Zusammenhalten – für das Wohlergehen jedes Einzelnen in der Gemeinschaft.
+
Zusammenhalten – für das Wohlergehen jedes Einzelnen in der Gemeinschaft.

Steinheim

Ein gutes Leben für alle - Warum eine Stadt auf die Gemeinwohl-Ökonomie setzt

  • Sophie Vorgrimler
    vonSophie Vorgrimler
    schließen

Immer mehr Geld, immer mehr Waren, immer mehr Reichtum? Den Verfechtern der Gemeinwohlökonomie greift das zu kurz. Ihnen geht es vor allem um Lebenszufriedenheit. Jetzt hat Steinheim als erste deutsche Stadt die Idee aufgegriffen.

Was braucht es für ein gutes Leben? Dieser Frage gehen Städte-Rankings nach: Wien liegt dabei laut der alljährlichen Studie des amerikanischen Beratungsunternehmens Mercer weltweit aktuell auf Platz eins. Innerhalb Deutschlands führt München die Liste an. Die britische Wochenzeitung „Economist“ kommt international zum selben Ergebnis, deutschlandweit kürt sie Frankfurt zum Sieger. Viele Medien betiteln das dann als „Die zehn besten Städte Deutschlands“. Aber wann ist eine Stadt „gut“ oder gar „die Beste“?

Die westfälische Stadt Steinheim, östlich des Teutoburger Waldes zwischen Paderborn und Hameln gelegen, führt in einer anderen Liste. Steinheim, gut 10 000 Einwohner, belegt Platz eins der Städte des Gemeinwohl-Rankings. Die Spitzenposition rührt daher, dass die Steinheimer bisher die einzigen sind, die diesen Weg angetreten haben. Anfang September nahm die Stadt als erste Deutschlands ihr Gemeinwohl-Zertifikat entgegen. Überreicht vom Begründer der Gemeinwohl-Ökonomie, Christian Felber. Andere Städte wollen Steinheim folgen. Und die Steinheimer selbst sind entschlossen, sich weiter zu verbessern.

Kurz zusammengefasst geht es beim Thema Gemeinwohl um das Wohlergehen jedes Einzelnen einer Gemeinschaft. Die Steinheimer Gemeinwohl-Bilanz ist in zwei Klicks auf der Webseite der Stadt zu finden. „Transparenz ist auch ein Element der Gemeinwohlökonomie“, sagt Ralf Kleine, einer der Initiatoren der Gemeinwohl-Bilanzierung. Dass nicht nur Kleine, Leiter der Stabsstelle Wirtschaftsförderung, Liegenschaften, Umwelt und Tourismus, als Vertreter Steinheims, sondern mehrere Kollegen beim Telefongespräch mit der FR vom Prozess berichten, auch das liegt in der Sache selbst. „Beteiligung und Mitbestimmung sind auch wichtige Aspekte“, sagt Kleine.

Es beginnt alles damit, dass die Steinheimer einen Querdenker auszeichnen wollen

Dass beim Gespräch dann drei Männer, keine Frau und niemand mit Migrationshintergrund in der Leitung sind, wird damit begründet, dass beteiligte Frauen wie Christina Burg und Cornelia Hartwig an diesem Tag wegen der Organisation und Moderation der Zertifikats-Überreichung außer Haus seien. Doch auch diese Aspekte nehme man ernst, heißt es. Sie gingen in eine Bestandsaufnahme und Potenzialanalyse ein, auf deren Basis man Veränderungen anstoßen und sichtbar machen möchte.

Begonnen hat alles im Jahr 2017. Nein, eigentlich früher. „Seit 2007 zeichnen wir jedes Jahr mit der Reineccius-Medaille, benannt nach einem Historiker aus dem 15. Jahrhundert, Pioniere und Querdenker aus“, sagt Kleine. 2017 ging es bei der Medaillen-Verleihung um die Frage: Welchen Innovator möchte die Stadt auszeichnen?

Einige Zeit davor hatte Kleine einem Bekannten aus Steinheim ein Buch geschenkt: „Gemeinwohl-Ökonomie“ (GWÖ) von Christian Felber. Darin skizziert der Autor ein Wirtschaftsmodell der Zukunft. „Wir waren infiziert“, sagt Kleine. 2017 wohnten dann mehrere hundert Menschen der Preisverleihung an Christian Felber mit dessen „aufwühlenden und mitreißenden Vortrag“ bei. Die Anwesenden hätten gar nicht mehr aufgehört zu Klatschen, heißt es von den Steinheimern.

Christian Felber, 1972 in Salzburg geboren, hat einen ganz klaren Begriff von Wachstum. „Die Grundwerte in unserer Gesellschaft dürfen wachsen.“ Aber das Kapital, die angehäuften Produkte, das Bruttoinlandsprodukt nicht. „Sie sagen nichts über eine gute Ökonomie aus.“

„Die Wirtschaft, die wir kennen, ist eine Ideologie mit dem Ziel, Kapital anzuhäufen“

Felbers Idee der Gemeinwohlökonomie wird inzwischen von einer bürgerschaftlichen Bewegung getragen, die in zahlreichen Vereinen organisiert ist. Dazu gehören den Angaben zufolge mehr als 2000 Unternehmen als Unterstützer. Davon sind laut der Bewegung rund 500 Vereinsmitglieder oder haben eine Gemeinwohlbilanz erstellt. Außerdem habe sich ein Arbeitskreis Gemeinwohlwirtschaft aus rund 200 Wissenschaftlern gebildet.

Felber ist studierter Linguist und Sozialwissenschaftler, er war Mitbegründer und Pressesprecher der Nicht-Regierungsorganisation Attac Österreich, die sich kritisch mit Globalisierung und Neoliberalismus auseinandersetzt. In der Vergangenheit war er als Journalist tätig, bekannt ist er als Autor mehrerer populärwissenschaftlicher Bücher, in denen er sich kritisch mit dem aktuellen Wirtschaftssystem, mit Handelsabkommen, Konzernen und Privatisierung, befasst und mehr ethisches Handeln fordert. Seit 2004 ist Felber regelmäßig Gastdozent an verschiedenen Hochschulen und Universitäten.

Ökonomie bedeute eine „Ausgeglichenheit der Wirtschaft, ein gutes Leben für alle“, sagt Felber und verweist auf die Definition von Aristoteles, 300 vor Christus. Stattdessen werde der Begriff Ökonomie gegenwärtig „absolut missverstanden“ – und mit Kapital gleichgesetzt. Kapital sei aber nur ein Teil der Ökonomie. „Die Wirtschaft, die wir kennen, ist eine Ideologie mit dem Ziel Kapital anzuhäufen.“ Wenn es um wirtschaftlichen Erfolg gehe, bedeute das in unserem Verständnis meistens: die Vermehrung von Geld. „Wenn wir aber nur Kapital anhäufen, bekommen wir ein Problem“, warnt Felber.

Deshalb, seine These, müssten die wirtschaftlichen Tätigkeiten auf das Gemeinwohl abgeklopft werden. „Der echte Ökonomiebegriff schafft auch Gemeinwohlprodukte wie Lebenszufriedenheit“, sagt er. Die Gemeinwohlökonomie propagiert nicht nur Kapital, sondern auch gesellschaftliche Grundwerte zu errechnen. Steinheim in Westfalen ist die erste Stadt, die sich dieser Aufgabe verschrieben hat. Zunächst ist die Stadt als Verwaltungsapparat an der Reihe – deren Ziel ist, Firmen und Institutionen und Privatpersonen zu motivieren, es ihr gleichzutun.

Aktiv werden

PROJEKT: Die Frankfurter Rundschau gibt Kreativrebellinnen, Ideen-Vulkane und Fortschrittmachern eine Stimme - mit „Zukunft hat eine Stimme“. Ideen können ab sofort vorgestellt werden unter www.fr.de/meinezukunft

„Wir wollten die Stimmung und Eindrücke der mitreißenden Rede nutzen“, sagt Eberhard Fischer, der 1995 nach Steinheim zugezogen ist und dessen Schwerpunkt als Geograf in der Stabstelle Umweltthemen sind. Wenige Tage nach Felbers Rede 2017 ging es bürokratischer weiter: Bei der Sitzung des Stadtrats habe man vorgeschlagen, mit der GWÖ in den Finanzierungsprozess zu gehen.

Man wollte sich mit den Problemen der Zeit auseinandersetzen, sein Handeln als Stadt hinterfragen, sagt Kleine. „Wir wollten wissen, ob unser Handeln zeitgemäß ist, also nicht nur unter ökonomischen Aspekten, sondern auch für künftige Generationen funktioniert.“ Ökologie und Demokratie, Menschenwürde und Solidarität, Integration und soziale Gerechtigkeit, Transparenz, und Teilhabe, Bildung und Berufschancen, Nachhaltigkeit. Große Worte, aber wie macht man diese messbar?

Die Gemeinwohlökonomie soll ein Instrument der sozialen Transformation sein

Das war für Steinheim die selbstgewählte Aufgabe für 2018: eine Bewertungsstruktur schaffen. Für 2019: Sich als Stadt mit diesem Instrument zu bewerten. Eigens dafür hat Steinheim eine wissenschaftliche Mitarbeiterin eingestellt. Außerdem wurde Oliver Bierhoff, Professor für Sozialwesen an der Fachhochschule Bielefeld, mit ins Boot geholt. Er forscht dort zu gesellschaftlichen Transformationsprozessen.

„Mit den Studierenden schaue ich mir Alternativmodelle an und gehe der Frage nach: Wie umsetzbar sind solche Konzepte oder Modelle?“, sagt der Wissenschaftler. Schon in der Vergangenheit lag die Idee der Gemeinwohlökonomie auf dem Seziertisch, Christian Felber war zu einem Vortrag eingeladen, so kam der Kontakt zustande.

Für die Stadt Steinheim hat Bierhoff mit Studierenden ein „exploratives Forschungsprojekt“ durchgeführt und die GWÖ als „kommunales und regionales Instrument sozial-ökologischer Transformation“ auf die Probe gestellt. Dabei wurde eine „noch nicht sehr ausgereifte“ Matrix in die Tiefe entwickelt und angewendet: die Steinheimer Gemeinwohlbilanz. „Damit wurde Pionierarbeit geleistet“, sagen die Steinheimer. Mit einem Fazit hält Bierhoff sich zurück: „Die GWÖ hat sehr weitreichende Ansprüche.“. Sie betreffe viele Ebenen, deren Konsistenz nur durch langfristige Beobachtung tatsächliche Schlüsse zuließen.

Alexander Rauer, Eberhard Fischer, Ralf Kleine und Carsten Torke (v.l.n.r.).

Welche Akteure gibt es? Welche sind ihre Handlungsfelder und wie bewegen sie sich darin? Was ist für eine Transformation nötig? Welche Schwierigkeiten treten auf? Für die Gemeinwohl-Matrix der Stadt Steinheim wurden Handlungsfelder eruiert und Berührungsgruppen zusammengetragen, von Lieferanten bis hin zu Geldgebern. Es wurden Fragebögen erarbeitet und Daten zusammengetragen, das Handeln eingeschätzt und Gemeinwohlpunkte vergeben: Wie kommen Mitarbeiter zur Arbeit? Welches Wasser wird dort getrunken? Wie gehen die Mitarbeiter miteinander um? Auch mit einer guten Beziehung zu Nachbargemeinden können Punkte gesammelt werden. Oder durch die Beteiligung von Bürgern über die gesetzlichen Vorgaben hinaus.

In Steinheim gibt es zum Beispiel das „Jugendparlament“, ein politisches Gremium junger Menschen, sagt Kleine. Als „Auditor“ hätten Studierende dann vor Ort bei Jugendlichen nachgehakt, ob diese über ihre Möglichkeit mitzubestimmen, überhaupt informiert seien. Punkte gibt es auch für die Zusammenarbeit mit ethischen Geldgebern, einer Nachhaltigkeitsbank oder Genossenschaft. Auch ein Ökostromanbieter bringt die Stadt nach vorne. Dazu, sagt Kleine, seien Unterlagen vom Energieversorger eingeholt worden. „Eine Aufgabe mit enormem Tiefgang“, lautet das Fazit von Alexander Rauer. Der 35-Jährige ist Klimaschutz- und Demokratiebeauftragter der Stadt Steinheim.

In einer Bilanz werden alle Defizite und Erfolge haarklein aufgeführt

166 Seiten umfasst die Steinheimer Bilanz. Eine grobe Übersicht bietet ein Fünfeck. Die Ecken heißen: Menschenwürde, Mitbestimmung, Solidarität/soziale Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit und Transparenz. Am besten aufgestellt ist die Stadt im Bereich Solidarität und soziale Gerechtigkeit. In den Details zeigt sich: bei Gleichstellung und Diversität kann Steinheim nur „erste Schritte“ vorweisen, die faire Beschäftigungs- und Entgeltpolitik sei mit 85 Prozent „vorbildlich“. Künftig wolle man Veränderungen im Zweijahresturnus festhalten.

„Mittel und langfristig sollen Lebens- und Wirtschaftsräume erhalten und aufgewertet werden – vor Ort, aber auch über Stadt- und Ländergrenzen hinaus“, leitet der Bürgermeister der Stadt Steinheim, Carsten Torke (CDU), die GWÖ-Bilanzierung ein. „Alles Handeln hat eine Wirkung. Und auch das Nichthandeln.“

Lesen Sie auch: Warum ein Millionär höhere Steuern für Reiche fordert

Es seien viele kleine Schritte mit denen die Bilanz und damit das Gemeinwohl verbessert werden könne, sagt Alexander Rauer. Eine Idee sei, eine „Enkel-Klausel“ einzuführen – und bei jeder Entscheidung festzuhalten: Welche Auswirkungen hat das auf die nächste und die übernächste Generation?

Man wolle mit der GWÖ-Bilanzierung „auch anderen Mut machen“, sich der Thematik zuzuwenden, sagt Eberhard Fischer. „Die Gemeinwohlbilanz ist auch Stadtmarketing“, sagt er. Den großen Wegzug aus der ländlichen Region habe man bisher abwenden können, es würde sogar gebaut. Auch das Wissen darum, in einer Stadt zu leben, in der Gemeinwohl groß geschrieben werde, mache diese lebenswert.

Die Feier zur Zertifikatsüberreichung in der Stadthalle fiel coronabedingt eher klein aus. Unter den Gästen seien mehrere Bürgermeister der Nachbargemeinden gewesen. Von einigen heißt es, sie wollten mit einer eigenen GWÖ-Bilanz nachziehen.