Warten auf Kinder: Spielzeug in einem Laden
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Warten auf Kinder: Spielzeug in einem Laden

Tebalou

Spielzeug gegen Stereotype: Pippi Langstrumpf darf auch schwarz sein

  • Anne Lemhöfer
    vonAnne Lemhöfer
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Empowerment beginnt im Kinderzimmer: Tebogo Nimindé-Dundadengar und Olaolu Fajembola wollen mit Spielzeug Stereotype besiegen.

Conni ist ein kleines blondes Mädchen mit einer seltsamen Schleife im Haar. Sie ist weiß, wohnt in einem Reihenhaus und fliegt nach Spanien in den Urlaub. Ihre Eltern sind miteinander verheiratet und verdienen gut. Conni macht ihr Seepferdchen, lernt Fahrradfahren, tanzt Ballett mit anderen weißen Mädchen. Viele Kinder lieben die Bücher über Conni und ihr Mittelschichtsleben in der deutschen Kleinstadt – weil sie sich mit ihr identifizieren können.

Doch mindestens genauso viele Mädchen und Jungen in Deutschland sind nicht wie Conni – und leben auch nicht wie sie. Weil sie vielleicht schwarz sind. Oder zwei Mütter haben, bei nur einem Elternteil aufwachsen oder in einem Hochhaus in der Großstadt. Vielleicht auch, weil sie eine Behinderung haben. Weiße Kinder merken womöglich gar nicht, dass ihre Heldinnen und Helden ihnen immer irgendwie ähneln, selbst wenn sie wie Bibi Blocksberg auf einem Besen fliegen. Doch was ist, wenn sich ein Kind in seinen Spielsachen und Büchern nirgendwo wiederfindet? Wenn die im Bilderbuch gezeigte Lebenswelt nie die eigene Wirklichkeit widerspiegelt? Wenn die Puppe keinerlei Ähnlichkeit mit dem Kind hat, das sie ins Bett bringt?

Wollen, dass alle Kinder ihre Heldinnen und Helden haben: Tebogo Nimindé-Dundadengar und Olaolu Fajembola (rechts). Tebalou

Wenn schwarze oder muslimische Kinder einem Spielzeugangebot ausgesetzt sind, das eine rein weiße Welt vorgibt, kann das nicht ohne Folgen bleiben. Diese Überzeugung teilen Olaolu Fajembola (40) und Tebogo Nimindé-Dundadengar (39), als sie 2018 den Onlineshop Tebalou mit Spielwaren für Kinder in einer diversen Gesellschaft gründen. Weil sie selbst kein Spielzeug und keine Bücher finden, die ihre Kinder ansprechen, und das Problem aus ihrer eigenen Jugend kennen, wurden die Psychologin und die Kulturwissenschaftlerin zu Gründerinnen.

In ihrem Shop gibt es asiatische und schwarze Puppen, Skatkarten mit Königen, Damen und Buben von überall auf der Welt, Bücher mit Protagonisten jenseits der Vater-Mutter-Kind-Kleinfamilie und ohne weiße Hautfarbe. Dafür brauchen sie Mut – und Ausdauer. Denn die beiden müssen immer ziemlich lange suchen, um Kinderbücher zu finden, die die Diversität der Gesellschaft zeigen. Und noch länger, um Spiele, Puzzles oder Bastelsets zu finden, die nicht wie selbstverständlich den heteronormativen Conni-Alltag abbilden. „Wenn wir durch einen 500-seitigen Produktkatalog eines Spielwarenherstellers blättern, finden wir mit etwas Glück drei Produkte, die Kinder anderer Hautfarbe berücksichtigen“ sagt Olaolu Fajembola. „Wir wollten das anbieten, was wir uns als Mütter für unsere Kinder wünschen und was wir in unserer eigenen Kindheit schmerzlich vermisst haben.“

Vieles beziehen die Gründerinnen aus dem Ausland. Aus Spanien, der Puppenherstellerhochburg Europas, kommen beispielsweise die Puppen. Sobald die Geschäftspartnerinnen auf neue Produkte stoßen, die zu ihrer Philosophie passen, wird das Angebot ergänzt. Das Interesse ist groß. Zwei zusätzliche Mitarbeiterinnen konnten eingestellt und größere Räume bezogen werden. „Wir sind da wohl in eine Lücke gestoßen“, sagt Olaolu Fajembola. Den Mut der beiden belohnte die Bundesregierung 2019 mit dem Kreativpiloten-Preis. Der richtet sich an Firmen, Selbstständige, Gründer*innen und Projekte aus der Kultur- und Kreativwirtschaft.

Olaolu Fajembola möchte Kinder stark machen. „Es geht um Empowerment“, sagt sie. Denn das Problem sei ja nicht nur, dass es wenig Geschichten mit schwarzen Kindern, Kindern mit Behinderung oder Transkindern gebe –, sondern dass solche Kinder, wenn sie denn auftauchten, immer Probleme hätten oder bestenfalls „die besten Freunde oder Freundinnen der Protagonisten sind, aber nicht selbst die Helden oder Heldinnen“. Und welches Kind möchte schon immer Sidekick sein?

Kinder mit Flucht- und Migrationserfahrung dürfen meist nur eine Hauptrolle spielen, wenn genau diese Merkmale ihrer Identität verhandelt werden. „Sie brauchen aber weder problematisiert noch in die Opferrolle gesteckt werden.“ Eine schwarze Ärztin, eine Lehrerin mit Kopftuch, ein Freund, der zwei Väter hat, das sei Realität. Aber nicht in den Büchern. „Das ist absurd“, sagt Fajembola.

In den vergangenen Jahren seien allerdings auch einige Bücher erschienen, die tatsächlich anders funktionierten, vor allem bei skandinavischen oder angelsächsischen Verlagen. In Jenny Westin Veronas Reihe „Kalle und Elsa“ etwa erleben ein schwarzer Junge und seine weiße Freundin fantasievolle Abenteuer, egal, ob im Garten, beim Übernachten oder am Strand. In „Nelly und die Berlinchen“ stehen Streit unter Geschwistern oder mal eine Schatzsuche im Mittelpunkt. Die Berlinchen sind Nelly (ein Mädchen of Color), Amina (die Tochter muslimischer Eltern) und Hannah (die Tochter einer alleinerziehenden Mutter). Hautfarbe, Religion oder Familienkonstellation werden bewusst nicht thematisiert, sondern nur durch die Illustration dargestellt. „Der Mann meines Bruders“ heißt eine Jugendbuchserie aus Japan. Und „Im Gefängnis“ beschreibt das Leben eines Papas, der eine Strafe absitzt.

„Kinder lieben auch Fantasierollen“, sagt Olaolu Fajembola. „Und wir wollen die Botschaft verbreiten, dass nicht nur weiße, blonde Mädchen Prinzessinnen sein können.“ Oder dass Meerjungfrauen immer Mädchen sind. Scheint es doch bis heute leichter zu sein, sich einen sprechenden Elefanten vorzustellen, der zum Mond fliegt, als eine dunkelhaarige Fee. Und eine schwarze Pippi Langstrumpf, warum nicht? Vielleicht würde sich sogar Conni mit der Schleife im Haar freuen, wenn ihre Welt ein bisschen bunter wäre.