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Im Rollstuhl, aber schwer auf Achse: Rüdiger Böhm.
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Im Rollstuhl, aber schwer auf Achse: Rüdiger Böhm.

Rüdiger Böhm

„Ich überwinde meine Grenzen“

Rüdiger Böhm ist weltweit der einzige Fußball-Lehrer, der keine Beine hat.

Was denken Sie, Herr Böhm, wenn Sie das Stichwort Schlappekicker-Aktion hören?

Als erstes fällt mir „grandiose Unterstützung“ ein. Mir wurde gerade in der ersten Phase nach dem Unfall extrem geholfen. Es war eine ganz schwierige Zeit für mich, die neue Situation anzunehmen und mit zwei Plastikbeinen wieder schnell ins normale Leben zurückzukehren. Da gab es viele Probleme, etwa der Kampf mit der Krankenkasse bezüglich der Prothesen-Finanzierung. Die Schlappekicker-Aktion hat damals einen großen Beitrag geleistet, damit ich unter neuen Vorzeichen den Einstieg in den Alltag finde.

Das Trainer-Comeback ist Ihnen schnell gelungen.

Ja. Dank einer Schlappekicker-Anfrage beim DFB absolvierte ich erst die A-Lizenz-Prüfung und im Dezember 2006 bestand ich die Fußball-Lehrer-Prüfung. Ich war von 2001 bis 2010 für den Karlsruher SC als Nachwuchs-Chef und parallel dazu als Trainer nacheinander für die U 15, U 17 und U 19 aktiv. Danach war ich von 2010 bis 2013 als U 21-Trainer des FC Thun tätig und zog in die Schweiz um.

Wer gehörte denn zu Ihrem Fußball-Lehrer-Kurs in Köln?

Das waren viele Prominente, etwa Marc Wilmots, Bruno Labbadia, Thomas Tuchel, Alois Schwarz, Thomas von Heesen und Bernard Trares. Wir haben noch immer sporadische Kontakte. Ich bin dankbar für die gemeinsame Zeit mit ihnen. Und bis heute bin ich stolz darauf, dass ich seitdem weltweit der einzige Fußball-Lehrer ohne Beine bin.

Gab es auch bekannte Spieler, die Sie trainierten?

Das waren einige. Ich nenne stellvertretend dafür Lars Stindl, Hakan Calhanoglu und Sead Kolasinac, die es bis in die Champions League und ihre Nationalmannschaft gebracht haben.

Und Ihr größter sportlicher Erfolg als Nachwuchs-Trainer?

Wir wurden mit der U 15 des KSC 2004 süddeutscher Jugendmeister. In der K. o. Runde haben wir zunächst die von Thomas Tuchel trainierte und bis dahin in der Saison unbesiegte Jugend des VfB Stuttgart besiegt. Auf dem Weg zum Titelgewinn haben wir danach noch gegen Fürth und Freiburg gewonnen.

Warum haben Sie als Trainer aufgehört?

Ich wollte nach 15 Jahren in der Nachwuchsarbeit den nächsten Schritt machen, also Cheftrainer werden. Ich hatte auch einige Angebote, aber immer wurde mir irgendwann signalisiert, dass meine amputierten Beine das entscheidende Hindernis seien für ein Engagement über die Talentförderung hinaus. Und dann habe ich eben entschieden, dass ich etwas Neues machen muss, weil ich mit meinem eigentlichen Plan nicht mehr weiterkam.

Wie ging es weiter?

Ich habe mir ein ganz neues Ziel gesetzt. Es war immer eine Stärke von mir, gut motivieren zu können. Und so kam ich auf die Idee, mich im Bereich Persönlichkeitsentwicklung selbstständig zu machen. Seitdem biete ich Vorträge, Seminare und Workshops an, übernehme individuelle Coaching-Aufträge. Unter dem Titel „No legs, no limits“ habe ich dazu 2016 auch ein Buch geschrieben.

Zur Person

Rüdiger Böhm, 51, war Ende der 90er Jahre einer der unverschuldet in Not geratenen Sportler, der von der Schlappekicker-Aktion unterstützt wurde. Bei einem Verkehrsunfall in Darmstadt, bei dem der damalige Jugendtrainer der 98er, 27 Jahre alt, mit dem Rad in der Stadt unterwegs war, brachte ihn ein Lastwagen zu Fall und überfuhr ihn, so dass beide Beine amputiert werden mussten. Heute ist Böhm in der Schweiz zu Hause und hat in der von ihm gegründeten Initiative „No legs, no limits“ eine neue Lebensaufgabe gefunden. ger

Wie schauen Sie denn aktuell auf die Zeit seit Ihrem Unfall vor 24 Jahren zurück?

Der Weg zurück ins Leben war sehr anstrengend. Doch durch all die Erlebnisse habe ich das aus mir gemacht, was ich heute bin: Immer wieder überwinde ich meine eigenen Grenzen, sowohl körperlich wie mental. Dabei habe ich gelernt, dass es Dinge gibt, die außerhalb meiner Reichweite liegen – die gilt es zu akzeptieren muss und sich nicht darüber aufzuregen darf. Viel lieber konzentriere ich mich auf das, was ich selbst verändern kann. Und um das auch anderen Menschen in ihrer Situation zu vermitteln, ist mein neuer Beruf, an dem ich sehr viel Freude habe, eine ideale Plattform.

Haben Sie einen Wunsch zum 70. Schlappekicker-Geburtstag?

Ich habe davon profitiert, dass der Schlappekicker dank vieler Spenden von jeher Menschen unterstützt, die aus der Lebensbahn geworfen wurden. Ich wünsche der Schlappekicker-Aktion, dass sie diese wichtige Arbeit weiterhin konsequent und kompetent vorantreibt.

Interview: Harald Stenger

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