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Simon Köhl aus München ist einer der Initiatoren der „Future Genossenschaft“.
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Simon Köhl hat die „Future Genossenschaft“ mitinitiiert.

Gemeinwohl

„Nachhaltige Unternehmen wollen wir sichtbarer und erfolgreicher machen“

  • Joachim Wille
    VonJoachim Wille
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Simon Köhl, Mitinitiator von „Future Genossenschaft“, spricht im Interview über unnötigen Konsum und eine App, die Alternativen aufzeigt.

Herr Köhl, Sie haben 2019 in München die „Future Genossenschaft“ gegründet, um Unternehmen zu unterstützen, die fair und nachhaltig wirtschaften. Wie genau funktioniert das?

Unser Ziel ist, die nachhaltige Transformation von Städten zu beschleunigen. Unternehmen haben da eine wichtige Rolle, weil ihre Arbeit konkrete Auswirkungen auf Mensch und Natur hat. Diese Auswirkungen sind direkt in der Stadt sichtbar. Etwa, weil überall Einwegbecher auf der Straße liegen. Aber unter Umständen auch am anderen Ende der Welt, zum Beispiel, weil die Treibhausgas-Emissionen eines Konzerns dazu beitragen, dass einem Landwirt in Bangladesch die Lebensgrundlagen zerstört werden. Es gibt jedoch bereits ganz viele Unternehmen, die konsequent andere Wege gehen. Diese Unternehmen wollen wir sichtbarer und erfolgreicher machen, etwa, indem wir sie in unserer „Future Map“ aufnehmen.

Was zeigt diese Future Map den Nutzer:innen an?

Auf dieser Karte zeigen wir für konkrete Bedarfe wie „Kleidung besorgen“, „Mittagessen gehen“, „Dinge reparieren“ oder „Lebensmittel kaufen“ nur die wirklich nachhaltigen Orte an. Unsere Map gibt es online, und sie kann als App installiert werden. Die erste Stadt auf der Karte ist München. Viele weitere Städte sollen noch dieses Jahr folgen. Wer die Future Map in ihre oder seine Stadt holen möchte, kann sich sehr gerne bei uns melden.

Wie definieren Sie, welches Unternehmen auf die Karte kommt? Was zeichnet sie aus?

Wir betrachten drei Bereiche: soziale Auswirkungen, ökologische Auswirkungen sowie, wem das Unternehmen gehört. Letzteres wird gerne als Faktor für die langfristige Ausrichtung des Unternehmens unterschätzt. Orte auf der Future Map müssen starke Positivkriterien in mindestens zwei der drei Bereiche aufweisen und dürfen in keinem der Bereiche negativ auffallen.

Zur Person

Simon Köhl (32) aus München ist einer der Initiatoren der „Future Genossenschaft“, die Städte weltweit in Sinne der Nachhaltigkeit verändern will.

Köhl hat bereits als Schüler in der bayerischen Hauptstadt die freie Lernplattform „serlo.org“ gegründet, die mehr Bildungsgerechtigkeit fördern will. 2019 wurde er dafür mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Eines Ihrer Ziele ist es, unnötigen Konsum zu vermeiden. Wie passt das zusammen mit der Werbung für Geschäfte, die natürlich ihren Umsatz steigern wollen?

Unnötigen Konsum zu vermeiden ist richtig. Allerdings geht es uns darum, nachhaltige Produktion, Qualität und lange Haltbarkeit der Dinge zu fördern, die man braucht; für wirklich nachhaltige Produkte darf der Umsatz gerne steigen. Oder der Umsatz wird verlagert von einem Neuprodukt zur Änderungsschneiderei oder Reparaturwerkstatt.

Bei Öko-Lebensmitteln ist der Durchbruch in den Mainstream gelungen, auch Supermärkte und Discounter bieten sie an. Allerdings erst nach drei Jahrzehnten. Wieso glauben Sie, dass es bei anderen Produkten und Dienstleistungen schneller gehen kann?

Diesmal muss es viel schneller gehen. Um einen verheerenden Klimawandel zu verhindern, müssen wir jetzt konsequente Veränderungen vorantreiben – und zwar in allen Lebensbereichen, in der Politik genauso wie in der Wirtschaft und privat. Unternehmen, die sich jetzt nicht zügig verändern, werden meiner Einschätzung nach zunehmend von Konsument:innen abgelehnt, von Investoren gemieden und von der Politik reguliert werden.

Sie haben als Ziel ausgegeben, ein Prozent der Münchner Bürgerinnen und Bürger als Genossenschaftsmitglieder zu gewinnen. Das sei die kritische Marke, um der Alternativ-Ökonomie zum Durchbruch zu verhelfen. Das wären 15 000 Mitglieder. Wo stehen Sie aktuell?

Noch total am Anfang. Aktuell sind wir 450 Mitglieder, die teilweise aktiv mitarbeiten oder uns teilweise passiv mit ihrem Mitgliedsbeitrag unterstützen. Aber jede Woche kommen neue hinzu. Langfristig wollen wir mit unseren Partnern wie der Internet-Suchmaschine Ecosia und der GLS Bank ein internationales Netzwerk aus Städten aufbauen, die sich gegenseitig bei ihrer nachhaltigen Transformation unterstützen

Ortstermin: Mitglieder der Future Genossenschaft besuchen in München in einem Wohnquartier nachhaltige Läden.

Sie haben wegen Corona die Expansion nach Berlin vorerst aufgegeben, die Vorbereitungen für die Standorte Hamburg und Nürnberg laufen aber weiter. Wann geht es da los?

Unsere Startpläne für Berlin fielen genau auf den ersten Lockdown. Das war Pech. In Nürnberg und Hamburg starten wir voraussichtlich im Juni. Wir wollen dieses Jahr noch viele weitere Städte hinzunehmen und freuen uns über Kontaktaufnahme von engagierten Leuten in anderen Städten – sehr gerne auch aus Frankfurt.

Warum ist ausgerechnet Berlin draußen?

Unser Gründungsteam in Berlin musste sich während der Pandemie leider einen anderen Job suchen. Das war bitter. Ab Herbst planen wir einen Neustart in der Hauptstadt.

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Wirft Corona alles zurück? Oder gibt es wenigstens auch positive Nebeneffekte?

Ich sehe keine positiven Nebeneffekte. Ohnehin möchte ich nicht so denken, dass die Erkrankung von Menschen positive Nebeneffekte hat. Im Gegenteil macht es mir große Sorgen, dass wir uns als Gesellschaft aktuell weiter verschulden, obwohl wir dieses Geld noch dringend brauchen werden, zum Beispiel für die Umstellung auf 100 Prozent regenerative Energie, für die Entnahme von CO2 aus der Atmosphäre und für den weltweiten Umbau praktisch aller Produktionen auf Kreislaufwirtschaft

Was schätzen Sie, wie viele der Öko-Unternehmen werden die Corona-Krise nicht überleben?

Diese Bilanz können wir wohl erst Ende des Jahres ziehen. Wir sehen viele Insolvenzen kleiner Läden, aber auch, dass nachhaltige Unternehmen besondere Solidarität aus der Kundschaft erfahren und Teil starker Gemeinschaften sind. Der Aufbau dieser Communities ist auch eine wichtige Rolle, die wir in den „Future-Städten“ übernehmen wollen.

Interview: Joachim Wille

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