Häuslebau in Namibia: In dem südafrikanischen Land fertigt bereits eine Fabrik die innovativen Steine aus Thüringen.
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Häuslebau in Namibia: In dem südafrikanischen Land fertigt bereits eine Fabrik die innovativen Steine aus Thüringen.

Bauwirtschaft

Wie Lego für Erwachsene

  • Martin Brust
    vonMartin Brust
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Das Start-up Polycare aus Thüringen produziert Steine für nachhaltige Häuser als Selbstbausatz. Das Material ist wiederverwendbar, spart CO2-Emissionen - und löst nebenbei ein Riesenproblem: den Mangel an Sand.

Bei Tchibo, Ikea oder im Internet ein Haus kaufen, die Einzelteile per Container geliefert bekommen und selbst binnen einiger Tage wie früher mit Lego zusammenbauen. Beim Umzug das alles wieder in Einzelteile zerlegen und mitnehmen. Das könnte die Zukunft des Hausbaus sein: Das thüringische Start-up Polycare hat eine Technologie entwickelt, mit der das möglich ist. Günstiger, schneller und nachhaltiger als heutiges Bauen sollen Polycare-Häuser sein, ohne Bauschutt, mit hohen CO2-Einsparungen und vollständig recyclebar.

Das Zauberwort dafür heißt Polymer-Beton, ein schon lange bekannter Werkstoff. Dabei wird Zement als Bindemittel im Beton durch Kunstharz ersetzt. Der Baustoff härtet in der Produktion rasch aus, ist beständig gegen Witterung oder Chemikalien und von hoher mechanischer Festigkeit. Derzeit wird er für Sanierungsarbeiten oder Spezialbauteile wie Rinnen und Rohre eingesetzt. Für tragende Teile hat er in Deutschland noch keine Zulassung.

Polycare aus einem Ortsteil von Suhl im Thüringer Wald erwartet für diesen Mai die Zulassung seiner Produkte durch das Deutsche Institut für Bautechnik. In Namibia wurden bereits rund 100 Häuser mit dem System gebaut. Das Unternehmen erwartet von 2023 an ein rasches Hochfahren der weltweiten Produktion. Im Jahr 2025 sollen bereits rund 30 Produktionsanlagen in etwa 15 Ländern Bausteine für bis zu 10.000 Häuser jährlich herstellen und dabei 200.000 Tonnen CO2 einsparen.

Polycare: Steine sollen auch nach 20 oder 30 Jahren noch wiederverwendbar sein

Mit den fünf verschiedenen Polycare-Bausteinen plus Boden- beziehungsweise Deckelschienen lassen sich praktisch alle gewünschten Hausformen bauen. Laut Polycare 30 bis 40 Prozent günstiger als mit Ziegelsteinen und Mörtel – obwohl die Polycare-Steine im direkten Vergleich teurer sind. Billiger bauen lasse sich damit trotzdem, weil es schneller geht und mehr Eigenleistung möglich ist. Fachkräfte sind kaum nötig, auch keine schweren Maschinen oder Kräne. In Deutschland kann sich Polycare-Gründer und Geschäftsführer Gerhard Dust Quadratmeterpreise von 1000 bis 1200 Euro vorstellen. Bei aktuellen Durchschnittspreisen von 1400 bis 2200 Euro wäre Polycare sehr konkurrenzfähig.

Selbst nach 20 oder 30 Jahren sollen die Steine noch wiederverwertbar sein: Umzug oder neue Raumaufteilung gewünscht? Einfach vom alten Haus den Putz entfernen, die Schrauben der Stahlbewehrung lösen, die Bausteine wie Lego auseinandernehmen und neu zusammensetzen, wieder verputzen, fertig. Ein zweistöckiges Testgebäude auf dem Firmengelände einer denkmalgeschützten Glasbläserei hat ein Team von knapp zehn Leuten binnen eines Tages demontiert und daraus beinahe ebenso rasch ein neues, rund 100 Quadratmeter großes einstöckiges Bürogebäude gebaut. Das zweistöckige Demonstrationsmodell hatte zuvor fünf Jahre gestanden. Dust schätzt, dass die Module 200 oder mehr Jahre halten könnten.

Beton aus jedem rieselfähigen Material: Dafür war jahrelange Forschung nötig

Eher zufällig kam Dust vor rund zehn Jahren in Kontakt mit Gunther Plötner, dem Erfinder der Technologie. Der Ingenieur, der in der DDR Maschinen zur Wurstherstellung konstruierte, hatte jahrelang an einer Technik geforscht, mittels Polyesterharz und dem Abfallstoff Flugasche Beton herzustellen. Heute ist Polycare in der Lage, praktisch jedes rieselfähige Material, das sich in die drei notwendigen Größenfraktionen sieben lässt, zu verwenden – auch Wüstensand, der eigentlich zu fein und rund für Beton ist.

Polycare-Gründer und Geschäftsführer Gerhard Dust.

Dust und Plötner gründeten mit weiteren Investoren Polycare und hatten nach einigen Jahren Forschung – in Kooperation mit der Bauhaus-Universität Weimar – ihr verwendungsreifes Produkt entwickelt. Versuche, das System im UN-Rahmen der Ersthilfe nach Naturkatastrophen einzusetzen, scheiterten, weil diese Organisationen sich laut Dust nicht zuständig sehen für dauerhafte Wohnlösungen.

Polycare sieht sich als Teil einer ökologischen Kreislaufwirtschaft

Nun verfolgt sein Unternehmen das Ziel, im privatwirtschaftlichen Rahmen erschwingliche Häuser, die den Ansprüchen einer ökologischen Kreislaufwirtschaft genügen, an die Menschen zu bringen. 60 Prozent weniger CO2-Emissionen im Vergleich zu herkömmlicher Bautechnik verspricht Polycare. Und durch die Nutzung im Kreislauf keinen oder kaum Bauschutt. Auf der Baustelle werden die maßgefertigten Bauteile ohne Ausschuss und Verschnitt zusammengesetzt. „Und künftig soll das Polyesterharz, dass derzeit noch überwiegend auf Erdölbasis produziert wird, aus recycelten PET-Flaschen bestehen“, sagt Dust. Aktuell beträgt der PET-Anteil im Harz 38 Prozent.

Die erste Polycare-Fabrik wurde 2014 nach Tripolis in Libyen ausgeliefert. „Beim Wiederaufflammen des Bürgerkrieges ist diese Verbindung aber abgebrochen“, so Dust. Viele Verhandlungen vor allem auf der südlichen Hälfte der Welt hat er in den vergangenen Jahren geführt. Die Länder Indien, Saudi-Arabien, Tunesien, Ghana, Senegal, Nigeria, Elfenbeinküste, Südafrika, Ruanda, Irak und auch Russland sind darunter, aber der große Durchbruch blieb aus.

Das Problem mit dem Sand

Wüstenstaaten importieren Sand – was nach Dadaismus klingt, ist Realität auf vielen Baustellen. Denn Sand ist zwar in riesigen Mengen vorhanden, eignet sich aber für das Mischen von herkömmlichem Beton nicht, weil die einzelnen Sandkörner zu rund geschliffen sind.

Der weltweite Bauboom hat laut dem UN-Umweltprogramm (Unep) die Nachfrage nach Sand und Kies binnen 20 Jahren verdreifacht. 40 bis 50 Milliarden Tonnen Sand werden demnach jährlich gehandelt, dem Volumen nach ist Sand nach Wasser der größte gehandelte Rohstoff der Welt.

Sand-Mafias und Unternehmen mit Konzession saugen ganze Strände ein, baggern Mangrovenwälder aus und graben Flussufer ab, um Bausand zu gewinnen. Unep warnt vor den Gefahren des unregulierten Abbaus für Umwelt und Tiere und rät zu alternativen Stoffen und Recycling-Material.

Am Imperial-College London wurde 2018 das Material „Finite“ vorgestellt, bei dem Wüstensand mittels eines Bindematerials zu einem betonähnlichen Stoff werden sollte, dessen Produktion weniger CO2 freisetzt und das zudem recycelbar ist. Seither ist es um „Finite“ aber still geworden.Laut Medienberichten könnte der Grund dafür sein, dass der Transport von Wüstensand über weite Strecken zu Produktionsanlagen nicht lohnend ist.

Neben Polycare hat auch die Multicon-Group aus München ein Verfahren zur Verwendung von Wüstensanden entwickelt und patentiert. Dabei werden zuerst Sandpellets hergestellt, die dann als Zuschlagstoffe in der Betonproduktion verwendet werden. Nach eigenen Angaben werden dabei bis zu 40 Prozent weniger Zement eingesetzt, 30 Prozent weniger CO2 emittiert und die Kosten sinken um acht bis 15 Prozent. Das Endprodukt Opticon ist ebenso anwendbar wie normaler Beton. ust

Der könnte nun in Namibia gelungen sein, wo im Sommer 2019 die zweite Fabrik ihre Produktion aufgenommen hat. Dort kann täglich ein Standardhaus – eingeschossig mit vier Räumen – produziert werden. Polycare Namibia, an der zwei Unternehmen der dortigen Baubranche sowie zwei regierungsnahe Gesellschaften beteiligt sind, beschäftigt derzeit je 15 Frauen und Männer. Namibia will mit dem Hausbauprogramm National Housing Enterprise (NHE) bis 2030 rund 110 000 Häuser für die ärmsten Einwohner bauen. Die NHE-Warteliste umfasst laut Polycare Namibia 95 000 Personen, aktuell werden nur rund 500 Gebäude im Jahr fertig, was die Regierung gerne auf 1500 jährlich beschleunigen möchte.

Noch sind es meist chinesische Auftragnehmer, die die NHE-Standardhäuser bauen, sagt Dust, „in erschreckend schlechter Qualität mit vermutlich hohen Gewinnspannen“. Polycare Namibia zielt deshalb vorerst auf die Mittelschicht, sieht sich aber durchaus in der Lage, mit den chinesischen Baufirmen preislich zu konkurrieren, bei höherer Qualität und Nachhaltigkeit. „Die nächste Fabrik entsteht Ende dieses Jahres in Kapstadt, Südafrika“, so Dust, „in Ghana und Nigeria haben wir Machbarkeitsstudien abgeschlossen und hoffen, dorthin im nächsten Jahr Fabrikanlagen zu liefern.“ In anderen Ländern, etwa Japan, Sambia oder Guayana, gibt es Absichtserklärungen.

Wüstensand oder geschredderter Bauschutt: Die Steine können aus verschiedensten Rohstoffen bestehen

Grundsätzlich eignet sich das Polycare-System vor allem für eher trockene Gegenden, weil es dort, wo Niederschlag häufig ist, einen höheren Aufwand bedeutet, die Ausgangsstoffe in der Produktion trockenzuhalten. Trotzdem plant Polycare eine Fabrik in Deutschland, wo ebenfalls mit lokalen Rohstoffen produziert werden soll. Das könnten etwa gebrauchter Gießereisand oder geschredderter Bauschutt sein; eine Halle wird vor Regen schützen.

Sein Geschäftsmodell sieht Polycare zum einen in der Lieferung der Baustein-Fabriken, zum anderen in Lizenzeinnahmen – und künftig vielleicht auch im Verkauf von Bausatzhäusern. Die lokalen Produktionspartner zahlen eine Gebühr von 35 Euro je produzierter Tonne. Das entspricht für das Standardhaus in Namibia 700 Euro. Dieses kostet etwa 540 000 Namibia-Dollar, umgerechnet 31 000 Euro – mit Bauplatz und Küche.

„Bislang haben wir für die Entwicklung unseres Systems rund zehn Millionen Euro ausgegeben“, erklärt Dust. Die Hälfte davon haben er als Hauptgesellschafter und seine drei Mitgesellschafter gestemmt. Die andere Hälfte stammt wiederum hälftig aus Umsätzen und Forschungssubventionen. Bis 2023 stehen weitere 2,5 Millionen Euro Investitionen auf dem Programm, dann aber auch ein positiver Cashflow und schnelles Wachstum.

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