Duy Phat Nguyen sucht finanzielle Unterstützung.
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Duy Phat Nguyen sucht finanzielle Unterstützung.

Crowdfunding

Filmprojekt zu anti-asiatischem Rassismus: „Zeit, lauter zu werden“

Während der Corona-Pandemie wurden die Anfeindungen offener und lauter, doch neu war nichts davon. Mit einem Film über Alltagsrassismus will der Mainzer Student Duy Phat Nguyen ein Zeichen setzen.

Von Kathrin Hedtke

Beim Nebenjob auf der Baustelle begrüßt ihn der Kollege mit „Frühlingsrolle“, auf der Straße wird er als „Schlitzauge“ beschimpft, und immer wieder ruft ihm jemand „Ching, Chang, Chong“ hinterher. Solche Beleidigungen begleiten ihn sein ganzes Leben lang, sagt der Student Duy Phat Nguyen von der Hochschule Mainz. Lange wollte er das Problem nicht wahrhaben. Um anerkannt zu werden, habe er sich dem Konflikt entzogen, „bis ich Teil des Problems wurde“. Deshalb plant der Student jetzt einen Experimentalfilm über Alltagsrassismus. „Ich will unsere Geschichte erzählen“, sagt der 24-Jährige. Dafür sammelt er aktuell Spenden per Crowdfunding.

Der etwa fünfminütige Kurzfilm soll seine Abschlussarbeit im Bachelorstudiengang Mediendesign an der Hochschule Mainz werden. Aber längst geht es Nguyen um viel mehr. Mit seinem Film will er seine Erfahrungen verarbeiten: „Die Zeit ist gekommen zu zeigen, was wehgetan hat, und wo man gelitten hat.“ Der Film sei bewusst sehr abstrakt gehalten, berichtet der Student, damit sich möglichst viele Menschen damit identifizieren könnten.

Die Szenen spielen in einem schwarzen Raum: Eine vietnamesische Frau treibt in einem Boot übers Meer, geht in der neuen Welt an Land. Dort gibt es lediglich eine Treppe und eine Tür. Die Frau versucht, mit allen Kräften den Ausgang zu erreichen, doch sie wird immer wieder von einer schwarzen Masse zurückgedrängt, ’runtergezogen, verhöhnt und ausgelacht.

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Unverpacktladen, Musikproduktion, Kinderbuch oder Filmdreh : Wer eine gute Idee hat, aber nicht genug Geld zur Umsetzung, kann per Crowdfunding Spenden sammeln.

Auf der Plattform Starnext bittet der Mainzer Student Duy Phat Nguyen um Unterstützung für seinen Film „Despair“. Auf der Seite stellt er das Projekt vor und erklärt in einem kurzen Video seine Motivation. Die Spendensammlung läuft bis zum 14. Juni. Als Dankeschön winken ein Filmplakat, eine Erwähnung im Abspann oder zwei Karten für die Crew-Premiere.

Das Projekt wird gefördert von kulturMut: Die Initiative unterstützt Kultur im Rhein-Main-Gebiet, indem sie aus einem Fördertopf für jeden Euro von Unterstützern 50 Cent dazu gibt. FR

„Ich habe dieses Thema gewählt, weil es mich ein Leben lang begleitet“, sagt Nguyen. Seine Eltern sind aus Vietnam nach Deutschland gekommen, er selbst ist hier geboren. „Auf dem Papier bin ich Deutscher“, sagt der junge Mann. Aber egal, wie sehr er sich auch anpasse, „die Leute sehen mich immer als Ausländer.“ In der Schule zogen die anderen Kinder ihre Augen lang und drückten die Nase platt, um ihn nachzuahmen. Wenn er im Restaurant seiner Eltern bedient, bekommt er oft zu hören: „Dein Deutsch ist sehr gut.“ Oder die Gäste reden bewusst ganz langsam, betonen jede Silbe. Immer wieder loben ihn Mitmenschen, dass Vietnamesen generell so gut integriert seien. Darüber kann der 24-Jährige nur den Kopf schütteln: „Wie kann ich gut integriert sein, wenn ihr mich immer ausschließt?“ Seine Cousine Han Lai ist bei dem Filmprojekt für die Kostüme zuständig. Auch sie sagt, dass sie lange gebraucht habe, Alltagsrassismus zu verstehen. „Wenn man damit aufwächst, normalisiert es sich.“ Sie hörte so oft Witze über ihre vietnamesische Familie, dass sie sich irgendwann selbst darüber lustig machte, um anderen vorzugreifen. Zum Beispiel, dass ihre Eltern „natürlich auch“ ein Chinarestaurant haben. Bis sich die 24-Jährige fragte, warum ihr das so peinlich war. „Und wie kommt es, dass so viele Familien auf nichts anderes zurückgreifen können? Das ist ziemlich traurig.“ Die junge Frau begann, mit anderen Asiatinnen und Asiaten über ihre Erfahrungen zu sprechen. „Das war total heilsam“, sagt Lai, „wie eine kleine Therapie.“

Wenn jemand sie auf der Straße rassistisch beleidigt, reagiert sie nicht mehr. „Ich bin zu müde nach all den Jahren.“ Lai stellt klar, viele Bemerkungen seien oft gar nicht böse gemeint. Aber trotzdem diskriminierend, weil sie Klischees bedienten. So werden Asiatinnen und Asiaten generell gerne als fleißig, klug und freundlich charakterisiert. Als „Vorzeigeminderheit“, wie Nguyen sagt. „Vielleicht einfach, weil wir viel ertragen und ruhig sind.“ Hai berichtet, dass ihre Eltern sehr dankbar seien, dass es ihnen in Deutschland so gut gehe. Und deshalb keinerlei Kritik äußern wollen. „Aber wir sind die zweite Generation“, sagt die Studentin. „Wir fangen an, darüber zu sprechen – und klar zu machen: Es ist okay, wenn wir uns dagegen wehren.“

Das Attentat in Atlanta war für Duy Phat Nguyen ein Schock

Seit Ausbruch des Coronavirus sind Menschen mit asiatischem Aussehen verstärkt Anfeindungen ausgesetzt. Eine Studie der Berliner Humboldt-Universität ergab, dass fast die Hälfte der Befragten während der Pandemie selbst Rassismus erlebte: Die Mehrheit wurde beleidigt oder beschimpft, einige wurden auch bespuckt, geschubst oder mit Desinfektionsmittel besprüht. Hai erlebte, dass eine Gruppe von Jugendlichen bei ihrem Anblick ganz demonstrativ hustete. Und Nguyen berichtet, dass ihm ein paar Mal jemand „China-Virus“ hinterhergerufen habe. Aber der Student ist überzeugt: „Das Problem war schon immer da.“

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Auslöser für sein Filmprojekt war das Attentat in Atlanta: Im März hatte ein weißer Mann drei Massagestudios gestürmt und acht Personen erschossen, sechs von ihnen waren Frauen asiatischer Herkunft. „Ich war geschockt“, berichtet Nguyen. Von der Tat. Aber auch von den Reaktionen. Seiner Meinung nach sorgte der Anschlag nicht für viele Schlagzeilen. Einige seiner Freunde hätten davon überhaupt nichts mitbekommen. Während die brutale Ermordung von George Floyd lautstarken Protest hervorrief, kam es Nguyen so vor, als würde die asiatische Gemeinschaft alleine gelassen.

„Ich fühlte Hoffnungslosigkeit“, berichtet der Student. Daher auch der Titel: „Despair“. Mit dem Experimentalfilm will er seine Gefühle offenbaren. Für ihn steht fest: „Es ist Zeit, lauter zu sein“, sagt Nguyen. „Wir stehen noch am Anfang.“