Hätte nicht gedacht, so schnell, so erfolgreich zu sein: David Nothacker.
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Hätte nicht gedacht, so schnell, so erfolgreich zu sein: David Nothacker.

Logistikbranche

Der Spediteur ohne Lastwagen

  • Martin Brust
    VonMartin Brust
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Gründer David Nothacker spricht über drohende Lieferengpässe, die Vorteile der Digitalisierung und das Transportgeschäft der Zukunft.

Eine Bewertung von einer Milliarde Euro, das können nicht viele deutsche Start-ups vorweisen. Die digitale Spedition Sennder gehört dazu. Das Unternehmen steuert nach eigenen Angaben mehr als 10.000 Lastwagen in Europa. Im Interview erzählt Gründer David Nothacker, wie sich eine Milliarden-Bewertung anfühlt, was das Unternehmen so erfolgreich macht und welche Pläne er noch hat.

Herr Nothacker, haben Sie früher viel mit Modelleisenbahnen oder Lastwagen gespielt?

Jedes Kind liebt Lkw und spielt gerne damit. Zum Beispiel die Tochter meines Bruders findet Lkw ganz spannend. Ich kann mich aus meiner eigenen Kindheit daran allerdings nicht erinnern. Mein Weg zu Sennder war eher Zufall.

Wie kam das?

Ich hatte während meines MBA an der Uni ein Projekt mit dem Gründer von Blabla-Car gemacht, daraus entstand die Idee für ein Unternehmen. Dafür bin ich nach Berlin gezogen und habe Mitgründer gesucht. Dann hat es ein Jahr gedauert, bis wir realisiert haben, dass die ursprüngliche Idee nicht funktionierte. Wir wollten in Kooperation mit Flix-Bus Pakete überregional am selben Tag zustellen. Unsere E-Commerce-Kunden haben das nicht angenommen, aber aus den Gesprächen mit diesen entstand das heutige Unternehmen.

Das klingt tatsächlich sehr nach Zufall.

Wir wurden gefragt, ob wir kleine Lastwagen, 3,5-Tonner, beschaffen können. Die Kunden wollten damit überregional schneller in die Städte kommen. Die großen Speditionen hatten das nicht im Portfolio. Wir hatten wenig Ahnung und keine Alternativen und haben gesagt: „Natürlich“. Das haben wir ein Jahr lang gemacht und erst 2018 verstanden, dass wir dieses Modell auch mit großen Wagen umsetzen können. Wir haben begonnen, mit Kapazitäten von 40-Tonnern zu handeln und uns zur digitalen Spedition weiterentwickelt.

Auf Fotos posieren Sie vor Lastwagen – wie viele besitzt Sennder?

Keinen einzigen, das ist nicht Teil unseres Geschäftsmodells. Wir arbeiten mit einem Modell wie Flix-Bus, die haben auch keine eigenen Busse.

Wie transportiert eine digitale Spedition Waren – wohl nicht per Glasfaserkabel?

Wir arbeiten mit Partnerspeditionen, die meist fünf bis 50 Lastwagen haben, aber keinen direkten Zugang zu Großkunden wie Siemens, Scania oder Poste Italiane. Da sind nahezu immer zwei bis drei Mittelsmänner dazwischen. Mit Sennder als digitaler Spedition kommen diese kleinen Unternehmen über einen einzigen Mittelsmann an Großkunden. Sie bekommen so regelmäßige Aufträge, eine höhere Auslastung, gepaart mit besserer und schnellerer Bezahlung. Wir bezahlen unsere Partner innerhalb von drei Tagen statt des 45 bis 90 Tage Zahlungsziels in der Industrie.

Sie strecken den Versenderinnen und Versendern Geld vor? Wie finanzieren Sie das?

Wir treten die Forderungen an starke Finanzdienstleister, Banken und Factoring-Unternehmen ab und bekommen so relativ schnell die Liquidität, um unsere Partner bezahlen zu können. Das Thema schnelle Zahlung ist so erfolgreich, dass wir auch Partnerspeditionen jetzt die Möglichkeit bieten, Rechnungen an Dritte über unsere Plattform zu senden und ihr Geld ebenfalls binnen drei Tagen zu bekommen. Das hilft diesen beim Cashflow und ermöglicht uns besseren Zugang zu den Kapazitäten unserer Partner. Über 280 000 Lkw-Fahrer fehlen in Europa, es ist nur eine Frage der Zeit, bis es zu Lieferengpässen kommt. Vielleicht gibt es in fünf, sechs Jahren keine Pasta aus Italien mehr im Supermarkt, weil Lkw-Fahrer fehlen. Deshalb fokussieren wir uns sehr stark auf die kleinen Partner und deren Kapazitäten. Die Nachfrage für ihre Kapazitäten ist so groß. Vor zehn Jahren war das noch ganz anders. Damals gab es zu viele Lkw auf dem Markt.

Zur Person

David Nothacker ist Gründer und Chef der digitalen Spedition Sennder. Er hat Master-Abschlüsse im Fach Wirtschaft an der London School of Economics und ESADE in Spanien sowie 2015 an der INSEAD in Frankreich erworben. Anschließend hat er fast fünf Jahre als Berater bei Roland Berger gearbeitet und war Mit-Gründer des schweizerischen Lieferservice Smiling Box. Sennder hat Nothacker im Jahr 2015 in Berlin gegründet.

Sennder sieht sich selbst als führende digitale Spedition in Europa. Nach eigenen Angaben verwaltet das Unternehmen mehr als 10 000 Lastwagen auf dem gesamten Kontinent. Neben dem Frachtgeschäft ist Sennder auch als Software-Anbieter aktiv. Die aktuell mehr als 800 Beschäftigten sollen bis 2025 den Umsatz auf zwei Milliarden Euro bringen. ust

Sennder ist eine Plattform, die Kontakt herstellt zwischen Ver-sender:innen und denen, die die Ware transportieren. Was kann Sennder, was andere Plattformen oder große Speditionen nicht können?

Wir sind eine digitale Plattform, ja, aber wir sind auch Vertragspartner für beide Seiten, kein reiner Vermittler. Unser Geschäftsmodell ist eher mit einer klassischen Spedition wie DB Schenker vergleichbar als mit einem Marktplatz wie Ebay. Wir machen eigentlich genau das gleiche wie Speditionen, nur digitaler und schneller. Wir hatten das große Glück, quasi mit einen weißen Blatt Papier anzufangen und können heute digitale Technologien komplett einsetzen. Diesen Vorteil haben große Speditionen nicht.

Wie wird die neuen Technologie angenommen?

Viele Player im Markt haben Angst vor der Digitalisierung. Das Durchschnittsalter der deutschen Fahrer ist 48, ein Drittel von ihnen geht in den nächsten zehn Jahren in Rente. Deshalb hat sich unser erster Ansatz, die Fahrer mit einer App zu versorgen und darüber zu steuern, als problematisch erwiesen. Aber über die Disponenten in den Büros der kleinen Speditionen können wir die richtigen Anreize setzen, um unsere Software zu nutzen. Wir zahlen schnell, bieten Fahrern mal einen Gutschein oder ähnliches, wenn sie unsere Technologie nutzen. Die großen Mitstreiter im Markt versuchen ähnliche Sachen wie wir, oft aber regional begrenzt.

Seit der letzten Finanzierungsrunde im Februar wird Sennder mit einer Milliarde Euro bewertet. Wie verhandelt man eigentlich mit Kapitalgeberinnen und -gebern?

Der Trick ist: Man braucht mehr als einen Interessenten, dann ändert sich die komplette Dynamik. Bei uns haben die Bestandsinvestoren, auch die, die eigentlich auf Frühphasen-Investments spezialisiert sind, an der Finanzierungsrunde teilgenommen, das hat sehr geholfen. Außerdem konnten wir belegen, dass wir profitabler sein können, als wir zunächst dachten.

Wie fühlt sich das an, auf einmal mit einer Milliarde bewertet zu werden?

Das hat mich meine Freundin auch gefragt, als wir vom Notar nach Hause gekommen sind. Ganz ehrlich: Es fühlt sich an wie zuvor. Denn es ist ja ein Prozess über dreieinhalb Monate gewesen und man freut sich schon bei jedem Zwischenschritt. Zudem brauche ich Zeit, um zu verstehen, was das bedeutet. Die Erwartungshaltung ist natürlich jetzt auch entsprechend hoch. Am besten fragen Sie mich in zwei, drei Jahren nochmal, im Moment machen wir genauso weiter wie davor.

Wovon haben Sie vor fünf Jahren geträumt und was davon haben Sie noch nicht erreicht?

Damals habe ich meinen MBA begonnen und dachte eigentlich, dass ich zurück in die Beratung gehe. Aber ich wusste andererseits auch, dass ich eine Firma gründen möchte. Dann fing der Ball an zu rollen und wurde immer größer und größer. Ich habe schon bewusst gegründet, aber mir waren die Implikationen und das Ausmaß nicht vollständig klar. Dass man zum Beispiel viel Verantwortung übernimmt, wenn man Geld einsammelt von Freunden und Familie, Professoren und Kommilitonen. Etwas Kleines, das ich noch erreichen möchte, ist eine Kita für unsere Beschäftigten. Und ich würde gerne mehr Mitarbeiterbeteiligungen ermöglichen. Das ist hierzulande nicht sehr attraktiv, weil Firma und Beschäftigte das komplett versteuern müssen.

Wie schauen Sie auf die Menschen in den Lastwagen? Wird es künftig nur noch Auftraggebende geben, die über Sennder Einzel-Unternehmer:innen finden, die in ihren Kabinen leben und auf der Jagd nach Fracht durch Europa kurven?

Das ist ein Szenario, aber ich stelle mir ein anderes vor, in dem wir autonome Lkw einsetzen. Das wird binnen zehn Jahren kommen, nicht auf der kompletten Strecke, aber auf der Autobahn. Der traditionelle Fahrer fährt vom Versender bis zur Auffahrt und von der Abfahrt bis zum Bestimmungsort und schläft ganz normal wie alle Arbeitnehmer zu Hause. Das wird ein ganz anderes Geschäftsmodell. Hier bin ich wieder beim Fahrermangel. Wenn es keine Pasta mehr im Supermarkt gibt, wird die Politik verstehen, dass es um Stimmen geht und vielleicht separate Spuren für autonome Technologie auf Autobahnen einrichten und andere Investitionen in die Infrastruktur. Das kann binnen sieben bis zehn Jahren Realität werden und da haben wir die Möglichkeit, mit zu gestalten.

Interview: Martin Brust