Lutz Weiler auf dem weißen Dach seiner Firmenzentrale in Offenbach. Foto: Peter Jülich
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Lutz Weiler auf dem weißen Dach seiner Firmenzentrale in Offenbach.

Hitze

Weiße Farbe für kühlere Städte

  • Timur Tinç
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Achitekt und Bauunternehmer Lutz Weiler vertreibt in Offenbach eine spezielle Farbmischung, dank der Dächer und Straßen Sonnenstrahlen reflektieren - mit erstaunlichen Folgen

Lutz Weiler steht unter der prallen Mittagssonne auf dem weiß gestrichenen Dach seiner Firmenzentrale in Offenbach. 41,2 Grad zeigt das Infrarotthermometer an, das er nach unten auf die Fläche hält. „Wie viel Grad haben wir auf der anderen Seite?“, fragt der Architekt und Bauunternehmer seinen Mitarbeiter, der gerade vom schwarzen Dach kommt. „70 Grad“, kriegt er als Antwort. Die Farbe sorgt für den Unterschied von fast 30 Grad. Und dadurch sinkt auch die Temperatur im Büro um fünf bis sechs Grad, so dass die Klimaanlage weitestgehend ausgeschaltet bleiben kann.

Weiße Dächer als Klimaretter? Vor mehreren Jahren hat Steven Chu, der amerikanische Physik-Nobelpreisträger und ehemalige Energieminister unter Barack Obama, gefordert, alle Dächer weiß zu streichen und weiße Autos zu fahren, um dem Klimawandel entgegenzutreten. Wie Gletscher reflektieren sie die Sonnenstrahlen größtenteils ins All zurück. Genau da setzt Lutz Weiler an. Er hat einen sogenannten Albedometer auf dem Dach aufgebaut. Mit 840 Watt pro Quadratmeter knallt die Sonne aufs Dach, ein Blick auf das Messgerät zeigt, dass die Rückstrahlung bei 540 Watt liegt. Bis zu 750 Watt sind möglich. „Mit meiner neuesten Entwicklung möchte ich die Hitze der Städte erst gar nicht entstehen lassen“, sagt der Geschäftsführer der Offenbacher Asphaltbau- und Mischwerke-GmbH. KlimaBond Roof nennt sich die Farbe, die er aus den USA importiert. Sie ist auf Wasserbasis, lösungsmittelfrei und enthält Titandioxid. Sie kann auf Häusern und Hallen mit Flach- oder Pultdächern, insbesondere mit Bitumenabdichtungen, zum Einsatz kommen.

Nach und nach will Weiler das gesamte Dach der Fredenhagenhalle in Offenbach-Lauterborn beschichten, insgesamt wären das 8500 Quadratmeter „Diese Maßnahme wird bis zu 300 Hektar, also drei Quadratkilometer an CO2-bedingter Erwärmung ausgleichen, was 6,5 Prozent der Fläche der Stadt Offenbach entspricht“, rechnet Weiler vor. Er ist dabei, UV-Licht reflektierende Dachfarben auch für ziegelrot und anthrazit gedeckte Dächer zu entwickeln. Das steckt aber noch in den Kinderschuhen.

„Wir müssen begreifen, dass wir uns vor der Wärme schützen müssen“, sagt der Bauunternehmer. Auch Dachbegrünung hält er für sinnvoll, wo es möglich ist. „Aber nicht alle Dächer sind dafür statisch geeignet.“ Was aus Weilers Sicht hingegen wenig sinnvoll ist, auch wenn es unter anderem der Deutsche Wetterdienst empfiehlt, sind weiße Hauswände. Sie reflektieren die Sonnenstrahlen auf den schwarzen Asphalt und erwärmen ihn zusätzlich.

Das ist auch schon Weilers nächster Ansatzpunkt: hellere Straßenbeläge. Neben KlimaBond Roof hat er KlimaBond Road entwickelt und auf seinem Firmengelände aufgetragen. Vor einem Jahr hat er bereits KlimaPhalt entwickelt, einen Belag, der wasserdurchlässig ist und Wasser speichert.

KlimaBond Road gibt es in vielen hellen Farbtönen. Auch ein leuchtendes Blau hat eine gute Rückstrahlung und senkt die Umgebungstemperatur zwischen sechs und dreizehn Grad. Für Straßen mit niedrigem Verkehrsaufkommen, Radwege und Schulhöfe ist die Beschichtung eine gute Lösung. Für vielbefahrene Straßen hingegen weniger, da Farbasphalt im Vergleich etwa viermal so teuer ist. Im US-Bundesstaat Kalifornien sind sogar einige Straßen weiß gestrichen worden, was jedoch zu Sonnenbrand bei Fußgängern führen kann.

Um dem Klimawandel zu begegnen, müssten alle Spieler an einem Tisch sitzen, sagt Weiler. „Das darf nicht politisch, sondern muss technisch sein.“ Weiße Dächer und hellere Straßenbeläge jedenfalls könnten einen Beitrag leisten, die Städte deutlich herunterzukühlen.