Sozialunternehmerin Zarah Bruhn vermittelt mit Social Bee Flüchtlinge in Arbeit
+
Eine Bekanntheit in der Gründerszene: Zarah Bruhn

Speakers Corner

Ich bin Sozialunternehmerin – und das ist eine Geschichte der Selbstausbeutung

Darf man Gutes tun und damit Geld verdienen? Nein, sagen viele Menschen. Doch damit verpasst die Gesellschaft große Chancen. Ein Plädoyer gegen das Schwarz-Weiß-Denken und für eine neue Wirtschaft.

Von Zarah Bruhn

Wie viele erfolgreiche Chefs von Unternehmen mit mehr als 100 Beschäftigten kennen Sie, die in einer WG wohnen, um Geld für die Rente zu sparen? Ich musste vor wenigen Wochen unerwartet von einer WG in eine andere umziehen, und, um ehrlich zu sein, ich hatte keine Ahnung, wie ich Kaution und Möbel bezahlen soll.

Während ich also meine Kisten packte, begann ich darüber nachzudenken, wie ich in diese Lage geraten bin: Ich bin Sozialunternehmerin. Meine Firma Social Bee vermittelt Flüchtlinge in Arbeit. Ich habe sie gegründet und führe sie seit vier Jahren erfolgreich. In all dieser Zeit sollte nie das Geld die Motivation für meine Arbeit sein, sondern meine Leidenschaft. Aber, seien wir ehrlich, Leidenschaft wird meine Rente nicht bezahlen.

Eine Sozialunternehmerin zu sein, bedeutet auch, dass ich mich nicht mit unbefriedigenden Situationen abfinde, sondern versuche, die Dinge besser zu machen. Nun, da das gesagt ist: Ich finde, wir reden nicht genug darüber, was im sozialen Bereich schiefläuft. Wir wollen etwas zum Positiven verändern, aber wir sprechen nicht über die Selbstausbeutung, die dafür notwendig ist. Wir sprechen über Systemveränderung, aber nicht darüber, wie sie finanziert wird. Deshalb will ich über einige unbequeme Wahrheiten sprechen.

Um Spenden zu bitten, fühlt sich wie betteln an

Sozialunternehmen sind der Definition des Social Entrepreneurship Netzwerks Deutschland zufolge eine Mischung aus klassischen Start-ups und Non-Profit-Organisationen. Darauf sind staatliche Fördertöpfe nicht ausgerichtet. Die sind entweder für das eine oder das andere vorgesehen. Folglich gibt es für uns nicht viele Finanzierungsquellen: Wir schätzen uns glücklich, dass uns Stiftungen unterstützen. Unser Ziel ist aber, dass wir uns eines Tages finanziell selbst tragen können. Vor Corona waren wir nah an diesem Ziel dran. Die Krise hat zu schweren Einnahmeausfällen und einem großen Finanzierungsloch geführt. Damit sind wir nicht alleine. Einer Umfrage zufolge erwartet die Hälfte der Sozialunternehmer, die geantwortet haben, die Insolvenz binnen sechs Monaten.

Warum ist das so? Die Geschäftsmodelle von Sozialunternehmern sind nicht darauf ausgerichtet, den Gewinn zu maximieren, sondern die Wirkung auf Gesellschaft und Umwelt. Wenn Gewinne erzielt werden, sind diese geringer als bei klassischen Unternehmen. Oft werden sogar Verluste gemacht. Außerdem ist es uns als Sozialunternehmer - per Definition - nicht möglich, Gewinne für Krisenzeiten anzusammeln. Ebenfalls keine Krisenhilfe sind staatliche Kredite, weil wir sie aufgrund unserer geringen Margen nicht zurückzahlen könnten.

Die besten Leute arbeiten nicht an den drängendsten Problemen

Darum müssen wir Krisen-Verluste, aber auch Investitionen und Wachstum mit Spenden finanzieren. Großspenden sind sehr rar, und um Spenden zu bitten, fühlt sich wie betteln an: Es passt nicht zu unserem Selbstbild als Unternehmer und Wertstifter. Das provoziert normalerweise meine kreative Energie, ungewöhnliche Lösungen zu finden. Aber um ehrlich zu sein: Es ist extrem frustrierend.

zur Person

Zarah Bruhn hat 2015 die gemeinnützige Firma Social Bee gegründet. Sie bringt Flüchtlinge mit Hilfe von Leiharbeit in Arbeit und hilft bei der Integration. Fast 90 Prozent aller Vermittelten werden von den Ausleihbetrieben übernommen.

WEITERLESEN: Flüchtlinge in Arbeit bringen - mit einem Twist: Die verrückte Gründungsgeschichte von Zarah Bruhn

Geld und Sozialarbeit stehen in einem schwierigen Verhältnis. Es herrscht die feste (und sehr schwarz-weiße) Meinung vor, dass Menschen, die im sozialen Sektor arbeiten, von ihrer Arbeit nicht profitieren sollen. Das hat dazu geführt, dass sehr talentierte und engagierte Leute stark unterbezahlt sind. Wenn man versucht, für soziale Arbeit mehr Geld zu verlangen, beginnen Freunde, Verwandte oder Fremde deine Integrität zu hinterfragen. „Es ist viel ehrlicher, richtig kapitalistisch zu sein, wenn Du selber davon profitieren willst“, heißt es dann.

Will man gutes Geld verdienen, wird die Integrität hinterfragt. Das muss aufhören!

Aber ist das wahr? Ist es besser, dass intelligente Menschen 40 bis 60 Stunden pro Woche in Unternehmen mit fragwürdiger Ethik investieren und ein bis zwei Stunden Freiwilligenarbeit leisten oder einen Teil ihres Geldes spenden? Stellen Sie sich vor, diese Menschen würden ihre gesamte Zeit und Energie in etwas investieren, das einen sozialen Unterschied macht - und gutes Geld verdienen, während sie das tun! Doch statt sich vorzustellen, wie dieser Ansatz die Welt verändern würde, sucht die Öffentlichkeit umgehend nach unlauteren Absichten. Das ist die Realität. Es passiert ständig. Und es muss aufhören!

Wie aber kann die Arbeit von Sozialunternehmen besser vergütet werden? Aus meiner Sicht gibt es zwei Optionen: Der Staat oder klassische Unternehmen bezahlen dafür.

Lassen Sie mich das ausführen: Sozialunternehmen arbeiten per Definition zugunsten einer besseren Gesellschaft, nicht zu ihren Lasten. Meine Firma Social Bee hat dem Staat mit der Vermittlung von Flüchtlingen in Arbeit in den vergangenen drei Jahren 5,2 Millionen Euro Sozialausgaben und Integrationskosten erspart. Nach Abzug unseres Verlustes von 1,3 Millionen Euro haben wir der deutschen Gesellschaft also einen Nutzen von 3,9 Millionen Euro gestiftet.

Wir sollten Geld nach einer neuen Formel investieren

Gleichzeitig haben wir die Leben von mehr als 250 Flüchtlingen verändert, indem wir sie in langfristige Beschäftigungsverhältnisse vermittelt und ihnen ein selbstbestimmtes Leben ermöglicht haben. Würde der Staat unsere Verluste von 1,3 Millionen Euro finanzieren, hätte er seinen Einsatz in drei Jahren also vervierfacht. Und das ist nur die halbe Rechnung, denn dadurch, dass wir Flüchtlinge in Arbeit bringen, tragen wir auch zu Steuereinnahmen, Integration, Wirtschaftswachstum und so weiter bei. Klingt gut, nicht? Leider funktionieren staatliche Förderungen so nicht.

Lesen Sie auch: Flüchtlinge in Arbeit bringen - mit einem Twist: Die verrückte Gründungsgeschichte von Zarah Bruhn

Ich träume von einer Welt, in der Organisationen, die Gesellschaft und Umwelt schaden, schwer an Geld kommen, während diejenigen, die Positives bewirken, es einfacher haben als heute. Das könnte zum Beispiel erreicht werden, indem Regierungen Investmentfonds einrichten, die ihr Geld nach einer neuen Formel anlegen: Umsatz - Betriebskosten +/- der messbaren positiven oder negativen Auswirkungen auf die Gesellschaft oder die Umwelt in Euro.

Damit wären viele Sozialunternehmen plötzlich ein sehr attraktives Investment - und viele klassische Unternehmen hätten keinen Zugang zur Förderung. Diese Gleichung würde eine neue Normalität schaffen, in Richtung einer Wirtschaft, die für die Gesellschaft und die Umwelt arbeitet und nicht dagegen. Ebenfalls denkbar wäre, dass Firmen mit messbar negativen Auswirkungen auf Gesellschaft und Umwelt gebüßt oder gezwungen werden, im gleichen Maßstab Organisationen mit positiver Wirkung zu unterstützen.

Um Sozialunternehmertum als einen wertvollen Teil unserer Wirtschaft zu etablieren, müssen wir die Finanzierung überdenken. Sozialunternehmer müssen endlich die Anerkennung erhalten, die sie verdienen. Denn unsere Wertschöpfung für die Gesellschaft ist eindeutig positiv.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare