„Resignieren gibt’s nicht! Mutiges Engagement ist gefragt!“
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Ein historischer Rückblick und klare Aussagen zur Zukunft der Schlappekicker-Aktion standen im Mittelpunkt der Festrede des stellvertretenden Vorsitzenden Harald Stenger. Ein Auszug der Rede im Kaisersaal.
75 Jahre Schlappekicker – willkommen im Kaisersaal zu einem stolzen Jubiläum! Meine Anerkennung gilt zuerst zwei Pionieren, die in unserer langen Geschichte über allem und allen stehen: Erich Wick und Bert Merz. Wick war 1951 der Initiator der Schlappekicker-Advents- und Weihnachtssammlung. Anlass war eine Erkrankung des verletzt aus dem Krieg zurückgekehrten Eintracht-Nationalspielers „Hennes“ Stubb, deren Behandlung finanzielle Unterstützung erforderte.
Der Erinnerung nach lag das erste Jahresergebnis der Spendenaktion bei 4000 DM. Doch über diesen Betrag und andere Zahlen von früher herrscht Ungewissheit. Daher sind für die Anfangsjahre der Aktion nur Schätzungen über die Sammelergebnisse und damit die Gesamtsumme der Spenden bis heute möglich. Es dürften knapp drei Millionen Euro sein, mit denen wir helfen konnten.
Nach dem Tod von Wick übernahm Merz 1968 für 28 Jahre den Schlappekicker-Vorsitz. Seit frühester Jugend hatte er gute Kontakte zur Eintracht und später besonders zur 59-er-Meister-Mannschaft, allen voran zu Kapitän Alfred Pfaff und Richard Kress.
Ein anderer Mosaikstein aus der Vita von Merz hat aber viel größere Bedeutung. Als Lehrling in einer traditionsreichen Frankfurter Schuhfabrik, deren Besitzer die jüdischen Familien Schneider und Adler waren, bewachte er das Firmengelände im Gallusviertel in der Pogromnacht am 9. November 1938. „Was wir in diesen Stunden erlebt haben, ist nicht in Worte zu fassen“, sagte er später. Sportlich das Besondere an der Schlappe-Schneider im Volksmund genannten Firma war, dass viele Eintracht-Spieler dort angestellt waren und bald „Schlappekicker“ gerufen wurden. Dieses Wort wählte dann Wick 1951 als Name für die FR-Aktion aus.
Rudi Völler hat den Satz geprägt: „Die Schlappekicker-Aktion ist eine Institution des Frankfurter Sports!“ Das freut uns. Gerade deshalb gilt für unser Selbstverständnis zugleich das Motto: Klein, aber fein und immer bescheiden sein! Denn wir sind von jeher eine regionale Sammlung und wollen das auch bleiben.
Kampf gegen sexuelle Gewalt
Schwerpunkte in unseren Gründerjahren waren das Angebot von sozialer Gemeinschaft und finanzieller Hilfe beim Neuanfang nach dem Krieg in Frankfurter Sportkreisen. Der Schlappekicker half etwa mit Kohlegeld und organisierte Busausflüge.
Ab den 60er Jahren wurden Bedürftige, die von den Vereinen gemeldet wurden, zu Weihnachtsfeiern bei Kaffee und Kuchen eingeladen. Was im Römer-Casino begann, endete im Bürgerhaus Nordwest – 2001 war Franz Beckenbauer als Stargast dabei. Zuvor waren im Drehrestaurant des Henninger Turms fast drei Jahrzehnte Bundestrainer und Nationalspieler wie Helmut Schön, Fritz Walter, Uwe Seeler und Lothar Emmerich oder die Eintracht-Idole zu Besuch. Ebenso Olympiasieger und Weltmeister von Rudi Altig über Armin Hary und Josef Neckermann bis Michael Groß.
Mein erstes Schlappekicker-Erlebnis fiel in die 70er Jahre. Als Neuling in der FR-Sportredaktion wurde ich traditionsgemäß dazu auserkoren, den Bericht über die Weihnachtsfeier zu schreiben. Das Fest war unauflöslich verknüpft mit dem Namen Hans Lankes, denn kurz zuvor schlug immer seine große Stunde. Der Schiedsrichter, beruflich Hausmeister an der Elisabethenschule auf der Eschersheimer Landstraße, war seinerzeit wochenlang bei den Frankfurter Fußballvereinen, auf der Niederräder Rennbahn oder in den Äbbelwoi-Wirtschaften von Sachsenhausen bis Neu-Isenburg mit der Sammelbüchse für den Schlappekicker unterwegs.
Wenn er dann ins FR-Haus kam, leerte er in der Sportredaktion seine Jacken- und Hosentaschen, große und kleine Umschläge oder Plastiktüten. So lag von Pfennigstücken bis zu 100-Mark-Scheinen viel Geld auf unseren Schreibtischen und es wurde lange gezählt, bis das Endergebnis der Lankes-Streifzüge feststand. So war es eben einst….
Mit der Gründung des gemeinnützigen Schlappekicker-Vereins am 3. Dezember 1981 begann eine neue Etappe. Die Zäsur war ein großer und richtiger Schritt in die Neuzeit, weil die Förderung von Sportprojekten mit gesellschaftlich-sozialer Bedeutung in den Mittelpunkt der Vorstandsarbeit und Sammlung rückte. Die Verleihung des Schlappekicker-Preises und der Inklusionspreise waren markante Zeichen des Umdenkens.
Ungeachtet der Reformen von damals gilt aber bis heute unverändert: Einen hohen Stellenwert hat die Hilfe für unverschuldet in Not geratene Sportler:innen wie der 2017 verstorbenen, nach einem Trainingssturz querschnitts-gelähmten Frankfurter Turnerin Christel Müller und dem Darmstädter Fußball-Jugendtrainer Rüdiger Böhm, dem beide Beine amputiert werden mussten, da er auf dem Fahrrad von einem Lkw überrollt wurde.
Erster Schlappekicker-Preisträger war 1998 der TV 1860 mit seinem Mitternachts-Basketball-Angebot für Jugendliche in der Halle im Sandweg. Als Ur-Frankfurter ist mir die Auszeichnung von zwei weitere Vereinen unserer Stadt in bester Erinnerung: die SG Bornheim/Grün-Weiß mit ihren vielen familienfreundlichen und integrativen Aktivitäten inklusive schneller Ukraine-Flüchtlingshilfe und der im Ostpark heimische FC Gudesding mit seinem Kampf gegen sexuelle Gewalt nehmen besondere Plätze ein in der eindrucksvollen Liste aller Schlappekicker-Preis-Gewinner. Doch nicht nur ihr vorbildliches Engagement steht für die Vielfalt und Stärke des Sports in der Rhein-Main-Region, das Streben nach friedlichem und respektvollem Miteinander von Jung und Alt aus allen Nationen.
Ab Mitte der Nuller Jahre erlebte die Schlappekicker-Aktion starke Spenden-Rückgänge. In dieser Krise enorm wertvoll war das finanzielle Engagement von Philip Holzer, dem Sohn des legendären FR-Chefredakteurs Werner Holzer. Und dank der Großspende des Vorstands der Eintracht Fußball AG nach dem Europa League-Triumph 2022 wurde unsere Basis nochmals besser.
Optimistisch nach vorne blicken
Als Schlappekicker-Credo für die nächsten Jahre möchte ich unmissverständlich betonen: Resignieren gibt’s nicht! Mutiges Engagement ist gefragt! Diesem Anspruch wollen wir gerade angesichts vieler globaler Gefahren und sozialer Probleme vor unserer Haustür gerecht werden. Wir blicken optimistisch nach vorne, um nicht nur im Sport auf die aktuellen Herausforderungen im Sinne unserer Tradition positiv zu antworten. Und Sie verstehen sicher, was ich meine mit den Worten „nicht nur im Sport“, ohne dass ich die mit verführerischen Parolen für unsere Demokratie gefährlichen Schmuddelkinder beim Namen nenne.
Den alljährlichen Höhepunkt der Schlappekicker-Aktion erleben wir heute mit der Verleihung des Schlappekicker-Preises, verknüpft mit unserer Jubiläumsfeier. Unser besonderer Dank für die Einladung gilt Oberbürgermeister Mike Josef, der ein Schlappekicker-Fan par excellence ist. Im Namen unseres Vorstands mit Arnd Festerling an der Spitze und aller Mitglieder bedanke ich mich herzlich für seine Wertschätzung. Wir freuen uns riesig darüber!