1. Startseite
  2. Über uns

"Eine langfristige Marktchance"

Uns auf Google folgen
Die Druckerei der "Frankfurter Rundschau" in Neu-Isenburg gehört zum Druck- und Verlagshaus, an dem sich jetzt die DDVG beteiligt.
Die Druckerei der "Frankfurter Rundschau" in Neu-Isenburg gehört zum Druck- und Verlagshaus, an dem sich jetzt die DDVG beteiligt. © FR

Geschäftsführung bewertet Einstieg der SPD-Medienholding positiv / Neue Projekte für Zeitung und Internet"Der Einstieg ist Beweis für die Stärke der Marke FR", sagt Günter Kamissek, Geschäftsführer des Druck- und Verlagshauses Frankfurt am Main. "Er beweist, dass ein Investor an das Konzept der Zeitung, des Verlages und der Druckerei glaubt."

Von MARKUS BRAUCK UND MICHAEL RIDDER

Die SPD-Medienholding ist beim Verlag der Frankfurter Rundschau eingestiegen. Am Montagabend wurden die Verträge unterzeichnet, die der Deutschen Druck- und Verlagsgesellschaft (DDVG) 90 Prozent der Anteile am Unternehmen sichern. Die verbleibenden zehn Prozent behält die Karl-Gerold-Stiftung, bisher alleinige Eigentümerin. Über die Höhe der Summe, mit der sich die DDVG beteiligt, sei Stillschweigen vereinbart worden, sagt DDVG-Geschäftsführer Jens Berendsen.

"Der Einstieg ist Beweis für die Stärke der Marke FR", sagt Günter Kamissek, Geschäftsführer des Druck- und Verlagshauses Frankfurt am Main. "Er beweist, dass ein Investor an das Konzept der Zeitung, des Verlages und der Druckerei glaubt." Die DDVG will sich nur vorübergehend in dieser Höhe engagieren, betonen sowohl Kamissek als auch Berendsen. Auf Dauer wolle die Gesellschaft die Mehrheit am Verlag an ein Unternehmen aus der Branche weiterreichen. Die SPD-Medienholding setzt prinzipiell auf Minderheitsbeteiligungen.

Über die Verträge, so Kamissek, sei auch gesichert, dass die FR eine linksliberale und überregionale Tageszeitung bleibe. Das Regierungspräsidium Darmstadt, Aufsichtsbehörde für die Karl-Gerold-Stiftung, habe die Verträge bereits genehmigt; kartellrechtlich sehe er keine Probleme. Jens Berendsen bestätigt: "Die Stiftungsgrundsätze sind in die Satzung überführt worden." Daher sei eine Sperrminorität der Stiftung von 25 Prozent nicht mehr erforderlich gewesen.

Mit dem Einstieg des Investors gibt es laut Kamissek nun "eine langfristige Marktchance für Zeitung und Druckerei". Die Unabhängigkeit der Zeitung sieht der Sprecher der Geschäftsführung durch die Beteiligung der SPD-Medienholding nicht gefährdet: "Es gibt keine unmittelbare Einflussmöglichkeit auf das Tagesgeschäft."

Sanierung bleibt das Ziel

Zudem sei der Zweck der DDVG ausschließlich, ihr Kapital zu vermehren, so Kamissek. Eine publizistische Einflussnahme würde den Wert der Marke FR beschädigen und ökonomisch nur Schaden anrichten. DDVG-Geschäftsführer Berendsen bestätigt das Ziel, mit der FR möglichst schnell wieder Geld zu verdienen: "Die Restrukturierung soll bis Dezember abgeschlossen sein", sagt er, "und ab 2005 wollen wir schwarze Zahlen schreiben."

Möglich wurde der Einstieg der SPD-Medienholding dadurch, dass Banken und Leasinggesellschaften auf Teile ihrer Forderungen verzichteten. Die Mitarbeiter trugen durch einen Verzicht auf einen Ausgleich für die Aussetzung von Weihnachts- und Urlaubsgeld dazu bei, dass die Verbindlichkeiten um rund zehn Millionen Euro reduziert wurden. Zusätzlich soll der Verkauf des Verlags- und Redaktionshauses in der Frankfurter Innenstadt zur Entschuldung beitragen. Die Zahl der Vollzeitstellen soll bis zum 1. Juli ein weiteres Mal sinken: auf bis zu 750 im gesamten Unternehmen.

Für Geschäftsführer Kamissek ist nun genügend Spielraum da, "um die Sanierungsmaßnahmen zu beschleunigen und mit neuen Aktivitäten zu starten". Noch vor den Sommerferien soll die FR online als "E-Paper" erscheinen. Das bedeutet, dass sich Internet-Nutzer ganze Seiten herunterladen können. Das aktuelle Angebot der Internetredaktion soll zudem erweitert und den Anzeigenkunden mehr Service geboten werden.

Kamissek will die FR zur Meinungsführerin in Frankfurt und Rhein-Main ausbauen. Hier steht das Blatt in Konkurrenz zur überregionalen Frankfurter Allgemeinen Zeitung und zur Lokalzeitung Frankfurter Neue Presse. Ohne an deutschlandweiter Verbreitung zu verlieren, soll der Anteil der Leser aus Rhein-Main und Hessen in den nächsten Jahren von knapp zwei Drittel auf drei Viertel steigen. "Im Herbst kommen wir da mit neuen Ideen", sagt Kamissek.

Westerwelles "starkes Stück"

Den Erfolg des Sanierungsplans sieht DDVG-Geschäftsführer Berendsen durch mögliche Gesetzesänderungen nicht gefährdet. "Wir sind nie dagegen gewesen, dass die Eigentümer im Impressum aufgeführt werden, sofern das für alle Zeitungen gilt", sagt er zu dem CDU-Vorschlag einer Kennzeichnungspflicht. Die Forderung der FDP, Medienbeteiligungen von Parteien ganz zu verbieten, hält er dagegen für abwegig und nicht durchsetzbar: "Dass Herr Westerwelle als Vorsitzender einer freiheitlichen Partei die DDVG zwangsenteignen will, ist schon ein starkes Stück", so Berendsen.

Auslöser der Krise, die nicht nur die FR, sondern die Tageszeitungen insgesamt erfasste, waren seit 2001 einbrechende Anzeigenerlöse. Die überregionalen Titel litten besonders darunter, dass die Stellenanzeigen absackten, was mit Abwanderung ins Internet und der Lage am Arbeitsmarkt zu tun hat. Verlagsleute im ganzen Land hoffen, dass eine anziehende Konjunktur auch ihrer Branche zu einer Atempause verhilft.