Ein Möbelhaus als Ort der Kommunikation? Warum nicht: Hier begegnen sich Menschen, die es privat nicht unbedingt tun würden.
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Ein Möbelhaus als Ort der Kommunikation? Warum nicht: Hier begegnen sich Menschen, die es privat nicht unbedingt tun würden.

Speakers Corner

„Wir müssen Filterblasen auch offline platzen lassen“

Laura-Kristine Krause will die Begegnung an ganz alltäglichen Orten aufwerten - egal ob im Möbelhaus, in der Stadtbücherei oder im Zug.

Als ich einmal für ein Interview über den Zusammenhalt in der Gesellschaft nach einem passenden Treffpunkt gefragt wurde, fiel meine Wahl auf ein Möbelhaus. Warum? Weil es einer der Orte ist, wo ein breiter Querschnitt der deutschen Gesellschaft zusammenkommt: Menschen verschiedenster Generationen, Menschen, die erst seit wenigen Tagen in Deutschland sind, ebenso wie jene, die noch nie woanders waren. Hier begegnen sich Menschen, die es privat nicht unbedingt tun würden.

Es ist wichtig, dass verschiedene gesellschaftliche Gruppen nicht einfach nebeneinanderher leben, sondern dass sie Menschen begegnen, die anders sind als sie selbst. Dies hat der amerikanische Psychologe Gordon Allport bereits 1954 festgestellt. Er hat den Begriff der »Kontakthypothese« geprägt und gezeigt, dass persönliche Begegnungen dabei helfen können, Vorurteile abzubauen – wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Psychologische Grundreflexe wie der »intergroup bias«, also die Bevorzugung der eigenen Gruppe, werden für unser gesellschaftliches Miteinander zunehmend relevant.

Laura-Kristine Krause ist Geschäftsführerin der Initiative More in Common und plädiert dafür, Alltagsbegegnungen aufzuwerten.

Kontakthypothese: Wer sich nicht persönlich kennt, überschätzt oft die Differenzen

Studien haben gezeigt, dass Menschen eine niedrigere Empathie gegenüber Personen haben, die anderen gesellschaftlichen Gruppen angehören als sie selbst, beispielsweise gegenüber Geflüchteten. Zugleich schreiben sie ihnen meist generalisierend bestimmte Attribute zu, sie also für sehr ähnlich halten. So sind beispielsweise Demokraten und Republikaner in den USA enorm schlecht darin, die Menschen des jeweiligen anderen gesellschaftlichen Lagers einzuschätzen. Sie halten die Gegenseite für deutlich radikaler in ihren Ansichten, als sie es sind – und überschätzen damit auch ihre Differenzen mit ihnen.

Ein Weg, gegen diese verzerrte Wahrnehmungsmuster anzukämpfen, ist die persönliche Begegnung mit Menschen, die eine andere Perspektive auf Gesellschaft haben als man selbst. Doch davon gibt es in unserem Alltag immer weniger: Wir folgen lieber dem ganz natürlichen Impuls, uns mit Menschen zu umgeben, die uns hinsichtlich Grund­überzeugungen und Werten ähnlich sind. Der persönliche Kontakt verschiedener gesellschaftlicher Gruppen findet also nicht automatisch statt. Es muss dafür einen Rahmen geben, Orte, an denen das geschieht.

Wenn Volksparteien, Kirchen und Gewerkschaften an Bedeutung verlieren, müssen neue Begegnungsräume her

Vor diesem Hintergrund rückt das seit Jahrzehnten vernehmbare Lamento über den Niedergang der gesellschaftlichen Großorganisationen noch einmal in ein anderes Licht. Denn Volksparteien, Kirchen und Gewerkschaften waren nicht nur enorm wichtig für die Organisation der politischen Willensbildung. Sie alle schufen Anlässe, zu denen unterschiedliche Menschen mit einem gemeinsamen Interesse zusammentreffen konnten, Gottesdienste, Parteitage oder Mitgliedertreffen etwa. Und sie stellten die Orte für diese Treffen zur Verfügung. Zwar existieren diese Institutionen alle noch, aber ihre Mitgliederzahlen sinken, als Begegnungsorte verlieren sie an Bedeutung.

Die Corona-Pandemie mit ihren Kontaktbeschränkungen hat diese Situation weiter verschärft. Gleichzeitig lehrt sie uns viel über die Bedeutung von Begegnung und persönlichem Austausch. Der Kontakt fehlt uns, wir leiden unter der entstehenden Distanz, die auch unsere sonst stabilen persönlichen Netzwerke belastet. Im Umkehrschluss gibt uns dies eine Idee davon, was der Kontakt mit anderen gesellschaftlichen Gruppen, der bisher nicht stattfindet, bei jedem von uns in positivem Sinne auslösen könnte.

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Ich wünsche mir, dass wir Orte, die diesen gesellschaftlichen Austausch ermöglichen, wieder stärker suchen. Dabei schwebt mir insbesondere die Aufwertung der Alltagsbegegnung vor. Egal ob sie an Orten stattfindet, die genau dafür gedacht sind – von Begegnungszentren über Nachbarschaftsfeste bis hin zu Sportvereinen. Oder ob sie an Orten geschehen, die ein ganz gewöhnlicher Teil unseres Alltags sind: der Arbeitsplatz, Gastronomie, Kultureinrichtungen, Supermärkte oder eben Möbelhäuser. Gerade an diesen Alltagsorten äußert sich das Wesen einer Gesellschaft. Nicht umsonst sprechen wir von Alltagsrassismus und -sexismus. Ich wünsche mir, dass wir irgendwann auch von »Alltagszusammenhalt« sprechen und die Stärkung unserer Gesellschaft nicht nur im kuratierten Format angehen.

Öffentliche Bibliotheken oder Zugabteile so gestalten, dass Menschen ins Gespräch kommen

Zudem wünsche ich mir, dass diejenigen, die Alltagsorte gestalten und betreiben, stärker bewusst machen, welche Möglichkeiten sie in ihren Händen halten. Es gibt dafür bereits gute Beispiele: So haben sich die öffentlichen Bibliotheken, ausgehend von den USA und Skandinavien, in den vergangenen Jahrzehnten in ihrem Selbstverständnis zu Orten gewandelt, an denen nicht mehr das Buch, sondern der Mensch im Mittelpunkt steht.

Ähnlich kreative Ideen wünsche ich mir auch von kommerziellen Räumen. Ich denke da an Gesprächstische in den Restaurants von Möbel- und Kaufhäusern oder an dezidierte Gesprächsabteile in Zügen, ähnlich wie Familienabteile, das Pendant zu Ruhezonen: Diese Abteile wären gezielt für Menschen gedacht, die Lust darauf haben, mit anderen ins Gespräch zu kommen: über die Gesellschaft, über ihre Erfahrungen und ihre Biografien. Diese Abteile wären größer als normale Abteile und hätten Platz für sechs bis acht Menschen. Die Gespräche hätten gezielt keine Moderation, aber in diesen Abteilen gäbe es viele kleine Details, die das Gespräch anregen sollten: »Eisbrecherfragen« für den Gesprächsanfang, aufgedruckt auf die Tische. Tipps und Tricks für gute Gespräche und ein wechselndes „Thema des Tages“ - zum Beispiel Nachbarschaft oder Familie.

Ideen dieser Art würden den Raum, an dem sich Menschen ohnehin mehrere Stunden am Stück aufhalten, gezielt für die gesellschaftliche Begegnung nutzbar machen. Denn die sprichwörtlichen Filterblasen existieren nicht nur in den sozialen Medien, sondern auch im analogen Leben. Wir sollten uns gemeinsam vornehmen, diese immer mal wieder zum Platzen zu bringen.

In der Rubrik „Speakers Corner“ haben Fortschrittmacherinnen und Neugierige selbst das Wort