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Scheckübergabe mit dem Schlappekicker-Vizechef Harald Stenger (rechts). 

Schlappekicker-Aktion

Mit Handicap zur Platzreife

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Auf dem Golfplatz hat jeder sein persönliches Handicap – der Oberurseler Club Skyline fördert Inklusionsprojekte und wird vom „Schlappekicker“ unterstützt.

Jan haut beim dritten Schlag richtig einen raus. Knapp 100 Meter fliegt der kleine weiße Ball, ehe er auf dem feuchten Gras aufkommt. Jan freut sich riesig, jeder Treffer ist ein kleiner Sieg. Oft fliegen die Funken, wenn der Schläger knapp am Zielobjekt vorbei ins Abschlagfeld auf der Driving Range rauscht, aber inzwischen ist die Quote schon ganz gut, wenn der 15-jährige Golfer Konzentration und Motorik in eine flüssige Bewegung bringt. Jan und ein halbes Dutzend weiterer Jungs und Mädchen haben sich mit einer Sportart angefreundet, die große Herausforderungen an sie stellt. Alle besuchen die Hans-Thoma-Schule für Lern- und Körperbehinderte in Oberursel.

„Jedes Kind hat sein Päckchen zu tragen“, sagt Miriam Ziegler, Mutter von zwei Jungs, die an Epilepsie leiden, einer davon ist Jan. Bei einem Mädchen war es das Tourettesyndrom, die Päckchen sind unterschiedlich schwer. Auf dem Golfplatz zählt das nicht, da hat jeder sein Handicap. Die Mehrheit behält dies ein Leben lang. Aber alle arbeiten an der Verbesserung, jeder auf seine Art.

„Jeder spielt sein Spiel“, präzisiert Profitrainer Robert Schmalfuß, der die Gruppe betreut. Er macht das cool und ruhig, die Jungs und Mädchen mögen ihn. Jeder spielt sein Tempo, gespielt wird im Gegensatz zu anderen wettkampforientierten Ballsportarten stets mit einem ruhenden Ball. Das macht es leichter, aber nicht leicht. Denn komplexes Denken ist gefordert, Konzentration, räumliches Sehen, Koordination, Motorik. Beim Golf ist Selbstwahrnehmung wichtig. Habe ich Körperspannung? Ist der Golfschläger in der richtigen Position? Habe ich genügend Standfestigkeit? Und überhaupt, wo ist das Ziel? Robert Schmalfuß lobt, spornt an, mahnt, das Ziel nie aus den Augen zu verlieren. „Konzentriert euch nur auf die Bewegung, der Ball ist egal.“ So einfach, so schwer. Trifft einer die kleine Kugel, wie Jan bei seinem 100-Meter-Schlag, ist die Freude ziemlich groß.

Chippen, pitchen, putten – die Begeisterung für den Sport bringt Jan und die anderen auf dem Golfplatz zusammen. Bei jedem Wetter gehen sie aufs Grün, rund ums Jahr, bis auf eine Weihnachtspause und in den Ferien. Nie darf das Training ausfallen, die Motivation ist groß, sagt Ingrid Kötter, Lehrerin in der Förderschule und stellvertretende Leiterin der Hans-Toma-Schule. „Alle haben wahnsinnige Fortschritte gemacht.“ Und das nicht nur beim Golfen: Wahrnehmung und Konzentration seien verbessert, die Stärkung motorischer und koordinativer Fähigkeiten hätten auch das Lernen in der Schule positiv beeinflusst. Die Erfolge seien auch im „normalen Schulleben“ messbar, Kötter sieht Fortschritte im „sozialen Miteinander dieser Gruppe“ durch das gemeinsame Agieren auf dem Golfplatz.

Dem Oberurseler Golfclub Skyline (GCO) und vor allem dessen Ehrenpräsidenten Klaus Mehler ist das erfolgreiche Inklusionsprojekt „Mit Handicap zum Schwung“ zu verdanken. Hervorgegangen ist die Kooperation von Schule und Verein aus dem Projekt „Abschlag Schule“, mit dem der Deutsche Golfverband (DGV) junge Menschen auf den Sport aufmerksam machen will. Inklusion ist ein Thema im Verband, konkrete Projekte aber fördern nur wenige Vereine. Die „Skyliner“ haben den Inklusionsgedanken bereits bei der Gründung 2006 in die Satzung aufgenommen und bieten dazu seit Jahren konkrete Inhalte auf mehreren Ebenen.

Die Wildcats, wie sich die Gruppe um Jan nennt, sind inzwischen alle Mitglieder im GCO und zahlen dort einen Sonderbeitrag. „Es sind ganz, ganz tolle Ergebnisse entstanden“, freut sich Mutter Miriam Ziegler, wichtig für die Kinder seien Anerkennung und Erfolge. Ohne Zieglers „unglaublichen Einsatz würde das alles nicht laufen“, lobt Klubpräsident Stephan Käfer. Seit zwei Jahren hält Miriam Ziegler den Laden zusammen, übernimmt jede Woche den Fahrdienst von Oberursel zum Gelände des Golfclubs Löwenhof in Ockstadt bei Friedberg kümmert sich um alles.

Stolz leuchtete aus den Augen der jungen Golfer, als der GCO-Ehrenpräsident einigen aus der Gruppe unlängst besondere Urkunden überreichte. Die „Platzreife“ ist der erste Schritt für einen Golfer, er verdient sich damit das Spielrecht auf dem grünen Rasen. Auf der Driving Range und den Grüns des Löwenhofs dürfen die Wildcats mit Platzreife jetzt eine normale Runde in Begleitung spielen. Alle haben jetzt ihre eigenen Bags und Schläger, auch dafür hat der emsige Klaus Mehler gesorgt. Ein Drei-Tage-Sommer-Camp mit behinderten und nicht behinderten Kindern und Jugendlichen auf dem Löwenhof war das Highlight des Golf-Sommers. „Ein voller Erfolg, das machen wir wieder“, verspricht Stephan Käfer.

Harald Stenger ist beeindruckt von Jans Schlagkraft und seiner Energie, in der der Junge kaum zu bremsen ist. Stenger, der stellvertretende Vorsitzende der Schlappekicker-Aktion der Frankfurter Rundschau, kam jüngst vorbei, um Skyline-Präsident Stephan Käfer einen Scheck im Wert von 2000 Euro für das Projekt Wildcats zu überreichen. Es stand auf der Kippe, weil die Finanzierung der Kosten für das spezielle Training der Gruppe nicht durchgängig gesichert war. „Das sind die Projekte, die wir gerne unterstützen“, so Harald Stenger bei der Scheckübergabe in einer kurzen Trainingspause auf der Driving Range in Ockstadt. „Die Unterstützung ist dringend notwendig, hier wird sie effektiv genutzt.“ Auf dem Grün des Löwenhofs spüren alle hautnah, welchen Spaß gelebte Inklusion machen kann.

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