Dirk Ahlborn, Gründer von Hyperloop TT, in einer Kapsel.
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„Die großen Visionen sind so groß, dass sie schon wieder machbar sind.“ Dirk Ahlborn, Gründer von Hyperloop TT, in einer Kapsel.

Kalifornien

Der deutsche Elon Musk: Dirk Ahlborn baut den Hyperloop

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Mit 1200 Sachen in die nächste Stadt: Der gebürtige Berliner Dirk Ahlborn baut in Kalifornien am Hyperloop. Er sieht darin ein Verkehrsmittel, das alles verändern könnte.

  • Dirk Ahlborn arbeitet am Transportmittel der Zukunft – dem Hyperloop
  • Der Hyperloop hat eine lange Geschichte
  • Kritiker haben viele Einwände gegen den Hyperloop - Ahlborn nimmt's gelassen

Dirk Ahlborn mit Wladimir Putin. Dirk Ahlborn mit Tony Blair. Dirk Ahlborn mit Gerhard Schröder. Prominenter geht es kaum. Doch Dirk Ahlborn ist nicht auf der Jagd nach Fotos mit den Einflussreichen und Mächtigen. Sie sind eher ein Nebeneffekt seiner Arbeit. Denn Ahlborn ist der Mann hinter einem der aufregendsten Verkehrsprojekte unserer Zeit: dem Hyperloop, der Fantasie, eines Tages in einer Art Rohrpost für Menschen mit bis zu 1200 Kilometern pro Stunde von Stadt zu Stadt zu brausen. Ahlborn und seine Mitstreiter bei Hyperloop TT wollen diese Fantasie Realität werden lassen.

Was noch immer futuristisch wirkt, hat bereits eine lange Geschichte. Die Idee, dass man Dinge und Menschen durch fast luftleere Röhren schießen könnte, hatten nämlich schon andere. Der Erfinder George Medhurst stellt bereits 1799 ein Konzept vor, um Wagen mittels Druckluft durch Eisenrohre zu feuern. 1859 wird die London Pneumatic Despatch Company gegründet, die Tunnel durch London bohrt, in denen Transportwagen fahren.

Der Hyperloop hat eine lange Geschichte: Mit einem Vorgänger fuhr der Duke von Buckingham

Kupferstiche zeigen, dass sich schon damals Menschen in die Wägelchen trauen, auch der Duke von Buckingham soll das Experiment gewagt haben. Über die Jahrzehnte wird das Konzept verfeinert. 1904 erdenkt der Raketenbauer Robert Goddard am Worcester Polytechnic Institute in Massachusetts, USA, das Konzept einer Hochgeschwindigkeitsbahn, das den heutigen Vorstellungen vom Hyperloop schon sehr nahe kommt.

Seine Bahn soll eine Fahrt von New York City in das mehr als 300 Kilometer entfernte Boston in zwölf Minuten ermöglichen: Röhren, Unterdruck, Kapseln, Schwebetechnik, Geschwindigkeiten von mehr als 1000 Kilometern pro Stunde, das alles gibt es bei ihm schon. In den 1970er-Jahren sorgt dann in Europa das Konzept für eine Swissmetro für Aufregung, die die gesamte Schweiz zu einem einzigen Ballungsgebiet machen soll. Es scheitert, wie bis dahin alle Pläne, an den Kosten, doch die Idee lebt weiter.

Der visionäre Unternehmer Elon Musk belebt die Idee neu

Neuen Schub erhält sie 2013, als Elon Musk ein Konzeptpapier für einen Hyperloop veröffentlicht, das sich auf die historischen Vorbilder bezieht. Der Unternehmer hat bereits den Zahlungsdienst Paypal aufgebaut und mit seinem Raketenunternehmen SpaceX und dem Elektroautobauer Tesla für Furore gesorgt. Seine Reputation als visionärer Unternehmer verleiht dem Hyperloop kräftigen Schwung.

Präsentation des Shuttles von Hyperloop TT im Oktober 2018 in Spanien.

Dirk Ahlborn ist einer derjenigen, die sich nach der Veröffentlichung von Musks Papier an die Arbeit machen. Den Unternehmer hat es der Liebe wegen nach Kalifornien verschlagen. Er ist ständig auf der Suche nach neuen Projekten und Herausforderungen, seit er seine Banklehre in Berlin abgeschlossen hat. „Ich bin mit 20 aus Deutschland weg, weil ich der Meinung war, dass das nicht alles sein konnte“, erzählt er im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau. „Ich habe damals in einer Bank gearbeitet. Da hätte es dann nur noch geheißen: Tag ein, Tag aus zur Arbeit gehen, Urlaub, Freundin finden, Haus kaufen, heiraten, Kinder haben. Pension. Sterben. Diese Liste war mir zu kurz.“

Ahlborn beginnt dort, wo jeder amerikanische Traum beginnt: ganz unten

Er geht nach Italien und baut dort über 14 Jahre mehrere Firmen im Bereich der alternativen Energien auf. Als die Entscheidung zum Umzug in die Vereinigten Staaten fällt, trifft ihn die Finanzkrise. Er hat seine Firma seinen Partnern übergeben und will vom Verkauf des Firmengebäudes leben. So der Plan, doch der geht schief. „Ich dachte, ich gehe mit einer Million aus Italien weg, aber dann musste ich das Gebäude in der Krise verkaufen und konnte noch nicht einmal den Kredit der Bank zurückzahlen.“

In den USA beginnt Ahlborn dort, wo jeder amerikanische Traum beginnt: ganz unten. „Ich habe als Kellner gearbeitet, als Manager in einem Sushi-Restaurant, bei einem Startup.“ Von dort geht es zum Geldgeber des Startups, ans Girvan Institute of Technology, wo er Paul J. Coleman und Andrew Quintoro kennenlernt, mit denen er Jumpstarter gründet. Die Plattform ermöglicht Menschen, online Geld für ihre Projekte einzusammeln, und, wichtiger noch, auch über das Netz mit anderen zusammenzuarbeiten. Damit legt Ahlborn nichtsahnend die Basis für das Hyperloop-Projekt.

Als Elon Musk sein Konzept für den Hyperloop vorstellt, ohne sich selbst darum kümmern zu wollen, bittet Ahlborn ihn um Erlaubnis, zu übernehmen, und legt los. Er macht das Projekt auf Jumpstarter bekannt und baut innerhalb kürzester Zeit ein rund um den Globus verstreutes Team von Ingenieuren auf. Es sind Spezialisten, die echte Herausforderungen suchen, an denen sie in ihrer Freizeit tüfteln können. Bezahlt werden sie mit Firmenanteilen. Ahlborn selbst hat damals von der Materie wenig Ahnung. „Ich bin Unternehmer, und was mich reizt, sind Probleme“, sagt der Gründer. „Und das Transportwesen ist eines der größten Probleme, die wir haben.“

Ahlborn: Der Hyperloop kann Länder verändern

Sieben Jahre später hat das Unternehmen substanzielle Ergebnisse vorzuweisen. Es wurden Technologie, Software und Werkstoffe entwickelt, Kapseln und Teststrecken gebaut, Konzepte zur nahtlosen Integration des Hyperloops in die Verkehrsinfrastruktur geschrieben und Lösungen gefunden, um für die Passagiere das Fahrerlebnis bei hohen Geschwindigkeiten in geschlossenen Röhren möglichst angenehmen zu machen – bis hin zu Bildschirmen, die in der Kapsel Fenster und eine vorbeiziehende Landschaft simulieren.

Einer der bedeutendsten Meilensteine aber ist, dass der weltgrößte Rückversicherer Münchner Rück den Hyperloop für versicherungsfähig erklärt hat. Das hat dem Projekt, das von manchen noch immer als Spinnerei abgetan wird, einen Glaubwürdigkeitsschub gegeben. Den benötigt Ahlborn unbedingt, um Regierungen auf der ganzen Welt dafür zu gewinnen, die regulatorischen Voraussetzungen für den Hyperloop zu schaffen und als Investoren in das neue Verkehrskonzept zu investieren. Denn grundsätzlich sieht er sein Unternehmen als Entwickler, der seine Technologie gegen Lizenzgebühren den Interessenten zur Verfügung stellt, nicht als Erbauer und Betreiber von Hyperloops.

Das Potenzial des Hyperloops ist nach Ahlborns Einschätzung enorm. „Der Einfluss, den der Hyperloop haben kann auf ein Land, ist vergleichbar mit dem der Eisenbahn im 18. Jahrhundert. Man kann Vororte komplett anders mit Städten verbinden. Die Leute können in günstigen Gegenden leben und immer noch innerhalb von Minuten im Stadtzentrum sein. Wir können größere Zentren miteinander verknüpfen und so Angebot und Nachfrage besser zusammenbringen. Das heißt, Megacities entstehen. Gerade in Europa sind die Entfernungen ja sehr gering, da macht es schon viel Sinn.“

Kritiker haben viele Einwände gegen den Hyperloop - Ahlborn nimmt's gelassen

Um Ahlborns Ausführungen zu verstehen, muss man wissen, dass er den Hyperloop keineswegs nur als ein Hochgeschwindigkeitstransportmittel versteht, sondern als ein System, in dem Kapseln mal schnell, mal langsam fahren – und so sowohl die Rolle einer U-Bahn übernehmen als auch dem Flugzeug Konkurrenz machen. „Geschwindigkeit ist nicht unbedingt unser Blue Ocean“, sagt Ahlborn.

Die Kritiker der Hyperloop- Euphoriker sehen das naturgemäß deutlich anders. Sie bringen eine Vielzahl von Punkten vor, warum sie glauben, dass es das Mobilitätskonzept schwer haben wird. In Europa erkennen viele von ihnen schlichtweg keinen Nutzen dafür. An vielen Stellen gebe es schon Schnellzüge, die ihren Zweck erfüllten. Auch vermuten sie, dass sich die Bevölkerung gegen überirdische Röhrensysteme wehren würde. Unterirdische Röhren hingegen seien teuer zu bauen. Überhaupt die Kosten: Sie seien wohl weiterhin zu hoch, so die Kritiker.

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Auch in Bezug auf die technische Umsetzung bleiben Zweifel. Manche Physiker halten das Konzept für überhaupt nicht umsetzbar. Sie weisen zum Beispiel darauf hin, dass sich hunderte Kilometer lange Röhren mit den Temperaturveränderungen ausdehnten und zusammenzögen. Auch den Unterdruck über große Distanzen zu erzeugen und aufrechtzuerhalten, sei schwierig. Und dann sei da zum Beispiel auch noch das Risiko von Sabotage und daraus folgenden Unfällen. Andere Physiker halten zwar die technische Umsetzung für möglich, glauben aber, dass das nur mit sehr hohen Kosten geht.

Ahlborn widerspricht der Kritik in quasi jedem Punkt. Die Reise in den Kapseln sei sicherer als im Flugzeug, weil sie sich in einem geschützten Umfeld fortbewegten – keine Vögel, keine Traktoren, keine Wetterkapriolen könnten die Reise behindern; wie man das Ausdehnen und Zusammenziehen der Röhren in den Griff bekommen könne, habe man bei den Erdgas- und Ölpiplines gelernt; für die Röhrenwände sei ein Material entwickelt worden, das mit Sensoren durchsetzt sei, die ständig meldeten, ob alles so sei, wie es sein müsse; ein Röhrenbruch sei ausgesprochen unwahrscheinlich; und Betriebskosten seien wohl geringer als bei der Bahn.

Die Türen für Hyperloops öffnen sich: Pilotstudien in den Niederlanden für Strecke Amsterdam-Düsseldorf

Als Beobachter ist nicht abzuschätzen, wer am Ende Recht behalten wird: die Kritiker, die auf die Probleme hinweisen, oder die enthusiastischen Macher, die daran glauben, für jedes Problem eine Lösung zu finden. Solange die ersten Hyperloops nicht fahren, bleibt alles Theorie, bleibt alles der Spekulation überlassen.

Doch die Türen dafür, dass aus der Fantasie eines Tages Realität werden könnte, öffnen sich für Hyperloop TT und seine Konkurrenten wie das niederländische Startup Hardt oder Hyperloop One des exzentrischen Milliardärs Richard Branson. In den Niederlanden läuft eine Machbarkeitsstudie für einen Hyperloop, der Amsterdam mit Städten wie Den Haag, Paris und Brüssel verbinden soll. Eine Strecke könnte in 30 Minuten nach Düsseldorf gehen. Auch zwischen Abu Dhabi und Dubai könnte es einen Hyperloop geben. Ahlborn spricht von einer Reihe von Ländern, die Machbarkeitsstudien in Auftrag gegeben hätten.

Dirk Ahlborn erwartet Durchbruch des Hyperloops außerhalb Europas

Auch nehmen sich die Regulatoren zunehmend der neuen Technologie an. In den Vereinigten Staaten fallen die Hyperloops nun offiziell unter die Aufsicht der staatlichen Eisenbahnbehörde und können jetzt auch Fördermittel beantragen, wie Mitte Juli mitgeteilt wurde. In Europa kümmert sich die Europäische Union um Regulierungsfragen. Der TÜV Süd hat Sicherheitsleitlinien entwickelt.

Den Durchbruch für den Hyperloop erwartet Ahlborn aber eher außerhalb Europas. „Europa ist generell vermutlich nicht der richtige Platz. Für diese sehr großen Projekten, die stark von der Gunst einer Regierung abhängen, ist Demokratie möglicherweise nicht der beste Freund.“ Wahrscheinlicher sei, dass sich quasi allmächtige Herrscher für den Hyperloop begeisterten und seinen Bau in ihren jeweiligen Ländern durchsetzten.

Hyperloop: Finanziell eng war es für Ahlborn mehrfach

Die Verantwortung für das Tagesgeschäft von Hyperloop TT hat Dirk Ahlborn inzwischen abgegeben. Er ist nun Aufsichtsratschef. Auch ein Zeichen dafür, aus dem Gröbsten raus zu sein. Die Zeiten, in denen zwar schon im US-Wirtschaftsmagazin „Forbes“ über ihn berichtet wurde, er aber noch seine Kreditkartenlimits ausschöpfen musste, als Fahrer für Uber und Lyft arbeitete und seine Wohnung über Airbnb vermietete, sind vorbei. Und Ahlborn ist froh darüber. „Das war wirklich eine dunkle Zeit. Da möchte ich nicht wieder hin.“

Und dass er jetzt eine große Nummer ist? Tony Blair und Wladimir Putin trifft? Das sieht er eher bescheiden, auch wenn er ein Gespräch schon mal unterbricht, um zu erzählen, dass auf seinem Handy eine SMS von Tony Blair eingegangen sei. Er habe schnell gemerkt, dass es nicht um ihn als Person gehe, sondern um das Projekt. Und dass sich die Leute nur solange für einen interessierten, wie man Erfolg habe.

„Es ist genauso schwierig, etwas Nicht-Weltbewegendes zu machen wie etwas Weltbewegendes“

„Unternehmertum ist ein sehr dunkler Platz. Darum macht es so süchtig“, gibt der Vielfach-Gründer seine Erfahrung weiter. „Wenn du oben bist, ist es ein wirklich hohes Hoch. Wenn du unten bist, ist es ein wirklich tiefes Tief. An einem Tag bist du der King, am nächsten Tag glaubst du, dass es nie funktionieren wird.“ Natürlich habe er oft daran gedacht, aufzugeben, aber letztlich dann doch immer weitergemacht - und sei nun belohnt worden.

Dabei dämmerte Ahlborn eine Kernerkenntnis: „Ich habe erst spät realisiert, dass ich viele Jahre lang an den falschen Sachen gearbeitet habe. Denn dieselbe Energie, die ich damals aufgewendet habe, stecke ich nun in den Hyperloop. Es ist genauso schwierig, etwas Nicht-Weltbewegendes zu machen wie etwas Weltbewegendes. Von deiner Arbeit her, von deinem Einsatz her, und von dem, was es von dir verlangt. Die großen Visionen sind so groß, dass sie schon wieder machbar sind.“

Elon Musk ist zu Besuch in Deutschland. An zwei Orten wird der exzentrische Milliardär und inzwischen drittreichste Mann der Welt erwartet.