Die Kulturanthropologin Lena Papasabbas arbeitet am Zukunftsinstitut in Frankfurt
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Die Kulturanthropologin Lena Papasabbas arbeitet am Zukunftsinstitut in Frankfurt

Interview

Wie entsteht Zukunft, Frau Papasabbas?

  • Valerie Eiseler
    vonValerie Eiseler
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Kulturanthropologin Lena Papasabbas über die Lust an der Apokalypse, die Bedeutung richtig schöner Utopien und den überschätzten Einfluss von Technologie.

Frau Papasabbas, was verstehen wir Menschen eigentlich unter Zukunft?

Die Zukunft gibt es im Grunde nur als Imagination, eine vorgestellte Fiktion der fortschreitenden Zeit. Darin gibt es bestimmte, immer wiederkehrende Zukunftsbilder. Hier gibt es zum einen die kollektiv geteilten Zukunftsbilder – also Vorstellungen, an die viele glauben oder die viele mit dem Zukunftsbegriff assoziieren. Und dann gibt es eine individuelle Zukunft, die jeder für sich hat. Die Forschung zeigt, dass diese beiden Vorstellungen oft stark divergieren. Zum Beispiel glauben viele, dass es um die Zukunft der Welt sehr schlecht steht und die Gesellschaft den Bach runtergeht. Aber für sich selbst sind die meisten Menschen ganz optimistisch. Interessant, dass das gar nicht zusammenpasst.

Welche Konstanten gibt es?

Durch die Epochen hinweg gibt es diese Tendenz, dass Menschen denken, sie stünden kurz vor der Apokalypse. Ich glaube, dass dies der eigenen Existenz eine gewisse Wichtigkeit geben soll. Deshalb sind Zukunftsbilder von übermächtiger Künstlicher Intelligenz, Designerbabys und Arbeitsplatz stehlenden Robotern auch sehr populär. Die haben etwas sehr Apokalyptisches.

Klingt nach Science Fiction.

Ja, Medien spielen dabei eine enorm große Rolle. Die ganzen letzten Jahre vor Corona war Zukunft fast gleichgesetzt mit Technologie. Immer wenn man gefragt hat, was in der Zukunft passiert, kam Technologie als Antwort – zum Beispiel die fliegenden Taxis oder die allwissenden Algorithmen. Das lässt allerdings total aus, dass es auch soziale und kulturelle Innovationen gibt, die oft noch viel wirkmächtiger sind als technologische Innovationen.

Verändert sich dieses Denken nun?

Auch vor Corona gab es schon Stimmen, die forderten, sich auch die soziale und gesellschaftskulturelle Seite anzuschauen. Die Erfahrung der Pandemie hat gezeigt, dass uns eben nicht die Technologie gerettet hat. Sondern es waren soziale Innovationen, neue Kulturtechniken. Dass man sich anders begrüßt und anders verhält, um sich gegenseitig zu schützen. Das sind kulturelle Lösungen für ein Problem. Ich glaube, dass das ein Klick-Moment war, in dem viele gemerkt haben: Man kann auch völlig unabhängig von Technologie die Zukunft beeinflussen. Also gibt es ein anderes Verständnis dafür, wie kollektives Handeln die Zukunft verändern kann.

Wie entsteht Fortschritt?

Fortschritt ist an sich schon ein schwieriger Begriff. Denn die Frage ist: Fortschritt für wen? Zum Beispiel fühlen wir uns in den westlichen Nationen sehr fortschrittlich, aber möglicherweise war unser Fortschritt woanders ein Rückschritt in der Lebensqualität. Das ist eine Frage der Perspektive. In einer funktionierenden und kreativen Gesellschaft kann Fortschritt stattfinden. Voraussetzung sind bestimmte Parameter, wie die Erfüllung der Grundbedürfnisse und Bildungszugang für alle. Darüber hinaus muss die Vernetzung der Menschen sehr gut funktionieren und Information frei verfügbar sein, dann kann Kreativität und somit Fortschritt entstehen. Dann gibt es aber auch Momente wie Corona, in denen etwas total Neues passiert und sich die Grundbedingungen verändern. Das kann auch eine große Chance für Fortschritt sein. Viele empfinden das gerade als Krise, was sie natürlich auch ist. Trotzdem ist in diesen Momenten, in denen das kollektive Zukunftsbild plötzlich weggewischt ist und man wirklich nicht mehr weiß, wie es weitergeht, mal etwas wirklich Neues denkbar. Man traut sich, etwas zu machen, was vorher nicht der Norm oder den Paradigmen entsprochen hat.

Bedeutet das im Rückschluss, dass die Zukunftsbilder, ob katastrophal oder nicht, den Wandel verhindern?

Das ist absolut ein Hindernis, sowohl für die Gesellschaft als auch für jeden selbst. Die fixe Vorstellung, dass alles einfach linear weiterläuft, kann zwar gutgehen, aber auch massiv einschränken.

Müssen wir lernen, ein anderes Zukunftsbild zu haben?

Es gibt Übungen, die man als Individuum machen kann. Dazu gehört es, das „Ich“ in die kollektive Zukunft zu holen, anstatt es davon zu trennen. Man sollte auch prüfen, welche typischen Fehler man macht, wenn man sich die Zukunft vorstellt. Denn die Zukunft entsteht als Fiktion zwar im präfrontalen Kortex des Gehirns, hängt aber auch mit der Amygdala zusammen, wo Angst und Hoffnungen entstehen. Ein mit vielen Emotionen verbundenes Thema.

Welches Zukunftsbild halten Sie für wichtig?

Ich finde das Thema Utopie sehr interessant. Schlechte Zukunftsbilder sind natürlich nicht förderlich. Dagegen ist ein positives Zukunftsbild für Fortschritt total essenziell. Zum Beispiel die kollektive Erfahrung, wie viel schöner das Leben in der Stadt ist, wenn weniger Autos fahren. Oder das Aufpoppen einer neuen Wir-Kultur, in der Menschen sich gegenseitig helfen. Diese positiven Tendenzen können ein erstrebenswertes Zukunftsbild ergeben, auf das alle hinarbeiten können und wollen. Das ist ganz wichtig für das ganze Thema Fortschritt und soziale Innovation. Das fehlt in unserer Zeit ein bisschen: so richtig schöne Utopien, die auch in Filmen und Büchern vorkommen. Denn geteilte Utopien sind wertvoll für eine Gesellschaft, sogar für eine Weltgesellschaft um weiterzukommen.

Interview: Valérie Eiseler