Der tägliche Wahnsinn in vielen afrikanischen Ländern: Ein Kind schöpft verunreinigtes Wasser aus einer Quelle.
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Der tägliche Wahnsinn in vielen afrikanischen Ländern: Ein Kind schöpft verunreinigtes Wasser aus einer Quelle.

Wewater

Schluck für Schluck in eine bessere Zukunft

  • Thomas Magenheim-Hörmann
    vonThomas Magenheim-Hörmann
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Das Startup WeWater setzt dort an, wo alles beginnt: beim Wasser. Die Münchner installieren in Notstandsgebieten kostengünstige Wasserfilter, die ohne Strom oder Chemie arbeiten. Der Anfang jeder besseren Zukunft.

Knapp 850 Millionen Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Ermittelt hat diese Zahl die Weltgesundheitsorganisation WHO. Wer in einer Krisenregion lebt, muss oft weite Wege gehen oder viel berappen, um sich das begehrte Nass zu verschaffen. Hannes Schwessinger kennt die Lage vor Ort. „Abgepacktes Trinkwasser kostet dort mehr als wir in Deutschland für eine Flasche bezahlen“, sagt der angehende Jurist.

Zumindest für einige der Millionen Dürstenden wollen er und seine Mitstreiter das ändern. Mit dem Publizistikstudenten Thilo Kurz, dem Blogger Steven Hille und dem Unternehmer Ulrich Weise hat der 28-Jährige im März vergangenen Jahres dazu das gemeinnützige Startup-Unternehmen WeWater gegründet.

Sauberes Wasser für 700 Menschen - das erste Projekt von WeWater

WeWater-Mitgründer Schwessinger zeigt Bewohnern eines Kinderdorfs im ugandischen Bweyale wie Kanister und Beutel funktionieren.

Ein erstes Projekt im ostafrikanischen Uganda hat das Quartett bereits verwirklicht und dort in einem Kinderdorf mit rund 700 Bewohnern ein System für sauberes Trinkwasser installiert. „Funktioniert alles super“, sagt Schwessinger stolz. Er hat vor Ort für den Aufbau gesorgt. Ein zweites größeres Projekt für ein ugandisches Dorf mit Krankenstation sei finanziell gesichert und in Arbeit. Ein drittes Projekt im Nachbarland Kenia werde von einheimischen Helfern vor Ort sondiert.

Auch die Filtertechnik für alle Projekte stammt aus dem Kreis der NGO-Gründer. „Ich bin früher viel in Afrika gereist und habe die Problematik mit verunreinigtem Trinkwasser kennengelernt“, erzählt Weise. Der Ingenieur und Erfinder arbeitet seit gut 20 Jahren in der Wasseraufbereitungsbranche und hat seine Kenntnisse genutzt, um einen möglichst einfachen Filter zu bauen, der auch in afrikanischen Notstandsgebieten einsetzbar ist. Herausgekommen ist eine Technik, die ohne Strom und Chemikalien auskommt, leicht zu bedienen und wartungsarm ist. Gefertigt werden die Filter, deren Palette von einer Art Plastikbeutel für zwölf Liter Trinkwasser pro Tag über ein kanisterförmiges Gerät für das hundertfache Wasservolumen bis hin zu noch größeren Sonderanfertigungen reicht, bei seiner Mittelstandsfirma Weise Water in Henningsdorf bei Berlin.

In den Wasserfiltern bleiben Bakterien und Viren hängen

Mangelware

Der Weltwasserverbrauchsteigt seit den 1980er Jahren weltweit um etwa ein Prozent jährlich. Experten schätzen, dass dieser Trend sich fortsetzt. Schon heute leben gut zwei Milliarden Menschen in trockenen Ländern mit chronischem Wassermangel. Doppelt so viele erleben mindestens einen Monat im Jahr schwere Wasserknappheit. Das geht aus dem Weltwasserbericht 2019 der Vereinten Nationen (UN) hervor. Mit Blick auf steigenden Verbrauch und Klimawandel verschärfe sich die Lage, wird dort gewarnt.

Gängige Methodenzur Wasseraufbereitung erfordern aber die Verfügbarkeit von Strom, der in Entwicklungsländern oft fehlt. 

Den kleinen Wasserbeutel hatte er schon gefördert vom EU-Entwicklungsfonds EFRE entworfen, als es zum ersten Kontakt mit dem Blogger Hille kam, erinnert sich Weise. „Auf Basis dieses Produkts entstand dann die Idee, eine NGO zu gründen“, sagt der Erfinder. Als sich herausgestellte, dass vor Ort in Afrika größere Reinigungskapazitäten benötigt werden, habe er die Technik in einen Kanister gepackt, der ein ganzes Dorf mit Trinkwasser versorgen kann.

An WeWater gibt Weise seine Filter zum Selbstkostenpreis ab. Im kommerziellen Geschäft mit seiner Firma filtert er Produktionsabwässer etwa bei Siemens und Bosch. Weise Water-Kunden sind die Bundeswehr in Mali und US-Kommunen, Textilbetriebe in Rumänien und Kupferminen in Chile. Hierzulande zählen Bauern und Klärbetriebe dazu.

Bakterien aller Art und so gut wie alle Viren bleiben in Weises Filtermembran hängen. Nur im Wasser gelöste Schadstoffe wie Pestizide sickern durch. Deshalb sind bei WeWater-Projekten Vorerkundung im Einsatzgebiet nötig, um zu wissen, mit welcher Art von Verschmutzung es die Helfer zu tun haben.

Ein Liter aufbereitetes Wasser kostet weniger als einen Cent 

Für den Einsatz in Krisenregionen prädestiniert ist die Technik auch deshalb, weil sie nicht nur einfach zu handhaben, sondern auch extrem kostengünstig ist. Ein Liter aufbereitetes Wasser kostet weniger als einen Cent, verspricht der Erfinder. „Unser Hauptproblem in der aktuellen frühen Phase ist in erster Linie Geld und in zweiter Linie die Projektakquise“, sagt Schwessinger. WeWater finanziert sich durch Spenden. Das Gründerquartett arbeitet ehrenamtlich. Geld eingeworben wird vor allem über Aufrufe in den sozialen Medien. Schwierig sei es aber, geeignete Projekte zu finden, weil sich WeWater keine aufwendigen Recherchen leisten kann, erklärt Schwessinger. Deshalb kooperiere man auch mit ehrenamtlichen Helfern vor Ort.

Wovon der NGO-Gründer träumt, ist ein Spendenaufkommen, das es erlaubt, bezahlte Mitarbeiter einzustellen. „Bislang machen wir als Startup alles alleine“, sagt Schwessinger. Das begrenze die Zahl der Projekte auf vier pro Jahr. Nur mit der Post schicken könne man die Filter nicht. Jemand müsse mitfliegen und vor Ort den Dorfbewohnern erklären, auf was sie achten müssen und wie man die Filter wartet. Das Erstlingsprojekt in Uganda habe unter dem Strich rund 3000 Euro gekostet. Schwessinger findet, das sei nicht viel Geld, wenn man sieht, dass 700 Kinder nun täglich sauberes Wasser trinken können. „Für uns ist Wasser ein Menschenrecht“, sagt der Gründer von WeWater im Namen seiner Mitstreiter.