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Alle rennen, laufen und springen beim Integrativen Sport- und Spielfest.

Frankfurt-Kalbach

Schlappekicker überreicht Förderschecks

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Der TSV Bonames bringt Kinder mit und ohne Handicap zum Spielen zusammen. Die FR-Aktion Schlappekicker hilft dabei.

Etwas unschlüssig stehen die beiden Mädchen im Grundschulalter vor den Rollstühlen. Sie scheinen sich gerade zu fragen: Das Gerät sieht schon spannend aus, ob ich das mal ausprobieren kann, auch wenn ich nicht darauf angewiesen bin? Na klar, bedeutet ihnen einer der Helfer im türkisfarbenen T-Shirt. Deswegen stehen die Rollstühle ja da. Und hier geht es gleich mal über eine Rampe. Probiert es einfach aus! Einer der Rollstühle hat „Ferrolli“-Radblenden im Ferrari-Look.

„Das war super“, sagt die eine hinterher, „aber voll anstrengend“, entgegnet die andere. Die beiden Mädchen haben an dieser Spielstation beim Integrativen Spiel- und Sportfest der Stadt Frankfurt erfahren, dass Rollstuhlfahren Spaß machen kann, und sie bekommen zugleich ein Gefühl für den Alltag von Gleichaltrigen, die darauf angewiesen sind – wie etliche an diesem Sonntagnachmittag in der Leichtathletikhalle im Kalbacher Sport- und Freizeitzentrum. Es ist wieder mächtig was los, Hunderte Kinder und Jugendliche toben sich nach Herzenslust bei der 27. Auflage dieses „Bewegungsparadieses für alle“ gemeinsam aus, wie Dieter Kuch vom Vereinsvorstand des TSV Bonames formuliert. Der Verein koordiniert das Fest von Beginn an, und das Muster ist seit 1992 das gleiche: vier Stunden, für Kinder mit und ohne Handicap, in einer spielerischen Atmosphäre ohne Wettbewerbscharakter. Es hat sich kaum etwas verändert in all den Jahren.

Jedes Jahr am ersten Sonntagnachmittag im November wird die Leichtathletikhalle von Spiel- und Sportstationen geflutet. Dann wird gerutscht, gerollt, gesprungen, gehüpft, gefahren, balanciert oder gekraxelt. Ein Geschicklichkeitsparcours für den Rollstuhl ist aufgebaut, in der Hallenmitte thront ein großes Bungee-Trampolin. Die „Bewegungsbaustelle“ hält Pedalos, Stelzen oder Snakeboards vor, mit denen die Sprösslinge durch die Halle flitzen können. Andere halten sich derweil auf der Slackline im Gleichgewicht, erklimmen die Kletterwand und versinken im Bällebad.

Neben diversen Spielen für Spaß und Geschicklichkeit ist auch „klassischer“ Sport möglich: am Basketballkorb, an der Tischtennisplatte, mit dem Badmintonschläger. Für die Kleinsten gibt es Krabbelmöglichkeiten, sie können im Klangzelt lauschen, im Schwarzlichtraum leuchtende Gegenstände ausprobieren oder sich in der Schminkecke verwandeln lassen.

Den Kindern macht es Spaß

Jeder, wie er Lust hat. Alles geht, nichts muss. Das ist das Konzept und Erfolgsrezept dieses großen, auf den ersten Blick völlig unübersichtlichen Fests. Hauptsache: Den Kindern macht es Spaß, und auch die Eltern kommen gerne mit nach Kalbach.

Der TSV Bonames und der Rollstuhl-Sport-Club Frankfurt richten dieses Fest mit Unterstützung der Stadt und rund 120 ehrenamtlichen Helfern aus. Das Referat Integrationssport der Sportjugend Hessen, der Deutsche Rollstuhl-Sportverband, die Fachhochschule Frankfurt, die Berufsgenossenschaftliche Unfallklinik und der Hessische Behinderten- und Rehabilitations-Sportverband helfen mit.

Auch die Frankfurter Rundschau ist Dauergast beim Integrativen Spiel- und Sportfest und zeichnet dort seit 1997 Vereine aus, die sich vorbildlich für den Sport von Menschen mit Handicap engagieren . Alle setzen sie an diesem Nachmittag ein Zeichen für die Inklusion. Dafür, dass jeder überall dazu gehört, alles machen kann. Auch beim Spielen und beim Sport.

Die Preisträger

„Die Wasserflöhe“: Tauchsport für alle: Die Wasserflöhe sind ein in Deutschland bislang einmaliges inklusives Projekt. Hier, in der Tauchgruppe im Verein für Sport und Gesundheit Darmstadt, können auch Menschen mit einer körperlichen und geistigen Behinderung das Tauchen trainieren. Je nach ihrem individuellen Bedarf werden sie dabei von Sporttauchern, die sich mit ihrem Hobby nebenbei ehrenamtlich engagieren, unterstützt. Es gibt viele positive körperliche und psychische Effekte, die beim Tauchen für die Zielgruppe erreicht werden können. In erster Linie wollen die Wasserflöhe aber die Integration behinderter Menschen als vollwertige Mitglieder in die Gesellschaft unterstützen. „Wir geben Behinderten und Nichtbehinderten die Möglichkeit, einen faszinierenden Sport kennenzulernen, Vorurteile und Berührungsängste abzubauen und darüber hinaus soziale Kontakte zu knüpfen“, stellt Marko Bertges heraus, der die Gruppe bereits seit dem Jahr 2001 leitet. In den vergangenen 18 Jahren haben mehr als 80 Menschen mit Behinderung das Angebot der Wasserflöhe genutzt. Zurzeit nehmen bis zu 25 Menschen mit und ohne Handicap am Tauchtraining samstagmittags im Nordbad Darmstadt teil. Tauchen ist durch die notwendigen Geräte ein relativ kostenintensiver Sport. Auch die Transferfahrten der Teilnehmenden sind aufwendig. Mit dem mit der Auszeichnung des Schlappekickers verbundenen Preisgeld könne die Durchführung des Tauchtrainings weiter gewährleistet werden, freut sich Marko Bertges. Unter anderem sollen neue Tarierwesten angeschafft werden, die auch für Rollstuhlfahrer geeignet sind.

Gruppe „hoch hinaus“: Klettern wirkt motivierend und verleitet dazu, hoch hinaus zu wollen. Das gilt auch für Menschen mit Behinderung.“ Aus diesem Grund bietet die Gruppe „hoch hinaus“ unter dem Dach des Deutschen Alpenvereins Interessierten mit Handicap Unterstützung, damit auch sie den Klettersport für sich entdecken und ausüben können. „Willkommen sind alle Menschen ab sechs Jahren mit körperlichen und/oder geistigen Einschränkungen, die Interesse haben, Erfahrungen an der Kletterwand zu sammeln“, sagt die Gruppen-Gründerin und -Leiterin Anna-Lena Würbach. Unterstützt werden die Handicap-Kletterer von Therapeuten, Klettertrainern und geschulten Helfern. Das „hoch hinaus“-Angebot stellt eine Therapie-Ergänzung dar, die Freude an der Bewegung bringt und zu neuen Herausforderungen animiert. Gewissermaßen ohne es zu bemerken, fördert das Klettern die Motorik und die Koordination. Indem der Kletterer die Situation selbst in die Hand nimmt und den für sich richtigen Weg nach oben findet, werden Selbstvertrauen und auch das Selbstwertgefühl gesteigert. Mehrmals pro Jahr bietet die Gruppe „hoch hinaus“ neue Kurse an, ebenso Schnuppertage. Geklettert wird in der Kletterhalle „Wiesbadener Nordwand“. Der nun erhaltene Förderpreis vom FR-Schlappekicker soll nach Auskunft der Gruppenleiterin für den Bau einer eigenen Kletterwand genutzt werden. „So können wir unseren Teilnehmern noch mehr individuelle Möglichkeiten bieten, die Wand zu erklimmen“, sagt Anna-Lena Würbach.

VTF-SG Nied: Der Verein zur Förderung des Triathlonsports bei der SG Frankfurt-Nied (VFT-SG Nied) organisiert seit 2007 einmal im Jahr den Nieder Kindertriathlon „Trikids“ und bindet dabei sukzessive Kinder mit einem Handicap ein. Zum Mitmachen ist es nicht notwendig, ein Rennrad oder einen Triathlonanzug zu besitzen; ein einfaches Kinderfahrrad und ein Badeanzug oder eine Badehose reichen aus. Die Veranstaltung richtet sich an Kinder zwischen acht und 13 Jahren und wird meist Ende August ausgetragen. Je nach Alter sind dabei 50 bis 200 Meter Schwimmen im Vereinsbad des Höchster Schwimmvereins, dann 2,2 bis 8,4 Kilometer entlang der Nidda auf dem Rad und schließlich eine bis vier Sportplatzrunden auf der Sportanlage der SG Nied zu absolvieren. Wegen der guten Erreichbarkeit ist die Veranstaltung zu einem Geheimtipp für Kinder mit einem Handicap geworden: Die Veranstalter binden Kinder mit Wahrnehmungsstörungen ein, inzwischen auch solche mit einer körperlichen Behinderung. Zur Vorbereitung auf den Wettbewerb wurden in den vergangenen Jahren gemeinsame Trainingseinheiten angeboten. Diese sollen nun ausgeweitet werden. „Wir sind sehr dankbar für die Schlappekicker-Auszeichnung, weil damit finanziell die Fortführung des Nieder Kindertriathlons im nächsten Jahr gewährleistet ist“, sagt die Inklusionsbeauftragte des Fördervereins, Constanze Neumann. Mit Unterstützung des Schlappekickers kann ein für alle optimal betreuter Wettkampf ermöglicht werden.

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