Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Armin Steuernagel gründete schon als Schüler zwei Firmen.
+
Armin Steuernagel gründete schon als Schüler zwei Firmen.

Gesellschaftliche Verantwortung

„Firmen sollten sich selbst gehören können“

  • Peter Riesbeck
    vonPeter Riesbeck
    schließen

Gründer Armin Steuernagel über kurzfristig Rendite, nachhaltigen Erfolg und seine Idee des Verantwortungseigentums

Herr Steuernagel, Sie waren schon als Schüler unternehmerisch aktiv, haben zuerst selbstgemachte Pralinen vertrieben und dann Artikel für Schulbedarf. Wie kommt ein erfolgreicher Firmengründer dazu, einen Kern des Unternehmertums infrage zu stellen – das Eigentum?

Ich stelle das Eigentum nicht infrage, sondern versuche das, was ich am Unternehmertum so genial finde, dauerhaft zu sichern: persönlich Verantwortung zu übernehmen und nachhaltigen Erfolg zu schaffen. Ich habe das in der eigenen Familie erlebt. Mein Vater führte eine Klinik, die von Investoren übernommen wurde. Die neuen Eigner haben die Firma anonym gesteuert und das Gelände nie betreten. Das ist am Ende auch nicht gut gegangen, zum Nachteil der Mitarbeiter. Deshalb will ich eine bestimmte Form des Unternehmertums fördern, das nicht auf kurzfristige Rendite zielt, sondern auf nachhaltigen Erfolg setzt: das Verantwortungseigentum.

Was ist das Besondere an der Idee des Verantwortungseigentums?

Verantwortungseigentum besteht für mich vornehmlich aus zwei Prinzipien. Erstens: ein Gefühl der Treuhänderschaft. Das Unternehmensvermögen kann nicht einfach versilbert werden, es soll in der Firma verbleiben, deshalb möchten wir es vor dem nicht-unternehmerischen Zugriff der Eigner schützen. Zweitens: ein gewisses Selbstverständnis, dass das Unternehmen selbstständig bleiben soll und langfristige Ziele verfolgt.

Warum wollen Sie dann das Gesellschaftsrecht ändern und bekannte Formen wie die KG oder GmbH um eine neue Form ergänzen: die Verantwortungseigentum-GmbH?

Weil es gerade für junge Firmen wie Start-ups schwierig ist, so ein treuhändisches Unternehmensverständnis und gute Rahmenbedingungen für eine nachhaltige Unternehmensentwicklung rechtlich zu verankern. Die Krücken, die es heute gibt, wie Stiftungen, mögen für große Unternehmen gut sein, für Start-ups sind sie unpassend.

„Die Idee der neuen Rechtsform: Das Firmenvermögen kann nicht personalisiert werden.“

Armin Steuernagel, Unternehmensgründer

Worin liegt der Vorteil Ihres Modells?

Die GmbH ist 130 Jahre alt und macht aus einem Eigentümer, ob er es will oder nicht, einen Vermögenseigentümer. Daher die Idee der neuen Rechtsform: Das Firmenvermögen kann nicht personalisiert werden. Natürlich kann weiterhin auch gute Leistung gut vergütet werden – nur darf eben nicht mehr leistungslos etwas entnommen werden. Damit wird sichergestellt, dass es im Unternehmen bleibt und langfristig der Firma nützt, etwa über Reinvestitionen. Die Idee ist gar nicht so revolutionär. Das wird von vielen Familienunternehmen und Mittelständlern längst praktiziert. Wir wollen diese Idee auch anderen Firmen ermöglichen.

Der Stuttgarter Bosch-Konzern hat die Reinvestitionsquote quasi festgeschrieben, er schafft das über ein klassisches Stiftungsmodell. Können Sie Firmen nennen, die sich am Verantwortungseigentum orientieren?

Da ist der Flaschenhersteller Soulbottles in Berlin, der klimaneutral produziert, oder Recup, eine Firma, die ein Pfandbechersystem für Coffee-to-go entwickelt hat und so Unmengen an Müll vermeidet, oder Einhorn, das vegane Kondome herstellt. In allen drei Fällen geht es darum, das besondere Unternehmensverständnis langfristig zu verankern – dass das Unternehmen sozusagen sich selbst gehört und von mit der Unternehmensidee verbundenen Menschen geführt wird.

Bei den Beispielen fällt auf, dass es diesen Firmen nicht allein um Profit geht, sondern um Nachhaltigkeit. Inwiefern spielt dabei eine Rolle, dass junge Beschäftigte der Generation Millennial auf eine andere Unternehmenskultur dringen?

Ich beobachte in der Tat, dass es eine neue Generation von Gründerinnen und Gründern gibt, die nicht auf den schnellen Exit aus sind, sondern Unternehmen aufbauen wollen, die – etwas salopp gesagt – die Welt verändern. Ihnen geht es um Innovation, Nachhaltigkeit – und da ist es für sie völlig selbstverständlich zu sagen: Das Unternehmen dient nicht meinem Vermögen, sondern dient der Aufgabe, die wir uns gesetzt haben. Das ist heute aber juristisch kaum umsetzbar – eine GmbH dient immer dem Vermögen des Gesellschafters. Deswegen unsere Forderung.

Aktiv werden

Armin Steuernage l, 30, hat in Witten und Oxford Ökonomie studiert. Noch als Waldorf-Schüler gründet er seine ersten Unternehmen, handelt mit selbstgemachten Pralinen und Artikeln für Schulbedarf. Steuernagel lebt in der Rhön und ist viel in Berlin.

Die Stiftung Verantwortungseigentum will neben AG, KG und GmbH eine weitere Unternehmensform im Gesellschaftsrecht verankern. Ziel ist es, Unternehmen zu ermöglichen, „sich selbst“ zu gehören und einer Aufgabe zu dienen: Eigentümer sind Treuhänder, die das Firmenvermögen nicht personalisieren können.

Projekt: Die Frankfurter Rundschau gibt Kreativrebellinnen, Ideen-Vulkanen und Fortschrittmachern eine Stimme - mit „Zukunft hat eine Stimme“. Ideen können vorgestellt werden unter www.fr.de/meinezukunft

Im vergangenen Monat haben Sie Ihre Idee in Berlin auf einer Konferenz präsentiert und viel Lob erhalten – von der CDU-Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer über SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil bis hin zum Grünen-Ko-Chef Robert Habeck. Warum kommt das Vorhaben nicht entscheidend voran?

Es gibt große Befürworter in der Politik und der Wirtschaft. Das Bundesjustizministerium prüft unser Anliegen. Es gibt aber auch Verbände, welche die Idee kritisch sehen. Es ist eine einfache Veränderung des Gesellschaftsrechts, aber eine weitreichende Ergänzung. Die bekannten Gesellschaftsformen wie die GmbH, die KG oder AG sind schon mehr als hundert Jahre alt. Da muss man auch ein bisschen Geduld haben.

Sie hatten es angedeutet, der Verband der Familienunternehmen fürchtet eine schleichende Enteignung …

Die Kritik verstehe ich nicht. Wir wollen Verantwortungseigentum ja nicht verpflichtend vorgeben. Wir schlagen nur vor, dass es für Firmen rechtlich eine weitere Option gibt um damit den Gestaltungsraum von Unternehmen zu erweitern. Zum Schluss wird der Markt zeigen: Braucht es eine neue Rechtsform oder nicht? Meine Prognose ist: Am Ende wird es Zehntausende Firmen geben, die den neuen Weg gehen.

Andere warnen, das neue Modell diene dazu, hohe Erbschaftssteuern zu umgehen?

Dieses Modell wird kein Steuersparmodell sein. Bei Gewinnen werden Firmen mit der neuen Rechtsform ganz normal besteuert wie jede andere GmbH auch. Aber wenn das Unternehmen auf die nächste Generation übergeht, wird im Kern ja kein Vermögen weitergereicht, weil das einfach nicht entnommen werden kann. Die neue Firmenleitung ist nur Treuhänder des Unternehmenseigentums, sie hat keinen Zugriff auf das Vermögen. Wo kein Vermögen weitergereicht wird, kann auch kein Vermögen mit einer Erbschaftssteuer belegt werden. Bei Genossenschaften ist das ähnlich. Deswegen fordern wir ja auch keine Änderung des Steuerrechts, sondern wollen es genau so lassen wie es ist. Neu ist eine neue Rechtsform.

„Die Mitarbeiter wissen, dass sie nicht für einen bloßen Shareholder-Value arbeiten, sondern am Erhalt des Unternehmens.“

Armin Steuernagel

Sie haben das Genossenschaftsrecht angesprochen, es ermöglicht seit den Zeiten von Friedrich Wilhelm Raiffeisen und Hermann Schulze-Delitzsch Teilhabe für alle. Was spricht gegen eine solch eingeübte Gesellschaftsform?

Es spricht nichts gegen die Genossenschaft. Das ist eine tolle Rechtsform, die Vermögensbindung ist aber auch nicht festgeschrieben. Und jeder Anteilseigner hat eben nur eine Stimme. Es gibt aber Unternehmer, die ein bisschen was anderes wollen. Gerade bei jungen Unternehmen kann es sinnvoll sein, dass es unterschiedliche Stimmgewichte gibt. Das entschlackt Strukturen und vereinfacht Entscheidungen.

Wir leben in turbulenten Zeiten. Viele fürchten in der Pandemie um ihre Existenz. Sind auf Verantwortungseigentum gegründete Unternehmen krisenresistenter?

Ja, aus zwei Gründen. Weil das Vermögen im Unternehmen verbleibt, verfügen die Firmen über eine höhere Eigenkapitalquote, das verschafft ihnen in schwierigen Zeiten einen längeren Atem. Zweitens ist die Identifikation der Beschäftigten mit dem Unternehmen sehr hoch. Wir haben das jetzt in Corona-Zeiten in Firmen erlebt, die heute schon versuchen Verantwortungseigentum umzusetzen. Da sind einzelne Mitarbeiter gekommen und haben gesagt: ,Ich kann weniger arbeiten, wenn Ihr dadurch einen anderen Job im Betrieb rettet‘. Die Mitarbeiter wissen, dass sie nicht für einen bloßen Shareholder-Value arbeiten, sondern am Erhalt des Unternehmens.

Im Kern bleibt aber der Widerspruch einer politischen Ökonomie von Kapital und Arbeit. Glitzert der Kapitalismus in Ihrem Modell nur mehr oder ist er auch gerechter?

Die Frage der Besteuerung von Kapital und Arbeit bleibt. Aber unser Modell ist grundlegend anders. Eigentümer erhalten nur dann Geld aus der Firma, wenn sie auch eine entsprechende Leistung erbringen. Da sind sie jedem Beschäftigten im Betrieb gleichgestellt. Aber wir stellen nicht die Systemfrage. Ich bin dafür, dass es eine möglichst große Vielfalt an Rechtsformen gibt und wir den Rest dem Markt überlassen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare