Sofija kreidet Sexismus an
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„Die MeToo-Debatte hat viele zum Nachdenken gebracht“, sagt Sofija, „auch mich.“

Sexismus

Belästigung ankreiden

Dass Frauen und Mädchen immer wieder mit Sexismus und Belästigung konfrontiert werden, weiß Sofija aus erster Hand: Sie sammelt die sexistischen Sprüche – und macht sie zu unübersehbaren Botschaften

Von Eva Weber

Wenn Sofija loszieht, um sich neue Straßenmalkreide zu kaufen – ein kleiner Eimer mit Plastikhenkel, 20 Stück bunte Kreide, 1,99 Euro –, dann ist es wieder Zeit für ihren Protest gegen den Sexismus im Alltag. Gemeinsam mit Julia (17) schreibt sie in München, ihrer Heimatstadt, die herablassenden Sprüche auf die Straße, mit denen Frauen in aller Öffentlichkeit belästigt wurden – und zwar nach Möglichkeit genau dort, wo die Worte gefallen sind. Das Duo kennt sich gut, die beiden haben sich 2017 bei dem Projekt Youthbridge München kennengelernt.

„catcallsofmuc“ heißt ihr Projekt, das sie seit Mai 2019 gemeinsam bei Instagram und auf den Straßen der bayerischen Landeshauptstadt öffentlich machen. „Catcall heißt es zum Beispiel, wenn hinterhergerufen oder gepfiffen wird“, erklärt Sofija den Namen des Projekts. Und über ihren Antrieb sagt die 20-Jährige: „Es geht Frauen – verglichen mit anderen Ländern – in Deutschland gut. Doch sie werden nach wie vor anders oder als Objekte behandelt und aufs Aussehen reduziert. München ist so eine schöne und auch scheinheilige Stadt, und sie hat damit ein Problem.“

Das weiß Sofija auch aus eigener Erfahrung: Sie war 13, als sie mit ihren Freundinnen im Schwimmbad war und von einer Gruppe deutlich älterer Männer im Strömungskanal angefasst wurde. „Wir haben alle so getan, als wäre nichts passiert, weil es uns so peinlich war. Erst als wir aus dem Schwimmbad raus waren, hat die erste gefragt: ‚Ist dir das eigentlich auch gerade passiert?‘“ Dann, mit 14, spricht sie ein Fremder auf offener Straße an: „Du bist wahrscheinlich 20 und kannst jetzt mit zu mir kommen.“

Die Sprachlosigkeit von damals hat sie überwunden – und gibt jetzt, als 20-Jährige, all denen eine Stimme, die ihre Erfahrung bei Instagram als Nachricht an „catcallsofmuc“ senden. Innerhalb von fast anderthalb Jahren sind auf diesem Weg über 500 Geschichten bei den beiden angekommen. Von „Willst du einen Gangbang?“ über „Geile Titten, Alter!“ bis hin zu „Mit dir hab’ ich eh nicht geredet, du hässliche Schlampe!“ ist alles dabei, auch Geschichten von versuchter Vergewaltigung und blauen Flecken. Eine einzige Zuschrift kommt von einem Mann – er wurde als 13-Jähriger von einer älteren Frau gefragt: „Willst du mit mir bumsen?“

Alle Sprüche, die sie mit Kreide auf den Boden schreiben, halten sie in einem Foto fest und stellen sie zusammen mit einer anonymisierten Nachricht, in der die Opfer ihre Geschichten erzählen, bei Instagram ein. Knapp 5600 Menschen folgen dem Duo dort.

Am häufigsten liest das „catcallsofmuc“-Team Geschichten von Zwölf- oder 13-Jährigen, die von Männern jenseits der 60 belästigt wurden. „Zeig mal, ob du unten auch so schöne rote Haare hast“ heißt es dann, oder „Wieviel kostet es denn bei dir?“ Die Mädchen reagieren in der Situation meist mit einem schweigenden Lächeln – ein Schutzmechanismus. „Ich will Frauen stärken. Ich will, dass sie das Problem sehen und auch erkennen, dass sie dieses Problem nicht alleine haben“, sagt Sofija.

Und die Männer? „Männer möchte ich sensibilisieren. Ihr könnt flirten – aber macht es auf respektvolle Art und Weise. Menschen sind unterschiedlich, und sie sind auch unterschiedlich sensibel.“ Deshalb zensieren die drei beim Malen alle Begriffe unter der Gürtellinie und schreiben zu jedem Spruch das Hashtag #stopptbelästigung dazu.

Irritierten Menschen erklärt Sofija immer wieder ihr Anliegen und erntet dafür viel Lob, auf der Straße wie im Internet – gerade auch von Männern. „Ich führe aber genauso Gespräche darüber, dass es wohl nur noch ‚Mäuschen‘ gebe und keine selbstbewussten Frauen mehr. Das ist Quatsch! Belästigung ist es immer dann, wenn sich die angesprochene Person belästigt fühlt – das hat rein gar nichts mit Selbstbewusstsein zu tun“, findet Sofija.

Die aktuelle Gesetzeslage in Deutschland definiert das allerdings anders. Vor drei Jahren erst wurde das Sexualstrafrecht noch einmal verschärft. Im November 2016 trat das Gesetz zur Verbesserung des Schutzes der sexuellen Selbstbestimmung in Kraft. Mit dieser neuen Regelung fällt auch die sexuelle Belästigung unter Strafe – darunter fällt aber im Wesentlichen das „Begrapschen“, wie es die Bundesregierung in ihrer Erklärung formulierte. Unterschrieben haben dieses Gesetz der frühere Bundespräsident Joachim Gauck, Bundeskanzlerin Angela Merkel, Ex-Innenminister Thomas de Maizière (beide CDU), der damalige Justizminister und Neu-Außenminister Heiko Maas und Manuela Schwesig (beide SPD), die bis 2017 das Familienministerin führte.

Worte können nach wie vor nur dann zu einer Verurteilung führen, wenn sie eine Beleidigung beinhalten. Sich diese Kluft bewusst zu machen und auch noch selbst aktiv zu werden, das war für die beiden jungen Frauen, die „catcallsofmuc“ initiiert haben, ein Prozess. „Die MeToo-Debatte hat viele zum Nachdenken gebracht“, sagt Sofija, „auch mich.“

Ausgelöst wurde diese Debatte von Schauspielerinnen, die im Oktober 2017 erstmals ihre Erfahrungen mit dem US-amerikanischen Produzenten Harvey Weinstein in den sozialen Netzwerken teilen. Es geht um sexuelle Belästigung, Vergewaltigung, Drohungen. Auch in Deutschland gehen Frauen mit ihren Geschichten aus der Filmbranche an die Öffentlichkeit. Schauspielerin Nina Brandhoff zum Beispiel sagt in einem Gespräch mit Spiegel Online, dass ein Kollege ihr während einer Drehpause das T-Shirt hochgezogen habe, um darunter zu schauen. Und ein Regisseur, der ihr eine Rolle in Aussicht stellte, habe zu ihr gesagt: „Ich würde jetzt gern deine Brüste aus deinem Ausschnitt holen und daran herumspielen.“

Doch nicht nur Prominente melden sich seit der Weinstein-Affäre zu Wort. Unter dem Hashtag #metoo schließen sich Frauen weltweit an und machen ihre Erfahrungen öffentlich. Sofija verfolgt das aufmerksam. „Die Bewegung hat das notwendige Bewusstsein geschaffen und gezeigt: Alle sind betroffen – genauso verheiratete, erfolgreiche Frauen mit Kindern.“ Zu dieser Zeit ergibt eine Umfrage des Instituts YouGov, dass in Deutschland 43 Prozent aller Frauen schon Erfahrungen mit sexueller Belästigung gemacht haben.

Gerade die Filmbranche, durch die vieles überhaupt erst an die Öffentlichkeit kam, tut sich schwer mit der Auseinandersetzung. Nur wenige männliche Schauspieler nehmen Stellung, viele schieben das Problem weg, relativieren es oder versuchen es kleinzureden.

Julia und Sofija haben den künstlerischen Protest von einer USA-Reise mitgebracht. Als sie im Frühjahr 2019 mit dem Münchner Jugendprogramm „Youthbridge“ nach New York reisten und dort mit der Verantwortlichen von „catcallsofny“ ins Gespräch kamen, war Sofija sofort Feuer und Flamme für die Idee, den alltäglichen Sexismus auf den Straßen sichtbar zu machen. Julia war es auch, da sie bereits ähnliche Erfahrungen gesammelt hat.

Zur Zeit sind Julia und Sofija dabei, das Projekt weiter auszubauen und mehr Leute in das @catcallsofmuc-Team miteinzubeziehen. Dadurch, dass die Zahl der Followerinnen und Follower stetig steigt und damit auch die Zahl der Geschichten stark zugenommen hat, brauchen die beiden Verstärkung. Außerdem wird das Projekt bald auch kreativ ausgebaut: Seminare, Workshops sowie eine Ausstellung sind in Planung.

Wichtig ist Sofija vor allem eines: „Ich wünsche mir sehr, dass die Nachrichten an uns nicht mehr beginnen mit ‚Ich hatte XY an, als es passierte‘.“ Bis es so weit ist, werden noch viele Eimer voll Kreide auf Münchens Straßen zu einem bunten Mahnmal – zumindest bis zum nächsten Regen.

Dieser Text entstand in Kooperation mit dem Magazin „Veto“. Das journalistische Projekt widmet sich der engagierten Zivilgesellschaft: www.veto-mag.de