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Karl Gerold, undatiertes Archivfoto.

Frankfurter Rundschau

Karl Gerold legte das Fundament der FR

Unabhängig, aber nicht neutral - die politische Linie der Frankfurter Rundschau. Von Roderich Reifenrath, von 1992 bis 2000 Chefredakteur der FR.

Das Endresultat hat viel mit dem Anfang zu tun. Was 1975 das Licht der Welt erblickte, ist ohne die Medienpolitik der Siegermächte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kaum denkbar. Gemeint ist die Karl-Gerold-Stiftung, deren Namensgeber am 15. April 1946 von der US-Militärregierung die Lizenz erhalten hatte, einer Gruppe beizutreten, die bereits vom 1. August 1945 an die Frankfurt Rundschau herausgab. Später brachte Gerold seine Anteile am Druck- und Verlagshaus Frankfurt am Main GmbH in eine Stiftung ein.

Karl Gerold, geboren am 29. August 1906 in Giengen an der Brenz, hatte eine Lehre als Schlosser- und Werkzeugmacher absolviert, bevor er sich endgültig dem Journalismus zuwandte. Während der Wanderjahre war er „Arbeiterkorrespondent“ bei Zeitungen in solchen Orten, in denen er vorübergehend Fuß fasste. Nach der Machtübernahme Hitlers geriet Gerold zwangsläufig mit dem Regime in Konflikt, kam für kurze Zeit in „Schutzhaft“, verteilte danach Flugblätter und floh im Herbst 1933 in die Schweiz. Dort wurde er als politischer Flüchtling anerkannt und erhielt Asyl.

1943 verfolgte ihn die eidgenössische Justiz wegen „verbotener illegaler Tätigkeit gegen einen kriegführenden Staat“ und internierte ihn in einem Arbeitslager. Ein Militärgericht verhängte ein Jahr Gefängnis, setzte den Vollzug der Strafe jedoch zur Bewährung aus, weil man ihm „idealistisch-politische Motive“ zubilligte. Als der NS-Staat zusammengebrochen war, schickten Schweizer Zeitungen Karl Gerold als Korrespondenten nach Wiesbaden, in die politische Hauptstadt des Landes Groß-Hessen. Dort entdeckten ihn die Amerikaner.

Rückblende: US-Presseoffiziere sorgten 1945 im zerbombten Deutschland für den Neubeginn einer demokratischen Presse. Sie suchten von der NS-Diktatur unbelastete Persönlichkeiten und erlaubten ihnen, Zeitungen auf den Markt zu bringen. Die FR war im amerikanischen Sektor so etwas wie ein Pilotprojekt. Es basierte auf der Lizenz Nr. 2 der Nachrichtenkontrolle der Militärregierung, war jedoch die erste im amerikanisch besetzten Gebiet. Lizenz Nr. 1 erhielten damals in der britischen Besatzungszone die „Aachener Nachrichten“.

Der Gründungsakt erfolgte, zeitungsgeschichtlich gesehen, auf historischem Boden. Im Kellergeschoss des Hauses zwischen Schillerstraße und Große Eschenheimer Straße, in dem am 1. August 1943 die von Leopold Sonnemann 1855 gegründete „Frankfurter Zeitung“ auf Anordnung der Nationalsozialisten ihr Erscheinen einstellen musste, kam es zur „Geburt einer deutschen Zeitung“, wie es damals in der Publikation hieß. Im Kernbereich der schwer zerstörten Stadt begann das, was General Robert A. McClure, Kommandant der Abteilung für die Nachrichtenkontrolle der US-Armee, ein „Wagnis“ nannte. In einem schlichten Festakt, so berichten Zeitzeugen, überreichte der hohe Offizier sieben Männern die Zulassungsurkunde, mit denen sie als Lizenzträger die Frankfurter Rundschau herausgeben durften. Papier war knapp und wurde zugeteilt. Setz- und Druckmaschinen sowie ein Teil des technischen Personals stammten aus der „Frankfurter Zeitung“. Beschlagnahmte Räume, in denen die Redaktion Platz nahm, gehörten früher dem „Generalanzeiger“. Manches Gerät musste erst einmal von Trümmerschutt befreit werden, bevor es funktionsfähig gemacht werden konnte.

McClure gab den sieben Journalisten noch folgende Mahnung mit auf den Weg: „Ich rate Ihnen, sich der Größe der Aufgabe, die Sie auf sich genommen haben, bewusst zu sein. Sie können im wahrsten Sinne des Wortes Fackelträger sein, die den Weg in eine bessere Zukunft erhellen. (...) Sie haben Verantwortung gegenüber den amerikanischen Besatzungsstreitkräften, gegenüber den durch sie repräsentierten freien Bürgern der Vereinigten Staaten und gegenüber der deutschen Bevölkerung, deren Sprecher Sie sind. Auch gegen sich selbst haben Sie Verantwortung, die Sie jetzt einen langen Weg beschreiten, an dessen Ende eines Tages die Schaffung einer freien und demokratischen Presse in Deutschland liegen wird.“

Die Zeit des Aufbruchs war geprägt durch knappe Ressourcen. Bereits in der ersten Nummer beklagte die Redaktion den Papiermangel. Wenigstens zehn Seiten seien nötig, um mit der „Fülle von Stoff fertig zu werden, den die Weltchronik zur Zeit bietet“. Doch die nach Informationsvermittlung und Publizität dürstende Redaktion, die nur zweimal die Woche ihre schnell verderbliche Ware auf den Markt bringen konnte, musste erst einmal Schmalhans zum Küchenmeister machen – mittwochs mit vier und samstags mit sechs Seiten. Die Auflage lag damals bei 400.000 bis 500.000. Gedrucktes fand, da multifunktional, reißenden Absatz. Vom 1. Oktober 1946 an kam die FR dreimal wöchentlich heraus. Im August 1947 wurde schon eine Deutschland-Ausgabe ins Leben gerufen. Und vom 21. Juli 1948 an konnte das Blatt täglich erscheinen, jetzt bereits in Konkurrenz zur „Frankfurter Neuen Presse“ (seit 15. April 1946), aber noch nicht zur FAZ, die erst vom 1. November 1949 an das bis heute noch vorhandene Main-Trio komplettierte.

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