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Rhein-Main: Gelebte Inklusion in fünf Varianten

Große Freude über die Auszeichnungen und die Förderung beim Schlappekicker Inklusionsfest. Bild: Rolf Oeser
Große Freude über die Auszeichnungen und die Förderung beim Schlappekicker Inklusionsfest. Bild: Rolf Oeser © Rolf Oeser

Tanzen, Kanu, Hockey, Schwimmen, Klettern: Die Schlappekicker-Aktion der Frankfurter Rundschau vergibt Preise für die Förderung besonderer Sportprojekte.

Die Gehirnblutung vor fünf Jahren hat ihn fast aus dem Leben geworfen. Tim Schaffrinna war halbseitig gelähmt, die rechte Körperseite hat nicht mehr funktioniert. Aber der junge Mann wollte schon immer hoch hinaus, am besten am Seil. „Klettern, je höher, desto besser“, das war stets seine sportliche Devise. Und ist es noch heute. Als der Crash passierte, war er 23 Jahre jung, jetzt ist er 28 und will immer noch hoch hinaus. Am besten zu den Olympischen Spielen.

Die Ansprüche haben sich seither zwar ein wenig verschoben, aber nur auf eine andere Ebene. „Ich wollte wieder klettern, unbedingt“, sagt Tim Schaffrinna. Das Mantra begleitet ihn seitdem fast noch intensiver. Eine Sehschwäche ist zurückgeblieben, daher die Brille, die rechte Körperhälfte ist noch immer in der Bewegung eingeschränkt, das sieht man deutlich. Aber der junge Mann klettert längst wieder. Und trägt stolz eine Trainingsjacke, die ihn als Mitglied des Nationalkaders ausweist. Den siebten Platz bei der Weltmeisterschaft hat er in diesem Jahr belegt, in Bern haben sich die weltbesten Para-Kletterer zum Wettkampf betroffen. Wenn alles gut läuft, wird Klettern in den paraolympischen Kanon aufgenommen. Schaffrinna träumt schon von Los Angeles 2028.

Der Deutsche Alpenverein (DAV) mit seiner Sektion Frankfurt ist einer von fünf Preisträgern, die gestern vom „Schlappekicker“ für ihre innovativen Ideen im Bereich „Inklusive Sportprojekte“ ausgezeichnet wurden. Geklettert wird im Hallentraining in Frankfurt und in Kelkheim, spezielle Kurse und der „KlettTherapie-Treff“ sind feste Bestandteile der Aktivitäten.

„Wer krabbeln kann, kann auch klettern“ ist die Grundphilosophie hinter dem Projekt „Training für Kinder und Erwachsene mit orthopädischen Störungen und Bewegungsstörungen aufgrund von Schädigungen des zentralen Nervensystems“. Marie etwa, das zeigt ein Video, wird aus dem Rollstuhl ins Seil an der Wand gehievt, ihre andere Welt. Für den Organisator der Therapie, Philipp Gettler, ist die Elternausbildung entscheidender Punkt für den langfristigen Erfolg. „Das ist Inklusion“, sagt er mit Überzeugung. Das befand auch der Schlappekicker-Vorstand, für den Harald Stenger eine flammende Laudatio hielt.

Der Sportkreis als Hausherr und die Schlappekicker-Stiftung luden die fünf Vereine zu einem kleinen Empfang in die Sportfabrik Fechenheim. Alle erhalten ein Preisgeld von 3000 Euro. Der Hanauer Tennis- und Hockey-Club ist einer davon. Vor zwei Jahren hat er mit dem Projekt „Specialhockey“ einen neuen Weg eingeschlagen mit einem „zarten Pflänzchen, das inzwischen viel Zuspruch bekommt“, so Laura Becker, die es für den Verein organisiert. Inklusion und Diversität sollen stärker im Club verankert werden und alle auch ein bisschen „aus der Blase herausführen“, die einen Tennis- und Hockey-Club leicht umgeben kann. Gespielt wird im Hanauer Kurpark, schon das ist ein Privileg. Perspektivisch soll Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen über den Sport Selbstbewusstsein, Teilhabe und Selbstwirksamkeit vermittelt werden. Langfristiges Ziel ist es, in allen Altersklassen ein inklusives Angebot für Training und Spiele anzubieten.

Dass in den Vereinen das Preisgeld in gute Hände kommt, dafür verbürgen sich Menschen wie Jürgen Rind vom Schwimmclub Neu-Isenburg. Er ist Trainer und Vorsitzender des Vereins. Dieser will den Schwimmsport „allen zugänglich machen“, dass es „allen auch Spaß macht“. Er bietet inklusive Kurse an, eine „Fördergruppe Wettkampf“ gibt es auch. Der Verein ist Mitglied im Behindertensportverband, nun sollen Kinder und Erwachsene im Paraschwimmen individuell so gefördert werden, dass sie an Wettkämpfen teilnehmen können.

Weitere Preisträger in diesem Jahr sind der Kanu-Club Lampertheim und der ITTV Frankfurt. Die Kanuten nennen ihr 2017 begonnenes Projekt „Bewegung grenzenlos“, eine Initiative mit mehreren Kooperationspartnern wie dem integrativen Kindergarten „Schwalbennest“ in direkter Nachbarschaft und der „Lebenshilfe“ für Menschen mit Behinderung. „Outdoor-Fitness“ ist eines der neuen inklusiven Sportangebote, schon bald steht der barrierefreie Umbau des Bootshauses an. Beim Internationalen Turn- und Tanzverein Frankfurt, in dem fast 100 Kinder ein multinationales vielseitiges inklusives Angebot genießen, werden neben Workshops und Sportcamps auch Austauschprogramme im Ausland angeboten. Der Verein hat eine Inklusionsbeauftragte, eine zusätzliche Sportassistentin betreut die Inklusionskinder.

Die frohe Botschaft am Rande überbrachte der Sportkreis-Vorsitzende Roland Frischkorn. Nach der Corona-Delle, ausgelöst durch den „Schwarzen Freitag“ am 13. März 2020, als er die Einstellung des Sportbetriebes verkünden musste, sei die Mitgliederzahl in den Vereinen dank der „unglaublichen Kreativität der Vereine und ihrer Ehrenamtlichen und ihres wunderbaren Einsatzes“ zuletzt wieder um 32.000 Menschen auf über 290.000 in den Sportvereinen Frankfurts angestiegen.

Beim Blick nach vorne im Interview mit dem Schlappekicker-Vize Harald Stenger setzt Frischkorn auf „regionales Denken“ und auf „intensives Netzwerken“ aller Akteure im Vereinssport, zu denen er auch die Rathausspitze und die Stadtplaner im Römer zählt. Die Hoffnung richtet sich auf neue Sportstätten, auch auf Parkhaus- und auf Hochhaus-Dächern.

Und als Clou auf ein „Sport- und Bewegungsufer“ an der Nordseite des Mains, sozusagen als Pendant zum Museumsufer für die Kultur auf der anderen Mainseite. Von den Vereinen erwartet er noch mehr Netzwerken in Rhein-Main statt „Kirchturmdenken“, dafür sei „Inklusion das beste Bindeglied.“