„Auf dem Papier haben wir die gleichen Rechte, das muss aber auch in die Köpfe der Menschen rein“, sagt Eva Apfl.
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„Auf dem Papier haben wir die gleichen Rechte, das muss aber auch in die Köpfe der Menschen rein“, sagt Eva Apfl.

LGBTQI+-Community

Einsatz für queere Jugendliche: Eva lässt nicht locker

In Jugendgruppen, Vereinen, einer kleinen Partei – wo immer sie kann, engagiert sich eine Münchnerin ehrenamtlich für die Rechte queerer Menschen. Sie haben es in Bayern nach wie vor besonders schwer, sagt die Aktivistin.

Warum hast du das nicht gleich gesagt?“ Diese Frage bekommt Eva Apfl oft zu hören. Häufig dann, wenn sie sich gegenüber Menschen, die sie schon länger kennt, als lesbisch outet. Ein Satz, der bei Heterosexuellen so gut wie nie vorkommen würde, meint die junge Frau, „nur als Teil der LGBTQI+-Community wirst du oft auf deine sexuelle Orientierung reduziert“. Wenn die Münchnerin von solchen Situationen erzählt, wirkt sie allerdings weder betrübt noch resigniert.

Im Gegenteil – ihre Augen leuchten vor Tatendrang. Sie hat noch einiges vor, will etwas erreichen, damit die Ungleichheiten weniger werden – und irgendwann ganz verschwinden. „Die ‚Ehe für alle‘ war ein wichtiger Schritt, aber wie lange hat das gedauert? Und genauso werden Menschen aus der LGBTQI+-Community noch immer zur Zielscheibe von Diskriminierung oder Ausgrenzung“, sagt Eva Apfl.

Sie kämpft dagegen. Seit fast drei Jahren ist die 26-Jährige Teil der Jugendorganisation „Diversity“ in München, gehört inzwischen zum ehrenamtlichen Vorstand. „Einen Schutzraum für junge Menschen schaffen, in dem sie sein können, wie sie sind, und die Möglichkeit haben, mit anderen über ihre Erfahrungen zu sprechen“ – so beschreibt Eva Apfl ihre Motivation. „Das, was bei uns zählt, ist nicht die sexuelle Orientierung“, sagt sie, „wichtig ist der Mensch dahinter.“

Alltag Diskriminierung: Studie zum queeren Leben in Bayern

In verschiedenen Freizeitgruppen können sich Gleichgesinnte austauschen. Der Bedarf sei in den vergangenen Jahren stetig gewachsen, 13 Gruppen zählt „Diversity“ heute. Neben Treffs für junge lesbische, schwule oder bisexuelle Menschen veranstaltet das Jugendzentrum Workshops an Schulen oder bietet Geflüchteten aus der Community Hilfe an, um in der Region schnell Anschluss zu finden.

Apfl selbst ist nicht mehr auf einen solchen Schutzraum angewiesen – und dennoch weiß die Aktivistin ganz genau, wie wichtig so etwas für andere Menschen sein kann. Sie outete sich mit 21 Jahren, nachdem sie wegen einer Essstörung einige Zeit in einer therapeutischen Wohngruppe verbracht hatte und sich dort das erste Mal wirklich mit ihrer eigenen Sexualität auseinandersetzte.

Wenig später entschied Eva Apfl, anderen Menschen ehrenamtlich zu helfen, die Ähnliches durchleben wie sie damals. Gerade in Bayern haben es queere Menschen nach wie vor schwer. Das zeigen nicht zuletzt die Ergebnisse einer im Mai veröffentlichten Studie zum queeren Leben im südlichen Freistaat.

In den Dörfern outen sich weniger junge Menschen

Im Auftrag der Grünen-Landtagsfraktion haben die Wissenschaftlerinnen Barbara Thiessen und Alis Wagner von der Hochschule Landshut 900 Online-Fragebögen ausgewertet. Knapp jede zweite Person, die mitgemacht hat, gab demnach an, schon einmal Diskriminierung erlebt zu haben. Während in den größeren Städten die Angriffe zwar häufiger seien – wohl auch wegen der höheren Anonymität –, seien sie auf dem Land oft heftiger.

In den Dörfern outen sich der Studie zufolge deutlich weniger queere Menschen, die Repressionen sind höher. Täglich erreichen auch Eva Apfl entsprechende E-Mails mit Gedanken wie: „Da stimmt was nicht mit mir.“ Mit ihrer eigenen Geschichte geht Apfl offen um. Für viele Jugendliche ist sie auch deshalb eine echte Vertrauensperson geworden, zum Beispiel wenn es um eine Unterstützung beim Outing vor den Eltern geht.

Wer sich an „Diversity“ wendet, wird erst mal eingeladen, alle sind willkommen, anmelden muss sich niemand. Bei Bedarf verweist Eva Apfl an zwei sozialpädagogische Fachkräfte, die Beratung anbieten. Geld gibt es dafür von der Stadt München. Das meiste allerdings wird ehrenamtlich gestemmt, so wie die „Diversity Bar“, die jeden Mittwoch stattfindet. In den vergangenen Jahren ist sie zu einem beliebten Treffpunkt innerhalb, aber auch außerhalb der Community geworden.

Vom Busfahrer die Tür vor der Nase zugeschlagen

Seit die Bar coronabedingt schließen musste, erreichen Apfl und das Team jeden Tag Anfragen, wann es denn endlich wieder losgehen könne. Noch ist das aber ungewiss. Nach der Pause wieder treffen können sich dagegen die „JuLes“, abgekürzt für „junge Lesben“. Apfl betreut die Gruppe – und deren Mitglieder im Alter von 14 bis 19 Jahren.

„Auf dem Papier haben wir die gleichen Rechte, das muss aber auch in die Köpfe der Menschen rein“, sagt sie. Nachfolgende Generationen sollen es in Zukunft leichter haben. Noch immer werden viele nicht heterosexuelle Menschen im Alltag von Diskriminierung begleitet und trauen sich nicht, offen zu zeigen, wen sie lieben. Eva Apfl weiß sehr genau, wovon sie spricht.

Als sie nach ihrem Outing auf ihr erstes Date mit einer Frau ging, wurden beide nicht in einen Bus gelassen, weil sie Händchen hielten – der Busfahrer machte ihnen die Tür vor der Nase zu, erinnert sie sich. Es sind Situationen wie diese, die zeigen, dass die Gesellschaft noch einiges aufzuholen hat. Apfl hat sich vorgenommen, niemals lockerzulassen und immer weiterzukämpfen.

aktiv werden

PROJEKT: Die Frankfurter Rundschau gibt Kreativrebellinnen, Ideen-Vulkanen und Fortschrittmachern eine Stimme – mit „Zukunft hat eine Stimme“. Ideen können vorgestellt werden unter: www.fr.de/meinezukunft

WAS TUN: Auf jeden Fall nicht alleinlassen! Wer Jugendliche kennt, die sich einsam fühlen oder sogar Diskriminierung und Gewalt aufgrund ihrer sexuellen Orientierung ausgesetzt sind, muss ihnen helfen. Das gilt besonders für Eltern queerer Kinder und Jugendlicher. Wer nicht weiß,
wie sie am besten zu unterstützen sind, sollte sich an Beratungsstellen und Organisationen wenden wie jene, die im Text beschrieben wird.

WEITERLESEN: Queere Jugend-gruppen und Organisationen gibt es in beinahe allen Regionen Deutschlands. Eine Liste von Anlaufstellen, nach Bundesländern aufgeschlüsselt, gibt es zum Beispiel auf folgender Webseite: interventionen.dissens.de

Wichtig sei aber auch, das zu beschützen, was schon erreicht worden ist, erzählt sie. Denn noch immer kosteten Dinge wie das Zeigen von Zuneigung in der Öffentlichkeit für viele queere Menschen Überwindung. Ein heterosexuelles Paar dagegen sieht so etwas meist als selbstverständlich an. Doch nicht immer gibt es Ablehnung. Auch positiver Diskriminierung sei sie als lesbische Frau im Alltag häufig ausgesetzt.

Sätze wie „Ich wäre auch gerne lesbisch, dann müsste ich mich nicht mit Männern rumärgern“ würden dazu beitragen, die Realität zu verzerren. Was die Mittzwanzigerin dabei am meisten stört, ist die Assoziation vieler Menschen, sie würde sich als lesbische Frau sofort zu jeder anderen Frau hingezogen fühlen. „Bei Heterosexuellen gehe ich ja auch nicht davon aus.“

Trotzdem habe sie nach ihrem eigenen Outing häufig zu hören bekommen, sie möge sich doch bitte nicht in ihr Gegenüber verlieben. „Was müssen diese Leute für ein Selbstbewusstsein haben, wenn sie davon ausgehen, dass alle gleich auf sie stehen?“

Workshops an Schulen - ganz ohne Lehrkräfte

Um solchen Missverständnissen vorzubeugen und Vorurteile zu beseitigen, hat sich in München die Gruppe „Diversity@School“ gegründet. 30 Ehrenamtliche bieten Workshops an Schulen an, für Jugendliche und meist ganz ohne Lehrkräfte, „um ein möglichst sicheres und ungehemmtes Umfeld für die Fragerunde zu schaffen“.

Dafür hat Eva Apfl auch im Bayerischen Landtag gekämpft und dort viel Zuspruch erhalten. Was noch fehlt, sei eine Verpflichtung der Schulen, solche Workshops in allen Klassen durchzuführen, findet sie. Dass es aber die Möglichkeit gibt, Antworten zu bekommen, sieht Apfl als Voraussetzung, um mit Stereotypen brechen zu können. „Häufig steht da nicht mal eine böse Absicht dahinter, die Menschen wissen es oft einfach nicht besser.“

Ohne diesen Dialog mit Menschen aus der queeren Community kämen die Antworten aus unseriösen Quellen oder von heterosexuellen Menschen, die aus Mangel an persönlichen Erfahrungen oft auch unabsichtlich dazu beitragen würden, Vorurteile am Leben zu erhalten.

„Gay Outdoor Club“ beim Deutschen Alpenverein

Eva Apfl kennt das, und sie ist neben ihrem Engagement bei der Organisation „Diversity“ auch Jugendreferentin im „Gay Outdoor Club“, einer 1986 gegründeten Sektion des Deutschen Alpenvereins. Dort hat Eva Apfl auch eine queere Jugendgruppe, genannt „J-goc“, mitiniiert. Die Mitglieder sind nicht ausschließlich homosexuelle Menschen. Zusammen gehen sie zum Beispiel bouldern oder unternehmen Ausflüge.

Vor drei Jahren trat Eva Apfl auch noch der bayerischen Kleinstpartei Mut bei. In Zeiten eines massiven Rechtsrucks habe sie den Wunsch verspürt, erklärt sie, sich „politisch einzubringen“. Programmatisch gefordert werden unter anderem eine „gendergerechte Erziehung“, mehr gesetzliche Anstrengungen zur Gleichstellung von Frauen und Männern und flexiblere Betreuungsmöglichkeiten für Kinder.

„Das, was bei uns zählt, ist nicht die sexuelle Orientierung.“

Vor rund drei jahren trat die Mut-Partei erstmals auch zu einer Wahl an. Bei der Landtagswahl in Bayern 2018 erreichte sie 45 243 Stimmen, gerade einmal 0,3 Prozent. Eva Apfl geht es allerdings gar nicht nur um schnelle Wahlerfolge, wie sie sagt. Die Aktivistin schätze vor allem die offene Art des Arbeitens in einer neu gegründeten und jungen Partei.

Wie sie all ihre Ehrenämter und Engagements neben ihrer Ausbildung zur Verwaltungsfachangestellten unter einen Hut bekommt, das kann sie selbst gar nicht genau sagen. „Noch klappt es“, sagt Eva Apfl und lacht. Nur mehr dürfe es nicht werden, gibt sie zu. Irgendwann leide dann doch die Qualität ihrer Arbeit. Also müssten auch andere Menschen mitmachen im manchmal zähen Kampf für volle Gleichberechtigung.

Auch Menschen außerhalb der queeren Community will Apfl dafür etwas mitgeben. „Sich selbst gegen Diskriminierung zur Wehr zu setzen, ist sehr viel schwieriger, als anderen in solchen Situationen zur Seite zu stehen“, sagt sie. „Es wäre wünschenswert, dass Menschen eingreifen, die Anfeindungen miterleben.“ Auch sich zu informieren, könne helfen. Bis andere aber diese Form von Solidarität zeigen, sei es noch ein langer Weg.

Eva Apfl will und muss weiterkämpfen, bis die Gleichberechtigung wirklich in den Köpfen angekommen ist.

Dieser Text entstand in Zusammearbeit mit dem Magazin „Veto“, das sich der engagierten Zivilgesellschaft widmet. Mehr unter: www.veto-mag.de