mal zum benachbarten Lebensmittelmarkt geht. Gehen fast ohne Hilfe markiert schon den Aufstieg in die A-Liga. „Die Prognosen sind günstig“, sagt Winfried Kaiser und hofft sehnsüchtig, dass er sich wieder ganz auf sich selbst verlassen kann. Drei Aufstiege in knapp einem Jahr, das soll ihm mal ein aktiver Fußballer nachmachen.

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