Nachwuchs trifft Profis: Lutz Wagner (von links), Daniel Siebert, Lasse Koslowski, HFV-Geschäftsführer Gerhart Hilgers inmitten der Jungschiedsrichter.

Schiedsrichter

Mut zum Pfiff

  • schließen

Fifa-Schiedsrichter Daniel Siebert hat sich seinen Traum schon erfüllt: Prominenter Motivator beim Tag der Jungschiedsrichter des HFV und der Schlappekicker-Aktion.

Im Spielertunnel. Die Anspannung steigt. Aber auch die Freude auf das, was da kommt. Von draußen sind schon die Gesänge zu hören. Gleich wird der Geräuschpegel zum Orkan anschwellen, wenn die Spieler das Feld betreten. Und mit ihnen die Männer, die das Spiel leiten sollen. „You’ll never walk alone“ werden sie singen auf den Rängen, die Hymne des FC Liverpool. Du bist niemals alleine im legendären Stadion an der Anfield Road. Ein Fußballtempel.

Keine Sekunde zögert Daniel Siebert, wenn er nach dem absoluten Höhepunkt seiner bisherigen Schiedsrichter-Karriere gefragt wird. Unvergessen dieser 24. Oktober 2018, die ersten Schritte auf dem heiligen Rasen der Anfield Road beim Champions-League-Spiel der „Reds“ gegen Roter Stern Belgrad. Daniel Siebert ist 34 Jahre alt, der jüngste deutsche Fifa-Schiedsrichter. Mit 14 hat er sein erstes Spiel gepfiffen, wie viele der Jungs, die ihm in einem Schulungsraum des Landessportbundes Hessen nur ein paar Meter von der WM-Arena im Stadtwald entfernt bei seinem Bekenntnis zum Gänsehautmoment spontan laut applaudieren. Weil vielleicht auch ihr Traum von einer großen Karriere an der Pfeife gerade Nahrung bekommen hat. Am Samstag hat Siebert die Partie der Eintracht gegen Wolfsburg gepfiffen, am Sonntagmorgen sitzt er beim Tag der Jungschiedsrichter/innen“ des Hessischen Fußballverbandes (HFV) und der Schlappekicker-Aktion der Frankfurter Rundschau auf Augenhöhe unter knapp 40 Jungs und einem Mädchen aus Frankfurter, Offenbacher und Main-Taunus-Kreis-Vereinen.

Es ist kein mangelnder Respekt, dass hier Jugendliche zwischen zwölf und 17 Jahren einen etablierten Elite-Schiri wie Daniel Siebert duzen und ihn mit Fragen löchern. Im Gegenteil, es soll so sein. „Wir sind unter uns, unter Schiedsrichtern, unter Sportlern, da duzt man sich. Wenn ihr was wissen wollt, grätscht rein, haut raus“, sagt Lutz Wagner salopp zur Begrüßung. Der einstige Bundesliga-Schiedsrichter mit fast 300 Einsätzen in der ersten und zweiten Liga ist Bundeslehrwart der Schiedsrichter im DFB und hat jede Menge aktuelle Video-Sequenzen zur Analyse mitgebracht, es gibt reichlich Gesprächsstoff. Mit dem früheren DFB-Mediendirektor und stellvertretenden Vorsitzenden der Schlappekicker-Aktion Harald Stenger sitzt der passende Moderator der lockeren Gesprächsrunde mit am Tisch.

Um zwei Uhr nachts hat Lutz Wagner die kritischen Szenen vom aktuellen Spieltag als Video vorliegen, um elf Uhr sind die Nachwuchsschiedsrichter beim Videobeweis gefragt. Natürlich kommt die Eintracht auf den Bildschirm, die beiden Szenen, die zum Platzverweis des Wolfsburger Spielers Marcel Tisserand geführt haben. Zwei Szenen, die ein Spiel entscheiden können. Erst Gelb, dann Rot für einen Spieler schon in der ersten Halbzeit, „das muss wasserdicht sein“, sagt Daniel Siebert. Er hatte das Selbstbewusstsein und die Sicherheit, auf einem schmalen Grat eine richtige Entscheidung zu treffen. Gelb für die „Ballmitnahme“ und dadurch Spielverzögerung des bestraften Akteurs, womit ein schneller Freistoß in einer verheißungsvollen Situation verhindert wurde, Rot für einen Ellbogenschlag,

„Hättest du umgekehrt auch Gelb-Rot gegeben“, fragt Marcel Barth vom FC Union Niederrad, mit 25 Jahren der älteste Jungschiedsrichter in der Runde, weil er erst vor einem Jahr eingestiegen ist. Der Profi erkennt sofort die Qualität der Frage, möchte die Antwort daher vom „Lehrling“ hören, weil sie eine ganz wichtige Qualität eines guten Spielleiters berührt. Wenn er allein auf dem Platz seine Entscheidung fällen muss, die Folgen haben kann. Die Gelbe Karte für den Ellbogenschlag, ganz klar für Marcel Barth, „aber dann hätte ich, wäre die Zeitverzögerung später gewesen, wohl nicht den Mut zu Gelb-Rot gehabt“, gibt er zu. Genau den soll er haben, „Mut und Konsequenz ist durch nichts zu ersetzen“, sagt Lehrwart Wagner, „vertraut euch selbst, seid selbstbewusst“, ermuntert Daniel Siebert den Nachwuchs immer wieder.

Selbstbewusstes Auftreten beginnt mit dem Eintreffen am Sportplatz. In kleinen Rollenspielen üben die jungen Schiris mit Thorsten Schenk vom HFV-Verbandslehrstab Körpersprache und Ansprache der Spieler bei kritischen Szenen wie etwa dem Zeigen von Gelben und Roten Karten. Respekt auf Gegenseitigkeit, Fairplay, Gespür für Situationen, die sie alle als aktive Spieler kennen, das sollen die Nachwuchsschiedsrichter, die Spiele von Altersgenossen und zum Teil schon bei den Aktiven in unteren Klassen pfeifen, auch auf dem Platz repräsentieren. Immer auf Augenhöhe, auch wenn mal ein „Problemspieler“ darunter ist. Respekt und Fairness immer als oberstes Gebot.

Im vergangenen Jahr ist der Tag der Jungschiedsrichter als Pilotprojekt gestartet. Nur einer der 50 Teilnehmer hat seitdem das Handtuch geworfen und will nicht mehr pfeifen. Alle anderen sind geblieben, einige zum zweiten Mal dabei. Ihr persönlicher Traum von der Anfield Road oder anderen legendären Fußballtempeln lebt. Die positive Anfeuerung von Lutz Wagner und Daniel Siebert, von HFV-Verbandspräsident Stefan Reuß in einem Grußwort hat sie alle bestätigt. Mit einem HFV-Handtuch und mit Fotos von sich und dem Schiedsrichtergespann Daniel Siebert und Assistent Lasse Koslowski gehen sie zurück auf ihre Rasen- und Hartplätze, bereit für mehr.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare