Fahrradfahrer in Berlin
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Fahrradfahrer in Berlin: Noch müssen sie die Straßen mit den Autos teilen.

Speakers Corner

Ich lege mich mit der mächtigsten Industrie des Landes an...

… damit wir alle besser unterwegs sind. Denn deutsche Städte könnten so viel lebenswerter sein, wenn wir es nur zuließen.

Von Janna Aljets

Frühjahr 2048: Ich laufe durch die belebte Innenstadt Berlins und atme bewusst die frische und saubere Luft – tief ein und tief aus. Dann schließe ich kurz die Augen und lausche: Ich höre angeregte Gespräche, Kinderstimmen, eine Straßenmusikerin aus der Ferne und sogar das Rauschen der Baumwipfel. Als ich die Augen wieder öffne, sehe ich viele beschäftigte Menschen um mich herum, auf dem Fahrrad, zu Fuß oder mit Lastenrädern. Auch die ticketfreie Straßenbahn fährt alle paar Minuten vorbei. Alle haben zwischen den vielen Grünflächen und Begegnungsräumen Platz, um sich zu bewegen oder sich zu treffen. Vieles ist sowieso sehr nah; keine*r muss täglich sehr weite Wege auf sich nehmen.

Träumt von autofreien Städten: Verkehrs- und Umweltaktivistin Janna Aljets.

Nur eines sehe ich nicht: Autos. Sie sind aus der Stadt verschwunden und kaum eine*r vermisst sie noch oder erinnert sich gar an die raumgreifenden, lauten und gefährlichen Gefährte. Heute staunen Kinder darüber, dass wir den stinkenden und ineffizienten Autos einst ernsthaft so viel öffentlichen Gemeinschaftsplatz in der Stadt überließen und sie sogar gegenüber allen anderen Verkehrsteilnehmenden bevorzugten.

Parkplätze sind heute Grünflächen, Sitzgelegenheiten oder auch breite Fahrradwege. Autos? Sie stehen im „Museum der dreckigen Klimasünder des 20. Jahrhunderts“. Einige wenige besondere Gefährte kennen wir noch als elektrische Feuerwägen oder Transporter für körperlich eingeschränkte Menschen. Aber bewegen tun wir uns heute besser, schneller und freier. Ohne Autos.

Zurück in den Spätsommer 2020: Ist das eine naive Utopie für Berlin und andere Städte dieser Welt? Ich glaube nicht! Ich bin Teil einer Bewegung gegen das Auto, die sich in vielen Städten und Orten engagiert und die sich auf vielfache Weise für eine Verkehrs- und Mobilitätswende, für lebenswerte Städte und eine Zukunft ohne Klimakatastrophe einsetzt.

zur Person

Janna Aljets ist seit vielen Jahren in der Klimagerechtigkeitsbewegung aktiv. Sie kämpft gegen Braunkohle und Autos und setzt sich „für eine schönere und gerechtere Welt für alle“ ein. Zuletzt hat sie gemeinsam mit 1000 Aktivistinnen und Aktivisten die Internationale Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt besetzt und war Sprecherin von „Sand im Getriebe“. Als nächstes soll ihre Heimat Berlin autofrei werden. FR

Wir fordern bessere Radwege, sichere und breite Gehwege, einen gut ausgebauten und günstigen bis kostenfreien ÖPNV und lebendige Kieze mit kurzen Wegen. Wir wollen ein Verkehrssystem ganz ohne Tote und Verletzte, saubere Luft zum Atmen sowie ruhige Orte zum Treffen und Verweilen. Mobilität ist ein Grundrecht für alle und muss als Teil einer öffentlichen Daseinsvorsorge für arme Menschen und für solche, die körperlich eingeschränkt sind, genauso zur Verfügung stehen wie für alle anderen. Dabei muss sich das Verkehrssystem der Zukunft an den Schwachen und Benachteiligten in unserer Gesellschaft orientieren und nicht wie bisher an den dicksten und schmutzigsten Fahrzeugen. Wir brauchen Mobilität für Kinder, Eltern und Ältere, nicht aber noch mehr SUVS und Angeberkarren. Das erscheint als einzig sinnvoller Weg in eine gerechte Mobilität der Zukunft.

Die Bewegung gegen das Auto ist vielfältig: Wir organisieren uns in Bürgerinitiativen, in Bündnissen, mit Umweltorganisationen sowie in klandestinen Gruppen. Wir demonstrieren, schreiben Petitionen, besetzen Parkplätze und Straßen, überlegen uns bunte öffentliche Aktionen oder ketten uns auch mal an Bäume. Wir sind kreativ und überall, wir sind viele. Uns vereint der Kampf gegen das übermächtige Verkehrsmittel Auto, welches unsere Städte mit fester Hand regiert und den öffentlichen Raum zuparkt, die Luft verschmutzt und das Klima anheizt. Wir alle wissen, dass wir uns ohne Autos in der Stadt effizienter, sicherer und sauberer bewegen können und dass wir Alternativen brauchen, wenn wir die Klimakrise aufhalten wollen. Dafür kämpfen wir, von unten.

Dass das möglich ist und schon jetzt anders geht, zeigt sich überall. Die positiven Beispiele schießen, gerade in Corona-Zeiten, wie Pilze aus dem Boden: In Wien gibt es mit dem 365-Euro-Jahresticket einen kostengünstigen und guten Nahverkehr und neue sichere Radwege. Paris arbeitet an der 15-Minuten-Stadt mit vielen kurzen Wegen und diversen Stadtzentren. In Barcelona gibt es Superblocks, die keinen Durchgangsverkehr erlauben und damit viel Platz für Begegnung in der Nachbarschaft schaffen. Hamburg testet zurzeit die autofreie Innenstadt, indem viele Straßen autofreier werden. Brüssel hat im gesamten Innenstadtbereich Tempo-30-Zonen, in London kommt man nur noch mit teurer City-Maut mit dem Auto in die Stadt. In Berlin wurden praktisch über Nacht breite Pop-Up Fahrradwege eingerichtet und sonntags finden wir jetzt in vielen Kiezen autofreie Spielstraßen für die ganze Nachbarschaft.

Natürlich ist die autofreie Stadt der Zukunft nicht ohne Probleme zu haben. Denn wir legen uns schließlich mit der mächtigsten Industrie des Landes an. Und das müssen wir auch! Der Wandel kann nicht nur über lebenswerte Alternativen, sondern muss auch über aktiven Widerstand gegen Profiteure der Klimakrise erreicht werden. Wir sollten nicht vergessen, dass keine andere Industrie wirtschaftlich und politisch so mächtig ist wie die deutsche Autoindustrie.

Seit Jahrzehnten hat sie für autogerechte Städte und ein zubetoniertes Land gesorgt, in dem sich Menschen an vielen Orten fast nur noch mit Auto bewegen können. Die Bosse der Autoindustrie sind bestens vernetzt mit den politischen Entscheidungsträger*innen und das Verkehrsministerium macht seit Jahrzehnten in erster Linie Politik für das Auto. Das „System Auto“ bedeutet heute daher auch, dass wir mit politischer und wirtschaftlicher Macht vom Auto abhängig gemacht worden sind und viele Menschen sich eine Welt ohne Autos gar nicht mehr vorstellen können.

Doch damit muss angesichts verstopfter Städte, tausender Verkehrstoter und einer stark voranschreitenden Klimakrise Schluss sein. Dafür setzt sich die vielfältige und bunte Bewegung gegen das Auto ein. Im Jahr 2048 möchte ich dann die Ruhe und die frische Luft mitten in der Stadt genießen. Fahren Sie mit?