1. Startseite
  2. Über uns
  3. Schlappekicker

Das Glück vom neuen Leben

Uns auf Google folgen
CP-Fußballer.
Die hessischen CP-Fußballer. © HBRS

Vor vier Jahren ist Jakob Janik dem Tod von der Schippe gesprungen. Jetzt spielt er wieder Fußball, ist Kapitän des Hessenteams Fußball CP.

An den Moment, der sein Leben nachhaltig veränderte, hat Jakob Janik keine wirkliche Erinnerung. Die Sekunden davor, als der Tacho 200 kmh anzeigte, als die Welt sich auflöste beim Abflug von der B3 in Höhe Staufenberg. Den Crash in der Nacht, als alles in Blitzen verschwamm und explodierte. Jakob saß auf der Rückbank, war nicht angeschnallt. Es hat ihm wohl das Leben gerettet, er wird gerade noch rechtzeitig aus dem Wagen geschleudert.

Ein Mann für die besonderen Tore: Jakob Janik.
Ein Mann für die besonderen Tore: Jakob Janik. © HBRS

Jakob Janiks junges Leben, er war erst 18, stand noch Tage auf der Kippe. Er lag im Koma, hatte Hirnblutungen, schwere innere und äußere Verletzungen, sein Körper ein Trümmerfeld wie das Auto, dem er entkommen war. Sein Glauben an ein neues Leben nach dem brutalen Erwachen, seine Hoffnung auf eine wie auch immer geartete Zukunft und sein herzintensiver Traum, wieder Fußball spielen zu können, am liebsten in einem Team mit seinem zwei Jahre älteren Bruder, haben ihm über Jahre die Kraft, Energie und Willenskraft gegeben, alles für diesen Traum zu tun.

„Vom Überleben zum Aufblühen“

Jakob kann wieder lächeln, seine neue Karriere hat im Sommer begonnen, dreieinhalb Jahre nach dem Unfall. Früher hat er beim SV Rot-Weiß Niederklein in seiner Heimat Stadtallendorf in der Kreisliga A gespielt und es in der A-Jugend in die Verbandsliga geschafft. Sein neues Team ist die Hessenauswahl CP-Fußball. Beim „Lions Cup“ in Köppern feierte er sein Debüt und glänzte mit neun starken Toren im Turnier. CP steht für Cerebralparese, CP-Fußball ist eine Sportart für Menschen mit Bewegungsstörungen, die aus einer Hirnschädigung resultieren.

Es war ein langer Weg zurück ins Leben für Jakob. An jenem Tag im Oktober 2021, an dem über viele Stunden nicht klar war, ob er ihn überleben wird, hatte er sein Studium begonnen, Fitness-Ökonomie an einer privaten Hochschule in Frankfurt. Das Schicksal hat ihm eine lange Pause verordnet, einen Prozess, aus dem er als anderer Mensch kommen wird. Als glücklicherer Mensch sogar, wie er immer wieder betont. „Vom Überleben zum Aufblühen“, das wird drei Jahre nach dem Unfall der Titel seines Buches, das er im Vakuum seiner Genesung verfasst hat. Das Buch über den „Weg danach“ soll Mut machen, auch anderen mit ähnlicher Grenzerfahrung.

Im Krankenhaus sei er „oft auf dem Boden gelandet“, sagt Jakob Janik im Rückblick. Da gab es auch den Gedanken, ob es nicht einfacher wäre zu sterben. Zweieinhalb Monate in der Uni-Klinik Gießen, eine heftige Zeit. Nur durch eine gewagte Operation kann das zertrümmerte linke Bein vor der drohenden Amputation gerettet werden. Ohne Muskeln im Unterschenkel, er muss eine Schiene tragen, um die Sehnen zu strecken, der Schaden ist nicht reparierbar. Danach dreieinhalb Monate in einer neurologischen Reha-Klinik in Bremen. Anfangs hatte er auch kognitive Probleme, aber es bleiben zum Glück keine Schäden. Insgesamt 30 Operationen muss Jakob durchstehen.

Der Tag nach der Entlassung aus der Reha ist eine erste Befreiung. Jakob beginnt mit täglichem Krafttraining im Studio, das sein Praxis-Partner im Dualen Studium wird, er arbeitet im Studio, inzwischen hat er die Leitung übernommen. Aber sein Traum ist immer noch der Fußball, er wird ein Leben lang Fußballer bleiben. Ein bisschen im Garten, mehr geht lange nicht, Jakob gibt nicht auf. Auch darüber schreibt er in seinem Buch, sein Optimismus und seine Dankbarkeit und Demut sind seine Kraft auch in dunklen Stunden. Seinem Kumpel, der den Höllenritt mit fast drei Toten inszeniert hat, eine Freundin saß mit auf der Rückbank, hat er verziehen. Bemerkenswert seine Begründung: „Vor allem, um mir selbst was Gutes zu tun. Die Wut musste raus.“

Jakob Janik strahlt Lebensfreude aus. Er spielt wieder Fußball. Auch Michael Trippel strahlt, der sportliche Leiter von Leistungszentrum und Fußballschule des Hessischen Behinderten und Rehabilitations-Sportverbandes (HBRS) in Wetzlar hat einen neuen Spieler mit Strahlkraft ins Team bekommen. „Wir sind überglücklich und stolz, dass wir ihn haben, ein feiner Typ und guter Spieler“, lobt Trippel den 22-Jährigen.

Traumhafter Einstieg im Team Hessen

Er hat sofort gepasst und geht jetzt als Team-Kapitän voran. Mit traumhaftem Einstieg im Team Hessen bei der Deutschen Meisterschaft vor heimischem Publikum. In seinem ersten DM-Spiel in der ersten Partie gegen Bayern sein erstes DM-Tor auf dem Weg zum 3:2-Sieg, das nimmt ihm niemand mehr, auch wenn die entscheidende Partie um den Titel gegen Nordrhein-Westfalen verloren geht. Jakob sieht das gelassen. „Das war cool, es geht nicht so sehr ums Gewinnen, eher um eine Möglichkeit zur Inklusion.“

Dafür braucht der HBRS prominente Botschafter wie DFB-Sportdirektor Rudi Völler, der bei der DM im ID-Fußball für Sportler mit intellektueller Beeinträchtigung im Mai an gleicher Stätte den Siegerpokal überreichte. Dazu gehören auch Ex-Eintrachtler wie Alex Schur, Sebastian Rode und „Stepi“ Stepanovic. Die Schlappekicker-Aktion unterstützt das Hessenteam seit drei Jahren, im Jubiläumsjahr 75 Jahre Schlappekicker mit jeweils 2750 Euro für das ID- und das CP-Team für Reise-, Hotel- und Verpflegungskosten für alle Spieler.