Das Start-up Carrypicker kämpft gegen verstopfte Autobahnen und halbleere Lkw.
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Das Start-up Carrypicker kämpft gegen verstopfte Autobahnen und halbleere Lkw.

Logistik und Verkehr

Tetris auf der Autobahn

  • Alicia Lindhoff
    vonAlicia Lindhoff
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Viele Lastwagen fahren mit halber Ladung. Ein Logistik-Start-up will das ändern: Carrypicker belädt Lkw mithilfe eines Algorithmus - und kämpft so gegen verstopfte Autobahnen und CO2

In endlosen Kolonnen schieben sie sich über die Autobahnen: Millionen Lkw sind täglich auf europäischen Straßen unterwegs. Aber müssen es wirklich so viele sein? Nein. Denn kaum ein Lkw fährt mit voller Ladung.

Im Durchschnitt ist jeder von ihnen nur zu 70 Prozent gefüllt. Unter den Planen ist also im wahrsten Sinne des Wortes noch ziemlich viel Luft nach oben. Luft, die Andreas Karanas füllen will. Der Hamburger hat das Logistik-Start-up Carrypicker gegründet und will mithilfe von künstlicher Intelligenz die Logistikbranche aufmischen.

Auf Grundlage von rund 300 Millionen historischen Transportdaten hat sein fast 30-köpfiges Team einen Algorithmus zusammengebaut, der künftig die Planung und Koordination von Transporten effizienter machen soll. Karanas ist überzeugt: Würde seine Software flächendeckend zum Einsatz kommen, könnte die Auslastung der Transporter auf zunächst 80 Prozent erhöht werden, später sogar noch mehr. Das würde nicht nur niedrigere Preise für die Kunden bedeuten, sondern vor allem: weniger Fahrten, weniger Benzin, weniger CO2.

Start-up Carrypicker will Lastwagen so voll wie möglich machen

Mehr als vier Megatonnen – also vier Millionen Tonnen – ließen sich pro Jahr schon bei einer um zehn Prozent verbesserten Auslastung der Lkw einsparen, rechnet Karanas vor. „Das wäre gigantisch.“ Zumindest das Bundesverkehrsministerium hat Carrypicker mit seinem Geschäftsmodell schon überzeugt: Das Haus von Andreas Scheuer unterstützt Karanas und sein Team seit einigen Monaten mit 2,4 Millionen Euro aus dem Mobilitätsfonds m Fund.

Doch woran hakt es in der Transportbranche überhaupt? Bislang werden Aufträge und Touren in aller Regel von den Disponenten der Transportunternehmen koordiniert – oft unter Zeitdruck und meist nur mithilfe von Telefon, Email und veralteter Software. Meist jonglieren die Planer dabei mit Teilladungen: Es kommt fast nie vor, dass eine Ladung einen Lkw komplett ausfüllt. Die Transportunternehmen müssen also Aufträge ganz unterschiedlicher Kunden kombinieren. Doch sie so zusammenzustückeln, dass die Transporter nicht nur so schnell und günstig, sondern auch so voll wie möglich von A nach B fahren, sei hochkomplex, betont Andreas Karanas.

Carrypicker: Software bringt Transportunternehmen zusammen

Unzählige Faktoren spielen in die optimale Planung einer Route hinein: Besonderheiten bei der Fracht, Stau, Preisschwankungen an verschiedenen Wochentagen, Ferienzeiten. Dafür müssten viel mehr Informationen gleichzeitig verarbeitet werden, als ein Mensch alleine schaffen könne. Andreas Karanas ist überzeugt: Will der Logistiksektor effizienter werden, muss er sich dem Einsatz von künstlicher Intelligenz öffnen. Die Carrypicker-Software bringt Händler und Transportunternehmen zusammen, bündelt die Teilladungen, plant Routen und kalkuliert automatisch die entsprechenden Preise.

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Sollte sich die Technologie durchsetzen, würde das unweigerlich den Verlust von Arbeitsplätzen bedeuten. Auf der anderen Seite garantiere Carrypicker auch die faire Bezahlung der Transportunternehmer und ihrer Mitarbeiter, wirbt Andreas Karanas. Die Software kalkuliere Mindestlöhne, vorgegebene Pausen oder notwendige Wartungen der Fahrzeuge bei der Preisberechnung mit ein. „Damit schließen wir aus, dass sich Unternehmen mit Dumpingpreisen gegenseitig unterbieten, wie es momentan oft passiert.“

Logistik-Branche ist globalisiert, aber konservativ

Jetzt müssen der ausgebildete Betriebswirtschaftler und sein Team nur noch die konservative Logistik-Branche von ihrer Idee der intelligenten Bündelung von Teilladungen überzeugen. Aus seiner Sicht die schwierigste Aufgabe.

Es ist paradox: Die Logistikbranche ist der Motor einer globalisierten Wirtschaft – trotzdem arbeitet kaum ein Wirtschaftszweig noch immer so analog wie sie. Die großen Player haben die Entwicklung lange verschlafen, den unzähligen kleinen Transportfirmen mit zum Teil nur einer Handvoll Beschäftigten fehlen Geld, Know-how – und angesichts des hektischen Tagesgeschäfts auch schlichtweg die Zeit, um erst langwierig neue Ansätze zu testen.

Start-up Freighthub ist der bekannteste Konkurrent

In diese potentiell lukrative Lücke stoßen derzeit viele Startups vor – das bekannteste in Deutschland ist wohl Freighthub. Doch sie sieht Karanas nicht als Konkurrenz, denn Carrypicker sei das einzige Unternehmen, das sich auf Teilladungen spezialisiert habe.

Auch in der Jury des Weconomy-Preises, den Carrypicker Mitte September gewonnen hat, war man sich einig, dass Karanas‘ Unternehmen Potenzial hat: „Der braucht jetzt die kritische Masse“, so die einhellige Meinung der Juroren.

Darauf hofft auch Andreas Karanas. Immerhin: Erste Großkunden habe man schon überzeugen können, sagt er. Wenn Carrypicker in Zukunft dafür sorgt, dass weniger Lkw auf den Autobahnen unterwegs sein müssen, könnte der Hamburger damit übrigens zuallererst bei seiner eigenen Tochter punkten: Die geht freitags immer für mehr Klimaschutz auf die Straße – bei Fridays for Future.