Proudr-Gründer Stuart Cameron.
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„Ich finde, dass wir LGBT+ bisher kaum genetzwerkt haben, sagt Stuart Cameron.

LGBT+

Proudr: Das Regenbogen-Netzwerk

Stuart Cameron will, dass sich queere Menschen in der Arbeitswelt sicher und gut fühlen. Sein jüngster Streich ist die App Proudr.

Von Fabian Dombrowski

Sein Auto sei auf dem Parkplatz zerkratzt worden – wenige Tage, nachdem sich in der Firma verbreitet hatte, dass er schwul sei. Sein damaliger Chef habe ihm vorgeworfen, er würde klauen; Kollegen nannten ihn „Schwuchtel“. Es dauerte viele Jobs, bis Stuart Cameron endlich das Gefühl hatte, er selbst sein zu können. Wert-geschätzt zu werden, so wie er ist. Erst als er bei einer kleinen Münchner Unternehmensberatung einen Chef bekam, der sich selbst als Teil der LGBT+-Community sah, hatte er nicht mehr das Gefühl, sich verstecken zu müssen. „Das war das Beste, was mir passiert ist“, sagt Stuart Cameron heute. „Ich konnte meinen Freund zu Events mitbringen und ganz selbstverständlich erzählen, was wir am Wochenende gemacht haben.“

Nach dieser befreienden Erfahrung fasst Cameron einen Entschluss: „Ich möchte, dass alle queeren Menschen die Möglichkeit haben, einen Arbeitgeber zu bekommen, bei dem sie sich nicht verstecken müssen.“ Im Jahr 2009 gründet er in Berlin die „Sticks and Stones“, Europas erste und größte Jobmesse für queere Menschen. Heute, über zehn Jahre später, hat Cameron mehr als ein Dutzend weitere Projekte ins Leben gerufen, die sich um „LGBTs in der Arbeitswelt“ drehen.

LGBT+-Netzwerke: Dating-Apps gibt es viele - aber was ist mit dem Rest?

Eines der neuesten Projekte: „Proudr“. Eine App, über die Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans*, Inter* und natürlich LGBT+-Unterstützer:innen sich austauschen und ein Netzwerk bilden können. Überhaupt, Netzwerke – sie sind wohl Camerons Herzensthema, über das er lange plaudern kann. „Ich finde, dass wir LGBT+ bisher kaum genetzwerkt haben“, sagt er. „Wir gehen für unsere Rechte auf die Straße und nutzen fleißig Dating-Apps. Aber darüber hinaus haben wir selten zusammengearbeitet.“ Bei einem Urlaub auf Gran Canaria sei ihm das bewusst geworden. Er wollte dort neue Leute kennenlernen, „einfach einen Kaffee trinken gehen, Minigolf spielen, sich über Berufliches austauschen – aber eben nicht daten.“ Die Möglichkeit habe ihm damals gefehlt – mit Proudr möchte er nun selbst diese Lücke füllen.

Was tun?

Stuart Cameron bietet interessierten Menschen einen Newsletter an. Anmelden kann man sich auf uhlala.com. Außerdem gibt es mehrere Fachverbände für queere Gruppen: Das LSBT*IQ-Netzwerk Hessen ist unter lsbtiq-hessen.de erreichbar. In Nordrhein-Westfalen bündelt das Queere Netzwerk NRW die Angebote von rund 40 Initiativen auf queeres-netzwerk.nrw. FR

Im Unterschied zu anderen Sozialen Netzwerken müssen sich die Userinnen und User von Proudr nicht erst eine eigene Kontaktliste aufbauen. Sie können gezielt nach Städten oder Branchen suchen und unkompliziert andere User:innen anschreiben. Rund 4 000 Menschen haben sich bereits angemeldet. „Wir stehen aber noch ganz am Anfang“, betont Cameron. In den kommenden Monaten soll Proudr noch deutlich ausgebaut werden, zunächst im deutschsprachigen Raum, perspektivisch auch international. Ab Juni sollen bei Proudr queere News angezeigt werden, ein Event-Kalender soll noch hinzukommen. Auch Unternehmen können auf Proudr Präsenz zeigen und Stellenangebote inserieren. So bekommen Nutzer:innen ein erstes Gefühl dafür, welche Unternehmen tatsächlich queerfreundlich sind.

Diskriminierung im Arbeitsalltag: Es reicht nicht, das Firmenlogo in Regenbogenfarben zu hüllen

Denn auch wenn Diversität mittlerweile in aller Munde ist – nicht alle nehmen das Thema ernst. Viele zeigen sich vor allem nach außen hin offen und tolerant, etwa indem sie ihr Firmenlogo in Regenbogenfarben hüllen. „Das ist erstmal schön und gut“, sagt Stuart Cameron, „aber dann frage ich immer: Was tut ihr denn konkret als Arbeitgeber für eure LGBT+-Mitarbeitenden?“ An Unternehmen, die besonders engagiert sind, vergibt Camerons Unternehmen Uhlala den „Pride Champion“, ein Arbeitgebersiegel. Cameron ist überzeugt, dass Betriebe um gutes Diversity Management nicht herumkommen: „Letztendlich werden sie dadurch auch wirtschaftlich erfolgreicher, weil ihre Mitarbeiter freier und produktiver sind.“ Er betont immer wieder, dass es bei Diversität um Fairness, Chancengerechtigkeit und Wertschätzung geht, und darum, „die qualifiziertesten Leute nach oben zu holen“. Zu einem intensiven und nachhaltigen Diversity Management gehören zum Beispiel Schulungen und Workshops sowie feste Ansprechpartner:innen, an die sich queere Mitarbeitende wenden können, wenn sie Diskriminierung erfahren.

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Abwertungen gehören für viele nämlich noch immer zum Alltag. Einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zufolge haben 30 Prozent der queeren Menschen bereits Diskriminierung am Arbeitsplatz erfahren, bei trans Menschen sind es über 40 Prozent. Ein Drittel ist am Arbeitsplatz noch immer nicht geoutet oder geht verschlossen mit der eigenen Sexualität um. „Netzwerke wie Proudr können dich auch in deinem Comingout bestärken“, sagt Stuart Cameron und ergänzt lachend: „Und wenn jemand darüber sogar die Person für’s Leben kennenlernt, habe ich auch kein Problem damit.“