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Die Autorin und Bloggerin Nikola Richter an ihrem Arbeitsplatz.

Gastbeitrag

Konfetti der Gegenwart

Auch in den Zeiten von Blogs und sozialen Netzwerken gibt es noch die Sehnsucht nach der gedruckten Zeitung, die das Hintergrundwissen tageweise sortiert. Alte und neue Medien müssen zusammengedacht werden, das wertet beide auf.

Von Nikola Richter

Ich habe das Lesen überkopf gelernt: Mein Vater legte morgens die regionale Tageszeitung auf den Frühstückstisch und blätterte sie durch. Ich, das Schulkind, saß ihm gegenüber und entzifferte die Titel aus meiner Perspektive, also überkopf. Zeitung und Lesen gehörten für mich immer zusammen.

Mein Leseverhalten hat sich in den vergangenen drei Jahrzehnten aber grundsätzlich verändert. Ich bin, so könnte man meinen, der verkörperte Medienwandel. Ich lese vor allem online, bekomme Artikeltipps von meinen Kontakten in sozialen Netzwerken, die ich stündlich besuche, klicke mich durch die Startseiten einiger Online-Angebote klassischer Medien, habe Newsletter und Presseschauen abonniert und besuche Blogs, die meinen Interessensgebieten entsprechen. Der Fernseher, der die Generation meiner Eltern noch um 20 Uhr vor der Tagesschau versammelte, ist ein schwarzes Gerät im Raum. Ich beziehe aktuelle Meldungen über Nachrichten-Webseiten – oder über die Statusmeldungen gut informierter Freunde. Von dem Unglück auf der Loveparade oder dem Tod von Christoph Schlingensief erfuhr ich zuerst über Facebook.

Vor ein paar Monaten bekam ich eine Zeitungssehnsucht nach von klugen Köpfen tageweise sortiertem Hintergrundwissen. Seitdem besitze ich wieder ein Abo, aber ein digitales. Wenn ich Kinder hätte, könnten sie also nicht überkopf lesen lernen, sondern müssten ihre Margarinefinger von meinem Touchpad fernhalten. Sie würden gar nicht mehr wissen, was eine klassische Zeitung ist!

Virtuelle Zeitung in der U-Bahn

Ich gebe zu, ein bisschen umständlich ist es schon, morgens ein PDF von etwa 40 Seiten auf meinen Rechner zu laden, eine kürzere Version würde mir eigentlich reichen. Aber gut, ich scrolle mich mit Brötchen in der Hand durch die Seiten. Theoretisch könnte ich diese virtuelle Zeitung in die U-Bahn mitnehmen, auf einem Lesegerät. Oder erneut an einem anderen Rechner herunterladen, je nachdem wo ich gerade bin. Sie ist eine mobile Datei im Netz. Weil diese Zeitung ohne Druckerschwärze und Vertrieb auskommt, kostet sie nur 10 Euro im Monat. Mit diesem Betrag unterstütze ich gerne eine Redaktion.

Ich habe aber auch ein kostenloses, selbst zusammengestelltes Abo: meine Twitter-Timeline, das ist die Abfolge von Nachrichten der Menschen, denen ich über dieses Kurznachrichten-Netzwerk „folge“. Jedes Mal, wenn ich die Seite öffne, lese ich nur die Meldungen der vergangenen paar Stunden. Weiter zurück in die Vergangenheit kann ich auf Twitter nicht gehen, das würde mich überfordern. Denn wenn ich den Meldungen von etwa 500 Menschen folge, kommen in diesen Stunden etwa 1000 Tweets zusammen. Tausendmal 140 Zeichen sind 140000 Zeichen. Das wären ausgedruckt 77 Manuskriptseiten. Twitterlesen bedeutet also, ein Konfetti der Gegenwart zu lesen.

Um diese jüngste Gegenwart zu strukturieren, habe ich die Twitter-Meldungen einiger Internet- und Medienexperten in meiner „futureofmedia“-Liste versammelt. Diese stellt sich wie eine nicht endende Soap Opera der gegnerischen Familien Web und Print dar. Miriam Meckel, Medienwissenschaftlerin in St. Gallen, verschickt etwa den Hinweis auf den Online-Artikel „Time loses 1.2 million UK users through paywall“: Die britische Tageszeitung The Times und ihr Sonntagsblatt The Sunday Times haben seit Mai 2010, als die Nutzung beider Webauftritte mit einer Tagesgebühr kostenpflichtig wurde, fast die Hälfte ihrer Online-Besucher verloren.

Der Webunternehmer Chris Anderson, der seit Jahren für „free content“ wirbt, vermeldet, dass das Internet, diese unstrukturierte Datenwolke namens WWW, stirbt. Er prognostiziert, dass wir jedes Mal, wenn wir online gehen, nur diejenigen Angebote und Webseiten nutzen werden, die wir persönlich ausgewählt haben. Dass wir also für sortierende Dienstleistungen bezahlen, die uns zwar per Netz geliefert werden, dass wir aber nicht wild herumsurfen.

Ja, das möchte ich auch: ein Internet wie eine Handtasche mit den für mich essenziellen Dingen zum Mitnehmen! Eine neue Studie des Washingtoner Aspen Instituts gibt bekannt, dass der Großteil der Menschen in den USA nur noch für den kostenlosen Internetzugang Bibliotheken aufsucht. 44 Prozent der ärmeren Bevölkerung gehen nur dort online. Kurz gesagt: Wir befinden uns nicht in einer Krise der Zeitung, sondern eher in einer Krise des Lesens auf Papier. Oder sogar einer Krise des Lesens?

Das Netz kann Geldquelle sein

Dieser Text wird, egal, ob Sie ihn in den Händen halten oder auf dem Bildschirm sehen, als Text zu Ihnen kommen. Sie sind ein Leser, eine Leserin. Als Idealistin könnte ich behaupten, dass Sie in einem Leseparadies leben, denn mehr aktuelle Informationen als je zuvor sind kostenlos zugänglich. Es ist also logisch, dass der klassische Leser, der für eine gedruckte Zeitung zahlt, verschwindet. Der Mensch hält sein Geld zusammen. Ich bin aber, wie gesagt, Idealistin und glaube daher, dass die Leser, die guten und vielfältigen Journalismus schätzen, nicht aussterben. Qualität ist allerdings nicht an das gedruckte Blatt gebunden, sondern nur daran, dass sie gewollt und ermöglicht – finanziert – wird. Dabei kann das Netz sogar eine Geldquelle sein. Mit der Internet-Währung flattr entscheiden Leser bereits per Mausklick, welche Beiträge sie finanzierungswürdig finden. Ein anderer Finanzierungsweg: Bürger oder Stiftungen sammeln Unterstützung für Themen, die sie interessieren – das nennt sich „funded journalism“. In diesem Jahr gewann zum ersten Mal eine investigative Reporterin, deren Arbeit vollkommen von Online-Donationen finanziert wurde, den Pulitzerpreis: Die Amerikanerin Sheri Fink von der journalistischen Web-Plattform ProPublica.

Wenn ich mir wünschen könnte, was und wie ich in Zukunft gerne lesen möchte, dann möchte ich Medien, die sich klar positionieren, die nicht alle demselben Thema hinterherrennen und sich damit selbst gleichschalten. Medien, die ihren journalistischen Nachwuchs fördern – junge Leute, die bitte nicht glattgebürstet sein müssen, weil man sich dann konkurrenzlos auf seinem Redakteursstuhl zurücklehnen kann. Medien, die auch an Lese- und Schreibförderung interessiert sind, statt über sinkende Verkaufszahlen zu jammern.

Vor allem hoffe ich sehr, dass die Grabenkämpfe zwischen Web und Print aufhören, weil sie vom eigentlichen Thema ablenken. Beide Medien müssen zusammengedacht werden, beide sind heutzutage Zeitung. Daher muss das Netz neutral bleiben, und die Daten von kleinen privaten Blogs müssen genauso schnell transportiert werden wie die Daten eines großen Unternehmens. Wir brauchen in Demokratien, die Presse- und Meinungsfreiheit in ihren Verfassungen verankern, keine chinesischen Mauern.

Weil Lesen nichts kostet, Drucken aber schon, wäre es ein Riesenschritt, wenn Online insgesamt aufgewertet werden würde. Hier sollte investiert werden. Wer sich dem Netz – und damit der Philosophie der Vernetzung – zuwendet, könnte neue redaktionelle Arbeitsprozesse und Formate entwickeln und damit neue Marktfelder erschließen: Leserbeteiligung ist das Stichwort. Ein Leser, der sich thematisch einbringt, fühlt sich ernst genommen – und zahlt auch dafür. Leser könnten die Interessengemeinschaft einer Zeitung werden.

Printlektüren werden natürlich bleiben, denn es ist ja auch etwas Herrliches, sich in ausführliche, gut gemachte Geschichten, Essays, Überblicksseiten in Ruhe zu vertiefen. Aber sie werden wohl immer mehr zum Luxus einer Elite, die sich die hübsche Verpackung aus Papier leisten kann. Weil sich insgesamt das Leseverhalten ändert, sollte allen etwas Neues geboten werden.

Mögliche Formate aus meinem Bloggergeiste: Kommentare, poetisch anmutende Schlagwortwolken oder Linklisten neben klassische Texte setzen. Warum nicht auch die besten Twitter-Meldungen zu einem Thema darstellen oder Live-Blogs drucken?

Ich habe bei der vergangenen Bundestagswahl die Meldungen der Hochrechnungen per Twitter verfolgt. Diese Informationen waren rasanter, witziger, prägnanter, origineller als all das, was ich parallel auf klassischen Internetseiten lesen konnte.

Liebe Zeitungsmacher: Stellt euch in den Konfetti-Regen. Mal sehen, was passiert.

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