20 Jahre Turbulenzen
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Dramatische Niedergänge und spektakuläre Rettungen prägen die Entwicklung von 2000 bis heute.
Mehr Leserinnen und Leser, neue Abonnenten braucht die Zeitung! Das war die Herausforderung ab Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre.
Umfrageergebnisse belegten den Zwiespalt bei den Abonnenten: Im überregionalen Bereich über 90 Prozent mit Hochschulabschluss oder Hochschulreife, durchschnittlichem Nettoeinkommen von 4000 Mark und mehr und klarere rot-grüne Orientierung. In Frankfurt immerhin 40 Prozent CDU-Wähler, für die die FR auch „ihre“ Zeitung war, die für „die kleinen Leute“. Vor allem wegen der Lokalberichterstattung in den von Adolf Karber entwickelten und verantworteten Stadtteilausgaben.
Mit neuen Formen und Inhalten sollen jüngere Schichten gewonnen werden. Zunächst mit einer neuen Wochenendbeilage. Das erste Editorial enthält ganz unverblümt einen Seitenhieb gegen die traditionelle Leserschaft. Eine Absage an „die Bedenkenträger mit den ewig gerunzelten Sorgenfalten über das Unvermögen in der Welt“. Zugleich sollen neue anspruchsvolle Beilagen, täglich vier Seiten aus einem anderen Ressort, die traditionelle Leserschaft halten. Zudem lassen sich Verlagsleitung und Chefredaktion in der Debatte um die „neue Mitte“ und das „aufstrebende Frankfurt“ von einer Marketingagentur auf einen verhängnisvollen Weg locken. Die FR am Abend wird neu aufgestellt, heißt nun „City“. Die Hoffnung ist, jüngere Leute zu erreichen, die „in den Hochhäusern“ arbeiten, im Umland wohnen und pendeln, und auch wissen möchten, was die Stadt an Lifestyle-Freizeit zu bieten hat. Für „City“ wird eine viel zu große und zu teure Redaktion eingerichtet. Dieses Unternehmen wird zu einem Riesenflop mit hohen Verlusten.
Die Krise nimmt ihren Lauf. Ab 2000/2001 gerät die FR immer mehr in Not. Der Einbruch vor allem bei Stellenanzeigen, Autos (Internet und freie Automärkte) und Immobilien (Internet) trifft auch die FR schmerzhaft. Die FR lebt von der Hand in den Mund. Gerade in der Zeit, als die wirtschaftliche Krise griff, wären auch Modernisierungsinvestitionen in Druckerei und Vertrieb fällig gewesen, die andere Zeitungsverlage schon hinter sich hatten. Doch die FR verfügt über keinerlei Rücklagen. Hilfreich sind zunächst noch Druckaufträge für die Zeit und das Handelsblatt, doch Druckkunden wollen ihre Aufträge nur verlängern, wenn die Preise um bis zu zehn Prozent gesenkt würden.
2002 verliert die Druckerei mehrere Großaufträge, die Hälfte des Umsatzes. Der Kreditrahmen ist ausgeschöpft. Die Gläubigerbanken bewirken, dass die Geschäftsführung alle Macht an einen Generalbevollmächtigten abgibt.
Ein Grund dafür, dass die FR weiter abzurutschen droht, ist auch die Haltung der Frankfurter Sparkasse. Diese war selbst in Schieflage geraten und nach dem Absetzen des der FR wohlgesonnenen Sparkassenchefs werden alle „faulen Kredite“ einer Prüfung unterzogen. Dabei kommt es der Überlieferung nach zu einer bemerkenswerten Konstellation im Verwaltungsrat. Die CDU-Vertreter plädieren aus „Lokalpatriotismus“ erfolgreich für eine Verlängerung des FR-Kredits, die Vertreter der SPD und der Grünen waren dagegen.
Frankfurts Zeitungen - ein historisches Geflecht
Es hat schon einen gewissen historischen Witz, dass sowohl die „Frankfurter Neue Presse“ (FNP) wie auch die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ) ohne die Frankfurter Rundschau (FR) nicht in Gang gekommen wären – und die angeschlagene FR dann mehr als 60 Jahre später von FAZ und FNP gerettet wurde und FR und FNP nun seit 2018 unter der Regie der Ippen-Gruppe weiter in einem Verlag erscheinen.
Zum gemeinsamen Wurzelgeflecht gehört, dass die von der US-Armee als politisches Gegenstück gegründete FNP ab Frühjahr 1946 in den ersten Jahren auf den Maschinen der FR gedruckt wurde. Diese gehörten ursprünglich aber der von Leopold Sonnemann 1860 gegründeten Societäts-Druckerei (FSD) mit der „Frankfurter Zeitung“ (1866-1943). Und es gehört dazu, dass die FAZ von 1949 bis immerhin 1962 von der FR-Technik gesetzt, layoutet, gedruckt und auf den Auslieferungsweg gebracht wurde.
Die FNP brachte der FR Gewinne wie Verluste. Am Druck der FNP verdiente die FR, wodurch sie auch die Pachtkosten senkte, die sie weiter auf ein von der US-Armee eingerichtetes Treuhandkonto an den wiederbelebten Societäts-Verlag zahlen musste, der nun die FNP herausgab. Zum anderen halbierte die FNP auf einen Schlag die Auflage der FR, weil das begrenzte Papierkontingent nun auf zwei Zeitungen verteilt wurde. Die FR musste deshalb sogar rund 20.000 Abonnenten kündigen.
Die Produktion der FAZ ab Januar 1949 bescherte der FR zwar weitere sichere Gewinne, war aber für die Setzer und Korrektoren der FR eine Herausforderung. Die meisten Autoren schrieben noch mit der Hand. Wolf Gunter Brügmann
2003 stützt die CDU-Landesregierung die FR mit einer Ausfallbürgschaft. Dafür gibt es Kritik, weil befürchtet wird, dass die FR von der CDU-Regierung abhängig wird. Diese versichert, es handele sich um eine rein wirtschaftliche Hilfe, die auch jedem anderen Unternehmen in gleicher Lage zuteil würde. Die Bürgschaft sichert die Kredite der FR bis Mitte 2004 ab.
Es gelingt dann auf Initiative aus der Redaktion und durch das Engagement von Viktor Kalla, Betriebsratsvorsitzender von 1990 bis Mitte 2006, die SPD-Medienholding DDVG dazu zu bewegen, bei der FR einzusteigen. Im Mai 2004 übernimmt die DDVG 90 Prozent der Anteile am Druck- und Verlagshaus Frankfurt am Main, das die FR herausgibt, von der Karl-Gerold-Stiftung, die bis dahin Alleineigentümer gewesen ist. Die Gerold-Stiftung bleibt mit zehn Prozent dabei und hält diese zehn Prozent bis heute. Sie ist der linksliberalen Haltung des Blattes verpflichtet und sieht sich als Partner an der Seite der Redaktion. In wirtschaftlichen und verlegerischen Fragen kann sie mit ihren zehn Prozent aber nichts mehr bestimmen, abgesehen von ihrem Vetorecht bei der Berufung von Chefredakteuren.
Die FR scheint mit dem Einstieg der DDVG zunächst wirtschaftlich gerettet. Die neuen Haupteigentümer machen aber auch gleich klar, dass sie ihre Beteiligung bald wieder auf deutlich unter 50 Prozent reduzieren wollen und fahren den drastischen Sparkurs, den der Generalbevollmächtigte eingeleitet hatte, weiter, um eine Insolvenz abzuwenden. Im Zeitraum von drei Jahren sinkt die Zahl der FR-Beschäftigten in Redaktion, Verlag und Druckerei von 1784 auf 750.
Eine Episode vom 3. August 2004: Im Titelkopf steht nicht „unabhängige“, sondern „abhängige“ Tageszeitung, das „un“ ist von einem Bild von Woody Allen überdeckt. Die Auslieferung wird gestoppt, bereits ausgelieferte Exemplare werden eingesammelt. Die Erklärung, es handele sich um einen technischen Fehler, klingt nicht überzeugend.
Eine Art Achterbahnfahrt in den Spitzenpositionen beginnt. In den ersten gut 50 Jahren hatte die FR nur drei Chefredakteure: Karl Gerold, Werner Holzer, Roderich Reifenrath. Von 2000 bis zur Insolvenz sieben. Auf Reifenrath folgten 2000 in einer Doppelspitze dessen Stellvertreter Jochen Siemens und Hans-Helmut-Kohl. Ihnen war aber nur eine kurze Zeit im Amt beschieden, denn der Generalbevollmächtigte hatte 2002 gleich schon eine neue Redaktionsleitung mit mehr Durchsetzungsstärke bei Sparmaßnahmen, sprich: Personalabbau, gefordert. Wolfgang Storz von der Seite 3 wird Chefredakteur. Er streicht 110 Stellen, stärkt die regionale Ausrichtung mit Redaktionsbüros rund um Frankfurt und führt die Stadtteilseiten wieder ein. Überregional versucht er, mit einer täglichen Beilage FR+ zu punkten.
Zum Autor
Wolf Gunter Brügmann war von März 1968 bis Februar 2010 für die FR tätig. Von 1984 bis 1994 leitete er die Nachrichtenredaktion.
Zum 60-jährigen Bestehen würdigt die SPD-Medienholding die FR mit einer großen Geschichtsrevue und Feier in der Alten Oper für Anzeigenkunden, Druckkunden und Beschäftigte. 2006 verkauft die DDVG 51 Prozent der FR samt Druckerei an den Kölner Verlag M. DuMont Schauberg (Kölner Stadt-Anzeiger). Zuvor noch hatte die DDVG in Person der SPD-Schatzmeisterin Inge Wettig-Danielmeier Chefredakteur Storz fristlos gefeuert und so den Weg für die Neubesetzung durch den neuen Mehrheitsgesellschafter freigemacht. Die Redaktion protestiert auf Seite 1 gegen seine Absetzung. Auch die Karl-Gerold-Stiftung spricht sich gegen die Entlassung aus. Der Streit vor dem Arbeitsgericht geht später mit einem Vergleich zugunsten von Storz aus.
Die Übernahme durch „die Kölner“ scheint zunächst durchaus ein Grund zum Aufatmen, war Alfred NevenDuMont doch ein echter klassischer Zeitungsverleger. Als Chefredakteur schickt DuMont Uwe Vorkötter, einen Volkswirt, der antritt, das „verstaubte Blatt der Altlinken“ zu modernisieren. 2007 stellt die FR auf das kleinere Tabloid-Format um, was bei einem großen Teil der traditionellen Leserschaft nicht gut ankommt, der FR aber einen europäischen Preis für Zeitungsdesign einbringt. 2009 wechselt Vorkötter nach Berlin, wo er in Personalunion als Chefredakteur für die Berliner Zeitung und die Frankfurter Rundschau verantwortlich ist.
In Frankfurt führen Rouven Schellenberger und Joachim Frank die Redaktion. Mit dem linksliberalen Geist der FR haben auch sie wenig am Hut, Kritiker sprechen von Boulevardisierung. Es ist aber festzuhalten, dass in ihrer Zeit die FR auch über systematisches Mobbing gegen hessische Steuerfahnder und ausgiebig über die Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule berichtete.
Seit langer Zeit schon haben die FR-Beschäftigten bereits auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld verzichtet. Immer mehr Redakteure und Redakteurinnen werden über Abfindungsangebote zum Ausstieg bewogen. Feste freie Mitarbeiter der Regionalausgaben werden entlassen. Einige bekommen das Angebot, sich als Leiharbeitnehmer, schlechter bezahlt, in einer externen Firma anstellen zu lassen. So können sie sich auch nicht mehr vom FR-Betriebsrat vertreten lassen. Verlagsangestellte werden entlassen, die Verwaltung wird nach Köln verlagert. Gegen weitere Aufspaltungen der FR wehrt sich die Belegschaft, teils erfolgreich.
Nach 2010 verliert die FR ihren exklusiv-eigenständigen Mantel. DuMont gründet in Berlin eine Redaktionsgemeinschaft, die die Frankfurter Rundschau, die Berliner Zeitung, den Kölner Stadt-Anzeiger und die Mitteldeutsche Zeitung mit überregionalen Inhalten beliefert.
Die FR kommt aber nicht aus den roten Zahlen. DuMont Schauberg lässt die Reißleine ziehen. Am 13. November 2012 wird der Insolvenzantrag gestellt. Redakteurinnen und Redakteure, die bereits Auflösungsverträge unterschrieben haben, verlieren ihre Abfindungen. Die Insolvenz kostet auch gut 500 Druckerei-Beschäftigte den Arbeitsplatz.
Im Frühjahr 2013 übernimmt die Fazit-Stiftung, deren Mehrheitsgesellschafter die FAZ ist und zu der auch die Frankfurter Societäts- Medien GmbH gehört, die die Frankfurter Neue Presse herausgibt, die FR. Ohne die Druckerei, aber mit Arnd Festerling als Chefredakteur, der im Juli 2012 an Stelle Vorkötters berufen worden war, und weiteren Redakteurinnen und Redakteuren, die, wie Festerling, noch aus der „alten“, eigenständigen FR stammen.
Die neuen Besitzer legen ausdrücklich Wert darauf, dass die FR ihr linksliberales Profil wieder schärft. Sie nehmen auch Neueinstellungen vor, damit die FR ihren Mantelteil wieder selbst gestalten kann. Zur weiteren Profilierung wird die ehemalige „taz“-Chefredakteurin Bascha Mika berufen, die mit Festerling die Chefredaktion bildet. Ausdruck des Bekenntnisses zur Tradition der FR ist auch, dass die FR 2015 zu ihrem 70-jährigen Bestehen zu einer Feier mit Tag der offenen Tür einladen kann, an dem einige Hundert Leserinnen und Leser ihre Treue zur FR bekunden. Auch viele ehemalige FR-Beschäftigte, darunter Chefredakteur Werner Holzer, und Kuratoren der Karl-Gerold-Stiftung, wie der Vorsitzende Richard Meng, sind dabei. 2016 kann die FR ihr Profil mit der neuen Wochenendbeilage FR7 erweitern.
Die Übernahme durch die FAZ war eine strategisch kluge Entscheidung, ökonomisch und politisch. Ökonomisch: Die drei Zeitungen FR, FNP und FAZ verfügen nun über das Anzeigenmonopol in Frankfurt. Politisch: Aus einer Verlagsgruppe werden verschiedene politische Klientelgruppen bedient. Mit der aufgeklärt-konservativen FAZ, der bürgerlichen Familienzeitung FNP und der linksliberalen FR. Schon 2013 schließt die FR erstmals seit vielen Jahren wieder mit einem operativen Gewinn ab.
Nachdem die FAZ mit der Übernahme der FR den Frankfurter Zeitungsmarkt zunächst auch gegen unwillkommene Konkurrenten „von außen“ abgeschottet hatte, ändert sie ihren unternehmerischen Kurs, um sich nur noch auf die eigene Zeitung zu konzentrieren.
Zum 1. April 2018 verkauft die Fazit-Stiftung die FR an die Zeitungsholding Hessen des Verlegers Dirk Ippen, zu der auch die Gießener Verlegerfamilie Rempel (Gießener Allgemeine) gehört. Ebenso werden die FNP, die Societäts- Druckerei und die Vermarktungsgesellschaft Rhein- MainMedia an die Ippen-Gruppe verkauft.
Chefredakteur Arnd Festerling scheidet 2019 aus. An seine Stelle rückt Thomas Kaspar, der vormals die Ippen-Digital-Zentralredaktion leitete. Chefredakteurin Bascha Mika scheidet 2020 aus, ist der FR aber weiter als Autorin verbunden.
Seit dem 1. April 2020 ist Thomas Kaspar alleiniger Chefredakteur. Kaspar, der Sozialwissenschaften studiert hat und einst auch als Musikdramaturg an der Oper Passau tätig war, kennzeichnet die FR so: „Zukunft hat eine Stimme. Die Frankfurter Rundschau. Unverwechselbar. Gerecht. Wir erleben eine Repolitisierung der Welt. Die Frankfurter Rundschau ist die ideale Plattform, um diesen gesellschaftlichen Wandel zu begleiten und zu gestalten. Die Rundschau hat alles, um Leserinnen und Leser in einer verknappten, emotionalisierten Newswelt für sich zu gewinnen: Sie ist anspruchsvoll, aber nicht anstrengend, legt ihren Fokus auf Wissen hinter der Information und auf intellektuelle Emotion.“