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Johannes Hablik.

Johannes Hablik

"Dafür bin ich dankbar"

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Die Schlappekicker-Aktion bleibt an der Seite von Johannes Hablik.

Der Moment, der alles veränderte, ist nicht mehr da. Johannes Hablik kann sich an nichts erinnern. Nicht an diesen Landesliga-Turnwettkampf, damals, am 3. November 2002. Nicht an die Stunden davor, an die Fahrt oder das Aufwärmen. Und auch nicht an den anderthalbfachen Salto, den er im Training hunderte Male sicher gelandet hatte, und der diesmal komplett misslang. Die Erinnerungen an den Tag, an dem einer der talentiertesten hessischen Mehrkämpfer zum Pflegefall wurde, sind aus seinem Gedächtnis verschwunden, als wären sie nie dagewesen.

Zweimal Meister

Johannes Hablik liegt im Bett, eine weinrote Decke bedeckt seinen Körper, die nackten Füße gucken unten raus. Seit seinem Unfall vor 16 Jahren ist er vom vierten Halswirbel abwärts gelähmt, nur den Kopf kann er noch bewegen. Der heute 38-Jährige wohnt im Haus seiner Eltern in Neutsch, einem verträumten Ort im Odenwald, der so klein ist, dass es keine Straßennamen gibt, nur Hausnummern. Er wird rund um die Uhr von Pflegern betreut, die ihn waschen, anziehen, beim Essen helfen, ihn wenden oder katheterisieren. Doch die Frage nach dem Was-wäre-wenn, hat sich Johannes Hablik nie gestellt. „Da denke ich nicht drüber nach“, sagt er.

Dass er es mal zum Profisportler geschafft hätte, glaubt der Südhesse ohnehin nicht. Doch Talent hatte er, ohne Frage. Als Fünfjähriger fing er beim TV Ober-Ramstadt mit dem Geräteturnen an, später trainierte er bei Lehrgängen unter Wolfgang Hambüchen, dem Vater von Fabian Hambüchen. Als Jugendlicher entdeckte er den Deutschen Achtkampf für sich, der Leichtathletik und Turnen verbindet. Gleich zwei Deutsche Meistertitel konnte Hablik in dieser Disziplin feiern. Dazu tourte er auch noch mit den „Feuerteufeln“, einer Show-Akrobatiktruppe von Eintracht Frankfurt, durch ganz Europa.

Doch sein tragischer Unfall bereitete alledem ein jähes Ende. Beim Sturz auf den Kopf wurde zwischen dem vierten und fünften Halswirbel das Rückenmark abgeklemmt, zwei Wochen lag Hablik im künstlichen Koma, als er wieder zu sich kam, konnte er sich an nichts mehr erinnern. Insgesamt acht Wochen verbrachte er auf der Intensivstation, Hablik rang mit dem Tod, mehrere Male blieb in dieser Zeit sein Herz stehen. „Schön ist natürlich anders“, sagt er heute.

Doch auch wenn er heute nicht mehr über die Tartanbahn sprinten oder über den Barren schwingen kann - ein Kämpfer ist Johannes Hablik geblieben. „Im Rahmen meiner Möglichkeiten habe ich mich gut mit der Situation arrangiert“, sagt er. Mit seinem elektrischen Rollstuhl, den er mit dem Kinn lenkt, kann er sich durchs Haus bewegen. Am Computer, den er mithilfe eines Sensors auf seiner Brille steuert, liest er gerne und viel, vor allem Nachrichten. Wenn er das Licht anschalten oder Musik hören will, ruft er nach seiner „Alexa“. Und auch das Studium der Sportwissenschaften mit Schwerpunkt Informatik an der TU Darmstadt, das Hablik kurz vor seinem Unfall begonnen hatte, will er wieder in Angriff nehmen. „An meinem Alltag hat sich eigentlich nicht so viel verändert“, sagt er. „Bei mir nehmen die Dinge des normalen Lebens nur mehr Zeit in Anspruch.“

In seiner Freizeit geht Hablik ins Kino oder trifft sich mit Freunden im Café, außerdem guckt er immer noch gern bei Turnwettkämpfen zu, manchmal geht er auch zur Eintracht ins Stadion. Über die Akrobatikgruppe der SGE entstand damals der Kontakt zur Schlappekicker-Aktion der Frankfurter Rundschau, die Hablik seit seinem Unfall einen monatlichen Betrag über einen Förderverein überweist, die Freunde von ihm 2003 gegründet haben. „Dafür bin ich sehr dankbar“, sagt der Odenwälder. Und zwar nicht nur des Geldes wegen. „Es ist schön“, sagt Hablik, „wenn man merkt, dass Leute an einen denken.“

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