Gegen Rechts
Uns auf Google folgen
Stephan Hebel zeichnet nach, wie die Gründer der Frankfurter Rundschau, aus persönlicher Erfahrung mit der Nazi-Diktatur und tiefer Überzeugung, der Zeitung eine antifaschistische Prägung gaben - und wie die FR sich dieser Tradition bis heute verpflichtet fühlt.
Auf dem Weg durch die Geschichte der Frankfurter Rundschau lohnt es immer wieder, bei Karl-Hermann Flach Station zu machen. Das gilt auch für den Versuch, eine ganz besondere Linie nachzuzeichnen, die sich vom Gründungsakt der Zeitung bis ins 21. Jahrhundert zieht: die - um ein leider aus der Mode gekommenes Wort zu verwenden - antifaschistische Ausrichtung der FR.
In einem Gastbeitrag für den sozialdemokratischen "Vorwärts" vom 1. Juni 1966 ermahnte der stellvertretende FR-Chefredakteur die damals drei etablierten Parteien CDU, SPD und FDP: "Sie müssen... darauf achten, sich bei allem Pragmatismus nicht zu sehr von der geistigen Grundlage ihrer politischen Existenz zu entfernen." Beim Wähler sei "teilweise der Eindruck eines Bonner Dreiparteienkartells entstanden, das sich durch Fünfprozentklausel und Steuergelder vor der unerwünschten Konkurrenz abschirmt und die wichtigen Dinge - durch Grundsätze nicht gehemmt - hinter verschlossenen Türen unter sich ausmacht." Ein Satz von frappierender Aktualität auch im Jahre 2005. Und Flach fügt hinzu: "Wenn jetzt die NPD aufgetaucht ist und regional gewisse Erfolge erzielen konnte..., so spiegelt sich darin auch dieses Unbehagen an den ,Bonner Parteien' wider. Es ist nicht nur... der zwanzig Jahre nach dem Bankrott des Nationalsozialismus wieder aufkeimende Nationalismus. Unsere entideologisierten Parteien haben es sich mit der Demokratie viel zu leicht gemacht."
Diese Passage kann als beispielhaft dafür gelten, wie die Erben der FR-Gründer den Nachlass schon damals verstanden und bis heute verstehen: Aufarbeitung der NS-Vergangenheit, das bedeutete und bedeutet natürlich das Verfolgen ihrer Spuren bis in die Gegenwart. Es bedeutet aber vor allem auch, in dieser Gegenwart alles, auch vermeintlich Harmloses zu erkennen und benennen, was die Gefahr des Wiedererstarkens rassistischer, nationalistischer, antidemokratischer Strömungen birgt. Nicht nur der Neonazi gehört in den Blick, sondern eben auch die Gewichtsverschiebung in der Politik, die auf Dauer das beste Bollwerk gegen autoritäre Tendenzen zu untergraben droht: den demokratischen und sozialen Rechtsstaat. Nur so lässt sich Flachs Plädoyer von 1966 verstehen.
Schon in der ersten FR-Ausgabe hatten die sieben Lizenzträger, Nazigegner allesamt, die Richtung vorgegeben: "Die Lüge hat in den vergangenen 12 Jahren den Volkscharakter in verheerender Weise angegriffen. Die Frankfurter Rundschau wird ihren Beitrag leisten, um dieses Nazi-Übel radikal auszumerzen." Genau dafür, wenn auch nicht nur dafür, hatten die Herausgeber die Lizenz schließlich erhalten: Die personelle Kontinuität, die die Zeitung später andernorts so heftig bekämpfte, hatten die Amerikaner für das Zeitungsprojekt bewusst ausgeschlossen. Auch aus der großen, liberalen Frankfurter Zeitung, die sich mit subtiler Halbdistanz zum Regime bis ins Jahr 1943 gehalten hatte, sollte und durfte niemand mitmachen bei der Frankfurter Rundschau.
"Ihr naht euch wieder..."
Das Blatt nahm den Auftrag von Anfang an ernst. Die Inkonsequenz bei der "Entnazifizierung", die Schonung vor allem für Nazi-Kollaborateure aus der Wirtschaft, prangerte die FR heftig an. "Und sie behielt dieses Thema bei, auch wenn das Besprechen von Schuld und Scham nicht gerade das war, was die Deutschen vordringlich lesen wollten", schrieb Bernd Gäbler 1996 in einer Studie über die Frankfurter Rundschau (erschienen in: L. Hachmeister/F. Siering: Die Herren Journalisten, München 1996). Auch dies ein Erbe, dem sich die FR bis heute verpflichtet fühlt, gerade beim Thema "Gefahr von rechts": aufzuklären auch dann, wenn es dem zur Verdrängung neigenden Massengeschmack gelegentlich nicht passt.
Diese Konsequenz führte 1951 zu einem ersten, herausragenden Erfolg: Unter dem Titel "Ihr naht euch wieder..." enthüllte Michael Mansfeld in der Frankfurter Rundschau, dass wichtige Posten im Bonner Auswärtigen Amt mit schwer belasteten Diplomaten besetzt waren. Konrad Adenauer schäumte vor Wut. Den Untersuchungsausschuss im Bundestag, den Karl Gerold in einem Leitartikel gefordert hatte, konnte der Kanzler nicht verhindern. Ergebnis: die personelle Kontinuität im Außenministerium schädige "das Ansehen des Bundes im In- und Ausland". Adenauer - sicher im Einklang mit einer zum Beschweigen der Vergangenheit entschlossenen Mehrheit - erfand das böse Wort von der "Nazi-Riecherei", die ein Ende haben müsse. Die öffentlich gewordenen historischen Tatsachen aber konnte er nicht aus der Welt schaffen - bis heute sind sie, zuletzt bei der Frage der Nachrufe für ehemalige Diplomaten, immer wieder Gegenstand heftigen Streits.
Wenige Jahre später trat ein weiterer junger FR-Redakteur, Thomas Gnielka, in die Fußstapfen seines Kollegen Mansfeld. Auch bei Gnielka, der für die FR in Wiesbaden arbeitete, begann es mit dem Aufdecken personeller Kontinuitäten. "Falschspiel mit der Vergangenheit" hieß seine Zusammenfassung rechter Umtriebe ausgerechnet in der hessischen Wiedergutmachungsbehörde und anderer Aktivitäten rechtsradikaler Gruppierungen.
Auf diese Berichte hin meldete sich Emil Wulkan, ein Auschwitz-Überlebender, und er brachte Gnielka eine erschütternde Materialsammlung mit: die Erschießungslisten von Auschwitz, in denen deutsche Bürokraten fein säuberlich auch die Täter aufgeführt hatten. Es war das Material, das es dem hessischen Generaltstaatsanwalt Fritz Bauer ermöglichte, den großen Frankfurter Auschwitz-Prozess auf die Beine zu stellen. Gnielka scheint übrigens die Last der furchtbaren Fakten nicht ertragen zu haben: "Ich glaube, er ist daran gestorben", sagte seine Witwe im März 2004 der FR. 1965 verlor der erst 36-Jährige den Kampf gegen Hautkrebs. "Nicht konnte ihn mehr erbittern, als die Versuche der Ewiggestrigen, die alte Lumpenpuppe frisch aufgeputzt ins Schaufenster zu stellen", schrieb die FR in ihrem Nachruf. Auch das ein Vermächtnis, das bis heute gilt.
Die etablierten Rechten
Wie Karl Gerold, der schließlich vor den Nazis in die Schweiz geflüchtete Widerständler, verkörperte Karl-Hermann Flach dieses Vermächtnis durch die eigene Biografie: Sein Wechsel aus der FDP-Politik in die FR-Redaktion war selbst ein Ausdruck des Protests gegen den fortbestehenden Einfluss von "Ewiggestrigen", die in seiner Partei einen für echte Liberale schwer erträglichen "nationalliberalen" Flügel bildeten.
Noch während es dem Einfluss veritabler Nazis in der bundesdeutschen Gesellschaft nachzuspüren galt, entwickelten sich also am Rand des demokratischen Parteienspektrums jene Strömungen, die mit Elementen einer nationalistischen und minderheitenfeindlichen Denkweise agierten, ohne dass man sie als Nazis hätte bezeichnen können. Für einen wie Karl Gerold, dem das "Nie wieder" zur zweiten Seele geworden war, stellte beispielsweise Franz-Josef Strauß eine tägliche Provokation dar: "Der CSU-Vorsitzende Franz Josef Strauß ist in de Tat mit seinen chauvinistischen Hetztiraden gegen die Bundesregierung zu genau derselben lüsternen Symbolfigur aller nationalistisch, aggressiven Kräfte geworden, wie es seine blutbeschmierten Vorgänger auch waren", schrieb Gerold 1970 in der FR. Die folgende Beleidigungsklage muss ein Mann, der 1969 wegen der Ehrung eines Franco-Ministers sein Bundesverdienstkreuz zurückgegeben und sich mehrmals bis nahe an die Saalschlacht gegen Neonazis gestellt hatte, als Ehre empfunden haben.
Fortsetzung der Tradition
Bis heute sieht sich die Redaktion der Frankfurter Rundschau in diesen Traditionen. Die Aufdeckung antisemitischer Ausfälle an der Bundeswehrhochschule in München (Anton-Andreas Guha, 1977), das Eintreten für die Entschädigung der Zwangsarbeiter unter Federführung des jungen Redakteurs Matthias Arning in den neunziger Jahren - Auszüge aus einer Liste, die sich um zahlreiche Recherchen und Kommentare verlängern ließe. Auf jeden Fall zu erwähnen ist das bisher jüngste Großprojekt "Den Opfern einen Namen geben": Gemeinsam mit dem Berliner Tagesspiegel recherchierte die FR von 2001 an, dass deutlich mehr Gewalttaten einen rechtsextremen Hintergrund haben als jene, die in den Listen der Behörden auftauchen. Das Bundesinnenministerium musste unter dem Druck dieser Informationen die Richtlinien für die Statistiken ändern.
"60 Jahre danach" haben Begriffe wie "Antifaschismus" nicht gerade Konjunktur, werden von Konservativen gar als Ausweis unbelehrbaren Links-Dogmatismus verspottet. Die Frankfurter Rundschau sieht das, aus Tradition und Überzeugung, anders: Die ideologischen Versatzstücke, die eine furchtbare Diktatur in Deutschland trugen, sind nicht wirklich verschwunden. Gerade in Zeiten - siehe Karl-Hermann -, da die Parteien des etablierten Spektrums die Probleme der Zeit nur mangelhaft beantworten können, ist vor dem Wiedererstarken dieser Ideologien immer wieder zu warnen - selbst wenn nicht alle es hören wollen.