Mehr als zwei Millionen Hektar russischer Wald wurden durch Brände bereits zerstört.
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Mehr als zwei Millionen Hektar russischer Wald wurden durch Brände bereits zerstört.

Russian Climate Fund

Umweltschutz in Russland: Die Aufförsterin

  • Uta-Caecilia Nabert
    vonUta-Caecilia Nabert
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Um nach verheerenden Bränden die Wälder Russlands zu retten, hat Marianna Muntianu mit ihrem Team mehr als eine Million Bäume gepflanzt. Und sie ist noch lange nicht fertig

Immer wenn eine Gesellschaft Maske trägt, steht sie vor einem Wendepunkt, so scheint es. 2010 war es in Russland schon einmal so weit. „Die Menschen trugen sie tagelang, denn in vielen Städten machte schwerer Rauch das Atmen fast unmöglich“, erinnert sich Marianna Muntianu. Rauch, der von verheerenden Buschfeuern herüberwehte, die sich durch das Land fraßen. Danach waren 2,3 Millionen Hektar Wald vernichtet und Marianna am Boden zerstört. „Ich sah die Bilder im Fernsehen und wusste, dass wir etwas Wichtiges verloren hatten.“ Für die heute 31-Jährige und viele junge Menschen änderte sich damals alles. Sie warteten darauf, dass irgendjemand die verkohlten Flächen aufforsten würde – die Regierung vielleicht? Oder die zuständigen Forstämter? Als nichts passierte, gründeten sie die Umweltschutzorganisation ECA.

Marianna Muntianu war von der ersten Stunde an mit dabei. Seitdem hat sie gemeinsam mit anderen über eine Million Bäume gepflanzt, die Spendenplattform „Plant the Forest“ entwickelt sowie das gleichnamige Handyspiel. 2019 hat sie für ihren innovativen Ansatz zum Schutze der Umwelt den UN-Preis „Young Champions of the Earth“ erhalten.

Marianna Muntianu: Von der Managerin zur Umweltschützerin

Im Rollkragenpulli, mit glänzenden Goldkreolen, die Haare sorgsam um den Hals gelegt erzählt sie ihre Geschichte. So sehen also die Hippies von heute aus; Treehugger 2.0 sozusagen, die Umweltschützer:innen des Milleniums. Die studierte Ökonomin lächelt, wenn sie spricht, manchmal lacht sie, zum Beispiel als sie sagt: „Irgendetwas gezählt habe ich schon immer gerne, heute sind es eben Bäume.“

Dabei sei es ihr leichtgefallen, den Bürostuhl gegen die Arbeit in der Natur einzutauschen. Kindheitserinnerungen prägten sie, gerne denke sie an die Zeit zurück, da sie mit der Großmutter Beeren und Pilze im Wald sammelte. Sie habe es genossen, durch grüne Landschaften zu streifen.

„Managerin in einem Unternehmen zu sein war dagegen nie wirklich mein Ding. Zum einen saß ich den ganzen Tag bewegungslos am Schreibtisch, zum anderen ließ sich das, was ich da machte, nicht wirklich greifen. Die Ergebnisse meiner Arbeit einmal im Jahr in einem Bericht nachzulesen, reichte mir nicht.“

Russland: „Umweltschutz war hier ein Fremdwort“

Heute ist Marianna während der Pflanzsaison im Frühling und Herbst meist im Wald anzutreffen, wo sie den Rollkragen gegen eine Daunenweste eingetauscht hat. Gemeinsam mit freiwilligen Helfenden lebt die Frau mit den moldawischen Wurzeln ihre neu entdeckte Leidenschaft fürs Bäumepflanzen aus. „Ich liebe das Schöpferische und Sinnvolle an dieser Arbeit.“

Dank Spendengeldern kann die Wahlmoskauerin ihre Heimat hauptberuflich und in Vollzeit aufforsten. Landesweit arbeitet sie mit den Forstämtern zusammen, von denen sie die Setzlinge erhält und erfährt, welche Flächen bepflanzt werden dürfen. „Die russischen Wälder sind in Staatsbesitz“, erklärt sie. „Das heißt, die zuständigen Förster kümmern sich nach unserer Arbeit darum, dass es den Wäldern gut geht.“

Das größte Land der Erde wieder zu bewalden könnte man an sich schon als Herausforderung werten. Doch, sagt Marianna, die größte Schwierigkeit sei es gewesen, die Menschen zu überzeugen. „Umweltschutz war hier ein Fremdwort, Organisationen wie Greenpeace gab es bei uns nicht, die Menschen sagten: Ist doch alles gut, wir haben doch noch genug Wald.“ Ausgerechnet der finanzielle Teil des Unterfangens sollte dagegen einfach werden: Die russische Kosmetikmarke Faberlic hatte sich die Aufgabe gestellt, zehn Millionen Bäume im Rahmen des Programms „Mehr Sauerstoff“ (in Anlehnung an eine Produktlinie des Unternehmens, Anm. d. Red.) zu pflanzen. Diese Initiative wurde von der ECA-Bewegung umgesetzt.

Zur Person

Marianna Muntianu (31) wuchs in der russischen Stadt Kostroma auf. Nach ihrem BWL-Studium fing sie bei der frisch gegründeten Umweltschutzorganisation ECA an. Seit 2020 leitet sie den Russian Climate Fund (RusClimateFund). Das Team verspricht allen Spender:innen ein Zertifikat und einen Bericht, in dem die GPS-Koordinaten des werdenden Waldes stehen.

Die Setzlinge kamen bisher aus staatlichen Baumschulen. Langfristig möchte der Russian Climate Fund eigenes Material heranziehen, auch um sicher zu gehen, dass es nicht von Krankheiten befallen ist. Die Bäume sollen zudem verschenkt werden, an alle, die etwa im eigenen Garten oder in ihrem Ort einen Beitrag zum Klimaschutz leisten wollen. Gepflanzt wird den Regionen entsprechend, wenn möglich Mischwald – in wärmeren Regionen Laubbäume wie Eichen, Pappeln und Ahorn. In Sibirien kommen Nadelarten wie Fichte, Kiefer und Zeder in die Erde. Bei der Wahl legt das Team sein Augenmerk auf katastrophen-, schädlings- und krankheitsresistente Sorten.

Statistisch gesehen überleben auf einem Hektar Land im Verlaufe von 50 Jahren lediglich 600 der 4000 ausgepflanzten Bäume. Das ist ein natürlicher Prozess und hängt mit den Umwelteinflüssen zusammen. Unter anderem deswegen kritisieren manche Fachleute den Ansatz, zur CO2-Kompensation auf Aufforstung zu setzen.. Im Fall des Russian Climate Fund sollen die bepflanzten Gebiete in fünf bis zehn Jahren überprüft und nachbepflanzt werden.

Link zur Website des Projekts: www.rusclimatefund.ru

Marianna, Gründerin und Leiterin des ECA-Departments in ihrer Heimatregion Kostroma, 300 Kilometer nordöstlich von Moskau, hatte an diesem Projekt einen Anteil von 330.000 Bäumen. 2015 übernahm sie die Leitung des Projekts „Wald pflanzen“ von ECA Russia. „Ich kann sagen, dass unter meiner Führung von 2010 bis 2020 über eine Million Bäume in meiner Heimat gepflanzt worden sind.“

Ihre Öko-Karriere fing derweil an wie einer der Setzlinge, die sie seitdem in die Erde gebracht hat: im Verhältnis winzig, wenn man bedenkt, was für ein großes Gewächs daraus werden sollte. Zunächst schrieb sie vor allem E-Mails und telefonierte herum: „Wir kontaktierten alle Schulen in der Provinz Kostroma.“ Viele hätten kein Interesse gezeigt, doch eine Handvoll Schuldirektor:innen und Lehrkräfte wollten mitmachen. „Die meisten von ihnen unterrichteten im ländlichen Raum und waren froh, den regulären Lehrplan mit unserem Angebot bereichern können.“ Ein weiterer Vorteil: Die Schulen hatten große Schulhöfe – genügend Platz für die Klassen, um Hunderte von Setzlingen zu verbuddeln.

Marianna Muntianu hat ihre Liebe zum Wald zum Beruf gemacht. Die UN zählt sie zu den „Young Champions of the Earth“.

Umwelterziehung sei ihr von Anfang an wichtig gewesen, sagt die Russin – gerade auch vor dem Hintergrund des noch immer geringen Umweltbewusstseins im Land. Deswegen ließ sie ein Spiel für das Handy entwickeln, in dem Userinnen und User virtuell Bäume auf Ödland pflanzen können, die entstandenen Wälder vor Bränden und Schädlingen schützen müssen und erleben dürfen, wie die Tiere dorthin zurückkehren. Zugleich haben sie die Möglichkeit, Geld zu spenden, so dass auch in der Realität Wälder entstehen.

2020, genau zehn Jahre nach den Bränden, stand Marianna vor einem weiteren Wendepunkt in ihrem Leben: Sie verließ ECA und gründete die Umweltschutzorganisation Russian Climate Fund, um einen offeneren Ansatz zur Wiederherstellung der Wälder zu verfolgen, an dessen Spitze der Kampf gegen den Klimawandel steht. Die Entscheidung hierfür sei von ihrer Reise zum Hauptquartier der Vereinten Nationen in New York und der Teilnahme am dortigen Klimagipfel beeinflusst gewesen. „Mir wurde klar, dass ich mich ganzheitlich für den Klimaschutz einsetzen will.“

Deswegen strahlt ihr Fund heute monatlich Podcasts aus, in denen es um um den Klimaschutz geht. Unter anderem kamen hier Arshak Makichyan, der russische Organisator der „Fridays for Future“ zu Wort sowie Erik Albrecht, Autor des Buchs „Generation Greta“. „Für die kommenden Monate planen wir einen Podcast über Firmenengagement im Umweltschutz, unter anderem über den Unterwäschehersteller DIM, der eine Weile für jedes verkaufte Produkt 100 Rubel an uns spendete.“

Und so bleibt das Bäumepflanzen nach wie vor wichtiger Bestandteil von Marianna. Unter anderem, sagt sie, sei geplant, die Abraumhalden der großen Asbestminen im Land wieder zu bewalden. „Bisher wurden diese mit Sand bedeckt, da wächst rein gar nichts. Doch es gibt Studien, die besagen, dass man das ändern kann.“ Auch diese problematischen Orte könnten dann zu wertvollen Biotopen und CO2-Senkern werden.

Zukunft hat eine Stimme

PROJEKT: Die Frankfurter Rundschau gibt Kreativrebellinnen, Ideen-Vulkanen und Fortschrittmachern eine Stimme – mit „Zukunft hat eine Stimme“. Ideen können vorgestellt werden unter: www.fr.de/meinezukunft

WEITERLESEN: Laut der Studie „The global tree restauration potential“ von Wissenschaftler:innen der ETH Zürich wäre Russland durch seine große Fläche am besten dazu geeignet, den Klimawandel durch Aufforstung zu bekämpfen. Die Ergebnisse sind allerdings umstritten, generell wird das Thema unter Fachleuten heftig diskutiert. Einen Überblick gibt die ETH auf ihrer Website.

Sowohl der Russian Climate Fund als auch ECA erhalten ihre Gelder aus privaten Spenden und von Unternehmen. „Viele russische Unternehmen wollen sich immer öfter als nachhaltig und umweltbewusst positionieren.“ Auf der Website der Initiative können Konzerne aber auch Privatpersonen ihren CO2-Fußabdruck errechnen und dementsprechend spenden. Pro gepflanztem Baum fallen dabei drei Dollar an. Manchen Firmenteams reiche das aber nicht aus, sagt Marianna. Die kämen mit Spaten ausgerüstet selbst in den Wald und hälfen.

In der Vergangenheit brauchte die Bewegung ein Jahr, um eine halbe Million Bäume zu pflanzen. Diese Menge will sie in diesem Jahr alleine im Frühling ausbringen. Die Organsiation zählt inzwischen zwölf Mitglieder und arbeitet mit über 20 Regionalleitern zusammen. „Langfristig wollen wir in 50 verschiedenen Regionen pflanzen, wir eröffnen die Außenstellen sukzessive, in Abhängigkeit unserer finanziellen Mittel.“ Und, für das Anpacken ganz wichtig: mittlerweile stünden mehrere Tausend Ehrenamtliche beim Bäumepflanzen zur Verfügung. „Viele kamen nach dem ersten Mal immer wieder und brachten Familie, Freunde und Partner mit“, sagt Marianna. „Wir sehen, dass Klimaschutz in Russland keine Modeerscheinung ist, im Gegenteil, es werden immer mehr, die sich dafür interessieren. Mittlerweile haben wir in jeder Region einen harten Kern, auf den wir uns verlassen können.“

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Ihr Lieblingsbaum sei übrigens die Eiche, sagt Marianna ganz selbstverständlich und man merkt, dass ihr diese Frage schon öfter gestellt wurde. Was ihr an der Eiche so gut gefalle? Die sei groß und stark, werde sehr alt. „Was die uns wohl für Geschichten erzählen könnte.“

Wer weiß, vielleicht gelingt es der Wissenschaft eines Tages, mit Bäumen zu kommunizieren und dann können sie die Geschichte erzählen von einer Frau, die auszog, um in Russland bis 2050 eine Milliarde Bäume zu pflanzen. (Uta-Caecilia Nabert)