Leserbriefe
Uns auf Google folgenUnsere Leser reagieren sehr verschieden auf die Pläne der SPD-Medienholding ddvg, einen Großteil der Frankfurter Rundschau zu übernehmen. Eine Auswahl.
Gegen den Mainstream
Zu Keine Abstriche an der Ausrichtung - Beteiligung der SPD-Holding DDVG am Verlag der Frankfurter Rundschau (FR vom 12. März):
Als jahrzehntelanger Abonnent der Frankfurter Rundschau verfolge ich mit großem Interesse die Bemühungen, die FR auf eine stabile wirtschaftliche Grundlage zu stellen. Im Interesse der Meinungsvielfalt in der deutschen Presselandschaft ist es nach meiner Einschätzung unabdingbar, die FR mit ihrer unabhängigen Berichterstattung und Meinungsäußerung zu erhalten. Dabei darf es auch weiterhin keine Rolle spielen, ob den "Regierenden" dem "mainstream" zuwiderlaufende Meinungen, insbesondere in der Wirtschafts- und Sozialpolitik, passen. Insoweit begrüße ich die "Erklärung von Geschäftsführung und Chefredaktion" in der Ausgabe vom 12. März.
Reinhart Keppler, Isernhagen
Geschmacklos
Mit einer Beteiligung der DDVG an der Frankfurter Rundschau wäre ein weiterer Gipfel der Geschmacklosigkeit in der deutschen Medienlandschaft gestürmt. Nicht genug, dass die SPD sich noch immer an Medien beteiligt, nicht genug, dass sie nicht willens oder nicht in der Lage ist, ihre Beteiligungen zu lösen, nun will sie auch noch neue Beteiligungen zukaufen. Fast entsteht der Eindruck, die Kanzlerpartei nutze die prekäre Lage der FR, um wenigstens hier die kritische Berichterstattung abzuwürgen, über ihre stümperhaften Versuche gestalterisch in Deutschland zu wirken.
In bin und war nie einverstanden mit der politischen Ausrichtung der FR. Ich habe aber immer goutiert, dass sie in ihrer politischen Einseitigkeit zumindest unabhängig und souverän war. Das wird nun vorbei sein. Aber immerhin ein Tröstliches hat die geplante Beteiligung: Von Auslandsreisen des "Medienkanzlers" werden die Redakteure der FR wahrscheinlich nie ausgeschlossen werden. Ich kann nur hoffen, dass zumindest die Redaktion sich dem unsittlichen Angebot widersetzt, wenn schon die Kaufleute des Verlages sich der Verlockung des Geldes nicht verschließen können.
Martin Wind, Berlin
Bedauerlich
Ich finde es wirklich sehr bedauerlich, dass die beste überregionale deutsche Tageszeitung so sehr in der Misere steckt. Als Arbeitsloser kann ich auch gut nachvollziehen, dass alles versucht wird, um den Verlust von Arbeitsplätzen zu verhindern. Trotzdem würde ich es sehr bedauern, wenn sich die FR nur durch die Beteiligung der SPD retten ließe. Die FR als Parteiorgan der SPD ist wirklich keine angenehme Vorstellung. Auch wenn immer wieder betont wird, dass die SPD keinerlei Einfluss auf die redaktionelle Arbeit nehmen wird, so ist durch die wirtschaftliche Abhängigkeit durchaus eine indirekte Einflussnahme zu befürchten.
Deshalb kann ich es nicht begrüßen, wenn Parteien im Allgemeinen und im Besonderen auch noch Regierungsparteien an einer so wichtigen Tageszeitung beteiligt sind. Ich hoffe, dass im Interesse der FR und deren Mitarbeiter sich eine andere Möglichkeit findet, das Fortbestehen zu sichern.
Oliver Dzierzon, Wiesbaden
Mulmig
Wie fühlt man sich da als Redakteur, der gewohnt ist, seine Artikel nach seiner eigenen Meinung und Einschätzung zu schreiben? Und der Rücksicht nehmen muss auf eine Institution, die durch ihr finanzielles Engagement den Fortbestand der Zeitung gesichert hat? Bestimmt etwas mulmig! Die Redaktions-Sitzungen werden sicher in Zukunft spannend werden.
Man wird es merken an der Personal-Fluktuation.
Gunther Schirmer, Leipzig
Hofberichterstatter
Zum Elmar-Brand-Artikel (FR vom 11. März):
Mir ist in der Ausgabe vom 11. März auf der letzten Seite ein Beitrag aufgefallen, in dem Sie über den Komiker und "Kanzler-Imitator" Elmar Brand schreiben. Ich selbst bin kein Fan von ihm, aber vor dem Hintergrund, dass die SPD Ihre Zeitung zu großen Anteilen kaufen will, erscheint der Kommentar sehr regierungskonform statt kritisch.
Ihre Unabhängigkeit als Tageszeitung stelle ich in Frage, da Sie sowieso, wie man in den Medien hört, vom rückläufigen Anzeigengeschäft betroffen sind. Jetzt aber werden Sie, nach dem "Brand-Artikel" zu urteilen, zum Hofberichterstatter ernannt, der nicht zurückschreckt, auch unter die Gürtellinie zu schießen, wie man es eigentlich nur von der "Bild-Zeitung" gewohnt ist.
Als langjähriger regelmäßiger Leser Ihrer Zeitung und anderer Tageszeitungen fällt mir in der letzten Zeit vor allem auf den letzten Seiten Ihrer Ausgaben auf, wie "dünn" doch Ihre Beiträge werden. Sicherlich liegt das an der "Ausdünnung" auch Ihrer Redaktionen. Doch die Qualität sollte nicht unter der Quantität leiden. Schade, wo Sie doch sonst immer ein kritisches Image gepflegt haben.
Stephan Schopp, Netphen
Stimme gegen Aufrüstung
Das wäre ja schön, wenn die FR erhalten bliebe und auch kritische Stimmen - z. B. gegen die anhaltende Aufrüstungspolitik der gegenwärtigen Regierung im Rahmen der geplanten EU-Verfassung - weiterhin zur Geltung kommen. Vielleicht ist es dann auch möglich, die CD-Rom mit dem Jahrgang 2003 dann doch noch zu veröffentlichen?
Matthias Engelke, Pfr., Lobberich
Zusammenarbeiten
Zu FR und SPD ( FR Standpunkte vom 12. März ):
Das waren noch Zeiten, als die FR die Meinungsführerin im Rhein-Main-Gebiet und in Hessen war! Die politischen Verhältnisse haben sich grundlegend geändert - und die wirtschaftliche Basis einer Großstadt-Zeitung auch. Ich liebe die FR seit Studentenzeiten in Hessen, lese sie aber nicht, weil mir im Zuge der Wiedervereinigung der Frankfurter Blick auf die Veränderungen im Lande zweitrangig erschien. Verschiedene Zeitungsprojekte einer Frankfurter Zeitungsgruppe im Osten sind in den Sand gesetzt worden, man hatte je die wichtigen Immobilien, die den Preis der Treuhand locker aufwogen.
Die FR-Verlagsgruppe hat sich an diesem Spiel nicht beteiligt. Erst angesichts der Finanznot des Blattes wird mir klar, dass dahinter unternehmerische Entscheidungen gestanden haben müssen.
Die FR hat immer darum gekämpft, eine überregionale Tageszeitung sein zu können, wie heute zum Beispiel die "Berliner Zeitung" oder der "Tagesspiegel", ganz zu schweigen von der TAZ, deren chronische Unterfinanzierung Legende ist. - Sollte nicht die FR in hoffentlich neuer Aufstellung versuchen, die alten Leser/innen wiederzugewinnen? Das Land braucht die FR.
Vielleicht lässt sich in Zusammenarbeit mit anderen überregionalen Tageszeitungen das leidige Thema der Regionalberichterstattung perspektivisch sinnvoll lösen. Ich könnte mir für unser Umfeld sehr wohl eine Zusammenarbeit von Regionalzeitungen und überregionalen Tageszeitungen vorstellen, die redaktionell schnell vorzeigbare Ergebnisse bringt. Auch eine Zusammenarbeit bei Anzeigen wäre durchaus sinnvoll. - Man freut sich auf eine Zeitungslandschaft mit der FR in neuer Partnerschaft.
GERHARD ZIMMER, NEUSTADT
Unentbehrlich
Als ich vor über 30 Jahren als Student begann, regelmäßig die Rundschau zu lesen, sagte mir ein älterer Kommilitone: "Die Rundschau", das ist der tägliche Spiegel. Heute wäre das ein zweifelhaftes Kompliment, zumal bei der derzeitigen Fokussierung des Spiegel auf pseudokritische neoliberale Positionierung gegenüber den "Blockierern", die sturerweise am Grundgesetz mit Sozialstaatsgebot und Sozialpflichtigkeit des Eigentums festhalten wollen. In diesen Zeiten ist es jedenfalls angebracht, schlicht dankbar zu sein, dass es die Frankfurter Rundschau gibt, und zwar nicht nur für die großartige dritte Seite, die eingestandenermaßen sogar Altkanzler Helmut Schmidt liest, sondern vor allem auch für den Wirtschaftsteil, der bei den meisten "fortschrittlichen" Blättern denn doch auf einem anderen Blatt steht.
Seit den Tagen, als der unvergessene Rolf-Dietrich Schwarz auch im "Presseclub" die Scheinargumente der Modernisierer zerpflückte, ist mir die Information durch die wirtschaftspolitischen Beiträge der "Rundschau" unentbehrlich geworden. Das Gleiche gilt für die redaktionelle Linie zu Ökologie und Umweltpolitik.
Die "Modernisierung" der FR mit Magazin und FRplus erwies sich als zunächst etwas gewöhnungsbedürftig, aber mittlerweile lese ich beide mit großem Genuss.
Michael Hertel, Ravensburg