Jaroslav Rudiš ist ein „Eisenbahnmensch“ und weiß, auf welcher europäischen Strecke es im Speisewagen das beste Schnitzel gibt.
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Jaroslav Rudiš ist ein „Eisenbahnmensch“ und weiß, auf welcher europäischen Strecke es im Speisewagen das beste Schnitzel gibt.

Faszination Eisenbahn

„Ein Ort ohne Bahnanschluss ist ein trauriger Ort“

  • Peter Riesbeck
    VonPeter Riesbeck
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Spiegel-Bestsellerautor Jaroslav Rudiš über seine Leidenschaft fürs Zugreisen und warum der Zug die Zukunft Europas ist.

Jaroslav Rudiš stammt aus einer Eisenbahnerfamilie in Tschechien. Sein Großvater und sein Onkel waren bei der Bahn, er selbst wollte Lokomotivführer werden, schied aber als Brillenträger aus. „So musste ich aufs Gymnasium“, sagt Rudiš. Er studierte Geschichte, Germanistik und Journalismus – und natürlich blickte er von seinem ersten Studentenzimmer in Prag auf Gleisanlagen. Sein aktuelles Buch „Gebrauchsanweisung fürs Zugreisen“ eroberte die Spiegel-Bestsellerliste. Ein Interview über die Liebe zur Bahn, das Beruhigende an Zugfahrten und Rentier-Gulasch in finnischen Bahnhofslokalen.

Herr Rudiš, was fasziniert Sie so am Zugreisen?

Ich bin ein Eisenbahnmensch, wie ich das in meinem Roman „Winterbergs letzte Reise“ nenne. Für mich ist das Bahnreisen mehr als von Graz nach Wien oder von Berlin nach Prag zu fahren. Für mich ist Zugfahren eine Geschichtsreise durch Zeit- und Kulturlandschaften. Der Reisende taucht ein in eine eigene Welt und wird Teil eines stetig sich neu vernetzenden Kosmos. Mich hat die Eisenbahn immer fasziniert, nicht allein die Lokomotiven. Auch das System. Es ist wie eine riesige Maschine, aber eine sehr menschliche Maschine. Es sind die Menschen, die das Ganze in Bewegung halten.

Sie sind für Ihr jüngstes Buch quer durch Europa gefahren, durch Deutschland, Österreich, Tschechien, von Palermo auf Sizilien nach Rovaniemi im finnischen Lappland. Wie haben Sie Europa auf den Schienen wahrgenommen?

Weniger die Unterschiede als die vielen Dinge, die wir gemeinsam haben. Die Bahn bringt Menschen zusammen. Länder wie Tschechien, die Schweiz, Österreich oder Belgien haben ein unfassbar dichtes Eisenbahnnetz. Böhmen profitiert da bis heute von der Habsburgermonarchie. Das ist ein unfassbarer Schatz. Ich hoffe, dass das auch Deutschland erkennt und wieder mehr in die Bahn investiert. Der Zug ist nicht nur eine perfekte Alternative, sondern auch die Zukunft Europas.

Sie vergleichen den Bahnanschluss einer Gemeinde mit einer Internetverbindung als Tor zur Welt und haben diesem Gefühl von Abgehängtsein auch ein Theaterstück gewidmet: „Anschluss“…

Dass es in Deutschland größere Städte gibt ohne Bahnanbindung gibt, ist wirklich ein trauriges Spiel. Ein Ort ohne Bahnanschluss ist ein trauriger Ort. Moldava – Moldau – die Stadt in meinem Theaterstück gibt es wirklich. Ein entlegener Ort im Erzgebirge, hoch über Böhmen und Sachsen. Früher war das ein wichtiger Industriebahnhof, heute fahren die Züge nur noch auf der tschechischen Seite. In dem Theaterstück geht es um dieses Gefühl dieser fehlenden Anbindung an die Welt. Einer der Helden möchte sich wieder verlieben, einer sich einfach nur verabschieden aus der Welt, ein anderer wartet schlicht auf die Züge. Es ist aber unklar, ob die Bahn in zehn oder hundert Jahren kommt. Es geht um ein Gefühl des Verlorenseins in der Welt. Orte ohne Bahn erzeugen einfach Frustration.

Für Sie ist Zugfahren ein Glücksgefühl. Sie sind ein großer Freund von Bahnhöfen. Was fasziniert Sie an diesen Gebäuden?

Bahnhöfe sind Kathedralen der Moderne. Mich fasziniert das Historische. Deshalb mag ich vor allem alte Bahnhöfe. Bahnhöfe sind Ort der Ankunft und des Abschieds. Ort täglichen Schauspiels. Über Jahrzehnte. Unendliche Szenen der Trennung und des Wiedersehens. Ich sitze dort oft einfach nur, beobachte Menschen oder lasse die Geschichte Revue passieren. Deshalb mag ich Bahnhöfe, an denen sich die Geschichte anfassen lässt. Neue Bahnhöfe ähneln mehr Einkaufszentren, das spricht mich nicht so an. Das Geschichtliche ist dort komplett verloren gegangen. Insofern bin ich beides. Ein absoluter Bahnnostalgiker. Aber ich verstehe das auch: Wenn wir die Verkehrswende ernst nehmen, müssen wir die Bahn modernisieren.

Welche Bahnhöfe mögen Sie besonders?

Meine Lieblingsbahnhöfe liegen verstreut über den ganzen Kontinent. Der Prager Hauptbahnhof ist ein wunderbares Jugendstil-Gebäude. Die beiden Bahnhöfe in Budapest, Nyugati und Keleti, die auch in der jüngeren Zeit Geschichte geschrieben haben. Der Hauptbahnhof in Lwiw – Lemberg – einst der östlichste in der Habsburgermonarchie, heute in der Ukraine. Barcelona França, der französische Bahnhof in Budapest. Der Wiener Hauptbahnhof ist vielleicht nicht schön, aber man hat das Gefühl, dass alle Züge in Europa dort ankommen. Ich mag auch kleine Bahnhöfe, irgendwo in der Provinz in Italien. Taormina auf Sizilien. Aber wenn ich an Italien denke, brauche ich von Berlin aus nur mit der Regionalbahn 3 nach Herzberg (Elster) in Brandenburg fahren. Da lässt sich am Nachmittag fast wie in Italien in der Sonne sitzen. Statt aufs Meer lässt sich über die Gleise blicken aufs weite Feld. Wunderbar. Immer, wenn ich in Taormina bin muss ich an Herzberg denken und umgekehrt.

Zur Person

Jaroslav Rudiš, 1972 geboren, ist in Tschechien aufgewachsen. Er studierte zunächst in Liberec, Zürich und Prag Germanistik, Geschichte und Journalistik, bevor er durch ein Journalisten-Stipendium nach Berlin kam. In Berlin entstand sein Erstlingsroman „Der Himmel unter Berlin“. Heute lebt er in Berlin und Prag.

Für seinen Roman „Winterbergs letzte Reise“ wurde er für den Leipziger Buchpreis nominiert. Sein Theaterstück „Anschluss“ wird derzeit in Dresden aufgeführt. Bundespräsident Frank Walter Steinmeier nahm den Schriftsteller mit zu seinem Staatsbesuch in Tschechien. Von Berlin nach Prag ging’s mit dem Zug. Natürlich auch im Speisewagen.

Und gibt es unter all denen einen absoluten Liebling?

Mein Heimatbahnhof. Lomnice nad Popelkou in Tschechien, ein wunderbarer alter k. u. k. Bahnhof, mit sehr viel Nostalgie. Die Weichen werden da immer noch von Hand umgestellt. Da komme ich her. Dahin fahre ich, wenn ich meine Familie besuche. Wenn man morgens dort früh losfährt, kommt man am gleichen Tag noch bis Triest.

Ist Ihnen auf der Bahn kein Weg zu weit?

Ich liebe auch kurze Strecken. Von Wien nach Graz über den Semmering. Oder die Aspang-Bahn, die ursprünglich bis nach Saloniki führen sollte. Ich liebe es, in Wien auf diesem hochmodernen Hauptbahnhof anzukommen und dann stehen auf dem Gleis nebenan zwei Triebwagen aus anderen Zeiten. Mitten in Österreich hat man plötzlich ein Eisenbahngefühl wie vor hundert Jahren. Dieses Wandeln zwischen den Technik-Welten fasziniert mich. Das erzeugt eine gewisse Entschleunigung, die man in diesen Zeiten braucht.

Sie schätzen an Bahnhöfen auch die Gaststätten, was zieht Sie an?

Als Schriftsteller mag ich Orte, an denen sich Menschen treffen oder ins Gespräche kommen. Oft höre ich einfach nur zu. Da ergeben sich herrliche Dramen des Alltags. Mein Favorit in Österreich ist die Gaststätte „Fata Morgana“ am Bahnhof Amstetten gleich an Gleis 1. Ein großartiger Name und ein großartiger Ort. Nicht nur für Nachtgestalten. Deshalb sollte man unbedingt in Amstetten aussteigen.

Gebrauchsanweisung fürs Zugreisen. Piper 2021. 256 S., 15 Euro

Die Bahnhofskneipe als Ort der im Leben Gestrandeten. Und was empfehlen Sie zum Speisen?

Es gibt viele tolle Orte. In Amsterdam Centraal gibt es ein tolles Restaurant im alten Warteraum der ersten Klasse. Im Gare de Lyon in Paris hat es ein edles Bistro. Oder in Finnland, Rovaniemi. Das ist die einzige Bahnhofsgaststätte, in der Rentier-Gulasch serviert wird. Und ein Tipp für Prag-Reisende: Am Bahnhof Masaryk im Herzen der Stadt wurde in diesem Jahr ein ganz tolles Lokal eröffnet.

Gibt es unter den vielen Bahnhofslokalen einen echten Favoriten?

Da bin ich ein wenig sentimental. Mein Favorit ist ein Bahnhof in Tschechien, Jedlová. Mein Onkel war dort Fahrdienstleister. Ein kleiner Bahnhof mitten im Wald, wo drei Bahnstrecken zusammenkommen. Das Lokal ist riesig und nicht nur unter Eisenbahnern beliebt. Dort kommen wochenends auch viele Menschen aus Sachsen hin. Es werden viele Sprachen gesprochen. Ganz so wie im Zug. Die Bahn bringt Menschen zusammen.

Wer so von Bahnhofsgaststätten schwärmt, schätzt auch das Bordrestaurant …

Unbedingt. Man trifft dort immer interessante Menschen. Ich pendle zwischen Prag und Berlin und lebe eigentlich im Speisewagen der tschechischen Bahn. Fernzüge ohne Speisewagen wie der ICE 2 sind eine Katastrophe

Es gibt Reisende auf dem Weg von Hamburg nach Berlin, die eigens den tschechischen Zug wegen des Bordrestaurants nehmen.

Das kann ich absolut verstehen. Das Bordrestaurant auf dieser Strecke ist ein echter Botschafter Tschechiens. Ich empfehle den Lendenbraten, Svícková, die Knödel sind einfach klasse. Und dazu tschechisches Bier. In Österreich bevorzuge ich das Backhendl, in Deutschland Buletten mit Kartoffelsalat. Das beste Schnitzel in Europa gibt es übrigens im slowenischen Zug von Wien nach Ljubljana serviert von Herrn Popovic. Er und Herr Peterka im Zug von Hamburg nach Prag sind die beiden Kochlegenden auf den Schienen Mitteleuropas. Die kochen wirklich selbst, keine Mikrowelle. Allein wenn ich davon erzähle, bekomme ich Hunger.

Haben Sie Lieblingsstrecken in Europa?

Von Wien nach Graz über den Semmering, eine wunderbare Strecke mit so vielen Kurven, dass die Kaffeekannen Ballett tanzen. Dann die Rheinstrecke von Mainz nach Koblenz vorbei an der Loreley – gerne in einem Panoramawagen der Schweizer SBB. Dazu ein Risotto. Herrlich. Auch die Reise von Wien über Ljubljana nach Triest würde ich jeden empfehlen. Das ist eine Reise durch die europäische Geschichte.

Bei so viel Begeisterung erübrigt sich die Frage, ob Sie einen Führerschein haben?

Ich habe sogar ein Auto. Einen alten Saab 93. Wunderbar. Auch, wenn ich ihn selten nutze. Ich werde mir auch keinen neuen Wagen mehr anschaffen.

Interview: Peter Riesbeck